literaturpreis 2004

der isla-volante-literaturpreis 2004 geht an roman graf

sie

von roman graf

Morgen reist sie ab. Heute sind wir noch durch die Felder gestreift, barfuß auf Kieswegen, um die Liebe besser zu spüren. Die Liebe ist wie ein Stein, sagte sie, warm an der Sonne, kalt in der Nacht.
Jetzt sitze ich im Café meines Hotels. Die Autos fahren geräuschlos; nur das Hupen bildet den Hintergrundsound zu meinem Tagtraum. Die Kreuzung sieht aus wie in einem Kinofilm mit Tonausfall. Doch diesmal bin ich dabei.
Erstaunlicherweise fühle ich mich von den Bergen, die das Dorf umgeben, nicht eingeengt. Im Gegenteil: Sie bilden eine natürliche Grenze. Was dahinter ist, interessiert mich nicht; das Glück liegt in diesem Tal und je höher die Berge sind, desto besser ist es geschützt. Einziger Ausweg sind die Straße und die Eisenbahnlinie dem Bach entlang; wer die andere Richtung einschlägt, findet den Gletscher und die Ewigkeit. Gestern haben wir hier die Liebe gefunden; morgen fährt sie mit der Bahn in die andere Richtung davon. In ihrem schwarzen Rock, den sie heute in den Feldern getragen hat.
Sie: Einsfünfundsechzig groß, schmale Hüften, kleiner Busen. Mit Wanderschuhen und Sonnenhut sieht sie aus wie Snoopy. Über ihrem rechten Pobacken befindet sich ein Muttermal; vielleicht könnte man noch welche tätowieren? Ihre Haare sind schwarz und reichen bis zum Kinn; ihre Haut ist weiß. Sie sagt bei jeder Gelegenheit, sie sei scheu und unscheinbar. Ob das Taktik ist? Ihre Geschichte hat sie mir nie erzählt. Sie sagte, sie hätte keine.
Nach meinem Vortrag verließ ich das Gebäude und steuerte auf ein Café zu. Sie saß da, als hätte sie mich endlich gefunden. Das schmeichelte mir. So haben wir uns kennen gelernt. Den Abend verbrachten wir im Bergrestaurant beim Gletscher. Ich erzählte ihr, dass ich in den letzten Monaten gereist bin, um Vorträge zu halten; die letzten Stationen waren London, Paris, Lyon, Genf, Bern, Zürich und Chur.Du bist losgereist, weil sich deine Freundin umgebracht hat? fragte sie.
Wie kannst du das
Das war nicht besonders schwierig zu erraten.
Aber das ist doch nicht
Es liegt auf der Hand; du siehst ja schlimm aus.
Ach, und deshalb
Stimmt es etwa nicht?
Natürlich stimmte es. Als ich eines Abends nach Hause kam, lag meine Freundin mit einem schwarzen Rock im Bett. Sie war bleich und ihre Atmung war flach. Die Ärzte konnten nichts mehr tun; der Abschiedsbrief lag auf meinem Kissen.
Was hat sie geschrieben?
Wie meinst du
In ihrem Abschiedsbrief.
Woher weißt du
Dass sie keinen Sinn mehr sieht?
Nein. Das Leben sei eine Reise der Verletzungen.

Sie hatte ihr Studium aufgegeben und kurz darauf ihren Job verloren. Sie sagte, dass es keine Arbeit für sie gebe, die sie glücklich mache. Wenige Monate nach ihrem Tod brach ich auf, um von Stadt zu Stadt zu reisen und Vorträge zu halten.
Auch wenn ihr Tod nun schon lange zurückliegt, habe ich mit den Vorträgen nicht aufgehört. Warum, weiß ich nicht. Vielleicht aus Angst, mich irgendwo niederlassen zu müssen. Aus Angst, mich für eine Stadt entscheiden zu müssen.
Dass ich bei meinen Reisen eine Frau wie sie treffen könnte, hätte ich nie erwartet. Und schon gar nicht in den Bergen. Es begann damit, dass ihr Löffel vor meinem Mund hin und her pendelte. Darauf lag ein Stück Tiramisu. Meinen Fruchtsalat nahmen wir dann in mein Hotel; ich legte Ringe um ihren Bauchnabel.
Als ich am Morgen erwachte, wusste ich, dass alles wieder so war wie früher. Alle Hast war verflogen, unsere Seelenverwandtschaft ließ mich wieder ein ruhiger Mensch sein. Ich überlegte mir sogar, ob ich in diesem Dorf bleiben sollte. Vorerst allerdings im Hotel, denn zu ihr konnten wir nicht.
Dann, nach unserem Spaziergang heute Nachmittag, war sie plötzlich verschwunden. Ich verließ das Hotel, um eine Zeitung zu kaufen. Es war inzwischen noch heißer geworden, die warme Luft schien mich in den Asphalt drücken zu wollen. Die Holzhäuschen, von der Sonne braun gebrannt, standen da, als würden sie gleich in Flammen aufgehen. Das frische Brennholz, bei dem ich vorbeikam, knackste und stöhnte. In einem Jahr wird es trocken genug sein, um verkauft werden zu können.
Als ich zurückkam, sah ich Polizei- und Sanitätsfahrzeuge vor dem Hotel stehen. Alles war abgesperrt. Der Hoteldirektor kam auf mich zu, er war ganz bleich im Gesicht. Ich muss Sie bitten, gleich auf Ihr Zimmer zu gehen, sagte er. Er sprach von einem Verbrechen, der Portier sei ermordet worden, offenbar grundlos, es wurde nichts geraubt. Allfällige Hinweise von den Gästen seien schnellstmöglich der Polizei zu melden, spätestens aber bis morgen Nachmittag.
Gibt es denn schon einen Verdacht?
Wir wissen nur, dass es eine Frau ist.
Eine Frau?
Ja. Der zweite Portier sah einen schwarzen Rock hinter der Ecke verschwinden.
Seltsam. Ich muss nachdenken. Vielleicht werde ich mich morgen melden.

Ich ging auf mein Zimmer und schloss die Tür. Ich öffnete den Schrank und breitete den schwarzen Rock – der früher meiner Freundin gehörte – auf dem Bett aus. Ich packte unsere Sachen. Morgen reist sie ab. In eine andere Stadt.

2003 © Roman Graf
Roman Graf

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