sein oder nichtsein

ratur aquarell

noch immer lag ratur auf dem nachtblauen sofa aus plüsch, nur dass seine rechte nicht mehr in luftiger höhe, sondern in seiner hosentasche tastete, nach den schneckenhäuschen tastete, die er am nachmittag mitgenommen hatte vom strand. er zog sie hervor. die meisten hatte es auf dem weg vom meer in die stadt zerrieben. wie es verlassenen schneckenhäuschen, die man sich bewahrt, nun einmal so ergeht, waren sie auf der strecke geblieben. irgendwo unterwegs. das, was sie ausmachte, war unwiederbringlich zerstört, nicht so der stoff, aus dem sie bestanden hatten.

eines der schneckenhäuschen hatte den tag überstanden. ratur rollte es zwischen den fingern, betrachtete es, wog es in seiner handfläche und fuhr damit seine gesichtszüge entlang. er fragte sich, was, wäre er ein schneckenhaus, mit ihm geschähe, wenn seine geschichte erzählt und vergessen wäre. keine antwort. die stimme aus dem abseits war verstummt. kein kater, der es sich auf raturs bauch gemütlich machte und sich dort mit raturs atmen wiegte.

ein schneckenhaus sollte er sein? ein schneckenhäuschen, entstanden in einem schneckenhäuschen. viele und – keines. nicht aus aragonit bestehend, sondern aus geschichten von – und deren weiterdrehen in – anderen menschen. eine welt, die, scheinbar aus dem nichts entstanden und aus sich selbst verständlich, in eben solchem enden könnte, jedoch ohne sich darin zu verlieren. weil er, ungeachtet des einen, unwiederbringlichen untergangs, in vielen anderen welten existent bliebe.

ratur erinnerte sich an seinen tag am meer und daran, wie unendlich weit ihm dessen wogen erschienen war. welle an welle, tropfen an tropfen. daran, dass es über dem meer geregnet hatte. dass wolken feinster wassertröpfchen über seinen kopf hinweg landeinwärts gezogen waren und mit dem grundwasser unter seinen füßen den gezeiten folgten. an den horizont erinnerte ratur sich und wie dieser, je nachdem, aus welcher perspektive ratur nach ihm suchte, nah war und fern schien – doch zugleich unerreichbar blieb.

ratur spürte in sich hinein, seiner angst nach, sich zu verlieren. vergessen werden. wie sich das wohl anfühlen würde. zumal es sich auf nur eine zerbrechende welt bezöge und …

druck. schwer und schwerer lastete er auf seinem bauch, seiner brust. schnurrte. wie aus dem nichts materialisierte der rote kater und schaute ratur aus großen augen an:

wenn du gehst, ratur, wenn du endest, irgendwo, irgendwo unterwegs endest, ratur, in vergessenheit gerätst, ratur, dann gehst du zurück in das weiß, aus dem heraus du entstandest.

schön, dass du wieder da bist, kater. warst du in jenem weiß?

ich wurde daraus, doch kann ich im weiß nicht sein, weil ich nicht mehr bin, wenn ich ins weiß gehe. alles ist weiß, weiß ist alles. das ungedachte. das zu denkende.

so wie menschen?

die menschen meinen, dass sie, wenn sie enden, ins dunkel gehen. dass sie sich auflösen. sie nennen es tod. ihnen wird schwarz vor augen, ohne wiederkehr, und sie gehen ins schwarz. manche hoffen, in ein licht gehen zu können, weißes licht, also ins weiß. dabei zerfallen sie lediglich in ihre bestandteile.

sie zerfallen in ihre bestandteile? so wie wir?

nein, ratur, anders. du bestehst in ihnen, gehst in ihren geschichten, und endest, mit jeder welt, die ohne dich ist, im vergessen. doch solange menschen sich geschichten erzählen, sie niederschreiben, werden literarische gestalten wie du und ich auf – und aus dem weiß entstehen, schwarz auf weiß, in steter wiederkehr. doch zugleich unsterblich sein im erinnern vieler anderer. daher sind wir keines und viele, wenn du uns mit dem schneckenhäuschen vergleichst, das du in deiner hand hältst. wir kamen aus dem weiß und aus dem schwarzen auf dem weißen stehen wir auf.

und menschen?

menschen bestehen aus körper, geist und seele – und diese dreieinigkeit verliert sich, gerät aus dem zusammenhang, unwiederbringlich. der geist, an die existenz des körperlichen gebunden, verliert sich zuerst, und damit enden persönlichkeit und integrität. dann der körper, der verwest. die seele – man glaubt und hofft, dass es die gibt, sei unsterblich, heißt es. sie bleibt. sie ist das licht, ein göttlicher funke.

licht?

ja. das weiße im schwarzen, des menschen dunkel.

dann ist die seele so etwas wie das zu denkende?

eher so etwas wie das gedachte, ratur. ohne den menschen dann wieder das zu denkende im zu denkenden.

dann haben auch die menschen einen – ausdenker?

sie hoffen es, hoffen, nicht in vergessenheit zu geraten. hoffen auf wiederkehr, darauf, neu erzählt zu werden, auf eine neue geschichte mit ihnen darin. hoffen, weiterzuleben in ihrer seele.

und die geht ins licht, die seele?

wenn sie geht, wenn – geht sie ins weiß, ratur.

dann …

ja, ratur?

… ist die seele, wie wir, literarische gestalt?

ja, ratur. zumindest dann, wenn man von ihr erzählt als von etwas, um dessen tatsächliche existenz man nicht weiß, ergeht es ihr so wie uns literarischen gestalten.

navigation der serie
sequenz 42 von 48 der serie ratur lites

text:

sascha

das raturt ganz wunderbar.

14. November 2016 - 14:57

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