einem neuen tag entgegen

ratur aquarell

wieder verschwand der kater und ließ ratur alleine zurück. der drehte sich auf dem sofa zur seite und schloss die augen. schwarz. was sonst? der ihn ausdachte, machte seine existenz am funktionieren seiner sinne fest und meinte, dass, würde er einst enden, alles enden würde in stille und dunkel. doch nicht einmal die, dämmerte ratur, würde es geben, müssten sie doch erst einmal gedacht sein, aus dem zu denkenden hervor gedacht.

die welt hatte sich, derweil ratur auf dem sofa gelegen hatte, weitergedreht. hatte sich nicht um ratur gedreht, dass der unverändert geblieben wäre, sondern hatte sich gedreht mit ratur auf ihr und in ihr eingeschlossen. die strahlen der aufgehenden sonne woben zunächst licht ins dunkel, dann farbe. allgemächlich fluteten licht und farben raturs zimmer, raturs welt, helligkeit sickerte durch seine geschlossenen lider. hob ihn aus dem nachtblauen sofa.

schweigend ging ratur in die küche, brühte einen kaffee auf. während er den kaffee schlürfte, die tasse in seiner rechten, betrachtete er seine linke hand. drehte und wendete sie. einerlei, ob er nun mensch war oder literarische gestalt, er bestand aus kleinsten teilchen, die sich zueinander und ineinander gefügt hatten, die er wahrnahm aus deren wechselspiel untereinander und dem mit seinen sinnen. aus impulsen, die entstanden aus seine nervenfasern entlangrasenden elektrischen entladungen, reflektierten photonen und deren einschlägen, deren rezeption. und unermesslich viel leerem zwischenraum. aus teilchen, von deren gehäufter aufenthaltswahrscheinlichkeit sich das manifestierte, was er körper nannte oder … die geschichte. seine geschichte. die, die ihn erzählte, und auch die geschichten, die aus ihm entstanden und aus der tatsache, dass sie in anderen welten als der seinen fortgeführt wurden.

wo, fragte sich ratur, wäre da platz für ein ich? ob das ich ein raum wäre, so wie eine geschichte ein raum ist, der erzählt sein will, zu ende erzählt, um sich zu erfüllen?

ratur schwieg. suchte seine siebensachen zusammen, zog die tür hinter sich ins schloss und ging die stiegen hinab zu seinem rad, das an der hauswand lehnte.

sequenz 43 von 48 der serie ratur lites

text:

sein oder nichtsein

ratur aquarell

noch immer lag ratur auf dem nachtblauen sofa aus plüsch, nur dass seine rechte nicht mehr in luftiger höhe, sondern in seiner hosentasche tastete, nach den schneckenhäuschen tastete, die er am nachmittag mitgenommen hatte vom strand. er zog sie hervor. die meisten hatte es auf dem weg vom meer in die stadt zerrieben. wie es verlassenen schneckenhäuschen, die man sich bewahrt, nun einmal so ergeht, waren sie auf der strecke geblieben. irgendwo unterwegs. das, was sie ausmachte, war unwiederbringlich zerstört, nicht so der stoff, aus dem sie bestanden hatten.

eines der schneckenhäuschen hatte den tag überstanden. ratur rollte es zwischen den fingern, betrachtete es, wog es in seiner handfläche und fuhr damit seine gesichtszüge entlang. er fragte sich, was, wäre er ein schneckenhaus, mit ihm geschähe, wenn seine geschichte erzählt und vergessen wäre. keine antwort. die stimme aus dem abseits war verstummt. kein kater, der es sich auf raturs bauch gemütlich machte und sich dort mit raturs atmen wiegte.

ein schneckenhaus sollte er sein? ein schneckenhäuschen, entstanden in einem schneckenhäuschen. viele und – keines. nicht aus aragonit bestehend, sondern aus geschichten von – und deren weiterdrehen in – anderen menschen. eine welt, die, scheinbar aus dem nichts entstanden und aus sich selbst verständlich, in eben solchem enden könnte, jedoch ohne sich darin zu verlieren. weil er, ungeachtet des einen, unwiederbringlichen untergangs, in vielen anderen welten existent bliebe.

