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	<title>isla volante &#187; literatur</title>
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	<description>insel irgendwo im nirgendwo</description>
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		<title>literaturpreis 2011</title>
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		<pubDate>Wed, 02 Feb 2011 15:43:50 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[der isla volante literaturpreis 2011 geht an darja stocker micha von daria stocker Ich bin tot oder blind. Sand klebt am Fenster und verdeckt mir die Sicht auf das Meer, den Hafen. Der Sturm ist also bis ans Ende der Wüste gekommen. Wie ich hierher komme, wo die andern sind? Ihr Langzeitgedächtnis ist zufriedenstellend, das [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img title="darja stocker" src="http://www.isla-volante.ch/1bilder/11februar/darja-stocker.jpg" alt="darja stocker" width="400" height="400" /></p>
<p>der isla volante literaturpreis 2011 geht an darja stocker</p>
<div id="post-1260">
<h3>micha</h3>
<p>von daria stocker</p>
</div>
<div>
<p>Ich bin tot oder blind. Sand klebt am Fenster und verdeckt mir die Sicht auf das Meer, den Hafen. Der Sturm ist also bis ans Ende der Wüste gekommen. Wie ich hierher komme, wo die andern sind?</p>
<p><span id="more-3590"></span></p>
<p>Ihr Langzeitgedächtnis ist zufriedenstellend, das Kurzzeitgedächtnis – abwarten, sagt die Frau im weißen Kittel, die meinen Puls misst. Sie erzählt, dass mein Vater hier gearbeitet hat. In der Abteilung Herz/Lunge. Er könnte jetzt bei mir sitzen, die Hand auf meiner Schulter, meine Brust abhören, mich fragen, ob es schon besser geht. Vor genau vier Monaten ist er in Pension gegangen. Er hat nicht das Schiff zurück nach Europa genommen, sondern den Bus zu einem großen See Richtung Süden. Ob ich nicht in dieser Gegend nach ihm suchen wolle. Dort war ich. Ich habe ihn nicht gefunden. Und jetzt. Wieder hier. In der Hafenstadt, von der ich vor zwei Wochen so froh war abzureisen. Weg von den aufgeplatzten Schiffsbäuchen, den Geiern, die ihre Nester auf rostigen Masten bauen. Dem Gestank von Tonnen trüber Fischaugen, auf den Beton gekippt. Hier die Erstickenden, hier die Toten. Weiße Grabkreuze zwischen Pet Flaschen. Die fliegenden Plastiksäcke und die Wäsche an den Leinen zwischen den Häusern, die einzigen Flecken Farbe. Ich habe versucht, sie fest zuhalten. All diese Dinge, die nichts miteinander zu tun haben. Endlich Menschen zeichnen. Sie bewegen sich in Gruppen, ihr Ziel ist dasselbe, aber kein gemeinsames. Ich konnte nicht erkennen, was zwischen ihnen war. Außer ein paar eng geschnürten Kleider- bündeln. Ich bin mit demselben Bus um dieselbe Uhrzeit gefahren wie mein Vater. Nach Stunden stieg ich als Einziger aus.</p>
<p>Schon nach den ersten Schritten in die Wüste verfliegt die Übelkeit. Als nach Stunden noch keine Landschaft beginnt, bleibe ich stehen. Nicht aus Erschöpfung. Alles, was vor mir liegt, flimmert. Die Konturen zusammengeklappt. Kein Leben mehr, nirgends, noch nie der Himmel so riesig. Das Licht, als ob mehrere Sonnen gleichzeitig scheinen. Ich frage mich zum ersten Mal, ob ich umkehren soll, ob sich das alles gelohnt hat. Aber wohin zurück. Und dann sagen: Ich habe ihn nicht gefunden. Ich weiß, es kann nicht mehr weit sein. Der Kompass an meinem Arm – ich sehe nicht hin. Wenn mein Vater wirklich dort ist, mein Vater, der Arzt, was soll ich ihm sagen? Was ich allen sage: Ich bin kein Tourist, ich bin Maler mit Stipendium. Ich habe ein Bild angefangen von mir und meinem Vater. Wenn ich ihn finde, kann ich es fertig malen.</p>
<p>“Die Auswirkung ein und derselben Katastrophe hängt davon ab, wie verwundbar der Mensch ist, den sie betrifft und welche Handlungsmöglichkeiten er hat, sich und seine Umgebung wieder aufzubauen.“ Das hat er gesagt. Mehr weiß ich nicht von ihm. Dann steht Zamu vor mir, nimmt mir den Kanister ab. Er wusste, dass ich komme. Die Wüste ist ein Dorf. Über wen man nicht spricht, der ist tot. Ich weiß, wen du suchst, sagt Zamu. Wir kommen zum Fluss. Das Licht hat gewechselt. Ich kann wieder atmen. Vor der Hütte sitzt ein alter Mann. Die Narben in seinem Gesicht kreuzen sich wie Pfade im Sand. Es ist Zamus Vater, der Geschichtenerzähler. Sie zeigen mir die Matte, auf der mein Vater schlief, bevor er aufbrach. Zu einem Kranken ins Nachbardorf oder hinunter zum See, “weil er allein sein wollte”. Ich lege mich in seinen Abdruck und warte.</p>
<p>Der Textausschnitt ist ein Monolog aus meinem neusten Stück “Zornig geboren”, uraufgeführt am Maxim Gorki Theater Berlin in der Regie von Armin Petras</p>
<h6>©darja stocker</h6>
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		<title>literaturpreis 2010</title>
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		<pubDate>Mon, 15 Feb 2010 08:16:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>-</dc:creator>
				<category><![CDATA[literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[der isla volante literaturpreis 2010 geht an hartmut abendschein die träume meiner frau von hartmut abendschein Sign: C_V/P3-2.089, (descriptor=Punkt, Komma, Strich) Meine biometrischen Daten? Immer der Reihe nach: hier haben sie zwei Augen, ein halbes und ein ganzes, einen vorlauten Mund, eine schiefe Nase und ein Paar Ohren mit etwas Käse darin. Gerade hat man [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img title="hartmut abendschein verleger und autor in bern" src="http://www.isla-volante.ch/1bilder/10februar/hartmut-abendschein.jpg" alt="hartmut abendschein" width="400" height="400" /></p>
<p>der isla volante literaturpreis 2010<br />
geht an hartmut abendschein</p>
<div id="post-1093">
<h3>die träume meiner frau</h3>
<h6>von hartmut abendschein</h6>
</div>
<div>
<p><strong>Sign: C_V/P3-2.089, (descriptor=Punkt, Komma, Strich)</strong></p>
<p>Meine biometrischen Daten? Immer der Reihe nach: hier haben sie zwei Augen, ein halbes und ein ganzes, einen vorlauten Mund, eine schiefe Nase und ein Paar Ohren mit etwas Käse darin. Gerade hat man mir die Haare geschnitten, das dürfte ihre langweilige Zahlenkolonne irritieren. Hinterm Komma. Und mich abzulichten, war kein leichtes Unternehmen. Unschöne Dinge sind passiert: das Blitzen und Donnern, danach ein warmer Westwind in Photocolor bis hinein in die Ecken. Dort wurde ein Abzug bis zur Entsprechungslosigkeit beschnitten. Abgerundet, sagt man. Nur das Spiegelbild schaffen sie nicht, und auch nicht das Gegenüber der Welt. Man könnte sie also genauso gut erwürfeln: die Zahlen, die sie suchen.</p>
<p><span id="more-2543"></span></p>
<p><strong>Sign: E_IV/S3a-2.088, (descriptor=Wellen &amp; Wollen)</strong></p>
<p>Der Thermalbadrassist ist auch ein Düsenbesetzer. Recht und Ordnung hören jenseits seines Körpers auf, wie man sieht, wenn der Dunst sich legt, denn da beginnt der einer jungen Afrikanerin, und die Frage: wie diese angeschlichen wurde, und: wo seine Finger sind, unter Wasser, im Sog leicht geschwefelter Strudel. Unter der Bademütze blitzt eine Glatze hervor und blickgewordene Missgunst sucht sich an den Kacheln entlang ein kleines Japanerkindchen, das nicht einmal weint. Das frisst er gierig kopfabwärts, vor den Augen der Eltern.</p>
<p>Thermalbadrassismus ist kein Kavaliersdelikt. Fremde, dunkle Körper werden bis zur Käuflichkeit bestarrt und angenähert, doch die Grenzen ziehen weiter gegen Osten.</p>
<p><strong>Sign: D_I/S3-1.085, (descriptor=Mobbing)</strong></p>
<p>Der Chef der kleinen Ich-Gesellschaft hat sich selbst gekündigt. Man fand ihn in enger Umschlingung der Tastatur seines Chefcomputers und vor ihm das Flimmern zweier Kündigungsschreiben. Besser gesagt: zweier Schreibversuche einer Kündigung.</p>
<p>Man will hier nicht die Wortlaute wiedergeben, aber man ist überzeugt, dass die Kündigungsschreiben daran scheiterten, weil er sich nicht entschliessen konnte, ob er nun sich, dem Betrieb, kündigen sollte, oder sich, dem Angestellten. Erst aufgrund dieser Unentschiedenheit, so munkelt man, hatte er Hand an sich gelegt.</p>
<p>Die Träume meiner Frau.  <a href="http://www.athena-verlag.de/">arthena verlag</a></p>
<h6><a href="http://www.abendschein.ch/">abendschein</a> <a href="http://www.etkbooks.com/">etk edition taberna kritika</a> <a href="http://www.litblogs.net/">litblogs</a> <a href="http://spatien.etkbooks.com/">spatien</a><br />
©hartmut abendschein</h6>
</div>
