
Liebste Mama,
Gestern endlich erreichte ich den Orinoco. In einer Stadt an seinen weiten Ufern fand ich Unterschlupf für die Nacht. Als ich heut erwachte, sah ich mich mitten auf dem Fluss aber noch immer in der Stadt. Diese wunderlichen Menschen, die mich als Gast aufgenommen haben, leben in Dörfern – ganz aus Schilf sind sie gemacht! Ihre einzige Sorge gilt diesen wohnlichen Flössen und den Untiefen des Flusses, die sie – wann immer möglich – zu umschiffen suchen.
Schreckliches Heimweh plagt mich, das auch die liebliche Carmen in der lauen, unter uns dahinplätschernden Nacht nicht zu lindern vermochte.
Immer,
Dein Sohn

im letzten sommer (ist es tatsächlich schon fast ein jahr her?) näherte sich die isla volante nach der stürmischen umschiffung des kaps der guten hoffnung in den kalten wassern des humboldt-stroms nördlich von chile dem südamerikanischen kontinent so sehr, dass ich am strand robben und einige tierschützer ausmachen konnte. eine biologin – mercedes hiess sie, wie ich später erfahren sollte – winkte mir zu. es war ebbe und so lief ich die kurze strecke von der insel hinüber nach südamerika. aus mercedes und mir wurde nichts, wir unterhielten uns zwar sehr angeregt, lachten viel und verstanden uns ganz prächtig, aber ich verliebte mich nicht in sie sondern in den kontinent, den ich seither nun bereise. gelegentlich schreibe ich heim, mama ist auf isla volante geblieben und ich mache mir – wie jeder anständige sohn – sorgen um ihr wohlergehen. mütter lassen ihre söhne nur ungern ziehen.

heute haben wieder einmal alle flausen im kopf, bin völlig durcheinander, viele vergessene dinge schiessen mir durch den kopf. ich höre nur noch mono und zum mittagessen gibt es stockfisch.