ratur erinnerte sich an seinen tag am meer und daran, wie unendlich weit ihm dessen wogen erschienen war. welle an welle, tropfen an tropfen. daran, dass es über dem meer geregnet hatte. dass wolken feinster wassertröpfchen über seinen kopf hinweg landeinwärts gezogen waren und mit dem grundwasser unter seinen füßen den gezeiten folgten. an den horizont erinnerte ratur sich und wie dieser, je nachdem, aus welcher perspektive ratur nach ihm suchte, nah war und fern schien – doch zugleich unerreichbar blieb.

ratur spürte in sich hinein, seiner angst nach, sich zu verlieren. vergessen werden. wie sich das wohl anfühlen würde. zumal es sich auf nur eine zerbrechende welt bezöge und …

druck. schwer und schwerer lastete er auf seinem bauch, seiner brust. schnurrte. wie aus dem nichts materialisierte der rote kater und schaute ratur aus großen augen an:

wenn du gehst, ratur, wenn du endest, irgendwo, irgendwo unterwegs endest, ratur, in vergessenheit gerätst, ratur, dann gehst du zurück in das weiß, aus dem heraus du entstandest.

schön, dass du wieder da bist, kater. warst du in jenem weiß?

ich wurde daraus, doch kann ich im weiß nicht sein, weil ich nicht mehr bin, wenn ich ins weiß gehe. alles ist weiß, weiß ist alles. das ungedachte. das zu denkende.

so wie menschen?

die menschen meinen, dass sie, wenn sie enden, ins dunkel gehen. dass sie sich auflösen. sie nennen es tod. ihnen wird schwarz vor augen, ohne wiederkehr, und sie gehen ins schwarz. manche hoffen, in ein licht gehen zu können, weißes licht, also ins weiß. dabei zerfallen sie lediglich in ihre bestandteile.

sie zerfallen in ihre bestandteile? so wie wir?

nein, ratur, anders. du bestehst in ihnen, gehst in ihren geschichten, und endest, mit jeder welt, die ohne dich ist, im vergessen. doch solange menschen sich geschichten erzählen, sie niederschreiben, werden literarische gestalten wie du und ich auf – und aus dem weiß entstehen, schwarz auf weiß, in steter wiederkehr. doch zugleich unsterblich sein im erinnern vieler anderer. daher sind wir keines und viele, wenn du uns mit dem schneckenhäuschen vergleichst, das du in deiner hand hältst. wir kamen aus dem weiß und aus dem schwarzen auf dem weißen stehen wir auf.

und menschen?

menschen bestehen aus körper, geist und seele – und diese dreieinigkeit verliert sich, gerät aus dem zusammenhang, unwiederbringlich. der geist, an die existenz des körperlichen gebunden, verliert sich zuerst, und damit enden persönlichkeit und integrität. dann der körper, der verwest. die seele – man glaubt und hofft, dass es die gibt, sei unsterblich, heißt es. sie bleibt. sie ist das licht, ein göttlicher funke.

licht?

ja. das weiße im schwarzen, des menschen dunkel.

dann ist die seele so etwas wie das zu denkende?

eher so etwas wie das gedachte, ratur. ohne den menschen dann wieder das zu denkende im zu denkenden.

dann haben auch die menschen einen – ausdenker?

sie hoffen es, hoffen, nicht in vergessenheit zu geraten. hoffen auf wiederkehr, darauf, neu erzählt zu werden, auf eine neue geschichte mit ihnen darin. hoffen, weiterzuleben in ihrer seele.

und die geht ins licht, die seele?

wenn sie geht, wenn – geht sie ins weiß, ratur.

dann …

ja, ratur?

… ist die seele, wie wir, literarische gestalt?

ja, ratur. zumindest dann, wenn man von ihr erzählt als von etwas, um dessen tatsächliche existenz man nicht weiß, ergeht es ihr so wie uns literarischen gestalten.

sequenz 42 von 48 der serie ratur lites

text:

von schneckenhäusern

ratur aquarell

sagte auch der … ach ja, du weißt. doch menschen können nur an einem ort existieren und haben nur diese eine existenz, die sie mit niemand anderem teilen.

ratur, auch ein mensch kann in der vorstellung anderer präsent sein, kann wirklich sein, und zwar als abbild. eines, das diesem menschen ähnelt, ihn jedoch nicht ausmacht. doch zugleich ist es ein teil der wahrheit, die diesem menschen zuteil ist.

auch ich bin lediglich ein abbild. doch anders als du eines ohne materiell verkörperte entsprechung. das unterscheidet uns, mensch.