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
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		<title>literaturpreis 2009</title>
		<link>http://www.isla-volante.ch/literaturpreis-2009/</link>
		<comments>http://www.isla-volante.ch/literaturpreis-2009/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 06 Jan 2009 14:56:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>-</dc:creator>
				<category><![CDATA[literatur]]></category>
		<category><![CDATA[portrait]]></category>

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		<description><![CDATA[der isla-volante-literaturpreis 2009 geht ansunil mann leonie von sunil mann Der schwarze Cherokee schoss von links auf sie zu, die fünfundvierzigste herunter, die leicht abfallend von der Central Station zum UNO Gebäude führte. Ein heisser Tag, New York glühte unter der Junisonne. Die wenigen Leute, die sich zur Mittagszeit hinaus wagten, drückten sich den schattigen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img title="sunil mann" src="http://www.isla-volante.ch/1bilder/09januar/sunil-mann.jpg" alt="sunil mann" width="400" height="400" /></p>
<p>der isla-volante-literaturpreis 2009 geht ansunil mann</p>
<div id="post-85">
<h3>leonie</h3>
<h6>von sunil mann</h6>
</div>
<div>
<p>Der schwarze Cherokee schoss von links auf sie zu, die fünfundvierzigste herunter, die leicht abfallend von der Central Station zum UNO Gebäude führte.</p>
<p>Ein heisser Tag, New York glühte unter der Junisonne. Die wenigen Leute, die sich zur Mittagszeit hinaus wagten, drückten sich den schattigen Wänden entlang. Verharrten kurz unter den grünen Markisen der Quartierläden, schnappten nach Luft und wischten sich den Schweiss von Hals und Nacken. Kauften schnell ein und verschwanden dann gespenstergleich wieder in ihren eisgekühlten Bürogebäuden. Windstille, der Asphalt schwitzte Teertropfen, die Luft roch staubig, nach verwesenden Abfällen. Stille überhaupt, die Gegend wie ausgestorben, nur aus der Ferne war der Verkehr der Fifth Avenue zu hören.</p>
<p><span id="more-1661"></span></p>
<p>Der Wagen fuhr beinahe geräuschlos. Viel mehr als ein Flüstern vernahm sie wahrscheinlich nicht, als sie, mitten auf der Strasse stehend, den Kopf in ihrer üblichen, leicht arroganten Art nach ihm umdrehte.</p>
<p>Was nicht sein soll, darf nicht sein.</p>
<p>Leonie stand gerne früh auf. Sie duschte, putzte sich die Zähne und stellte sich dann vor den Kleiderschrank. Er sah sie vor sich, wie sie auf den Zehenspitzen wippte, während sie sorgfältig Hosen, Jupes und Oberteile aussuchte, um dann mögliche Kombinationen vor dem Spiegel auszuprobieren. An diesem 24. Juni entschied sie sich für eine weite, weisse Bluse und einen sandfarbenen Rock. Sie schlüpfte in die Kleider, musterte sich eingehend im Spiegel, drehte sich um sich selbst, runzelte die Stirn und nickte schlussendlich zufrieden. Dann legte sie ein kaum sichtbares Make Up auf, band die langen, mahagonifarbenen Haare im Nacken zusammen und tupfte sich je einen Tropfen “Obsession” hinter jedes Ohr.</p>
<p>Er schloss die Augen und erinnerte sich an den Duft ihrer warmen Haut, der am intensivsten in der kleinen Kuhle zwischen Halsansatz und Schlüsselbein zu riechen war. Die Erinnerung war so eindringlich, dass er die Augen wieder öffnen musste, um sich zu vergewissern, dass sie nicht neben ihm stand. Doch da waren nur die mit Kunstleder bezogenen Sesselreihen, auf denen wildfremde Leute sassen und warteten.</p>
<p>Sie ass nie Frühstück, lieber holte sie sich einen Green Tea Latte bei Starbucks, einen Grande und normalerweise warm, doch an diesem Morgen entschied sie sich der Hitze wegen für die eisgekühlte Version und trank den Tee in kleinen Schlucken, während sie die zwei Blocks der Second Avenue entlang bis zum Lebensmittelladen spazierte.</p>
<p>Er zog den Brief aus der Jackentasche und las ihn erneut, obwohl er den Inhalt auswendig kannte, seit drei Monaten auswenig kannte. Seine Augen folgten ihrer geschwungenen Schrift, jedem einzelnen Bogen. Selbstsicher wirkte ihre Schrift, so als könnte ihr nie etwas geschehen. Selbstsicher und auch ein wenig schulmädchenhaft, vor allem bei den zu rundlichen Bögen des M’s und den übertrieben grossen L’s.</p>
<p>Was nicht sein soll, darf nicht sein.</p>
<p>Die Hitze war bereits frühmorgens kaum zu ertragen. Tagsüber verzog man sich in die Wohnungen mit herunter gelassenen Jalousien und hoffte, dass die Klimaanlage funktionierte, falls man eine hatte. Die Ventilatoren, die man in den kleinen Läden bei den Mexikanern kaufen konnten, nützten längst nichts mehr, sie verschoben bestenfalls die heisse Luft aus einer Ecke des Zimmers in die andere.</p>
<p>Leonie ging, wie sie immer ging, tänzelnd, auf den Zehenspitzen, sie rollte den Fussballen nie ganz ab. Ihr Rücken war durch gestreckt, die Umhängetasche hüpfte auf ihrem Kreuz, die Hitze schien ihr nichts auszumachen. Mit erhobenem Kopf und dem leicht spöttischen Lächeln auf den Lippen wirkte sie auf manche Leute überheblich. Was sie zeitweise auch war.</p>
<p>Bewegung kam in die Menge. Er hob den Kopf und sah, dass sich eine kleine, energisch wirkende Frau in dunkelblauer Uniform dem Check-In-Schalter näherte. “Flug LX 16 nach New York ist zum Einsteigen bereit”, schnarrte es kurz darauf aus den Lautsprechern und wie auf Kommando schossen alle um ihn herum auf. Langsam faltete er den Brief zusammen, roch noch einmal daran und steckte ihn in den Umschlag. Dann nahm er seine kleine Reisetasche und stellte sich in die Reihe.</p>
<p>Das Flugzeug flog in einem grossen Bogen über Zürich. Er blickte hinunter und fragte sich, wann er wieder zurück kehren würde, ob überhaupt. Sein Herz krampfte sich zusammen. Erinnerungen schossen ihm plötzlich durch den Kopf, Erinnerungen an Leonie, wie ein rasend schnell abgespulter Film. Als müsste er gleich sterben. Ob sie am jenem letzten Morgen dasselbe gesehen hatte wie er?</p>
<p>Was nicht sein soll, darf nicht sein. Er musste nur fest genug daran glauben.</p>
<p>Es war kühl in dem Laden. Leonie fuhr sich fröstelnd über die Unterarme. Sie kaufte Biomilch ein und fixfertige Guacamole, die so viel besser sei als die selbst gemachte, dazu ein paar Pfirsiche, eine Packung Tortillachips. Lange studierte sie die Etikette einer Flasche mit dunklem, schlammähnlichem Inhalt. Saft aus Weizengras sei das, liess sie sich schliesslich erklären, und unglaublich gesund. Natürlich wanderte die Flasche unverzüglich in den Einkaufskorb. Sie zahlte bar, wie immer, steckte das Wechselgeld in ihren Geldbeutel aus Hirschleder, das einzige Geschenk von ihm, das sie mitgenommen hatte, als sie ging.</p>
<p>Sie lächelte der Verkäuferin nicht zu, als sie den Laden verliess, Frauen wie Leonie haben es nicht nötig zu lächeln. Für sie galten andere Regeln. Auch Rotlichter passen schlecht in ihr Lebenskonzept, wie Verbote allgemein. Sie hängte sich die Tasche im Gehen über die Schulter und spürte den angenehm kühlen Druck in ihrem Kreuz, der von der Milchpackung stammte. Sie stellte fest, dass sie die Sonnebrille Zuhause vergessen hatte, schüttelte über ihre eigene Vergesslichkeit den Kopf, dann überquerte sie die Strasse, ohne auf die Ampel zu achten. Das heisst: Sie überquerte die Strasse bis zur Mitte, dann hörte sie den Cherokee.</p>
<p>Er fand den Laden problemlos. In ihren ersten Briefen aus Amerika, als sie noch häufiger schrieb, hatte Leonie genau umrissen, wo er lag. Früher Abend, die Septembersonne tauchte die Stadt in Gold, die Strassen waren voller Menschen, die eilig aus ihren Büros strömten. Er blieb stehen und blickte lange auf die Kreuzung, doch der Asphalt hatte kein Gedächtnis, da waren keine Spuren mehr, kein Hinweis. Nach drei Monaten kein Wunder.</p>
<p>Er betrat den Laden und eine hispanisch aussehende Verkäuferin, die in einem stilvollen, schwarzen aber viel zu engen Kleid steckte, zwinkerte ihm mit mascaraschweren Wimpern zu. Über dem Kleid trug sie eine rote Schürze mit dem Emblem der Ladenkette. Er ging langsam den meterlangen Gestellen entlang und stellte sich Leonie vor, wie sie neben ihm her schlenderte, hier ein Joghurt heraus nahm, dort einen Salat, alles kritisch mustere, bevor sie es in den Einkaufskorb legte oder kopfschüttelnd zurück ins Regal stellte. Er fand die Guacamole und den Weizengrassaft, die Pfirsiche, die Tortillachips und die Biomilch, und als er die Sachen zur Kasse trug, hatte er einen kurzen Moment lang das Gefühl, als sei sie bei ihm, es war fast wie früher bei ihren samstäglichen Einkaufstouren im Warenhaus Globus in Zürich.</p>
