literaturpreis 2011

darja stocker

der isla volante literaturpreis 2011 geht an darja stocker

micha

von daria stocker

Ich bin tot oder blind. Sand klebt am Fenster und verdeckt mir die Sicht auf das Meer, den Hafen. Der Sturm ist also bis ans Ende der Wüste gekommen. Wie ich hierher komme, wo die andern sind?

Ihr Langzeitgedächtnis ist zufriedenstellend, das Kurzzeitgedächtnis – abwarten, sagt die Frau im weißen Kittel, die meinen Puls misst. Sie erzählt, dass mein Vater hier gearbeitet hat. In der Abteilung Herz/Lunge. Er könnte jetzt bei mir sitzen, die Hand auf meiner Schulter, meine Brust abhören, mich fragen, ob es schon besser geht. Vor genau vier Monaten ist er in Pension gegangen. Er hat nicht das Schiff zurück nach Europa genommen, sondern den Bus zu einem großen See Richtung Süden. Ob ich nicht in dieser Gegend nach ihm suchen wolle. Dort war ich. Ich habe ihn nicht gefunden. Und jetzt. Wieder hier. In der Hafenstadt, von der ich vor zwei Wochen so froh war abzureisen. Weg von den aufgeplatzten Schiffsbäuchen, den Geiern, die ihre Nester auf rostigen Masten bauen. Dem Gestank von Tonnen trüber Fischaugen, auf den Beton gekippt. Hier die Erstickenden, hier die Toten. Weiße Grabkreuze zwischen Pet Flaschen. Die fliegenden Plastiksäcke und die Wäsche an den Leinen zwischen den Häusern, die einzigen Flecken Farbe. Ich habe versucht, sie fest zuhalten. All diese Dinge, die nichts miteinander zu tun haben. Endlich Menschen zeichnen. Sie bewegen sich in Gruppen, ihr Ziel ist dasselbe, aber kein gemeinsames. Ich konnte nicht erkennen, was zwischen ihnen war. Außer ein paar eng geschnürten Kleider- bündeln. Ich bin mit demselben Bus um dieselbe Uhrzeit gefahren wie mein Vater. Nach Stunden stieg ich als Einziger aus.

Schon nach den ersten Schritten in die Wüste verfliegt die Übelkeit. Als nach Stunden noch keine Landschaft beginnt, bleibe ich stehen. Nicht aus Erschöpfung. Alles, was vor mir liegt, flimmert. Die Konturen zusammengeklappt. Kein Leben mehr, nirgends, noch nie der Himmel so riesig. Das Licht, als ob mehrere Sonnen gleichzeitig scheinen. Ich frage mich zum ersten Mal, ob ich umkehren soll, ob sich das alles gelohnt hat. Aber wohin zurück. Und dann sagen: Ich habe ihn nicht gefunden. Ich weiß, es kann nicht mehr weit sein. Der Kompass an meinem Arm – ich sehe nicht hin. Wenn mein Vater wirklich dort ist, mein Vater, der Arzt, was soll ich ihm sagen? Was ich allen sage: Ich bin kein Tourist, ich bin Maler mit Stipendium. Ich habe ein Bild angefangen von mir und meinem Vater. Wenn ich ihn finde, kann ich es fertig malen.

“Die Auswirkung ein und derselben Katastrophe hängt davon ab, wie verwundbar der Mensch ist, den sie betrifft und welche Handlungsmöglichkeiten er hat, sich und seine Umgebung wieder aufzubauen.“ Das hat er gesagt. Mehr weiß ich nicht von ihm. Dann steht Zamu vor mir, nimmt mir den Kanister ab. Er wusste, dass ich komme. Die Wüste ist ein Dorf. Über wen man nicht spricht, der ist tot. Ich weiß, wen du suchst, sagt Zamu. Wir kommen zum Fluss. Das Licht hat gewechselt. Ich kann wieder atmen. Vor der Hütte sitzt ein alter Mann. Die Narben in seinem Gesicht kreuzen sich wie Pfade im Sand. Es ist Zamus Vater, der Geschichtenerzähler. Sie zeigen mir die Matte, auf der mein Vater schlief, bevor er aufbrach. Zu einem Kranken ins Nachbardorf oder hinunter zum See, “weil er allein sein wollte”. Ich lege mich in seinen Abdruck und warte.

Der Textausschnitt ist ein Monolog aus meinem neusten Stück “Zornig geboren”, uraufgeführt am Maxim Gorki Theater Berlin in der Regie von Armin Petras

©darja stocker

text:

punk.t

gratuliere der preisträgerin! das inselleben wird täglich bunter, spannender, dramatischer, (schau-)spieliger & theatralischer.

2. Februar 2011 - 17:26

reto

herzliche gratulation.
wann kommt die erste uraufführung auf der isla volante?

2. Februar 2011 - 17:51

Sammelmappe

Herzlichen Glückwunsch!

2. Februar 2011 - 17:59

etkbooks

auch von uns: herzlichen glückwunsch!

2. Februar 2011 - 19:37

eukapirates

alles beste zum preis und viel spaß auf der insel :-)

3. Februar 2011 - 00:28

rittiner & gomez

wir freuen uns mit ihnen?

3. Februar 2011 - 11:05

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