doch eint uns die angst, nicht der sein zu können, als den wir uns erleben.

ist diese angst dieselbe?

die gleiche, und ja, ratur, sie ist die gleiche, weil wir in frage gestellt erleben, was wir als selbstverständlich annahmen. wir menschen nahmen – und nehmen es an, von wem auch immer, und sei es aus den wirren der eigenen gedankengänge. der unterschied, was also macht, dass es nicht dieselbe angst ist, sondern nur eine gleiche, ist, dass dir als literarische gestalt nichts anderes übrig bleibt, als das als eigenes zu tragen und spiegeln, was man dir zuschreibt. dem menschen bleibt die wahl, es anzunehmen, sich zu eigen zu machen – oder auch nicht.

der mensch ängstigt sich, in frage gestellt zu erleben, was ihm selbstverständlich ist?

all unsere selbstverständlichkeit, unser sehnen nach übergeordneten, sich selbst zu universeller ordnung fügenden zusammenhängen, in denen wir es uns gemütlich einrichten, unser sehnen nach harmonie gleicht einem schneckenhaus. einem schneckenhaus, in das zurückgezogen wir leben und in dem wir uns mit uns und der welt einig wähnen. dabei bildet sich die welt um uns lediglich aus unserer vorstellung ab, ist, was unsere sinne uns zu erkennen lassen von dem, was ist und sein könnte. ist das schneckenhaus selbst. alle selbstverständlichkeit ist nicht mehr als ein schneckenhaus, ratur, die fibonacci-formel eingeschlossen, in all dessen drehen und winden auf eine kleine spitze zu, die es der welt hinhält wie du deinen ausgestreckten zeigefinger dem meinen. mit einem kleinen wesen darin, das sich ohne dieses häuschen und dessen drehen der eigenen existenz nicht sicher fühlt.

und in einem dieser schneckenhäuser gibt es mich?

in einem dieser schneckenhäuser, ratur, finden sich aus den teilen jener welt wörter und bilder zu einer idee, zu ideen, zu einer geschichte mit dir darin.

dann bin ich …

eigentlich nichts weiter als ein weiteres schneckenhaus in einem schneckenhäuschen. eines, dessen drehen und entstehen sich in ungezählten weiteren schneckenhäusern wiederfindet. mag sein, dass es sich sogar wieder findet, vielleicht aber auch zu anderen, ähnlichen schneckenhäuschen, immer wieder. eine, wenn es gut läuft, immer größere kreise ziehende spirale.

dann habe ich, ratur lite, im grunde genommen nichts zu fürchten.

ja.

selbst, wenn ich mich auflöse?

selbst dann. weil du entstehst aus menschen, ihren ideen.

und die menschen mit ihren ideen?

wir warten in jenem ängstlichen innehalten und furcht, uns aufzulösen, auf jemanden, der sich vor dem schneckenhaus niederlässt und singt, dass alles gut ist und seine ordnung hat. auch dann, wenn wir das schneckenhaus verlassen. und tun wir so, schleppen wir es mit uns …

kann der mensch ein derartiges schneckenhaus nicht abstreifen, verlassen?

legt er ein altes schneckenhaus, eine alte selbstverständlichkeit ab, trägt er bereits ein neues, ratur, das sich nach und nach verfestigt und seine eigenen kreise zieht. wieder auf eine kleine, einsame spitze zu, die einmal ihr anfang war.

wenn ich in den schneckenhäusern anderer menschen entstehe, neu, immer wieder, wenn ich mir selbst kein derartiges schneckenhaus erschaffen kann – bin ich dann frei von jeder selbstverständlichkeit?

in der tat hast du literarische gestalt es besser, ratur lite. mag sein, dass jemand aus dir ein schneckenhäuschen entstehen lässt, eine selbstverständlichkeit, in der er es sich einrichtet. doch ist es nicht diese eine selbstverständlichkeit, dieses eine schneckenhaus, das dich, ratur lite, ausmacht. du bist davon frei, denn du, ratur lite, du bist viele und – keines.

sequenz 41 von 48 der serie ratur lites

text:

der ausdenker

ratur aquarell

mit einem mal fand ratur sich wieder auf dem nachtblauen sofa sitzend vor, in seiner wohnung, den kater auf dem schoß, doch sprang der in weitem bogen hinab und auf die wand zu. und im selben augenblick, da raturs ausruf noch den raum erfüllte, sprang er hindurch und verschwand, ohne eine spur zu hinterlassen.

