frau lot

skizze zeichnung frau lot

ich stamme aus dieser stadt; dort ging es hoch her;
manchmal blickte ich mich um und verstand sie nicht
sie waren in allem so laut
als hätten sie angst den tod zu verpassen

zwei engel die auf der strasse bleiben wollten
kämmten sich das haar mit ihren augen
sie hätten zähne wo andere ihren hunger versteckten
ihre arme suchten das licht in der nacht
sie verbargen ihre gesichter
als hätten sie angst man könnte auf die entfernungstaste drücken

mein mann sagte
kommt
wir bringen euch rein
dort wo ihr seid kann man nicht sitzen
man kann dort nicht einmal verbluten

ich kochte tabak
rieb ihn ein
ich meckerte mit den ziegen
die plötzlich verschwunden waren

ich sagte töchter
ihr habt keine namen
sie lachten und riefen
wir haben sie alle auf einmal in uns

die engel wurden bewirtet
am nächsten morgen legten sie ihre gesichter zu uns
sie sagten
du bist ein braver mann lot
mich sahen sie gar nicht an

ihr müsst weg von hier befahlen sie
sie befahlen es wie hilfsbedürftige befehlen
wenn ihnen etwas abhanden gekommen ist

mein mann rief uns zu
gehen wir und dreht euch nicht um

ich habe mich umgedreht
ich dachte mir nicht: dort war dein leben
ich fragte mich: wo wird dein grab sein

text:

Bess

Die Engel, die wollen mir gefallen. Und die Einladung der Gastgeber. Die Gastgeber, die wollen mir besonders gefallen.
Am meisten berührt mich der Mut der letzten Zeilen:

ich habe mich umgedreht
ich dachte mir nicht: dort war dein leben
ich fragte mich: wo wird dein grab sein

Mit dem Rücken zum Ziel nach der Zukunft fragen.
Oder ist es gar nicht Mut, der mich fasziniert? Ist es das Nichtwissen können und dennoch Fragen wagen?

Auf ein neues Leben! Mindestens: ein neues Jahr!

Bess

27. Dezember 2012 - 09:54

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