<p>Die Verkäuferin lächelte, als sie ihm den Preis nannte, und er zuckte zusammen. Fast wie früher im Globus. Er legte einen Hundert-Dollar-Schein auf den Tresen, worauf sie die Stirn runzelte. Er zuckte mit den Schultern. “I am from Switzerland. Just arrived.” “Aha”, sagte sie gedehnt. Dann rief sie mit erstaunlich lauter Stimme nach einem Joe, der sich irgendwo im Laden zu schaffen machte. Der kam, nahm den Schein wortlos entgegen und verschwand damit. “Er holt Wechselgeld.” Er nickte und blickte sich ein wenig ratlos um. Er war beinahe allein im Laden. “Ich bin übrigens Consuelo, aber man nennt mich überall Conny.” Sie strahlte, als hätte sie soeben einen Pokal gewonnen. Er nannte ebenfalls seinen Namen. “Urlaub?” Er schüttelte den Kopf, dann schwiegen sie wieder.</p>
<p>Draussen fuhr ein lärmiger Laster vorbei, von der Milchabteilung her war das quengelige Schreien eines Kindes zu hören und aus den Lautsprechern rieselten halblaut die Eagles. Conny betrachtete eingehend ihre Fingernägel. Beim zweiten Refrain von “New Kid In Town” sah er sie an, zögerte einen Moment und beugte sich dann vor. “Erinnern Sie sich an den Unfall? Gleich hier vor dem Laden, auf der Kreuzung? Im Juni, am 24. genau.” Er sprach schnell und leise, als hätte er Angst, jemand könnte ihr Gespräch belauschen. Conny runzelte die Stirn, solche Fragen waren nicht nach ihrem Geschmack. “Eine junge Frau, schlank, lange, dunkelbraune Haare. Ein schwarzer Cherokee hat sie überfahren.” Conny versuchte sich zu erinnern. “Ein schwarzer Cherokee, sagen Sie?” “Ja, genau! Sie hat an dem Tag genau das Gleiche gekauft wie ich jetzt!” Sie sah ihn lange an und schüttelte dann zögerlich den Kopf. “He Joe, kannst Du Dich an einen Unfall hier auf der Kreuzung erinnern? Im Juni, schwarzer Cherokee, der eine junge Frau platt machte.” Joe, der gerade den Laden betreten hatte, händigte ihr das Wechselgeld aus und schüttelte den Kopf. “Es gibt schätzungsweise zweihunderttausend schwarze Cherokees in dieser Stadt”, brummte er, “Und noch ein paar junge Frauen mehr….” “Aber sie wurde überfahren, hier vor ihrer Ladentür!”, rief er Joe nach, der bereits hinter einem Regal verschwunden war. Conny verzog bedauernd den brombeerfarben geschminkten Mund. “Fragen Sie die Mexikaner auf der andern Strassenseite, die haben eh nichts zu tun und stehen den ganzen Tag nur draussen auf dem Gehsteig rum und rauchen.” Sie deutete durch die Scheibe auf ein blau getünchtes Geschäft, in dem offensichtlich gebrauchte Fernseher verscherbelt wurden. Er nahm die Tüte mit seinen Einkäufen entgegen und nickte ihr zu, als er den Laden verliess. Die mascaraschwere Wimpern zwinkerten diesmal nicht.</p>
<p>Auch die Mexikaner konnten sich nicht an den Unfall erinnern. “Aber es geschah hier! Vor Euren Augen!”, schrie er und gestikulierte wild in Richtung Kreuzung. Die Männer schüttelten den Kopf. “No Senor, wir haben nichts gesehen. Tut uns Leid.” Wortlos wandte er sich ab. Es schien, als hätten sich alle gegen ihn verschworen. Sie wussten etwas, aber sagten nichts. Er konnte sich kaum beruhigen, mehrmals lief er über die Kreuzung, besah sich den Strassenabschnitt von allen Seiten und stellte sich Leonie vor, wie sie über die Strasse ging, immer wieder. Er würde heraus finden, was sie ihm verschwiegen, koste es was es wolle. Ratlos und ausser Atem blieb er schliesslich stehen und biss sich auf die Unterlippe. Er wusste, dass er sich weder in der Strasse noch im Standort des Ladens irrte. Hier war sie einkaufen gegangen, hier ging sie über die Kreuzung an jenem Morgen, genau diese Strasse kam der schwarze Geländewagen herunter geschossen.</p>
<p>Er blickte sich um. Die Gegend hatte er sich zwar schon ein wenig urbaner vorgestellt. Drei Strassen von der teuersten Shoppingmeile der Welt enfernt sah New York aus wie irgendein beliebiges Provinzkaff im Mittleren Westen. Staubig, herunter gekommen, kleinstädtisch. Niemandsdorf, wären da nicht die typischen gelben Taxis gewesen und die Baustellen.</p>
<p>Er warf den Mexikanern, die ihn grinsend beobachtet hatten, einen wütenden Blick zu, dann holte er den Brief aus der Jackentasche. Er merkte sich die Absenderadresse und ging rasch die Second Avenue hinunter, kaufte eine rote Rose an einem Strassenstand, eilte weiter, am Starbucks vorbei, wo Leonie jeden Morgen ihren Green Tea Latte geholt hatte, bis er vor dem Wohnhaus stand, in dem sie gelebt hatte.</p>
<p>Er trat in den Eingang, eine Neonlampe flackerte auf und unendlich lange Briefkästenzeilen erstreckten sich vor ihm. Er beugte sich vor und studierte die Namensschilder. Er fand sie auf Anhieb. “Leonie Rudin”, stand da, fein säuberlich in ihrer Handschrift auf eine Etikette geschrieben. Sie war bereits von den Abgasen und dem Staub gräulich verfärbt und blätterte auf der einen Seite ab. Der neue Mieter war offensichtlich noch nicht dazu gekommen, die Klingel anzuschreiben, oder viellleicht stand die Wohnung auch noch leer. Er legte die Rose vor die Eingangstür. Dann lehnte er sich an die Wand neben den Briefkästen und starrte ins Leere. Gerade hatte die Dämmerung eingesetzt, lilafarbenes Licht glitt durch die Strassen, die letzte Sonnenstrahlen blinkten glühend orange in den Fensterscheiben, doch er sah nichts von alldem. Er vergrub das Gesicht in beiden Händen, schluchzte auf, dann sank er langsam in die Knie und liess seinen Tränen freien Lauf.</p>
<p>Was nicht sein soll, darf nicht sein.</p>
<p>Der Laden an der Kreuzung hatte bis um zehn Uhr offen. Vom grellen Neonlicht beschienen sass er jetzt auf der Bank neben den Abfallcontainern und starrte auf die Kreuzung. Seine Augen verfolgten zum wiederholten Mal den Weg, den der schwarze Cherokee in rasendem Tempo zurück gelegt hatte, vom leicht ansteigenden Hügel hinunter auf die Kreuzung. Er hatte sie noch ein paar Meter mitgeschleppt, bevor sie blutüberströmt liegen blieb. Sie hatte keinen Ton von sich gegeben, es war alles viel zu schnell gegangen.</p>
<p>Und zum wiederholten Male fragte er sich, wer am Steuer gesessen hatte. Diese Frage quälte ihn seit drei Monaten. Verdunkelte Scheiben, ein halsbrecherisches Tempo, es dauerte nur Sekundenbruchteile. Dann war der Wagen abgebogen und die Second Avenue hinauf gerast, hatte Leonie in ihrem Blut zurück gelassen. Niemand hatte etwas gesehen, niemand wusste etwas. Irgendetwas stimmte da nicht.</p>
<p>Langsam trank er den Weizengrassaft, ohne die Kreuzung aus den Augen zu lassen, er schmeckte widerlich. Dann entnahm er seiner Einkaufstüte die Packung mit den Tortillachips und ass ein paar davon. Er hatte keine Ahnung, was er jetzt tun sollte.</p>
<p>Hinter ihm gingen die Lichter des Ladens aus, geräuschvoll wurde ein Gitter vorgeschoben, klirrend eine Kette bewegt, ein Schloss schnappte zu, dann trat Joe auf den Gehsteig und zündete sich eine Zigarette an. Sie sahen sich kurz an, Joe nickte, dann ging er langsam über die Strasse. Kurz darauf klapperten ein paar Absätze auf dem Asphalt, Conny eilte über die Kreuzung, ein Mobiltelefon an ihr Ohr gedrückt, ihre kräftige Stimme war noch zu hören, als sie längst ausser Sichtweite war.</p>
<p>Er liess seinen Blick ziellos schweifen, es gab fast kein Licht, keine Strassenlaterne in der Nähe und doch war es nicht dunkel. Keine Autos hier, das Geräusch des Verkehrs aus der Ferne war nur ein einschläferndes Raunen. Die Kreuzung schimmerte schwarz, als hätte jemand einen Eimer Blut darauf ausgeschüttet.</p>
<p>Langsam erhob er sich, seine Beine waren ganz steif vom langen Sitzen. Er streckte sich und ging die Strasse hinunter, noch einmal bei Starbucks vorbei und blieb dann vor dem Wohnhaus stehen.</p>
<p>Licht brannte in ihrer Wohnung. Er stellte sich auf die Zehenspitzen, was sinnlos war, aber es war tatsächlich ihre Wohnung, vierter Stock links, wie sie es beschrieben hatte. Er starrte hinauf. Kurz war ein Schatten zu sehen, er zuckte zusammen, eine Frau vielleicht, er war sich nicht sicher. Das Licht wurde herunter gedreht und dann flackerte ein bläulicher Schein auf, sie hatte den Fernseher eingeschaltet. Er blieb da stehen, sah den blinkenden Lichtern der Flugzeuge nach, die über die Stadt hinweg flogen, die Strasse war menschenleer, einmal nur kam ein Rentner mit seinen Hunden vorbei, musterte ihn, ging weiter. Schliesslich ging das Licht aus, er blickte auf die Uhr, halb zwei und er hatte kein Hotel.</p>