ratur tastete zunächst die wand ab, die seinen suchenden händen widerstand bot, dann sich selbst, fuhr die konturen seines körpers entlang. er existierte. hier und jetzt. doch irgendwo anders existierte er ebenfalls, das wusste er jetzt, und zwar nicht nur ein weiteres mal, sondern ungezählte male, als idee, geschichte. irgendwo malte ihn irgendwer und ließ ihn neu entstehen, parallel zu seiner derzeitigen existenz, die in auf dieses sofa, in diese stadt am meer stellte.

ermattet legte ratur sich auf sein nachtblaues sofa:

wer bin ich – hier, jetzt?

diese frage hing im raum. ratur lag auf dem rücken und schaute an die decke. erwartete, dass sich dort ein bild auftat. eines, in das er vom sofa aus hinauf – oder hinab sehen konnte. so wie jenes bild mit gerda darin sich aufgetan hatte. oder eines mit aufgewühlt wogender see darin sollte sich auftun, die ihn, ratur, aus den farben, mit denen er sich gemalt und festgehalten gesehen hatte, löste und mit sich fortnahm.

wer bin ich? hier, jetzt?

ratur lag auf dem rücken und, michelangelo hätte seine freude daran gehabt, hielt seine rechte, den zeigefinger wie tastend ausgestreckt richtung decke …

hier nimmst du einen anfang, jetzt. immer wieder neu. ratur lite bist du, und dich habe ich ausgedacht. gerade so, wie du da liegst und dich fragst, wer du bist …

nichts mehr, aber auch gar nichts konnte ratur lite aus der fassung bringen. hatte er doch einen kater sprechen, entstehen und verschwinden sehen und sich selbst transzendieren und materialisieren an ihm fremden orten.

du bist …?

dein ausdenker.

ein mensch?

ja.

warum?

warum was?

warum hast du mich ausgedacht?

du entstandest, ratur lite, aus einer wolke von ideen. bist eine der literarischen gestalten, die in meiner vorstellung aufgehen wie sonnen und um die ich geschichten kreisen lasse wie planeten.

das hat auch der kater …

ich weiß, ratur.

entschuldige, mensch. bin ich dein geschöpf?

in gewisser weise ja, und doch, da du, einmal erdacht, imaginiert und anderen evoziert, auch ohne mich entstehen kannst, werden und sein, auch wieder nicht.

auch der kater.

auch der.

der kater meinte, dass ich mich an dich zu wenden habe mit meiner angst.

mit deiner angst, dich aufzulösen in – nichts? du weiß nicht, wer du bist, wenn du nicht der sein kannst, als der du selbst dich erlebst, weil andere dich erleben und deine eigentliche existenz sich aus diesem immer-wieder-neu-entstehen anderer geister als dem meinem erklärt?

ja.

den menschen ergeht es nicht anders.

sequenz 40 von 48 der serie ratur lites

text:

ein schöpfer

ratur aquarell

warten. wieder hatte der mann den zeichentisch verlassen und kehrte zurück mit einer digitalkamera. die hob er über die zeichnung mit raturs gestalt darin und löste sie aus. all das löste von ratur aus dem mittlerweile trockenen bild – schon spürte er sich schwinden, ein weiteres mal, vergehen, ohne dass er sich tatsächlich verlor.

imaginiert er noch, kater?

ja, ratur, doch davon bemerkst du nichts, denn mittlerweile imaginieren auch andere dich.

andere?

ja, ratur. sie vergegenwärtigen dich anhand eines bildes und einer folge aneinander gereihter wörter, die sich ihnen zu einer geschichte fügen. zu einer geschichte mit dir darin. in ihrer eigenen vorstellung nimmst du gestalt an. in dieser gestalt wehst du mit ihrer gegenwart durch sie hindurch, entstehst und vergehst.

ich vergehe?

ja. mag sein, dass von dir bleibt in ihrem erinnern. dass sie dich neu entstehen lassen, ratur lite.

wenn das so ist – wo nahm ich meinen anfang?

ich weiß es nicht. doch da das große sich im kleinsten spiegelt … sehr wahrscheinlich entstandest du aus einer wolke kleinster aufenthaltswahrscheinlichkeiten, die umeinander wirbelten und sich allmählich verdichteten. aus sternenstaub.

kater, von was faselst du?

