reisestipendium
des kantons bern für bildende kunst und architektur 2007
” sonderfall normalität”
martin loosli juli 07
melilla!
flammendes orange über der stadt, dunkles türkis am himmel, dazwischen die transparenz des alls.
möven lachen schrill, umkurven das dach des hotels, meinen balkon. ich blicke auf ein vorchristliches festungsgemäuer, das in diesen jahren mit viel eurogeld rekonstruiert und renoviert wird. an dessen westseite, über die strasse, neue terrassenwohnbauten. auch sie eine festung, kein unbefugtes hineinkommen, hübsche schmiedeiserne zäune, die zufahrtstore aus stahlblech.
strassenlärm, später die ruhe der siestastunden.
erste spaziergänge ufern zu stadtwanderungen aus.
moslems, hindus, juden, christen: sie alle leben miteinander und aneinander vorbei, die hierarchie ist offensichtlich, am sonntag gehört die promenade den christen. doch dann, wochentags, überall kopftücher und burnusse, vierzigtausend marokkanische tagesaufenthalter strömen täglich hierher, ein teil fährt in überfüllten bussen ins zentrum, arbeitet als putzpersonal, kellner, handwerker, hilfsarbeiter. oder einfach als bettler, als strassenverkäufer. dazu kommen jene hundertschaften, welche die müllcontainer nach verwertbarem durchstöbern oder jene jugendlichen, die als autowascher wirken: während ihre europäischen altersgenossen sport treiben und eine ausbildung erhalten, hantieren sie mit lappen und schwamm, das wasser holen sie in grossen farbeimern aus öffentlichen brunnen.
melilla, spanische exklave auf afrikanischem kontinent, siebzigtausend menschen auf zwölf quadratkilometern: europas südgrenze. ein gewaltiger metallwall umgibt die stadt, die dichte maschendrahtanlage rastert die sicht kilometerweit, keine maus wechselt hier die seiten. elegantes silbernes ungetüm, das sich träge durch marokkos grüne hügel schlängelt. so würde man den zaun gerne beschreiben, trüge er nicht die gestik der zurückweisung in sich, die tragik der ausgrenzung.
melilla hatte seit je den charakter einer befestigungsanlage. höhlenartige schutzbauten für mönche und soldaten auf einem strategisch vorzüglich gelegenen felsen; erweiterungen über jahrhunderte, verfeinerungen, zeitlos, zielbestimmt. die machtkämpfe der kolonialisierung sind in vollem gange, spanien setzt auf zivilisation, ein beinahe kolossaler park entsteht, bedeutende architekten wirken im staub der militärparaden, bis der zweite weltkrieg sagt: schluss damit, soldaten brauchen keine klospülung. später radiowellen als nabelschnur zum generalstab in madrid, die festung weitet sich weiter aus, friedlich, doch kontinuierlich: kongress-türme in der hafenzone, feine architektur wiederum, man expandiert, man markiert, und seit dem schengen-abkommen sind ultralicht und laserblitz mit im spiel. der kolonialismus, nun brüsselbestimmt, hatte gar nie die absicht, sich zurückzubilden.
draussen vor der stadt eine hochebene, kasernen, ein altes fort, ein pinienwäldchen im naturschutzgebiet. der taxifahrer, der mich hinbringt und stunden später abholt, heisst nordin. er ist jung und freundlich, arabische melillanerfamile seit generationen. ich durchlöchere ihn gnadenlos mit fragen, wir schwatzen über religion und toleranz, über armut und globalisierung. und über grenzen. über überwindbare, fiktive, vorurteilshafte; über eigene und angeeignete. er gibt sich mühe, sich einfach auszudrücken, fährt mich an orte, die ich ohne ihn nicht entdeckt hätte.
er persönlich, beginnt er, habe eine völlig andere einstellung zur religion als zum beispiel sein vater. sie hätten deswegen oft meinungsverschiedenheiten. er trage auch keinen bart und seine mutter habe kaum je ein kopftuch getragen, er verstehe den wirbel um diese äusserlichkeiten nicht. zudem findet er die vielen glaubensrichtungen übertrieben; die wörter “sekten” und “fanatismus” fallen.
es ist wahr, sagt er, wir produzieren nichts. militär, öffentliche verwaltung, banken, dienstleistungen. zollbeamte, sicherheitsspezialisten. man verdient hier ein drittel mehr als auf dem festland. weil man wie abgeschnitten lebt? – “ja”, sagt er, “irgendwie. wir sind eine art vorposten, wir exponieren uns!”
