postkarte nr. 1

orinoco

Liebste Mama,

Gestern endlich erreichte ich den Orinoco. In einer Stadt an seinen weiten Ufern fand ich Unterschlupf für die Nacht. Als ich heut erwachte, sah ich mich mitten auf dem Fluss aber noch immer in der Stadt. Diese wunderlichen Menschen, die mich als Gast aufgenommen haben, leben in Dörfern – ganz aus Schilf sind sie gemacht! Ihre einzige Sorge gilt diesen wohnlichen Flössen und den Untiefen des Flusses, die sie – wann immer möglich – zu umschiffen suchen.
Schreckliches Heimweh plagt mich, das auch die liebliche Carmen in der lauen, unter uns dahinplätschernden Nacht nicht zu lindern vermochte.

Immer,
Dein Sohn

sequenz 1 von 20 der serie postkarten

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postkarte nr. 2

diamantina

Meine liebe Mama,

Wie geht es dem Papa? Nach einem erfrischenden Tagesmarsch durch dichten Busch bin ich in das kleine Städtchen gelangt, das den reizenden Namen La Esmeralda trägt. Reizend sind auch die Frauen hier und insbesondere jene, die sich Diamantina nennt. Ihre Augen leuchten wie Smaragde, ihre Haut und ebenso die Fingernägel sind schwarz wie Kohle. Sie arbeitet unter Tag und fördert edle Steine, wie alle in dieser Stadt. Gerade nimmt sie ein Bad, was mir Zeit lässt für diese Zeilen.

Ich schicke Dir einen dicken Kuss
Dein Sohn

sequenz 2 von 20 der serie postkarten

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postkarte nr. 3

libertad

Ach Mama,

Diese Moderne mit ihrem Fortschritt! Heute schaukelte mich der Bus durch ein Städtchen mit dem unscheinbaren Namen Libertad, das unvorstellbar arm ist. Ich habe mir sagen lassen, dieses Volk, das nichts besitzt, stelle sich alles vor, was es zum Leben braucht. Glücklich und lachend sah ich sie in durchsichtigen Wohnzimmern beisammen sitzen und von Tellern essen, die aus Gedanken getöpfert sind. Eine Frau sah ich, die in ihrem Luftbett glücklich träumte. Gerne hätte ich ihren Namen erfahren, doch sass ich in einem dieser Busse, die nur am Bestimmungsort halten. Ach Mama, diese Moderne hat es immer eilig.

In Eile, da wir bald in Pensamiento ankommen
Dein Sohn

sequenz 3 von 20 der serie postkarten

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postkarte nr.4

denker

Wunderliches ist mir begegnet, Mama,

in dieser Stadt, die sich zu recht Pensamiento nennt. Als der Bus endlich anhielt und ich aussteigen durfte, glaubte ich mich im Nirgendwo. Nirgendwo ein Haus, nur dürre Steppe. Aber Menschen sah ich, die in Gedanken versunken einherwanderten und von Schatten zu Schatten sprangen. Zuerst glaubte ich an Schäfchenwolken, die über den Himmel zogen, doch als ich hinaufsah, erblickte ich Häuser in der Luft, die mit Seilen in der Erde verankert waren. Kinder rannten umher und zogen Luftschlösschen hinter sich her. Im kühlen Schatten des Ratshauses liege ich nun, neben mir Paola, die mir diese Zeilen diktiert. Was, denke ich, wenn eins dieser Häuser vom Himmel fällt?

Dein Einziger,
Dein Sohn

sequenz 4 von 20 der serie postkarten

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postkarte nr.5

eldorado

Liebe Mutter,

Erinnerst Du Dich an Paola, von der ich schrieb? Sie erzählte mir vom sagenhaften, verschollenen Eldorado. Ich habe mir vorgenommen, es zu finden. In Afrika gibt es nur ein Timbuktu, in Südamerika aber gehen die Eldorados in die Hunderte. Das habe ich schmerzhaft erfahren müssen, als ich leichtgläubig einem Wegweiser folgte. Er führte mich in einen Vergnügungspark, der vorgibt, das echte Eldorado zu sein. Alles ist hier falsch, Mama, und selbst die Touristinnen wollen mir mit ihren Souvenirs weismachen, sie seien Einheimische. Wie geht es Dir?

Aufrichtig heimweh,
Dein Sohn

sequenz 5 von 20 der serie postkarten

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postkarte nr. 6

kulisse

Geliebte Mama,

Obwohl dieser Ort ganz scheusslich ist, habe ich beschlossen, eine Weile hier zu bleiben und auf Nachricht von Dir zu warten. Alles ist hier Fassade und in Tempelruinen aus Plastik verkaufen sie Hot Dogs und Coca-Cola. Eldorado – dass ich nicht lache! Gestern habe ich eine einheimische Eisverkäuferin kennengelernt. Sie heisst Luna. Was für eine Wohltat, diese Ehrlichkeit, mit der sie mich nach ihrer Schicht empfing! Kaum hatte sie Feierabend, verschwand das Lächeln von ihrem Gesicht. Auch Lunas Eltern schauten sehr ernst, als sie mich ihnen vorstellte. Ich weiss nicht, wie lange noch ich es hier aushalten werde.

Schreibe bald
Deinem Sohn

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postkarte nr. 7

zarumilla

Ich konnte nicht, Mama,

länger auf Deinen Brief warten. Die Lage spitzte sich zu sehr zu in Eldorado. Lunas Eltern beaufsichtigten jedes unserer Treffen. Worauf das hinausläuft, weiss man ja. Ich nahm den Nachtbus nach Zarumilla, das in einer Meeresbucht liegt. Hier versammeln sich im Sommer die Inseln des Pazifik und suchen Schutz vor der Hitze. Es ist Winter und im Wasser liegt nur eine Insel, die letztes Jahr aus purem Leichtsinn auf Grund gelaufen ist. Mit Flora sitze ich am Strand. Vor uns im Meer versucht die Insel vergeblich, sich freizustrampeln. Flora erzählt von ihrem Geliebten, der einmal im Jahr auf seiner Insel zur Sommerfrische vorbeikommt. Voller Sehnsucht ist sie nach ihm

und ich nach Dir.
Dein Sohn

sequenz 7 von 20 der serie postkarten

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