von der entstehung eines sterns, eines sonnensystems. das entsteht an orten, an denen zuvor ein anderer, größerer stern verging und eine wolke feinster teilchen hinterließ, teilchen, die er erbrütete oder die im moment seines explodierens neu entstanden. teilchen, die wiederum aus teilchen bestehen, die welleneigenschaften aufweisen und von denen man eine aufenthaltswahrscheinlichkeit annehmen kann – und erst deren häufung birgt die chance, dass unsere sinne, wollen sie sich ihrer vergewissern, so etwas wie widerstand wahrnehmen, eine eigenschaft, die wir materie zusprechen. die finden mit der zeit wieder zueinander, verdichten sich, und aus ihrer mitte entsteht ein neuer stern, wie die sonne – entstehen planeten und monde, die einander umkreisen und ihr zentralgestirn.

zentralgehirn?

ratur …

und was hat das mit meinem entstehen zu tun?

der dich erdachte, erdachte dich aus einer wolke. aus teilchen, die schon lange bestehen, ja, sogar lange vor ihm selbst bestanden, fügte er dich zu einer gestalt, verdichtete teilchen bis zu einer neu erglühenden sonne und ließ eine geschichte um dich kreisen wie planeten, monde und imaginierte, ließ dich anderen paralleluniversen entstehen, in denen du nun ebenfalls aufgingst und deine eigenen kreise ziehst, die nun die ihren sind – und nicht die deines ausdenkers.

ratur schwieg.

die stimme ergänzte: mehr noch: der dich erdachte, auch der, der dich weiterdachte und sich und anderen vergegenwärtigte – sie ließen dich und deine gestalt und geschichte sich auflösen in das schwingen und wirbeln elektromagnetischer teilchen und wellen und an anderen orten wieder entstehen. aus dem leuchten eben jener teichen und wellen, die im erkennen ferner menschen wieder materialisierten und zu gestalt und geschichte wurden, es immer noch werden. aus vielfältigemn ja und nein, schwarz und weiß, sein oder nichtsein.

kater?

ja?

ich fürchte mich.

was fürchtest du?

mich zu verlieren. bin ich – oder bin ich nicht? ich …

der mann am zeichentisch strich über das fertige bild und betrachtete ratur. ratur sah sich mit den augen jenes mannes auf papier entstanden, in farbe gefügt, zu gestalt und schatten. sah weitere blätter liegen mit schemen, die ihn darstellten und erkannte den tag, den er am meer verbracht hatte, seine begegnung mit der frau im kobaltblauen kleid, sah sich den deich entlang radelnd dargestellt und wie ihn die nacht einholte auf dem weg vom meer zurück in die stadt.

… fühle mich schwinden, gehöre nicht mir selbst und …

der ihn gezeichnet hatte ging zu seinem computer und ratur lite fühlte sich in der tat schwinden und neu erstehen, hundertfach, sah sein abbild auf einem bildschirm aufgehen und …

in anderen geistern als dem, der dich zeichnete, hörte er katers stimme, gehst du neu auf mit diesem bild und wirst in ihnen zu einem anderen abbild deiner selbst, der idee, der du entsprangst.

… und, und – wenn ich an so vielen orten zugleich existiere, als idee – gibt es dann eigentlich mich, den ratur lite, überhaupt noch, habe ich jemals wirklich existiert? ich fürchte mich davor, nicht zu existieren, nicht mehr zu sein als eine idee. was macht mich aus, wenn es mich an vielen orten gibt und ich mir nicht selbst gehöre? ich habe – angst!

da ergeht es dir wie den menschen, ratur.

wie den menschen? ich bin …

frag deinen ausdenker, ratur lite.

wen? kater – was …?

sequenz 39 von 48 der serie ratur lites

text:

ratur, imaginiert. entstehen und vergehen.

ratur aquarell

ratur erblickte einen mann, der in einem von licht gefluteten atelier über ein stück papier gebeugt an einem tisch saß. den bogen weißes aquarellbütten hatte er mit klebestreifen auf der tischplatte fixiert und in unterschiedlich große fenster eingeteilt. unter dem feinen strich eines bleistifts erstanden striche, linien, konturen. er feuchtete das papier an, dann griff der mann zu einem pinsel aus marderhaar, feuchtete auch diesen an. nahm farbe auf, blau, dass die zwischenräume der haare des pinsels sich satt sogen daran. kaum berührte er mit der spitze des pinsels das feuchte papier, begann die farbe aus dem pinsel heraus das papier zu fluten, floss die fasern entlang, erfüllte sie, verlor sich im weiß des büttens und …

kater?