<p>Der Lärm, den die Müllmänner beim Leeren der Abfallcontainer veranstalteten, weckte ihn unsanft. Schlaftrunken blickte er sich um, dunstiges Morgenlicht, es roch nach Herbst und süsslich nach Verwesung. Leute hasteten vorbei, keiner sah zu ihm hinunter. Er ächzte und massierte seinen Nacken. Seine Glieder schmerzten und sein Körper war ganz steif. Die Nacht auf der Bank hatte ihm nicht gut getan. Gereizt blickte er zu den beiden Müllmännern hinüber, die ungerührt ihrer Arbeit nach gingen. Er setzte sich auf und starrte auf die Kreuzung. Ratternd fuhr der Müllwagen an ihm vorbei, die beiden Männer sprangen hinten aufs Trittbrett und hielten sich fest. Einer Eingebung folgend wandte er den Kopf und blickte hügelaufwärts. Es war genau um diese Tageszeit, als der Cherokee die Fünfundvierzigste herunter gerast war.</p>
<p>Plötzlich wusste er, was er tun musste. Er stand auf und streckte sich, sein Kopf war mit einem Mal ganz klar und leicht. Diese diffuse, ziellose Gefühl, das ihn seit Monaten, seit Leonies Unfall, geplagt hatte, war auf der Stelle verschwunden. Aufgelöst wie Morgennebel im Sonnenschein. Er fühlte sich plötzlich hellwach und voller Tatendrang. Er sah sein Ziel klar vor sich: Er würde warten. Er würde hier auf dieser Bank warten und irgendwann würde der Cherokee wieder vorbei fahren, irgendwann, er musste nur geduldig sein. Er würde Leonies Mörder auflauern und ihn der Polizei übergeben, das war er ihr schuldig.</p>
<p>Er wartete zwei Tage lang, schlief auf der Bank, holte sich ab und zu was zu essen im Laden und kümmerte sich nicht um die zunehmend besorgten Blicke, die ihn unter mascaraschweren Wimpern hindurch fixierten. Am dritten Tag beschloss er, aufs Essen zu verzichten. Nicht vorzustellen, wenn er gerade am Tresen gestanden wäre, um sich ein Truthahnsandwich zuzubereiten lassen, während draussen ein schwarzer Cherokee vorbei gefahren wäre. Zudem ging ihm das Bargeld aus. Er hatte keine Ahnung, wo der nächste Geldautomat war, aber er konnte es sich nicht leisten, einen zu suchen.</p>
<p>Reglos sass er da und blickte stundenlang auf die Kreuzung. Kümmerte sich nicht um die Mexikaner, die ihn von der andern Strassenseite her beobachteten, grinsten, sich an die Stirn tippten. Ignorierte die Bettler, Junkies, Obdachlosen, die ihn um eine Zigarette anhauten, einen Quarter oder zwei. Einzig die Münzen klaubte er zusammen, die ihm Passanten hinwarfen, gedankenlos, ohne ihn anzusehen. Er spürte, wie sein Kinn immer stachliger wurde, seine Haare klebten fettig in der Stirn, er roch unangenehm. Aber es war ihm egal, er konnte nicht weg, er musste in der Nähe der Kreuzung bleiben, eines Tages würde der Cherokee vorbei fahren, den Täter zieht es immer zurück an den Tatort, er war sich ganz sicher.</p>
<p>Es war am frühen Morgen des fünften Tages, als er die Augen aufschlug und diese Übelkeit verspürte. Er richtete sich auf und sofort wurde ihm schwindlig. Ein dichter Herbstnebel lag in den Strassen, es war kühler als am Tag zuvor und er wusste, dass er etwas essen musste. Er zählte sein Geld und sah, dass es für ein Sandwich und etwas Milch reichen würde. Langsam erhob er sich, knickte gleich wieder ein, er stützte sich an der Rücklehne der Bank ab, die Welt schwankte trotzdem um ihn herum. Mit Mühe schaffte er es bis zur Eingangstür, dann drehte er sich beunruhigt um, immer in Erwartung eines schwarzen Cherokees. Er wusste, dass er sich beeilen musste. Gerade wollte er den Laden betreten, als er durch den Nebel hindurch eine Gestalt sah, welche die Strasse überquerte. Er blinzelte erschrocken, sie kam näher, und dann blieb ihm der Mund offen stehen. Sie ging wie sie immer ging, tänzelnd, auf den Zehenspitzen, sie rollte den Fussballen nie ganz ab. Ihr Rücken war durch gestreckt, die Umhängetasche hüpfte auf ihrem Kreuz. Er duckte sich neben der Tür, und als sie vorbei gegangen war, in den Laden hinein, hing noch einen Moment lang der Duft ihres Parfüms in der Luft. Obsession.</p>
<p>Er folgte ihr und kümmerte sich nicht um Conny, die ihn mit scharfer Stimme aufforderte, den Laden unverzüglich zu verlassen. Er folgte ihr, auch wenn es nicht nötig gewesen wäre. Er wusste, dass es Leonie war, seine Leonie, er hatte sie sofort erkannt, ein Irrtum war ausgeschlossen.</p>
<p>Sie ging den Regalen entlang, nahm hier ein Joghurt heraus, dort einen Salat, mustere alles kritisch, bevor sie es in den Einkaufskorb legte oder kopfschüttelnd zurück ins Regal stellte. Wie früher in Zürich. Er drehte sich um und rannte aus dem Laden. Atemlos setzte er sich auf seine Bank und zerrte den Brief aus der Jackentasche. Seine Hände zitterten als er ihn wieder las, obwohl er ihn auswenig kannte. Sein Blick raste über die Zeilen, die Buchstaben, das Herz hämmert gegen seine Brust. Sie sei in New York ein anderer Mensch geworden, schrieb sie, und sie wolle ein neues Leben anfangen. Leider gehöre er nicht mehr dazu. Sie hatte sich gar nicht erst die Mühe gemacht, irgendwelche Erläuterungen oder Entschuldigungen hinzuzufügen. Tränen liefen ihm über sein schmutziges Gesicht, er glaubte, er müsse sterben. So hatte er sich auch gefühlt, als er den Brief zum ersten Mal gelesen hatte, an jenem 24. Juni vor bald drei Monaten.</p>
<p>Was nicht sein soll, darf nicht sein.</p>
<p>Wie ein Blitz durchzuckte ihn der Gedanke. Er schnappte nach Luft, verharrte einen Moment reglos, dann durchsuchte er hektisch die Hosentaschen nach seiner Kreditkarte. Er erinnerte sich noch genau an die Autovermietung in der Nähe der Central Station. Wenn er rannte, war er in drei Minuten dort. Genügend Zeit.</p>
<p>Der Motor brummte drohend, immer noch liefen Tränen über sein Gesicht. Es war so gut gelaufen. Er hatte sich alles genau ausgedacht, ihre Kleidung, ihre Einkäufe, den Unfall schliesslich, er war diesen Morgen in Gedanken immer wieder durch gegangen, bis er wirklich geworden war, greifbar. Seine eigene Realität war so viel einfacher gewesen, leichter zu verstehen. Akzeptabel. Und jetzt kam sie daher und zerstörte sein Leben ein zweites Mal. Er sah, wie sie den Laden verliess. Was nicht sein soll, darf nicht sein. Er umklammerte das Steuer und drückte das Gaspedal durch.</p>
<p>Der schwarze Cherokee schoss von links auf sie zu, die fünfundvierzigste herunter, die leicht abfallend von der Central Station zum UNO Gebäude führte.</p>
<h6>sunil mann</h6>
<h6><a href="http://lexikon.a-d-s.ch/edit/detail_a.php?id_autor=2265">Ads</a> <a href="http://www.sunilmann.ch/">sunil mann</a></h6>
</div>
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		<title>literaturpreis 2008</title>
		<link>http://www.isla-volante.ch/literaturpreis-2008/</link>
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		<pubDate>Wed, 30 Jan 2008 17:32:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>-</dc:creator>
				<category><![CDATA[literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[der isla volante literaturpreis 2008 geht an sudabeh mohafez unmöglich sudabeh mohafez es ist natürlich vollkommen unmöglich über den mond zu schreiben der mond gehört den vampiren den fledermäusen den dieben und der angst außerdem gehört er den entflammten den getrennten den reisenden den schwülstigen und einigen sehr schönen volksliedern und wegen all diesem gehören [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>der isla volante literaturpreis 2008 geht an sudabeh mohafez</p>
<div id="post-79">
<h3><strong>unmöglich</strong></h3>
<h6>sudabeh mohafez</h6>
</div>
<div>
<p>es ist natürlich vollkommen unmöglich über den mond zu schreiben der mond gehört den vampiren den fledermäusen den dieben und der angst außerdem gehört er den entflammten den getrennten den reisenden den schwülstigen und einigen sehr schönen volksliedern und wegen all diesem gehören des mondes ist es natürlich vollkommen unmöglich über den mond zu schreiben denn wegen all dieses gehörens des mondes gibt es natürlich überhaupt nichts mehr über den mond zu sagen das nicht ein diebstahl wäre was aber vollkommen unmöglich ist denn der mond ist vollkommen unstehlbar weswegen auch alles was über ihn zu sagen ist vollkommen unstehlbar ist. und ganz und gar genau so verhält sich all das auch mit der liebe.</p>
<h6><a href="http://www.sudabehmohafez.de/">sudabeh mohafez</a> <a href="http://www.eukapi.twoday.net/">eukapi</a><br />
© sudabeh mohafez</h6>
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		<title>literaturpreis 2007</title>