jetzt, da ich dies schreibe, denke ich an die parlamentarische dreierdelegation des deutschen bundestages, die in melilla weilte. gespräche mit zoll und verteidigung, orientierung in sachen südliche eurogrenzen, überblick und zusammenfassung: so will es die tagesordnung. ich hatte, sufistisch gesehen, an diesem vormittag die bestimmung, mich mit meinem künstlerausweis an der wache des parlamentsgebäudes vorbeizumogeln und im journalistengros fotos schiessen zu dürfen, schnurrbärte über weissen zähnen. die gespräche, denke ich, werden die migration berührt haben, und auch die einwüstung der sahelzone könnte ein thema gewesen sein, ebenfalls die televisionistischen verlockungen, die den leicht- bis schwerstverzweifelten aller afrikanischen entwicklungsstufen aufgedrängt werden. die delegation, heisst es, wird anderntags nach casablanca reisen, dort wird es um den wert einer nachbarschaftlichen dienstleistung gehen: um geld.
ich stehe im pinienwald und schaue durch den zaun nach marokko. armeegruppenzelte, verschwommen. zu den hügeln hin ausgetretene pfade, soldaten in freizeitanzügen. ihnen ist der mond näher als jede disco. diesseits kein mensch. ich knipse, wandere, knipse, erschrecke einen wachhund aufs tiefste und grüsse die “guardia civil” aufs freundlichste. jegliches fotografieren ist verboten, bestätigt mir zwei tage später manuel carnera, der direktor der staatlichen kunstschule: “normalerweise geht‘s ab in die stadt, zu irgendeiner registratur”.
“einst”, sagt nordin, “verband eine bahnlinie die beiden länder. sie führte von den benachbarten marokkanischen eisenerzminen nach melilla, das erz wurde nach europa exportiert. sogar passagierverkehr gab es, doch er wurde um 1980 eingestellt. bis dahin war die grenzsituation normal, die überquerung der grenze, heute auf einen punkt beschränkt, war praktisch überall möglich. doch dann kam die globalisierung, der schengen-vertrag, die flüchtlinge aus schwarzafrika.”
marokko anerkennt melilla nicht als spanisches gebiet. deshalb gibt es für marokkaner keinerlei zollabfertigung. ein teil des menschenflusses, der täglich das nadelör des grenzdurchlasses quert, belädt sich in den nahen spanischen lagerhallen mit waren aus europa und aus billigasien und marschiert ungehindert zurück. technische geräte und medikamente finden so den weg nach süden, je weiter entfernt desto teurer, bis sie nur noch einer oberschicht zugänglich sind. umgekehrt fliesst alles, was aus der erde kommt, richtung norden. gemüse und kartoffeln, korn und früchte. plus haschisch, ballenweise.
das stadtzentrum ist voll mit banken und apotheken. unweit davon der platz der kulturen, gelber granit aus marokko, er ist zugleich das dach einer riesigen autoeinstellhalle. und sonst? keine nabelfreiheiten, kaum rasta-frisuren. vor dem club marítimo verhaltene hipphopp-tänze, freitagabends auf dem asphaltlaufsteg crysler- und hummer-modelle. gute bibliothek, ein militärmuseum, ein mausoleum, das niemand kennt und ein kino mit vereinzelten vorführungen. der christliche friedhof befindet sich hinter einer hügelkuppe an einem terrassenhang, er stösst an die städtische müllverbrennungsanlage. kultur der enge. ein konzert mit gastmusikerinnen des chinesischen nationalorchesters findet in einem gemütlichen theatersaal statt. zweihundertfünfzig plätze, ein teil bleibt leer.
melilla?
die stadt ist ein dorf geblieben, jeder kennt jeden. ein gefängnis letztlich? keineswegs. der euro verfügt über zauberkraft, damit ist man übers wochenende an marokkos sandstränden kaiser und königin zugleich. fernsehen, fun, vierradantrieb. wem das zu eng ist oder wer studieren will, zieht aufs “festland”. die anderen bleiben da, stolz auf ihren stolz. todo por la patria, alles fürs vaterland. für ein vaterland, das europa heisst und sich in afrika befindet.
kurzbiografie
martin loosli, geb. 1956, visueller künstler, arbeitet und wohnt in lenk im simmental. aufenthalte in skandinavien, sinai, eivissa, onsernone. malerei und zeichnung, verschiedene ausstellungen.