literaturpreis 2002

der isla-volante-literaturpreis 2002 geht an martin loosli

adrian, kapstaad

die beiden vergangenen tage, papa, war ich in einem dieser kleinen stadtparks. eukalyptus, kakteen, waschbeton. gruppierte gestalten. geschwätz, gesang, gekreisch. man kifft, man stept, man lacht. eine gestalt, sie lacht besonders herzlich, stellt sich mir in den weg, sie ist vorwiegend staubmantel, langärmel, aussentaschen. im gesicht gelbe zähne, gelbe haut, gelbe haare.
the fiddling st.struwwelpeterman.
goldgelbe augen.
ein mensch?
BOLERO.

wer ihn ins amerikanische übersetzt.
die gestalt nimmt sich nicht die mühe, die hände aus den taschen hervorzuholen, ich stecke kleingeld in eine öffnung. ein nicken, ein knicken. der mensch, wenn es einer ist, kehrt zu seiner gruppe zurück, wegzoll erledigt. nun darf ich also ungeniert gaffen, den abend hier verbringen: ein jüngling unter pennern.
unser tennisplatz ist nicht weit.
unser tennisplatz ist sehr weit.
zu meinem siebzehnten geburtstag, papa, wünsche ich mir von dir die zeit, die du niemals für mich aufbringen konntest, ich wünsche mir deine nachsicht, deine zuversicht, deine einsicht. alles andere habe ich bereits: tschetschenische kellervideos, singhalesische krabbenmoussejogurts, bretonische teerminiaturen, spiegelglas aus appletown.
wo soll ich beginnen? bei den atommüllversuchen? bei den flüchtlingsbilanzen? beim ressourcenkonzept, bei der globalhygiene?
beim slowmotionsuizid.
unruhe kommt auf, die gestalten bewegen sich, neuankömmlinge werden begrüsst, gesinnungslinie “YESTERDAY’S FUTURE”. man umarmt sich, zerrt lebensmittel aus umhängebeuteln, pommes und pet. einige machen sich unter den oleanderbüschen zu schaffen, ein nachtlager entsteht. ein paar äste weggebogen, unauffällig. ein bisschen erdreich umgelagert, nicht zuviel. andere kasten lassen zement, sand schaufeln; gartenzäune, sickergruben zeitlebens. parasiten, weristderwirt.
gestalten, weiss ich jetzt, essen nicht viel. kalorienlieferant ist der alkohol, dem park gegenüber wird im hinterhof einer bar gelegentlich schnaps und rotwein bereitgestellt, die gestalten bezahlen, indem sie tagsüber vor der bar nicht herumlungern. wollten wir das nicht schon immer? ein synergienfestival der umgekehrten art? ein selbstpotenzierendes entfaltungsbewusstsein der untersten milliarden? es ist wahr, es ist die liebe zum menschen, die uns an eine zukunft glauben lässt. an irgendeine.
vogelscharen lärmen um die wette, wolkenflocken segeln in den abend, es scheint, die gestalten wollen sich irgendwo vergnügen, ihre bewegungen werden weicher, alles vervielfältigt sich in der abenddämmerung, wird lieblicher, die kunstlichtgepuderte silhouette eines dürren strauches genügt auf einmal, die trostlosigkeit eines maroden stadtviertels schätzen zu lernen.
in einem anderen stadtteil, in der nähe eines anderen parks, wurde in einem universitätsspital die welterste herztransplantation vorgenommen. inszeniert, denn immerhin war die stadt einige stunden lang nabel des konservativen flügels der mundialfuturisten. das besondere: ein zusätzliches neurologenteam wurde eingeladen; die gelegenheit, den nachweis einer seelenaktivität zu erbringen, war zu verlockend.
mich fasziniert diese heruntergekommene parkgesellschaft. alle heruntergekommenen gesellschaften faszinieren mich.
wie hänschen.
wie es horcht, okularversunken.
wie es seinem dasein inhalt gibt.
wie es zwischen freiheit und freizeit unterscheidet.
wie es laub recht.
irr.
ein taubenpaar, fuchsrot beide, pickt brosamen aus dem kies vor mir, im blattwerk randaliert ein eichelhäher, eine der gestalten legt patience, den körper vor- und zurückgewiegt, ununterbrochen. ein anderer körper, andere hände gestalten am rande des weges mit kieselsteinen einen steingarten. form ist, was wird. das werk wird jeden morgen weggeharkt.
an der peripherie des parks motoren strassensinfonien, ein dealer quert den asphalt, der parkaufseher plaudert, kann sein, mit seiner tante. scheinwerfer streichen über büsche, ihr licht gleitet wie fingerkuppen unter blatthüllen, wandert über kieswege, über mulden, über milchweiss fluoreszierende rasenflächen. dann, in den ampelpausen, kehrt das parklaternenlicht für einige momente zurück, doch stets, wenn sich die armee der halogenbalken abermals in bewegung setzt, beginnt das spiel erneut, legionen von schatten stürzen, rennen, rasen, fliegen quer.
still werdende ereignisse. wirbel in strömungen entstehen langsam, papa, ihre veränderung ist nicht messbar, selbst dann nicht, wenn du die wassermenge tropfenweise steuern wolltest. erst hinterher und als ganzes lässt sich der neue strudel erfassen, sein wesen, seine veränderte position. vorher magst du sein werden erahnen, du magst seine entfaltung beobachten, doch der beginn der veränderung ist interpretationssache, und die intensität bestimmen weder du noch er selbst.