		<link>http://www.isla-volante.ch/literaturpreis-2007/</link>
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		<pubDate>Tue, 30 Jan 2007 17:59:14 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[der isla-volante-literaturpreis 2007 geht an markus a hediger Irgendwo zwischen Alpha und Omega von markus a. hediger Schon wieder? Tja. Wieder, wieder ein Text, der dasselbe abhandelt. Abkanzelt. Durchdekliniert. Es gibt – bedenke! – nur eine beschränkte Anzahl von Deklinationsformen und du hast sie bereits alle durch, deshalb frage ich ja: Schon wieder? Tja… Ist [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>der isla-volante-literaturpreis 2007 geht an markus a hediger</p>
<div id="post-71">
<h3>Irgendwo zwischen Alpha und Omega</h3>
<h6>von markus a. hediger</h6>
</div>
<p>Schon wieder?</p>
<p>Tja.<br />
Wieder, wieder ein Text, der dasselbe abhandelt. Abkanzelt. Durchdekliniert. Es gibt – bedenke! – nur eine beschränkte Anzahl von Deklinationsformen und du hast sie bereits alle durch, deshalb frage ich ja: Schon wieder?<br />
Tja…<br />
Ist das alles? Das ist dürftig, mein Freund.<br />
Von Wort zu Wort hangelt man sich durch das Wörterbuch, bringt es durcheinander, macht Sätze draus, setzt einen Punkt, dahinter es weitergeht. Wenn man Glück hat, wird daraus eine Enzyklopädie.<br />
Geschichten wären mir lieber.</p>
<p><span id="more-4992"></span></p>
<p>Der dunkle Engel auf seinem Ross biegt sich vor Lachen. Er steht an der Startlinie, die Zügel straff in der Hand. Bald geht die Sonne auf. An seiner Zahl wird man ihn erkennen. Bald geht es los. Das Ende naht. Ich bin sein Geschöpf, erschaffen, um das Ende herbeizuführen. Mir gehen die Worte aus. Doch noch gebe ich mich nicht geschlagen. Ich wiederhole mich. Das ist besser, als zu verstummen. Ich liebe den Klang meiner Stimme, ich liebe die Worte, die mir über die Lippen kommen. Noch bin ich nicht am Ende. Auch wenn ich mich wiederhole. An der Ziellinie wartet bereits der Teufel.</p>
<p>Was kann ich dafür, wenn die Muse, die mich küsst, immer dieselbe ist? Du weisst doch, wie das ist: Irgend wann weiss man, wie der Kuss sich anfühlen wird, noch bevor du ihren Atem durch die leicht geöffneten Lippen spürst.<br />
Das liegt nicht nur an ihr. Für eine Beziehung braucht es immer zwei.<br />
Tja.<br />
Such dir eine andere.</p>
<p>Vom Engel auf dem hohen Ross ist Hilfe nicht zu erwarten. Er will mein Ende. Also wende ich mich an den Teufel. Anders als der Volksglaube nahelegt, interessiert sich der Teufel nicht für den Menschen. Es wird nach dem Ende keinen Kampf um ihre Seelen geben. Die Erde ist ihm eine Last, der Mensch ihm Langeweile, weil das Leben immer auf die gleiche Weise endet. Lasst euch was einfallen! In der Hölle geht es lustiger zu und her! Da sind Heulen und Zähneklappern! Der Teufel gähnt, als er mich sieht. Doch als ich ihm von meinem Leid erzähle, kullert eine Träne aus seinem Auge und kühlt die fiebrige Haut.</p>
<p>Ich sage dir das nur, weil ich den Engel mit seiner siegesgewissen Arroganz nicht ausstehen kann. Das Ende muss kommen, glaubt er, weil jeder Mensch ein Ende hat. Er sollte nachdenken und nicht alles glauben, was man ihm aus zweiter Hand erzählt. Als ich ihm einen Tee in den Sattel reichte, um seine Wartezeit zu verkürzen, suchte ich das Gespräch mit ihm, doch der Engel spricht nicht mit Gefallenen. Das Geheimnis des Lebens ist das einzige, was mich noch auf der Erde hält. Es besteht Hoffnung, sagt der Teufel. Entschuldige meine Neugier.</p>
<p>An dem Werk, das du hinterlässt, wird man dich messen. Was du bislang vorzuweisen hast, ist eine einzige Wiederholung. Es lässt sich mit einem Linear, das jeder Schüler in seinem Ranzen trägt, bequem ausmessen. Was du hinterlässt, ist nicht viel.<br />
Ich habe den ersten Kuss nie vergessen. Ich konnte ihn nie vergessen, da alle Küsse, die auf den ersten folgten, diesem ähnlich waren.<br />
Ist denn gar kein Stolz hinter diesen deinen blinden Augen?<br />
Ich habe Ohren, die hören.<br />
Sie hören immer dasselbe!<br />
Tja…</p>
<p>Der Teufel nimmt mich an der Hand und führt mich von der Ziellinie weg. Der Engel soll nicht hören, was ich dir zu sagen habe. Weshalb nicht? Er soll nicht wissen, weshalb das Ende noch nicht kommt. Du wirst den Endspurt verpassen! höre ich den Engel aus der Ferne rufen, doch müde gähnt der Teufel nur.</p>
<p>Du hast doch eine Tochter.<br />
Ja. Und meine blinden Augen glühen.<br />
Stell dir vor, sie hiesse nicht Isabella.<br />
Das kann ich nicht.<br />
Stell dir vor, sie hiesse Julia.<br />
Das kann ich nicht.<br />
Stell’s dir vor!<br />
O mein Gott…<br />
Wenn du unbedingt meinst…</p>
<p>Das Leben, das Isabella haben wird, ist ein anderes als jenes, hiesse sie Julia. Wer spricht, glaubt an die Macht der Sprache. Wir vermuten, hoffen, bangen, dass wir verstanden werden. Einge von uns wissen, dass die Wortwahl den Fortgang des Redeschwalls bestimmt. Die Sprache folgt ihren eigenen Regeln. Ändern wir ein Wort, ändern wir die Geschichte, die es erzählen wird. Wir kennen den Ausgang der Geschichte nur, wenn wir uns wiederholen.</p>
<p>Das ist das Geheimnis?<br />
Weshalb hast du deine Tochter Isabella genannt?</p>
<p>Gähnend schlurft der Teufel an die Ziellinie zurück. Nicht, dass das Ende ihn interessierte. Er weiss ja nicht einmal, ob es überhaupt kommen wird. Aber der Engel auf seinem Ross ist auf ihn angewiesen. Ohne den Teufel wäre die Warterei unerträglich. Des Teufels Gegenwart hält die Vorfreude wach. Erzähle mir eine Geschichte, sagt der Teufel. Der Engel erzählt vom Letzten Gericht und lacht. Du wiederholst dich, sagt der Teufel. Wieder geht die Sonne auf und nichts geschieht. Der Teufel blickt auf die Nummer am Engelssattel und grinst still in sich hinein.</p>
<p>Du hast deine Seele an den Teufel verkauft?<br />
Meine Seele interessiert ihn nicht.<br />
Wenigstens wiederholst du dich nicht mehr.<br />
Tja.<br />
Aber deine Texte gefallen mir noch immer nicht.<br />
Ich muss noch üben. Ich stehe erst am Anfang. Doch jetzt muss ich abbrechen. Isabella ist aufgewacht.</p>
<h6>2007 © markus a. hediger</h6>
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		<title>literaturpreis 2006</title>
		<link>http://www.isla-volante.ch/literaturpreis-2006/</link>
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		<pubDate>Mon, 30 Jan 2006 18:03:01 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[der isla-volante-literaturpreis 2006 geht an ziska müll mittwoch von ziska müll Es ist Winter. Und kalt. Aber nein, nein, nicht, dass Sie sich da jetzt was Falsches darunter vorstellen, kein Schnee oder so was, nichts liebliches, beißende Kälte soll es sein und Nebel. Und Tröpfchen müssen her, Tröpfchen, die durch die Luft fliegen – zu [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>der isla-volante-literaturpreis 2006 geht an ziska müll</p>
<div id="post-64">
<h3>mittwoch</h3>
</div>
<div>
<h6>von ziska müll</h6>
<p>Es ist Winter. Und kalt. Aber nein, nein, nicht, dass Sie sich da jetzt was Falsches darunter vorstellen, kein Schnee oder so was, nichts liebliches, beißende Kälte soll es sein und Nebel. Und Tröpfchen müssen her, Tröpfchen, die durch die Luft fliegen – zu schwach zum fallen, zu feig um oben zu bleiben – sie fliegen, und steht man mit dem Gesicht gegen Wind dann klatschen sie auf die Wange, dass es schmerzt, wie ein kleiner eisiger Schuss. Man kann sich nur rächen, wenn sich eines in den Wimpern verfängt und man es auf der geröteten Wange mit einem Liedschlag erschlägt.</p>
<p><span id="more-5002"></span></p>
