kopfschuss

guido rohm illustration

weizman legt den kopf zur seite. das ohr berührt den kragen des pullovers. er hat etwas gehört. schritte. dann ein hilferuf. er bewegt die augen hin und her. lauscht angestrengt. nichts mehr zu hören.
seine frau schläft noch. er schaltet den fernseher ein. die morgennachrichten. er stellt den ton ab. bleibt davor stehen. sie zeigen waffen. viele waffen. weizman sieht aufmerksam hin. über waffen hat er sein leben lang geschrieben. billige kleine krimis. er hat überhaupt keine ahnung von waffen. er hat nicht einmal recherchiert. aus faulheit. er hatte kein interesse daran. die leute in seinen büchern wurden erschossen. peng! aus! tot! das war es.
wie wäre es mit einer geschichte über einen waffenhändler, denkt weizman.
er schüttelt den kopf.
nein!
nichts für ihn.
er sieht zur tür. war da nicht ein geräusch?
einbrecher, denkt weizman.
er geht langsam zur haustür. legt den kopf an das dunkle schwere holz. irgendetwas ist dort draußen. jemand. er kann ihn atmen hören.
unsinn, denkt weizman. das bist du selbst. da ist nichts.
er stellt sich seine eigene erschießung vor. ein paar vermummte dringen ein. halten ihm eine glock an die stirn und drücken einfach ab.
sterben ist nicht schwer, denkt er.
natürlich, widerspricht er sich. sie könnten dich langsam zu tode quälen.
weizman steht an der tür und denkt sich foltermethoden aus.
blöder morgen, denkt weizman schließlich.
draußen ist nichts mehr zu hören.
war wahrscheinlich nur die katze der nachbarin, denkt er und schlurft in sein arbeitszimmer. er ist jetzt in der richtigen stimmung für eine kleine gemeine geschichte über ein paar jungs, die einen alten schriftsteller überfallen und dann langsam zu tode foltern.
warum sollten sie das tun? sie müssen doch einen grund haben.
nein, denkt weizman, heute brauchen sie keine gründe mehr. sie tun es einfach so. einfach, weil sie es wollen. weil sie …
er beginnt zu tippen. die hauptfigur nennt er finn. den autor nennt er weizman. das hat er schon oft getan. das ist ein alter witz von ihm.
nach den ersten sätzen hebt er den kopf. da sind schüsse zu hören. er springt auf.
der fernseher! das ist nur der fernseher. seine frau muss aufgestanden sein.
„bist du das?“, ruft er ins wohnzimmer rüber.
keine antwort. er sieht sich hektisch um. dann stürmt er zur tür des arbeitszimmers. mit einem lauten knall schlägt er sie zu. lehnt sich dagegen. schnauft.
was für ein morgen, denkt er und schließt die augen.

guido rohm

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Jetzt!, 6.13 Uhr

guido rohm

Das Rattern eines Zuges. Weizman sitzt auf einem Bett. Im Halbdunkel. Er lauscht auf das Tatacktatacktatack. Das holpernde Geräusch entfernt sich. Er ist wieder allein. Zieht an einer Zigarette. Denkt darüber nach, ob er überhaupt raucht.
Ich bin nicht hier, denkt Weizman. Ich hänge in einem Traum. Meinem Traum.
Blutrotes Neonlicht. Er würde gerne aufstehen, um den Vorhang vor das Fenster zu ziehen. Aber er weiß, ohne es probiert zu haben, dass es nicht viel bringen würde. Also bleibt er sitzen. Raucht. Die Beine sind angewinkelt. Er kaut zischen den einzelnen Zügen an seiner Unterlippe. Er könnte sich in den Arm zwicken. Wach werden. Aber was würde das bringen? Er wäre zurück. Er würde eine banale Situation gegen eine andere austauschen.
Vielleicht kann ich den Traum beeinflussen, denkt er. Ich könnte mir eine Frau aufs Zimmer bestellen. Mehrere Frauen.
Er grinst ins Zimmer hinein. Schließt dann die Augen. Wie sollte sie aussehen? Und schon wird wieder alles kompliziert. Schwarze Haare, denkt er. Dunkle Augen. Unergründliche Augen. Augen wie eine Öllache.
Er zuckt zusammen. Jemand hat an seiner Tür geklopft.
„Martin!“, schreit eine dunkle, rauchige Stimme.
Er kennt diese Stimme.
Nicht sie, denkt er. Ich träume. Sie kann hier nicht auftauchen. Ich bin noch immer in einem Traum.
Und wieder: „Martin!“
Vielleicht ist es bereits früher Morgen und sie rüttelt an ihm. Will ihn wecken. Er wird die Tür öffnen müssen. Ob er will oder nicht. Er sieht zum Fenster rüber. Er könnte fliehen. Tiefer in den Traum hinein fliehen.
Sie klopft schon wieder. Er wird eine Entscheidung treffen müssen. Er steht auf.
„Ich komme ja!“, ruft er, um sich Zeit zu verschaffen.
Er sieht sich um. Keine Jacke. Nichts. Rüber zum Fenster. Er öffnet das Fenster. Ein Geruch nach verbranntem Fett. Er könnte es schaffen. Vielleicht sogar mit einem Sprung. Er wird es tun.
Verdammt, ich werde es tun.
Er kichert.
Er wird in seinem verfluchten Traum verschwinden.
Jetzt!

guido rohm

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