reisen an ort.
dem menschen wurde erlaubt, das rad zu erfinden. rund, seither, alles. nickelmünzen, kabelstränge, kanonenrohre. gestaltungsvorlage nach vorgabe. und eines tages die vermutung, da sei mehr. fortwährendes, handfestes. verbindlichkeit und sinn.
erinnere dich. weiter. viel weiter, als du dir vorstellen kannst. da war ein klang, hörst du ihn? ein schwebendes versprechen, unbeabsichtigt und vage: die intonation der dämpfe. humide düsternis, das drohende licht des werdens. verschrecktes lauschen ist geduldiges lauschen. da, endlich, ein beben. ein beben im walde, ein seufzer am fluss. am schattenfluss? ein bildnis, nebelhaft und rastergleich. das wesen, das spätere, fordert nährstoff und unterstand, denn draussen gurgelt gelber schaum, wirbelt bunter qualm. etwas regt sich, in dir, fern von dir. du spürst du wirst, du spürst du bist, du hörst den ton, du siehst den ton, du siehst dich, der ton bewegt sich, du bewegst dich, er breitet sich aus, du breitest dich aus, er sieht dich, du siehst ihn, du siehst dich, du wankst du schwankst, du tränst, du verbindest dich, du bindest dich, du fokussierst die spur, du fokussierst dich: gegenwärtig.
mein leben, dein leben. ein wettbewerb der verlegenheiten. ein tasten nach schlupflöchern. ankauf und verkauf von zuckerwatte. zuliefererindustrie als entwicklungsanimator. gelegentlich schaut dir der wunsch nach ofenwärme ins herz, was tust du dann? innehalten? danach? handeln, erneut? handeln bedeutet ozonloch.
wie hänschen sich entfernt, von sinn und sinnen, in derselben geschwindigkeit, wie es sich der selbstzerstümmelung nähert.
und wenn es erst am anfang stünde?
der startschuss jetzt erst fiele?
dem menschen wurde erlaubt, das rad zu erfinden, das tier zu schinden, das atom zu binden. soll ihm, auf einmal, verwehrt sein, das gen zu manipulieren? sein eigen mechanisch gut? braucht der mensch beine haar gedärm? braucht er ohren augen gläser? er sieht ja doch nichts.
dereinst, papa, wird uns ein selbstgebasteltes knäblein mit strahlenresistenten hautzellen geboren. und? verdammnis hohn und ethik? kein wunsch nach standard, nicht bei nicht’ und neff’ und öhm? kein gedanke an weiterführende notwendigkeit, kein bedarf an metabolischer innovation? jaaberdann: wie artikuliert sich dein aufschrei, dein entsetzen, die rebellion?
einst zog die krone mit dem dudelsack ins feld. uns ist die autodynamische kleinmütigkeit geblieben. die häme der neugierde.
erinnere dich. ein molekül darf das feuer hüten. es darf seine beute auf dem leiterwagen heimkarren. es darf handel treiben, das protestantische etwas mehr. und sonst? homo sapiens, pubertierend. dass er mutwillig sein zimmer zerstört, die tapeten beschimpft, ins aquarium pinkelt, bedeutet nicht, dass er untauglich ist. es zeigt vielmehr den stand seiner suche, den grad seiner verwirrtheit, die intensität seiner hoffnung: hinter dem vorhang sei die luft frisch und unverbraucht.
ein harmloses kerlchen, im grunde. galoppiert frei fromm fröhlich aus den federn, prüft situation und fügung, erstellt piktogramm und tabelle, hält ausschau nach zinnen, nach gewölk, nach neuem besteck: seiner chronologie eilt die zirkelspur der berechnenden voraus, doch den perfekten kreis gibt es nicht, es gibt die suche danach, gewiss, es gibt auch herausragende jäger, alle jahrhunderte einen, sie spielen nathan und spürhund in einem, doch was sie erlegen, sind kleintier, federvieh, knochen.
vollmond, leermond. geschiebe, geröll. gartenlaube, kartenspiel, wacklige tische. schummriges licht. der blick: wandert. die iris: blitzt. auf der suche. auf der suche nach jenem ton, nach jener trauten verlorenheit, die einmal war. doch da ist wenig. beinahe nichts. flugstaub und bewegung, ein bisschen findigkeit, ein bisschen übermut. viel vermessenheit, biblische geschichte. hie ökokollaps, da dasselbe. dazwischen die flucht. die flucht nach vorn, in die manipulierbarkeit der dinge, des sächlichen. der gang auf stelzen, der sturz ins all. deine urgrosskinder, papa, werden sich für eine ausschliesslich mentale lebensart entscheiden.
noch allerdings wird kräftig auf den kopf gehauen. noch mäandrieren wir in der geometrie der gitterstäbe, noch zelebrieren wir die gleichmütige abstinenz der taubblinden im banne des feuerwerks. noch streiten wir um verbale empfindlichkeiten, um korrekte interpunktion. daneben: transmissionspfahlbau im mitteilungswesen. die wut der unbewehrten, ahnungen mit pinselstrich und zungenschlag austauschen zu müssen.
laufende evolution. der mensch: kreisrund in der silhouette, kugelförmig in der konvention. eingebettet in der hülle einer wortlosen übereinstimmung.
wer traumlos lebt, papa, war niemals wach.

martin loosli
© martin loosli

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