<p>Die Tröpfchen kommen vom Meer her, sie müssen sich also auch ein Meer vorstellen, aber bitte kein Sandstrand, ich wehre mich gegen jede Romantik, auch keine Klippen, an denen sich die Wellen berstend brechen, auch das nicht. Nein, ein Hafen soll da sein, oder noch besser, der Hafen liegt gegen rechts erst am Horizont, ein großer Industriehafen, durch die Tröpfchenwand heben sich hohe Schornsteine ab und braungrauer Rauch vermischt sich darüber im Nebel vermilcht geht darin auf. Laute dringen dumpf hinüber, es lebt. Maschinen leben. Aber hier – ja so ist das besser – hier ist die Pier. Die Pier vor einer Stadt, in England wohl, Südengland, wenn sie sich darunter etwas vorstellen können. Moment, lassen sie es mich erklären. Wir nehmen Klippen weit hinten, eher Felsabbrüche, durch die Erosion verweichlicht. An den Hang schmiegen sich steile Sträßchen, daran stehen Häuser, schön – so durch den Dunst – farbige schlanke hohe mit weißem Stuck und spitzen Schnörkeldächern. An manchen hängt ein Schild, auf dem steht Bed&amp;Breakfast. Unten, wo sich das Meer zurückgezogen hat und die Stadt flach ausläuft bitte moderne Bauten, aber nichts ästhetisch ansprechendes, God behave, wir sind in England. Das ist Industrie. Klötze. Klötze grau und braun aus Beton sollen in den Himmel ragen, mit vielen Fenstern und dazwischen Balkonen und an manchen Orten brennt Licht, oder sagen wir, an vielen Orten, und dabei ist vielleicht erst vier Uhr nachmittags, aber da ist Licht, auch wenn man denkt, aber die müssen doch bei der Arbeit sein, oder in der Schule, nein da brennt Licht, und die Vorstellung drängt sich auf, dass die da leben. Dass da Menschen drin leben. Ich meine verstehen sie mich richtig, ich meine, die leben da, also bewusst leben, ich meine damit nicht nur wohnen oder hausen oder vegetieren, nein wirklich leben. Sie müssen sich das so fest vorstellen, dass sie dieses dumpfe mulmige Gefühl im Bauch verspüren, wenn sie die Menschen dort in ihren Wohnzimmern in dem grauen Klotz in ihrem Kopf sitzen sehen, sicher labert der Fernseher vor sich hin, und ein dreckiges, sabberndes, hässliches Kind krabbelt über den abgetretenen Teppich und kaut auf einem zähen Stück Fleisch, das es unter dem Tisch gefunden hat, wo es sein pubertäres magersüchtiges Geschwister für den Hund deponiert hat. Und das magersüchtige pubertäre Geschwister sitzt in einem braunen abgewetzten Sessel und liest in einer alten Zeitschrift Schminktipps und die Mutter bügelt rauchend die Wäsche und schnautzt das pubertäre Ding an, und der Vater ruht seine Flasche auf dem nackten Bauch aus und schweigt. Also wenn sie das oder so was ähnliches sich vorstellen können und das Gefühl, das von ihnen ausgeht aufgefangen haben, dann können sie über einen großen grauen Parkplatz zur Pier kommen, aber passen sie auf bei der Strasse, sie ist groß geschwungen und man sieht kaum die Kurven und die Tröpfchen fressen das dumpfe Brummen der Motoren.</p>
<p>Zuvorderst am Wasser ist ein Fußweg, etwas tiefer als die Strasse, geteert natürlich, abgesperrt, das Ufer eine Mauer, dicht vermacht und die Wellen bersten dagegen ohne wirkliche Motivation, ohne Mut des Menschen Werk zu brechen. Irgendjemand, wohl ein Bürgermeister im Wahlkampf, wollte der Pier einmal einen lieblichen Aspekt geben, und vielleicht hätte sie dies auch, würde jemals die Sonne scheinen. Weiße gusseiserne Bänkchen stehen gedeckt in Nischen und in regelmäßigen Abständen steigen hohe Laternen aus dem Geländer von einer schweren Glocke beschattet. Aber im Grau des Tages geht ihr Licht unter und auch die weiße Farbe wird blass und blättert.</p>
<p>Und wenn sie sich jetzt dem Meer zuwenden, sie müssen die Augen fest zusammenkneifen, damit ihnen die Tröpfchen nicht in die Augen fliegen und sich mit den Tränen vermischen, dann erkennen sie einen massiven weißen Steg die Wogen teilen und jetzt müssen sie sich vorstellen, die Dämmerung ist plötzlich eingefallen, das muss jetzt ganz schnell gehen, so dass sie keine Zeit haben, sich umzusehen, das würde sonst die Stimmung zerstören, die Stadt wäre dann nicht mehr grau, sondern von farbigen Lichterketten und blinkenden SanktNikolausen entstellt – es ist also plötzlich finster geworden, und während in ihrem Rücken also noch die graue Stadt in ihrer tristen Sinnlosigkeit fristet, geht über dem Steg der Mond auf. Der dicke gelbe Mond wie ein fettiges Pommeschips hängt er über dem dunkelblauen Meer auf dem weiße Schaumkronen tanzen. Und wenn Sie sich das alles jetzt genau richtig vorgestellt haben, und die richtigen Gefühle richtig gefühlt, dann werden sie verstehen, warum er es war, der schönste Tag, der schönste Tag in meinem Leben. War ein Mittwoch.</p>
<h6><a href="http://www.onobern.ch/">ono</a> <a href="http://www.story.ch/9001_Franziska_Mueller/default.shtml">story</a><br />
© ziska müll</h6>
</div>
]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>literaturpreis 2004</title>
		<link>http://www.isla-volante.ch/literaturpreis-2004/</link>
		<comments>http://www.isla-volante.ch/literaturpreis-2004/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 30 Jan 2004 18:05:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>-</dc:creator>
				<category><![CDATA[literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[der isla-volante-literaturpreis 2004 geht an roman graf sie von roman graf Morgen reist sie ab. Heute sind wir noch durch die Felder gestreift, barfuß auf Kieswegen, um die Liebe besser zu spüren. Die Liebe ist wie ein Stein, sagte sie, warm an der Sonne, kalt in der Nacht. Jetzt sitze ich im Café meines Hotels. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>der isla-volante-literaturpreis 2004 geht an roman graf</p>
<div id="post-46">
<h3>sie</h3>
<h6>von roman graf</h6>
</div>
<div>
<p>Morgen reist sie ab. Heute sind wir noch durch die Felder gestreift, barfuß auf Kieswegen, um die Liebe besser zu spüren. Die Liebe ist wie ein Stein, sagte sie, warm an der Sonne, kalt in der Nacht.<br />
Jetzt sitze ich im Café meines Hotels. Die Autos fahren geräuschlos; nur das Hupen bildet den Hintergrundsound zu meinem Tagtraum. Die Kreuzung sieht aus wie in einem Kinofilm mit Tonausfall. Doch diesmal bin ich dabei.<br />
Erstaunlicherweise fühle ich mich von den Bergen, die das Dorf umgeben, nicht eingeengt. Im Gegenteil: Sie bilden eine natürliche Grenze. Was dahinter ist, interessiert mich nicht; das Glück liegt in diesem Tal und je höher die Berge sind, desto besser ist es geschützt. Einziger Ausweg sind die Straße und die Eisenbahnlinie dem Bach entlang; wer die andere Richtung einschlägt, findet den Gletscher und die Ewigkeit. Gestern haben wir hier die Liebe gefunden; morgen fährt sie mit der Bahn in die andere Richtung davon. In ihrem schwarzen Rock, den sie heute in den Feldern getragen hat.<br />
Sie: Einsfünfundsechzig groß, schmale Hüften, kleiner Busen. Mit Wanderschuhen und Sonnenhut sieht sie aus wie Snoopy. Über ihrem rechten Pobacken befindet sich ein Muttermal; vielleicht könnte man noch welche tätowieren? Ihre Haare sind schwarz und reichen bis zum Kinn; ihre Haut ist weiß. Sie sagt bei jeder Gelegenheit, sie sei scheu und unscheinbar. Ob das Taktik ist? Ihre Geschichte hat sie mir nie erzählt. Sie sagte, sie hätte keine.<br />
Nach meinem Vortrag verließ ich das Gebäude und steuerte auf ein Café zu. Sie saß da, als hätte sie mich endlich gefunden. Das schmeichelte mir. So haben wir uns kennen gelernt. Den Abend verbrachten wir im Bergrestaurant beim Gletscher. Ich erzählte ihr, dass ich in den letzten Monaten gereist bin, um Vorträge zu halten; die letzten Stationen waren London, Paris, Lyon, Genf, Bern, Zürich und Chur.<span id="more-5004"></span>Du bist losgereist, weil sich deine Freundin umgebracht hat? fragte sie.<br />
Wie kannst du das<br />
Das war nicht besonders schwierig zu erraten.<br />
Aber das ist doch nicht<br />
Es liegt auf der Hand; du siehst ja schlimm aus.<br />
Ach, und deshalb<br />
Stimmt es etwa nicht?<br />
Natürlich stimmte es. Als ich eines Abends nach Hause kam, lag meine Freundin mit einem schwarzen Rock im Bett. Sie war bleich und ihre Atmung war flach. Die Ärzte konnten nichts mehr tun; der Abschiedsbrief lag auf meinem Kissen.<br />
Was hat sie geschrieben?<br />
Wie meinst du<br />
In ihrem Abschiedsbrief.<br />
Woher weißt du<br />
Dass sie keinen Sinn mehr sieht?<br />
Nein. Das Leben sei eine Reise der Verletzungen.</p>
<p>Sie hatte ihr Studium aufgegeben und kurz darauf ihren Job verloren. Sie sagte, dass es keine Arbeit für sie gebe, die sie glücklich mache. Wenige Monate nach ihrem Tod brach ich auf, um von Stadt zu Stadt zu reisen und Vorträge zu halten.<br />
Auch wenn ihr Tod nun schon lange zurückliegt, habe ich mit den Vorträgen nicht aufgehört. Warum, weiß ich nicht. Vielleicht aus Angst, mich irgendwo niederlassen zu müssen. Aus Angst, mich für eine Stadt entscheiden zu müssen.<br />
Dass ich bei meinen Reisen eine Frau wie sie treffen könnte, hätte ich nie erwartet. Und schon gar nicht in den Bergen. Es begann damit, dass ihr Löffel vor meinem Mund hin und her pendelte. Darauf lag ein Stück Tiramisu. Meinen Fruchtsalat nahmen wir dann in mein Hotel; ich legte Ringe um ihren Bauchnabel.<br />