ratur schaute sich um, doch konnte er den kater nirgendwo entdecken. wahrscheinlich imaginierte der gerade und war nicht abkömmlich. dann sah ratur an sich selbst hinab und bemerkte, dass er in auflösung begriffen war. er transzendierte, gerade so, wie es zuvor dem kater widerfahren war, als ratur dessen existenz in frage stellte.

kater?

von irgendwo her eine stimme:

keine bange, ratur. er imaginiert. dich. da habe ich wenig hinzu zu tun und keinen einfluss. mag sein, dass er auch ein wenig kater imaginiert, dir zur seite vielleicht, vielleicht auf deinen schoß – ich weiß es nicht.

kater?

nimm es hin, wie es kommt, wie es ist, ratur, du kannst eh herzlich wenig einfluss darauf nehmen.

wie kommt er dazu …

er las von dir, imaginierte, und nun vergegenwärtigt er dich, sich selbst und anderen.

er vergegenwärtigt mich? ich verliere mich, siehst du das nicht? wie kann ich da … sein?

auch ich bin nicht, nicht hier. vielleicht werde ich noch mehr als eine idee. entspann dich, ratur.

das war leichter gesagt als getan. ratur sah sich transzendieren, seine konturen lösten sich auf, derweil sah er das weiß des büttenpapiers schwinden und wie es sich anfüllte mit farbe und amorphen konturen.

der mann verließ den tisch und ging aus dem zimmer. von der offen stehenden tür her hörte ratur wasser fließen, porzellan und einen löffel darin klingen. auf dem tisch verdunstete das wasser aus der unter dem streichen des pinsels entstandenen szene, das papier trocknete allmählich auf, die farben verloren an glanz, ihr fließen kam zum stillstand. der mann kehrte zurück, griff wieder zu pinsel und farbe. arbeitete die szene aus, fügte farbe und tiefe hinzu, lehnte sich zurück, betrachtete sein werk und blickte ratur in die augen, die er auf dem papier hatte entstehen lassen.

und der kater?

raturs gegenüber hatte ihn zwar imaginiert, vergegenwärtigt, sich selbst, doch auf ratur lites fragen gab er keine antwort. vielleicht konnte er ihn nicht hören.

kater?

kater! wie geschieht mir? was geschieht mit mir?

sequenz 38 von 48 der serie ratur lites

text:

ist nicht die idee an sich etwas zweidimensionales?

ratur aquarell

das weiß ich nicht.

das leuchten in den augen des katers verging.

ich weiß nur, dass ich, wenn ich imaginiere, etwas vergegenwärtige, mir oder auch dir oder einem anderen, dass ich dann jenen windhauch gegenwart erschaffe, der durch uns hindurchweht und von dem wir sagen, dass wir ihn erleben.

du erschaffst gegenwart, indem du eine idee erschaffst?

gerade so, wie du die frau im blauen kleid im widerschein deines fensters wahrzunehmen in der lage – und als wahr anzunehmen bereit warst, ratur. doch eröffne ich lediglich. kaum angelangt im gegenüber, gewinnt die idee raum, nimmt raum ein, wie das meer es macht, wenn es am ende der ebbe vom horizont her zurückkehrt mit der flut. mit der flut und dem in ihren wassern gelösten salz darin. auch mit dem, was dir soeben noch gewissheit war und sich dann verlor. und raum ist dreidimensional.

was ist mit … mir, mir selbst?

du, ratur?

ja.

du bist gegenwärtig, ratur.

im hier und jetzt?

nicht im hier allein, ratur, nicht im jetzt allein bist du, wirst du.

hm? ich verstehe nicht.

das glaube ich dir, dass dir das zu verstehen nicht leicht fällt. komm, ich vergegenwärtige dich. ich zeige dir, wie es dich imaginiert. nicht hier, nicht jetzt, doch du wirst dich erstehen sehen und erkennen, dass du bist. du wirst, ein wenig hier und doch mehr woanders, ein wenig jetzt und doch mehr im vergangenen, entstehen. aus dem nichts, einer idee.

kater!

sieh her, ratur:

sequenz 37 von 48 der serie ratur lites

text: