literaturpreis 2014

marianne vogel kopp

der isla volante literaturpreis 2014 geht an marianne vogel kopp

michelle und konrad

„ich hol‘ noch meine sachen aus dem bad, dann bin ich weg.“ michelle stellt ihren rollkoffer neben die wohnungstür.

„einen letzten kaffee?“

„ich bin spät dran. und das essen war derart üppig … ich bringe nichts mehr hinunter.“

konrad stellt sich mit verschränkten armen vor michelle hin. „du meinst doch nicht im ernst, dass ich dich jetzt einfach so gehen lasse?“

„mein zug geht in einer halben stunde.“

„dann …“, er streichelt ihren hals und fährt mit dem zeigefinger dem ausschnitt ihrer bluse entlang, „bleiben uns wenigstens noch zehn minuten.“

„wozu?“

„ich fasse es nicht, michelle. sind wir uns wirklich erst vor zwei tagen begegnet?“

„freitagabend. brasserie am bahnhof.“

„ich sass einer frau mit wunderschönen händen gegenüber…“

„… die völlig entnervt versuchte, ihre freundin anzurufen.“

„und feststellen musste, dass sie versetzt worden war …“

„abends um zehn. in einer fremden stadt.“

„und vis-à-vis ein kerl, der mit unaufdringlicher miene fragt …“

„… benötigen sie eine alternative?“

„nicht meine art, so vorzupreschen …“

„und nicht meine art, mich so spontan einzulassen …“

„aber du hast es getan.“ konrad versucht sie zu umarmen.

michelle stösst ihn von sich. „du auch.“

„bereust du es?“

„was?“

„dass uns das schicksal zusammengeführt hat?“

„ich bereue höchstens, dass ich beim fünfgangmenu heute jede zurückhaltung verloren habe.“

„danke, dass du mitgekommen bist.“ konrad grinst. „ich hin noch nie in begleitung an einem familienfest erschienen. und ausgerechnet zum sechzigsten meines vaters verblüffe ich alle mit einer so perfekten frau …“

michelle wehrt auch seinen nächsten annäherungsversuch energisch ab. „du hast eine interessante familie.“

„aber der einzige sohn bereitet ihr sorgen. nicht die geringsten anzeichen männlicher verantwortung. keine partnerin in sicht … der enkeltraum in der schwebe. hoffnungslos bisher … aber nun … eine kultivierte, charmante michelle.“

„traum aller schwiegermütter …“

konrad wird ernst. „meine mutter hat mich am meisten erstaunt. wie hast du sie nur so schnell aus der reserve gelockt? zuletzt habt ihr sogar die köpfe zusammengesteckt. es sah aus, wie wenn zwei freundinnen geheimnisse austauschen.“

„und du wüsstest nun zu gern, welche?“

„es ging wohl um mich …“

„aber sicher.“

„und?“

„du hast richtig bemerkt: geheimnis …“

„soll ich dir mein geheimnis verraten?“

michelle wirft einen blick auf ihre uhr. „nur wenn es nicht länger als zwei minuten dauert.“

„michelle, ich bin hin und weg von dir. du stehst zwar reisefertig da … aber ich weiss nur eins: dass ich dich nicht gehen lassen will. nie mehr.“

„konrad … lass die grossen gefühle. es war schön. besonders … das gebe ich zu. aber es ist vorbei.“

„du … noch nie hat mich eine frau derart mit haut und haaren angezogen. ich möchte mehr von dir. alles …“

„ich muss wirklich los.“

„warum zeigst du mir die kalte schulter? das nehm‘ ich dir nicht ab.“

„du bist wunderbar, konrad …“

schon gleitet ein lächeln über sein gesicht.

„… wunderbar ahnungslos. lass mich jetzt bitte hinaus.“ sie schiebt ihn sanft beiseite und öffnet die tür.

„aber, michelle …“

auf der schwelle wendet sie sich um: „ich heisse nicht michelle. ich heisse regula.“

„regula? … was wird hier gespielt?“

„willst du es wirklich wissen?“

„ja …“

„begleitservice … engagieren sie eine studentin für ein wochenende. all inclusive.“

„du? … aber … wer hat dich denn …?

„ein indirektes geschenk für deinen vater zum geburtstag. deine mutter fand, du solltest in begleitung kommen.“

konrad sackt in sich zusammen und lehnt sich rückwärts an den türrahmen. „so steht das also …“

die junge frau bewegt sich auf den lift zu, zögert, dreht sich um und blickt ihn stumm an.

konrad macht einen schritt auf sie zu. die lifttür öffnet sich.

sie tritt ein und bevor die schiebetür zugleitet, sagt sie noch: „ich heisse regula, regula venetz.“

 

© marianne vogel kopp

text:

sascha

herzliche gratulation!!

11. Juli 2014 - 08:50

marea

gratulation!

es gibt also immer eine lösung.

11. Juli 2014 - 09:23

p.unkt

es lebe der isla-volante-literaturpreis! gratulation!

11. Juli 2014 - 15:22

reto

gratulation! werde diese geschichte meiner mutter zum lesen geben.

11. Juli 2014 - 17:29

r&g

@reto: dann viel glück.

11. Juli 2014 - 20:01

Miller

Sehr schöner Text mit einer spannenden Wende und eine perfekte Gesellschaftsstudie.
Alles ist käuflich ……und Missbrauch an der Tagesordnung!
Die Mutter missbraucht die Gefühle ihres Sohnes um ihrem Gatten ein „Geschenk“zu machen!
Ich frage mich, was ist Literatur heute…????

Gratulation Christa

15. Juli 2014 - 10:10

Ulli

konrads sind die jakobs von heute?

herzlichen Glückwunsch und ich freue mich auf mehr …

15. Juli 2014 - 11:40

r&g

@miller christa: das alles käuflich sein soll, liegt kaum an der literatur, oder an denen die es benennen.

und hier scheinen ja mal alle mehr oder weniger glücklich damit zu sein.

15. Juli 2014 - 14:08

Miller

Nein da ist nicht die literatur schud!?
War auch nicht so gemeint! lies nochmals.

15. Juli 2014 - 20:59

r&g

@miller christa: wir sind leider langsam leser und noch langsamere versteher.

15. Juli 2014 - 21:26

Miller

Alle mehr oder weniger glücklich?
Konrad: sackt in sich zusammen……
Mutter: ist sie nicht im nachhinein vielleicht doch unsicher ob es das richtige Geschenk war?
Der Vater, mit seinem ertrogenen Geschenk glücklich? Der Enkeltraum ….
Die Geschichte wird ein nachspiel haben……ein gutes?
Soviel zu:alle scheinen mehr oder weniger glücklich….

16. Juli 2014 - 07:34

Miller

@ r&g eine letzte frage:
was ist die botsschaft des textes?
Wie begründet sich der „lireraturpreis“

16. Juli 2014 - 07:49

r&g

@miller christa: über die botschaft des textes wollen und können wir nichts sagen.
der literaturpreis der isla volante entstand aus liebe zu texten und autorinnen. da es schon überall um kampf und wettbewerb geht, muss man sich für den preis nicht bewerben, noch kann man ihn sich verdienen. die jury ist aber das ganze jahr immer auf der suche nach texten und autorinnen, aber auch wir als logbuchbetreiber, sehen da nicht durch, wie entschieden wird.

zum glück, ja das ist auch so eine sache wo wir nicht durchschauen.

16. Juli 2014 - 13:45

sascha

genau das richtige für die isla volante, gratulation!

17. Juli 2014 - 10:28

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