die gärten vor damaskus

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

„bitte, greif zu!“

milla reichte dem jungen ein stück frischen zwetschgenkuchens und setzte sich neben ihn, biss von ihrem stück ab und fragte:
„ich schmecke pflaumen, butterstreusel und die süße des zuckers – und du?“

„die gärten vor damaskus. den meiner großeltern. die pflaumenbäume darin, die süße der zwetschgen und die geborgenheit, die ich dort erfuhr.“
„du stammst also aus syrien?“

„ja, wie die zwetschgen. großvater erzählte, dass alle zwetschgenbäume dieser welt ihre eigentliche heimat in syrien haben.“

und das also, dachte milla bei sich, machte, dass ihr kleiner gast mehr als nur pflaumenkuchen schmeckte, wenn er von ihrem aß, und sich an heimkehr erinnerte. nach-hause-kommen, ein schönes gefühl. eines, nach dem man sich sehnt, wenn man in der fremde ist oder gar das eigene zuhause die fremde, in der man nicht bleiben mag. milla war hier zu hause. in ihrer pâtisserie, zwischen ihren torten, auf dieser insel. und in der erinnerung an eine unglückliche zeit.

sequenz 3 von 3 der serie milla cremeso

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bist du traurig?

milla

vom gartenzaun her grüßte ein junge. hatte die arme über den spitzen der haselstecken verschränkt und sein gesicht ruhte auf diesen braun gebrannten, dünnen armen. milla musterte ihn. dunkle hautfarbe, schwarze locken, kohlrabenschwarze augen. könnte zu diesen flüchtlingskindern gehören, die seit geraumer zeit im ort untergebracht waren. einige mit, andere ohne ihre eltern. vielleicht sieben jahre alt. woher nur beherrschte er ihre sprache?

„hm …“
milla war nicht nach reden zumute.

„ich komme, mich zu bedanken.“

„wofür?“

„den zwetschgenkuchen, den gespendeten.“

„war der gut?“

„köstlich! wenn ich davon abbiss und die augen schloss, war mir, als ob ich nach hause käme.“

seltsamer junge. über ihren pflaumenkuchen hatte milla noch niemanden so reden hören. sie bat den wunderlichen gast zu sich auf die stufen ihrer backstube, wo er bereitwillig platz nahm.

„ich habe noch welchen, magst du ein stück?“

leuchtende augen.

sequenz 2 von 3 der serie milla cremeso

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die insel

milla cremeso

milla cremeso lebt auf einer fliegenden insel. auf einer fliegenden insel? ja, eine insel mit leuchtturm, anlegestelle, möwen und meer – mit fischen darin und wolken darüber. irgendwie scheint alles dort in der schwebe zu sein und fliegt. menschengeist. gleitet mit fischen durch kühle tiefe und zieht unterm blau der himmelskuppel mit den wolken. oder auch andersherum. und, was es dort auch gibt, sind die legendären hochzeitstorten milla cremesos.

milla cremeso betreibt eine kleine konditorei, in der sie ihre kreationen zum besten gibt. ich las, das gerücht gehe um, einige menschen würden ihrer hochzeitstorten wegen heiraten, und, noch besser, dass dies auch wahr sei und der zauber der torte den beginn einer großen liebe stifte.

eines späten nachmittags saß milla betrübt in der hintertür ihrer pâtisserie auf den stufen zum hof. stützte das kinn auf die hände und betrachtete über den blühenden garten hinweg den see. den see, der das meer um die fliegende insel inspiriert hatte. dessen wellen wiegten das glitzernde spiel der tief stehenden sonne. still lag er da, die ruhe selbst.

milla sann ihrer ehe nach, die ihr, allem zauber der von ihr gefertigten torten zum trotz, alles andere als die erfüllung einer großen liebe gebracht hatte. in die brüche gegangen war.

sequenz 1 von 3 der serie milla cremeso

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milla cremeso

milla millefeuille

wenn du auf der isla volante bist, besuche unbedingt frau milla cremeso. sie betreibt eine kleine patisserie in volante. sie ist vor allem bestrebt, neben ihren klassikern immer wieder neue kreationen zu erfinden. eine spezialität sind ihre hochzeitstorten. es gibt das gerücht, dass mehrere hochzeiten nur wegen der lust auf ihre hochzeitstorten geschlossen wurden. glücklicherweise war der zauber und die verführung der torten so überwältigend, dass sie jeweils der anfang der grossen liebe waren. sicher kann man sich jedoch nicht sein, denn für ihre eigene hochzeit produzierte milla cremeso genau so eine verführerische torte, doch aus ihrer ehe wurde dennoch ein desaster.

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