hinter dem horizont

ratur aquarell

eine ältere frau in weiß kam auf sie zu.

möchten sie nicht auch zu bett gehen, frau … – und dann folgte der name, mit dem man sie hier ansprach, der nicht mehr der ihre war, der sich verloren hatte aus ihrem erinnern.

niemand zu hause.

gerda?

ja. gerda. diesen namen hatte die mutter ihr gegeben, er war ihr vertraut. die mutter, in deren stimme immer von dem lag, was sie rufen ließ, das hatte sie immer sogleich erkannt. mal war es eine frage, dann wieder tadel, dann wieder angstvolles suchen, doch immer fand sie eine umarmung darin. gerda. beinahe ein schlüssel. der an einem band um den hals baumelt. die passende tür dazu …

gerda?

hm?

sie müssten doch eigentlich rechtschaffen müde sein nach so einem tag, gerda.

müde?

ja, müde. etwa nicht? wie war ihr ausflug ans meer?

sie schenkte ihrem gegenüber ein lächeln. eines von der art, das mit dem wind geht und sich hinterm deich verliert. so, wie ihr blick sich in einer ferne verlor, die wie das vergessen selbst noch weiter war als dass ein blick hätte hinüber gelangen können.

ich mag noch nicht schlafen gehen.

kommen sie, wir waschen uns, machen uns bettfertig und dann setzen wir uns noch eine kleine weile ins stationszimmer, bis die nachtschicht kommt.

das war rasch geschehen, ein nachthemd schnell gefunden und das liebgewonnene blaue kleid hing über dem stuhl, bereit für ein fernes morgen. kräutertee dampfte. das licht war mittlerweile gedämpft worden und die stille ging auf zehenspitzen zwischen sekundenzeigern und schnarchen über den flur.

wie war ihr ausflug ans meer, gerda?

gerda spielte in ihren locken, strich sich durchs haar und roch daran.

salz!

… hielt sie ihrem gegenüber die ausgestreckte rechte hin und fühlte sich auf seltsame weise wohl und blieb. blieb die, die sie war, wer auch immer. gerade so, wie auch das meer da war und blieb. mit seinem horizont, daraus schiffe auftauchen und darin verschwinden. wie der auch bleibt, wenn die flut sich dorthin zurückgezogen hat und die menschen sich hinauswagen auf den meeresgrund.

das riecht noch nach meer. dann war es ein schöner tag.

ich weiß es nicht.

wie fühlen sie sich?

gut.

dann war es ein schöner tag.

ja.

sie mochte den weichen klang der stimme, die gelassenheit, die sie verströmte. so hatte mutter ihr vorgelesen beim zubettgehen. das viertelstündchen, bevor das licht ausging. ein fernes segel. horizont. dahinter ihr erinnern. kein schiff vor anker, nur das vergessen, ihr vergessen, das anlandete und zerbrochene schneckenhäuschen vor sich her rollte. sich dann wieder zurückzog, immer wieder. das sich ausbreitete und wiegte bis zu der fernen linie, an der himmel und meer sich zu berühren schienen. ruhe breitete sich aus. vom flur her und aus dem klang der stimme ihres gegenübers, schmeichelte ihren sinnen. müdigkeit stieg auf.

gerda? wo sind ihre gedanken, gerda?

bilder erinnern. auch so eine art deich mit meer davor und einem menschen dahinter, der rad fährt. sie lächelte und schaute ihr gegenüber an auf eine art, die offen ließ, wem ihr blick galt – einem fernen irgend, dem freundlichen kopfnicken ihres gegenübers oder einer fernen galaxie.

möchten sie jetzt zu bett gehen, gerda?

kommen sie, es wird langsam zeit.

gerda?

gerda erhob sich mit der zurückweichenden flut und machte sich auf den weg zum horizont.

navigation der serie
sequenz 33 von 48 der serie ratur lites

text:

Dolphilia

Manchmal, in ebbenden Momenten endet der Horizont an der Bettkante…

19. September 2016 - 08:32

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