Als ich am Morgen erwachte, wusste ich, dass alles wieder so war wie früher. Alle Hast war verflogen, unsere Seelenverwandtschaft ließ mich wieder ein ruhiger Mensch sein. Ich überlegte mir sogar, ob ich in diesem Dorf bleiben sollte. Vorerst allerdings im Hotel, denn zu ihr konnten wir nicht.<br />
Dann, nach unserem Spaziergang heute Nachmittag, war sie plötzlich verschwunden. Ich verließ das Hotel, um eine Zeitung zu kaufen. Es war inzwischen noch heißer geworden, die warme Luft schien mich in den Asphalt drücken zu wollen. Die Holzhäuschen, von der Sonne braun gebrannt, standen da, als würden sie gleich in Flammen aufgehen. Das frische Brennholz, bei dem ich vorbeikam, knackste und stöhnte. In einem Jahr wird es trocken genug sein, um verkauft werden zu können.<br />
Als ich zurückkam, sah ich Polizei- und Sanitätsfahrzeuge vor dem Hotel stehen. Alles war abgesperrt. Der Hoteldirektor kam auf mich zu, er war ganz bleich im Gesicht. Ich muss Sie bitten, gleich auf Ihr Zimmer zu gehen, sagte er. Er sprach von einem Verbrechen, der Portier sei ermordet worden, offenbar grundlos, es wurde nichts geraubt. Allfällige Hinweise von den Gästen seien schnellstmöglich der Polizei zu melden, spätestens aber bis morgen Nachmittag.<br />
Gibt es denn schon einen Verdacht?<br />
Wir wissen nur, dass es eine Frau ist.<br />
Eine Frau?<br />
Ja. Der zweite Portier sah einen schwarzen Rock hinter der Ecke verschwinden.<br />
Seltsam. Ich muss nachdenken. Vielleicht werde ich mich morgen melden.</p>
<p>Ich ging auf mein Zimmer und schloss die Tür. Ich öffnete den Schrank und breitete den schwarzen Rock – der früher meiner Freundin gehörte – auf dem Bett aus. Ich packte unsere Sachen. Morgen reist sie ab. In eine andere Stadt.</p>
<h6>2003 © Roman Graf</h6>
<h6><a href="http://www.romangraf.ch/">Roman Graf</a></h6>
</div>
]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>literaturpreis 2003</title>
		<link>http://www.isla-volante.ch/isla-volante-literaturpreis-2003/</link>
		<comments>http://www.isla-volante.ch/isla-volante-literaturpreis-2003/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 30 Jan 2003 18:18:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>-</dc:creator>
				<category><![CDATA[literatur]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://logbuch.isla-volante.ch/?p=5018</guid>
		<description><![CDATA[der isla-volante-literaturpreis 2003 geht an sabine imhof michspielen inspiriert durch simon froehling und das geht so: noch nie lippenstift getragen haben sich manchmal in schwule männer verlieben salat gerne warm essen und nudeln kalt ohne katze nicht einschlafen können mit der bettflasche ins kino gehen an chronischer verstopfung leiden zigaretten falsch herum anzünden lieber blind [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>der isla-volante-literaturpreis 2003 geht an sabine imhof</p>
<div id="post-43">
<h3>michspielen</h3>
</div>
<div>
<p><em>inspiriert durch simon froehling</em></p>
<p><em>und das geht so</em>: noch nie lippenstift getragen haben sich manchmal in schwule männer verlieben salat gerne warm essen und nudeln kalt ohne katze nicht einschlafen können mit der bettflasche ins kino gehen an chronischer verstopfung leiden zigaretten falsch herum anzünden lieber blind durch die welt laufen als eine brille tragen leben nie bereuen oliven nicht ausstehen können im supermarkt selbstgespräche führen die zehennägel zu schneiden vergessen weil sie so weit entfernt liegen ihn<span id="more-5018"></span> nicht wissen lassen dass man ihn mag zwischen büchern schlafen in flugzeugen testamente verfassen sich manchmal nach dem duschen noch schmutzig fühlen verlernen wollen wie man auf russisch sagt ich liebe dich weihnachtskitsch nicht kitschig finden moderne kunst nicht verstehen und nicht verstehen wollen öfters heimlich beten an geburtstagen ans sterben denken nackt sich nackt fühlen angst vor rutschbahnen haben sich von tauben aufs haar machen lassen geld und macht sexy finden und sich dafür schämen perfekte frauen aus zeitschriften reissen und sein wollen wie sie an sonntagen furchtbar traurig sein und nicht wissen warum sich einbilden krebs zu haben den geruch von sommerregen lieben und ihn immer verpassen krawatten tragen im nächsten leben truckfahrer werden sich selbst hin und wieder ohrfeigen oder ohrgefeigt werden von meerschweinchen traumatisiert sein winter auslassen wollen in der wut möbel zerstören das meer lieben aber nie hinfahren im winter sommerkleider tragen und sich über die kälte beklagen manchmal noch immer ins bett pinkeln von sonnenöl ausschlag bekommen schokolade nur im verborgenen essen heute auf morgen verschieben besser schreiben als reden schwächer sein als die anderen denken angst vor gespenstern haben von tampons blähungen bekommen gleichzeitig traurig und glücklich sein paris hassen tagsüber besser schlafen als nachts ein gefühl kennen das keinen namen hat george clooney heiraten wollen die eigene stimme nicht ertragen an wunder nicht glauben und trotzdem darauf warten stärker sein als die anderen denken erste graue haare entdecken zu enge hosen kaufen und hoffen dass sie im nächsten jahr passen einen kleinen zaubertrick kennen sich schwanger fühlen ohne sex zu haben einen grossen roman schreiben wollen und nicht können manchmal aus faulheit keine unterhosen tragen vor dem einschlafen an jemanden denken ein haar verbrennen weils so gut riecht pornofilme gucken und verleugnen öfters über die eigenen füsse stolpern leider schon länger keine gänsehaut mehr verspüren ewig fünfzehn sein wollen sich selbst den bauch streicheln liebesgedichte schreiben für männer die man nicht kennt achselhaare mit der pinzette ausreissen und schreien im schlaf immer den linken socken verlieren sich manchmal anna nennen weil anna schön klingt niemals mutter sein wollen einen pullover stricken und nie tragen manchmal vor dem schlafengehen frühstücken unbeabsichtigt frauen zuzwinkern rosen nicht romantisch finden fritten nur versalzen und mit essig mögen aus langeweile bücher rückwärts lesen schon sagen können vor zwanzig jahren den eigenen hintern irgendwie mögen geheimsprachen erfinden und hoffen dass jemand versteht.</p>
<h6>© sabine imhof</h6>
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		<title>literaturpreis 2002</title>
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		<pubDate>Wed, 30 Jan 2002 18:21:49 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[der isla-volante-literaturpreis 2002 geht an martin loosli adrian, kapstaad die beiden vergangenen tage, papa, war ich in einem dieser kleinen stadtparks. eukalyptus, kakteen, waschbeton. gruppierte gestalten. geschwätz, gesang, gekreisch. man kifft, man stept, man lacht. eine gestalt, sie lacht besonders herzlich, stellt sich mir in den weg, sie ist vorwiegend staubmantel, langärmel, aussentaschen. im gesicht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>der isla-volante-literaturpreis 2002 geht an martin loosli</p>
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<h3>adrian, kapstaad</h3>
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<p>die beiden vergangenen tage, papa, war ich in einem dieser kleinen stadtparks. eukalyptus, kakteen, waschbeton. gruppierte gestalten. geschwätz, gesang, gekreisch. man kifft, man stept, man lacht. eine gestalt, sie lacht besonders herzlich, stellt sich mir in den weg, sie ist vorwiegend staubmantel, langärmel, aussentaschen. im gesicht gelbe zähne, gelbe haut, gelbe haare.<br />
the fiddling st.struwwelpeterman.<br />
goldgelbe augen.<br />
ein mensch?<br />
BOLERO.</p>
<p><span id="more-5020"></span>wer ihn ins amerikanische übersetzt.<br />
die gestalt nimmt sich nicht die mühe, die hände aus den taschen hervorzuholen, ich stecke kleingeld in eine öffnung. ein nicken, ein knicken. der mensch, wenn es einer ist, kehrt zu seiner gruppe zurück, wegzoll erledigt. nun darf ich also ungeniert gaffen, den abend hier verbringen: ein jüngling unter pennern.<br />
unser tennisplatz ist nicht weit.<br />
unser tennisplatz ist sehr weit.<br />
zu meinem siebzehnten geburtstag, papa, wünsche ich mir von dir die zeit, die du niemals für mich aufbringen konntest, ich wünsche mir deine nachsicht, deine zuversicht, deine einsicht. alles andere habe ich bereits: tschetschenische kellervideos, singhalesische krabbenmoussejogurts, bretonische teerminiaturen, spiegelglas aus appletown.<br />
wo soll ich beginnen? bei den atommüllversuchen? bei den flüchtlingsbilanzen? beim ressourcenkonzept, bei der globalhygiene?<br />
