einem neuen tag entgegen

ratur aquarell

wieder verschwand der kater und ließ ratur alleine zurück. der drehte sich auf dem sofa zur seite und schloss die augen. schwarz. was sonst? der ihn ausdachte, machte seine existenz am funktionieren seiner sinne fest und meinte, dass, würde er einst enden, alles enden würde in stille und dunkel. doch nicht einmal die, dämmerte ratur, würde es geben, müssten sie doch erst einmal gedacht sein, aus dem zu denkenden hervor gedacht.

die welt hatte sich, derweil ratur auf dem sofa gelegen hatte, weitergedreht. hatte sich nicht um ratur gedreht, dass der unverändert geblieben wäre, sondern hatte sich gedreht mit ratur auf ihr und in ihr eingeschlossen. die strahlen der aufgehenden sonne woben zunächst licht ins dunkel, dann farbe. allgemächlich fluteten licht und farben raturs zimmer, raturs welt, helligkeit sickerte durch seine geschlossenen lider. hob ihn aus dem nachtblauen sofa.

schweigend ging ratur in die küche, brühte einen kaffee auf. während er den kaffee schlürfte, die tasse in seiner rechten, betrachtete er seine linke hand. drehte und wendete sie. einerlei, ob er nun mensch war oder literarische gestalt, er bestand aus kleinsten teilchen, die sich zueinander und ineinander gefügt hatten, die er wahrnahm aus deren wechselspiel untereinander und dem mit seinen sinnen. aus impulsen, die entstanden aus seine nervenfasern entlangrasenden elektrischen entladungen, reflektierten photonen und deren einschlägen, deren rezeption. und unermesslich viel leerem zwischenraum. aus teilchen, von deren gehäufter aufenthaltswahrscheinlichkeit sich das manifestierte, was er körper nannte oder … die geschichte. seine geschichte. die, die ihn erzählte, und auch die geschichten, die aus ihm entstanden und aus der tatsache, dass sie in anderen welten als der seinen fortgeführt wurden.

wo, fragte sich ratur, wäre da platz für ein ich? ob das ich ein raum wäre, so wie eine geschichte ein raum ist, der erzählt sein will, zu ende erzählt, um sich zu erfüllen?

ratur schwieg. suchte seine siebensachen zusammen, zog die tür hinter sich ins schloss und ging die stiegen hinab zu seinem rad, das an der hauswand lehnte.

navigation der serie
sequenz 43 von 48 der serie ratur lites

text:

Sonja

schon dieser mehr als seltsame name: ratur!
diese wundersame filosofie!
jede menge denkanstoesse!
danke

21. November 2016 - 10:52

rittiner & gomez

@sonja: wir danken

21. November 2016 - 11:22

Bess

„wo, fragte sich ratur, wäre da platz für ein ich?“

Ja, immer die Frage, wo sitzt (verbirgt?) sich das Ich?
Hat das Ich eine Seele oder i s t es gar die unauffindbare Seele?

Und warum bin ich, trotz eines nichtbeweisbaren Ortes, überzeugt, dass ich bin, dass da ein Ich ist?

ratur nimmt sein Ich mit aufs Rad.

22. November 2016 - 13:40

rittiner & gomez

@bess: da ist guter rat teuer, oder ein gutes rad?

22. November 2016 - 14:29

Ludwig

@ bess – wie ein raum, wie eine geschichte, der erzählt sein möchte, zu ende erzählt, um sich zu erfüllen …

Ich mag deinen weiterführende Gedanken sehr! :)

Erinnerst du dich? http://springvogel.blogspot.de/2016/11/die-26-krahen-der-bess-d.html

23. November 2016 - 00:35

Bess

@ ludwig – jaja, die Krähen! Dein Text gefällt mir! Auch wenn es Sorrrgenvögel sind. Warte, abends, wenn die Familien sich sammeln, dann girren und gurren sie, was sich nach Lied und silbergrauen Träumen anhört.
Ich musste suchen, 2008. Hast du sie nicht auch gesprochen?
Sie wohnen auch an meinem neuen Ort und tauchen hin und wieder schwarz in Gedichten auf.

veränderte gewohnheiten

im wipfel ist nichts mehr los,
die krähen sind umgezogen.
sie sitzen zu zweien, ein wenig
zerzaust und schulter an schulter
ganz unten in ihrem baum. fast
könnte ich sie greifen vom bus-
fenster aus, wäre da nicht
das glas zwischen mir und ihnen.

der uhr wiederum ist das glas
abgesprungen, liegt irgendwo
in einer pflasterfuge, ungeschützt
wie die zeit. ihre spitzen zeiger
haken sich in gewebe, nehmen
fasern mit auf den kreisgang.
ich packe sie weg. und blicke wohl
jede stunde auf die leere stelle
am handgelenk.

bess dreyer
veröffentlich in WORTSCHAU

23. November 2016 - 22:42

reb.art via flickr

schön! :)
und was für eine Geschichte!!
„wo, fragte sich ratur, wäre da platz für ein ich? ob das ich ein raum wäre, so wie eine geschichte ein raum ist, der erzählt sein will, zu ende erzählt, um sich zu erfüllen?“ wundervoll!

24. November 2016 - 08:40

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