literaturpreis 2007

der isla-volante-literaturpreis 2007 geht an markus a hediger

Irgendwo zwischen Alpha und Omega

von markus a. hediger

Schon wieder?

Tja.
Wieder, wieder ein Text, der dasselbe abhandelt. Abkanzelt. Durchdekliniert. Es gibt – bedenke! – nur eine beschränkte Anzahl von Deklinationsformen und du hast sie bereits alle durch, deshalb frage ich ja: Schon wieder?
Tja…
Ist das alles? Das ist dürftig, mein Freund.
Von Wort zu Wort hangelt man sich durch das Wörterbuch, bringt es durcheinander, macht Sätze draus, setzt einen Punkt, dahinter es weitergeht. Wenn man Glück hat, wird daraus eine Enzyklopädie.
Geschichten wären mir lieber.

Der dunkle Engel auf seinem Ross biegt sich vor Lachen. Er steht an der Startlinie, die Zügel straff in der Hand. Bald geht die Sonne auf. An seiner Zahl wird man ihn erkennen. Bald geht es los. Das Ende naht. Ich bin sein Geschöpf, erschaffen, um das Ende herbeizuführen. Mir gehen die Worte aus. Doch noch gebe ich mich nicht geschlagen. Ich wiederhole mich. Das ist besser, als zu verstummen. Ich liebe den Klang meiner Stimme, ich liebe die Worte, die mir über die Lippen kommen. Noch bin ich nicht am Ende. Auch wenn ich mich wiederhole. An der Ziellinie wartet bereits der Teufel.

Was kann ich dafür, wenn die Muse, die mich küsst, immer dieselbe ist? Du weisst doch, wie das ist: Irgend wann weiss man, wie der Kuss sich anfühlen wird, noch bevor du ihren Atem durch die leicht geöffneten Lippen spürst.
Das liegt nicht nur an ihr. Für eine Beziehung braucht es immer zwei.
Tja.
Such dir eine andere.

Vom Engel auf dem hohen Ross ist Hilfe nicht zu erwarten. Er will mein Ende. Also wende ich mich an den Teufel. Anders als der Volksglaube nahelegt, interessiert sich der Teufel nicht für den Menschen. Es wird nach dem Ende keinen Kampf um ihre Seelen geben. Die Erde ist ihm eine Last, der Mensch ihm Langeweile, weil das Leben immer auf die gleiche Weise endet. Lasst euch was einfallen! In der Hölle geht es lustiger zu und her! Da sind Heulen und Zähneklappern! Der Teufel gähnt, als er mich sieht. Doch als ich ihm von meinem Leid erzähle, kullert eine Träne aus seinem Auge und kühlt die fiebrige Haut.

Ich sage dir das nur, weil ich den Engel mit seiner siegesgewissen Arroganz nicht ausstehen kann. Das Ende muss kommen, glaubt er, weil jeder Mensch ein Ende hat. Er sollte nachdenken und nicht alles glauben, was man ihm aus zweiter Hand erzählt. Als ich ihm einen Tee in den Sattel reichte, um seine Wartezeit zu verkürzen, suchte ich das Gespräch mit ihm, doch der Engel spricht nicht mit Gefallenen. Das Geheimnis des Lebens ist das einzige, was mich noch auf der Erde hält. Es besteht Hoffnung, sagt der Teufel. Entschuldige meine Neugier.

An dem Werk, das du hinterlässt, wird man dich messen. Was du bislang vorzuweisen hast, ist eine einzige Wiederholung. Es lässt sich mit einem Linear, das jeder Schüler in seinem Ranzen trägt, bequem ausmessen. Was du hinterlässt, ist nicht viel.
Ich habe den ersten Kuss nie vergessen. Ich konnte ihn nie vergessen, da alle Küsse, die auf den ersten folgten, diesem ähnlich waren.
Ist denn gar kein Stolz hinter diesen deinen blinden Augen?
Ich habe Ohren, die hören.
Sie hören immer dasselbe!
Tja…

Der Teufel nimmt mich an der Hand und führt mich von der Ziellinie weg. Der Engel soll nicht hören, was ich dir zu sagen habe. Weshalb nicht? Er soll nicht wissen, weshalb das Ende noch nicht kommt. Du wirst den Endspurt verpassen! höre ich den Engel aus der Ferne rufen, doch müde gähnt der Teufel nur.

Du hast doch eine Tochter.
Ja. Und meine blinden Augen glühen.
Stell dir vor, sie hiesse nicht Isabella.
Das kann ich nicht.
Stell dir vor, sie hiesse Julia.
Das kann ich nicht.
Stell’s dir vor!
O mein Gott…
Wenn du unbedingt meinst…

Das Leben, das Isabella haben wird, ist ein anderes als jenes, hiesse sie Julia. Wer spricht, glaubt an die Macht der Sprache. Wir vermuten, hoffen, bangen, dass wir verstanden werden. Einge von uns wissen, dass die Wortwahl den Fortgang des Redeschwalls bestimmt. Die Sprache folgt ihren eigenen Regeln. Ändern wir ein Wort, ändern wir die Geschichte, die es erzählen wird. Wir kennen den Ausgang der Geschichte nur, wenn wir uns wiederholen.

Das ist das Geheimnis?
Weshalb hast du deine Tochter Isabella genannt?

Gähnend schlurft der Teufel an die Ziellinie zurück. Nicht, dass das Ende ihn interessierte. Er weiss ja nicht einmal, ob es überhaupt kommen wird. Aber der Engel auf seinem Ross ist auf ihn angewiesen. Ohne den Teufel wäre die Warterei unerträglich. Des Teufels Gegenwart hält die Vorfreude wach. Erzähle mir eine Geschichte, sagt der Teufel. Der Engel erzählt vom Letzten Gericht und lacht. Du wiederholst dich, sagt der Teufel. Wieder geht die Sonne auf und nichts geschieht. Der Teufel blickt auf die Nummer am Engelssattel und grinst still in sich hinein.

Du hast deine Seele an den Teufel verkauft?
Meine Seele interessiert ihn nicht.
Wenigstens wiederholst du dich nicht mehr.
Tja.
Aber deine Texte gefallen mir noch immer nicht.
Ich muss noch üben. Ich stehe erst am Anfang. Doch jetzt muss ich abbrechen. Isabella ist aufgewacht.

2007 © markus a. hediger

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