beim slowmotionsuizid.<br />
unruhe kommt auf, die gestalten bewegen sich, neuankömmlinge werden begrüsst, gesinnungslinie “YESTERDAY’S FUTURE”. man umarmt sich, zerrt lebensmittel aus umhängebeuteln, pommes und pet. einige machen sich unter den oleanderbüschen zu schaffen, ein nachtlager entsteht. ein paar äste weggebogen, unauffällig. ein bisschen erdreich umgelagert, nicht zuviel. andere kasten lassen zement, sand schaufeln; gartenzäune, sickergruben zeitlebens. parasiten, weristderwirt.<br />
gestalten, weiss ich jetzt, essen nicht viel. kalorienlieferant ist der alkohol, dem park gegenüber wird im hinterhof einer bar gelegentlich schnaps und rotwein bereitgestellt, die gestalten bezahlen, indem sie tagsüber vor der bar nicht herumlungern. wollten wir das nicht schon immer? ein synergienfestival der umgekehrten art? ein selbstpotenzierendes entfaltungsbewusstsein der untersten milliarden? es ist wahr, es ist die liebe zum menschen, die uns an eine zukunft glauben lässt. an irgendeine.<br />
vogelscharen lärmen um die wette, wolkenflocken segeln in den abend, es scheint, die gestalten wollen sich irgendwo vergnügen, ihre bewegungen werden weicher, alles vervielfältigt sich in der abenddämmerung, wird lieblicher, die kunstlichtgepuderte silhouette eines dürren strauches genügt auf einmal, die trostlosigkeit eines maroden stadtviertels schätzen zu lernen.<br />
in einem anderen stadtteil, in der nähe eines anderen parks, wurde in einem universitätsspital die welterste herztransplantation vorgenommen. inszeniert, denn immerhin war die stadt einige stunden lang nabel des konservativen flügels der mundialfuturisten. das besondere: ein zusätzliches neurologenteam wurde eingeladen; die gelegenheit, den nachweis einer seelenaktivität zu erbringen, war zu verlockend.<br />
mich fasziniert diese heruntergekommene parkgesellschaft. alle heruntergekommenen gesellschaften faszinieren mich.<br />
wie hänschen.<br />
wie es horcht, okularversunken.<br />
wie es seinem dasein inhalt gibt.<br />
wie es zwischen freiheit und freizeit unterscheidet.<br />
wie es laub recht.<br />
irr.<br />
ein taubenpaar, fuchsrot beide, pickt brosamen aus dem kies vor mir, im blattwerk randaliert ein eichelhäher, eine der gestalten legt patience, den körper vor- und zurückgewiegt, ununterbrochen. ein anderer körper, andere hände gestalten am rande des weges mit kieselsteinen einen steingarten. form ist, was wird. das werk wird jeden morgen weggeharkt.<br />
an der peripherie des parks motoren strassensinfonien, ein dealer quert den asphalt, der parkaufseher plaudert, kann sein, mit seiner tante. scheinwerfer streichen über büsche, ihr licht gleitet wie fingerkuppen unter blatthüllen, wandert über kieswege, über mulden, über milchweiss fluoreszierende rasenflächen. dann, in den ampelpausen, kehrt das parklaternenlicht für einige momente zurück, doch stets, wenn sich die armee der halogenbalken abermals in bewegung setzt, beginnt das spiel erneut, legionen von schatten stürzen, rennen, rasen, fliegen quer.<br />
still werdende ereignisse. wirbel in strömungen entstehen langsam, papa, ihre veränderung ist nicht messbar, selbst dann nicht, wenn du die wassermenge tropfenweise steuern wolltest. erst hinterher und als ganzes lässt sich der neue strudel erfassen, sein wesen, seine veränderte position. vorher magst du sein werden erahnen, du magst seine entfaltung beobachten, doch der beginn der veränderung ist interpretationssache, und die intensität bestimmen weder du noch er selbst.<br />
reisen an ort.<br />
dem menschen wurde erlaubt, das rad zu erfinden. rund, seither, alles. nickelmünzen, kabelstränge, kanonenrohre. gestaltungsvorlage nach vorgabe. und eines tages die vermutung, da sei mehr. fortwährendes, handfestes. verbindlichkeit und sinn.<br />
erinnere dich. weiter. viel weiter, als du dir vorstellen kannst. da war ein klang, hörst du ihn? ein schwebendes versprechen, unbeabsichtigt und vage: die intonation der dämpfe. humide düsternis, das drohende licht des werdens. verschrecktes lauschen ist geduldiges lauschen. da, endlich, ein beben. ein beben im walde, ein seufzer am fluss. am schattenfluss? ein bildnis, nebelhaft und rastergleich. das wesen, das spätere, fordert nährstoff und unterstand, denn draussen gurgelt gelber schaum, wirbelt bunter qualm. etwas regt sich, in dir, fern von dir. du spürst du wirst, du spürst du bist, du hörst den ton, du siehst den ton, du siehst dich, der ton bewegt sich, du bewegst dich, er breitet sich aus, du breitest dich aus, er sieht dich, du siehst ihn, du siehst dich, du wankst du schwankst, du tränst, du verbindest dich, du bindest dich, du fokussierst die spur, du fokussierst dich: gegenwärtig.<br />
mein leben, dein leben. ein wettbewerb der verlegenheiten. ein tasten nach schlupflöchern. ankauf und verkauf von zuckerwatte. zuliefererindustrie als entwicklungsanimator. gelegentlich schaut dir der wunsch nach ofenwärme ins herz, was tust du dann? innehalten? danach? handeln, erneut? handeln bedeutet ozonloch.<br />
wie hänschen sich entfernt, von sinn und sinnen, in derselben geschwindigkeit, wie es sich der selbstzerstümmelung nähert.<br />
und wenn es erst am anfang stünde?<br />
der startschuss jetzt erst fiele?<br />
dem menschen wurde erlaubt, das rad zu erfinden, das tier zu schinden, das atom zu binden. soll ihm, auf einmal, verwehrt sein, das gen zu manipulieren? sein eigen mechanisch gut? braucht der mensch beine haar gedärm? braucht er ohren augen gläser? er sieht ja doch nichts.<br />
dereinst, papa, wird uns ein selbstgebasteltes knäblein mit strahlenresistenten hautzellen geboren. und? verdammnis hohn und ethik? kein wunsch nach standard, nicht bei nicht’ und neff’ und öhm? kein gedanke an weiterführende notwendigkeit, kein bedarf an metabolischer innovation? jaaberdann: wie artikuliert sich dein aufschrei, dein entsetzen, die rebellion?<br />
einst zog die krone mit dem dudelsack ins feld. uns ist die autodynamische kleinmütigkeit geblieben. die häme der neugierde.<br />
erinnere dich. ein molekül darf das feuer hüten. es darf seine beute auf dem leiterwagen heimkarren. es darf handel treiben, das protestantische etwas mehr. und sonst? homo sapiens, pubertierend. dass er mutwillig sein zimmer zerstört, die tapeten beschimpft, ins aquarium pinkelt, bedeutet nicht, dass er untauglich ist. es zeigt vielmehr den stand seiner suche, den grad seiner verwirrtheit, die intensität seiner hoffnung: hinter dem vorhang sei die luft frisch und unverbraucht.<br />
ein harmloses kerlchen, im grunde. galoppiert frei fromm fröhlich aus den federn, prüft situation und fügung, erstellt piktogramm und tabelle, hält ausschau nach zinnen, nach gewölk, nach neuem besteck: seiner chronologie eilt die zirkelspur der berechnenden voraus, doch den perfekten kreis gibt es nicht, es gibt die suche danach, gewiss, es gibt auch herausragende jäger, alle jahrhunderte einen, sie spielen nathan und spürhund in einem, doch was sie erlegen, sind kleintier, federvieh, knochen.<br />
vollmond, leermond. geschiebe, geröll. gartenlaube, kartenspiel, wacklige tische. schummriges licht. der blick: wandert. die iris: blitzt. auf der suche. auf der suche nach jenem ton, nach jener trauten verlorenheit, die einmal war. doch da ist wenig. beinahe nichts. flugstaub und bewegung, ein bisschen findigkeit, ein bisschen übermut. viel vermessenheit, biblische geschichte. hie ökokollaps, da dasselbe. dazwischen die flucht. die flucht nach vorn, in die manipulierbarkeit der dinge, des sächlichen. der gang auf stelzen, der sturz ins all. deine urgrosskinder, papa, werden sich für eine ausschliesslich mentale lebensart entscheiden.<br />
noch allerdings wird kräftig auf den kopf gehauen. noch mäandrieren wir in der geometrie der gitterstäbe, noch zelebrieren wir die gleichmütige abstinenz der taubblinden im banne des feuerwerks. noch streiten wir um verbale empfindlichkeiten, um korrekte interpunktion. daneben: transmissionspfahlbau im mitteilungswesen. die wut der unbewehrten, ahnungen mit pinselstrich und zungenschlag austauschen zu müssen.<br />
laufende evolution. der mensch: kreisrund in der silhouette, kugelförmig in der konvention. eingebettet in der hülle einer wortlosen übereinstimmung.<br />
wer traumlos lebt, papa, war niemals wach.</p>
<p><a href="http://www.martinloosli.ch/">martin loosli</a><br />
© martin loosli</p>
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