zu hause und zuhause

ratur aquarell

ein schöner tag!

ratur eröffnete. sie lächelte. senkte die lider, schlug sie auf und suchte. ja, ihr blick suchte.
tastete raturs gesichtszüge entlang. ob es halt war, den ihr blick dort suchte, die eigene leere zu füllen? mit vertrautem, mit erinnern, mit vermeintlich vernachlässigbarer selbstverständlichkeit. gerade so, wie vor wenigen augenblicken raturs blick von vertrautem und mit sinn bewohntem geflutet worden war, als er seine augen nach einer weile blicklosen lauschens und spürens wieder geöffnet hatte. nicht ein fitzelchen davon in ihren augen.

leben sie hier?

sie lächelte.

wo ist ihr zuhause?

ein schöner tag, ja.

leise kam diese erwiderung, so leise und von irgendwo her ließ sie raturs frage dem wind, der sie mitnahm, mit ihrem lächeln, landeinwärts, wo beide hinter dem deich verschollen gingen.

und: niemand zu hause.

sequenz 8 von 48 der serie ratur lites

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hilflos

umarmung ratur aquarell

ratur wusste sich nicht zu helfen, sich selbst nicht und daher erst recht nicht ihr. sie war mittlerweile an ihn herangetreten. den kopf in den nacken gelegt betrachtete sie ihn und lehnte sich schließlich an ihn an. reichte ihm bis zur schulter.

hm, seufzte sie, während ihre hand zwischen seiner brust und dem angelegten oberarm hindurch schlüpfte und ihr arm sich auf den seinen legte.

ich …
unwillkürlich richtete ratur sich auf, um sogleich wieder zu entspannen, erwiderte ihren blick, der mit dem halt, den sie an dem seinen gefunden hatte, an eigener selbstverständlichkeit gewonnen zu haben schien, erwiderte ihr lächeln.

schön, dass du da bist!
wen auch immer sie gesucht hatte und nun gefunden zu haben glaubte, ratur fühlte sich auf seltsame weise wohl und blieb. blieb der, der er ihr war, wer auch immer. gerade so, wie auch das meer da war und blieb. mit seinem horizont, daraus schiffe auftauchen und darin verschwinden. wie der auch bleibt, wenn die flut sich dorthin zurückgezogen hat und die menschen sich hinauswagen auf den meeresgrund.

sequenz 9 von 48 der serie ratur lites

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zwei

ratur aquarell

sollen wir?

ratur setzte sich, den blick aufs meer, in den sand. sie folgte, strich den saum ihres kleides über die knie zu den waden hin glatt, lächelte durch ratur hindurch und hakte sich erneut bei ratur unter, dessen arme seine knie umfasst hielten.
ich heiße ratur.

sie lächelte, legte den kopf an seine schulter. ab und an strich sie eine locke aus der stirn, die der wind dort sogleich wieder hinein warf, ein sich immer neu schöpfendes spiel.

ich heiße ratur!
ihr lächeln, dieser blick.

das meer … wies ratur in die ferne. ihr blick folgte seinem fingerzeig … ist es nicht schön?

sie nickte.
leben sie hier?
ich weiß es nicht.
endlich antwort und doch eine von der art, in der jetzt auch ratur sich verloren fühlte.
verloren und zugleich sich dieser unbekannten verbunden, die sich neben ihn gesetzt und an ihn gelehnt hatte. eine frau, der er ein halt war, welcher ihm selbst unentdeckt blieb.

sequenz 10 von 48 der serie ratur lites

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halt

ratur aquarell

nun, an diesem tag war ratur nicht ans meer gekommen, um halt zu suchen. wer geht schon ans meer, wenn er halt sucht?

und nun saß er da neben einer unbekannten und bot halt und spürte die wärme, die von ihrer schulter ausging und seine schulter dort anfüllte, auf der ihr kopf ruhte mit dem grau ihrer locken, das vor seinem blick aufs meer hinaus im wind tanzte.
die dinge, sie gehen ineinander über, wie das wasser des meeres ineinander über geht und sich wiegt.
halt, am meer gilt der so lange wie der blick an einem leuchtturm verweilt, vor anker geht für die weile des betrachtens.
betrachten, befrachten. wieder flog ratur der gedanke an, dass sinn-gebung halt knüpfen ist. dieser halt wieder ein netz, in das hinein man sich legen oder mit dem man hinaus auf see fahren kann, fische zu fangen.

um ein wenig halt mehr legte er seinen arm um die alte an seiner seite und fühlte sich auf eigenartige weise zu zweit willkommen.

sequenz 11 von 48 der serie ratur lites

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ich bin jetzt bereit für ein kind …

ratur aquarell

überrascht wandte ratur sich ihr zu …

du weißt, in diesen zeiten ein kind in die welt zu setzen, macht mir angst …

ratur nickte ihr freundlich zu. in ihren augen glomm ein licht auf.

… aber wenn ich bei dir bin, verliert die welt ihren schrecken …

was, ging es ratur durch den kopf, geht hier vor? fragend suchte er im blick der alten, doch die neigte den kopf zur seite, kräuselte ihre lippen und flötete:
niemand spielt saxophon so schön wie du, mit so viel gefühl, da …

saxophon? ratur ging auf, dass er projektion war, in einer ihm fremden welt, gerade so, wie kurz zuvor sein um erfüllung heischendes kopfkino ihm bilder eines meeres an die innenseite der lider geworfen hatte, das sich selbst schuf aus hören, fühlen und erinnern.

er nahm seinen arm von der schulter der fremden, die sich sogleich wieder bei ihm unterhakte.

… fühle ich mich so geborgen.

sequenz 12 von 48 der serie ratur lites

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ein schiff

ratur aquarell

sie schmiegte sich an ihn, ihre hand suchte seine und strich behutsam seinen arm hinab.

gänsehaut. ob er aufstehen sollte, gehen? ratur erwiderte zweifelnd den nun warmherzigen blick der alten und fragte sich, wie er selbst, ratur lite, mann am meer und auf der suche nach loslassen in einer antwort, sich in dieser welt halten sollte.

doch in der welt, die neben ihm platz genommen hatte, deren wärme in sein frösteln ausstrahlte, spielte all das keine rolle und war wie er, oder zumindest das, was die frau in ihm sah und was ihr erinnern aus ihm schöpfte, nicht viel mehr als eine idee.

ratur blickte aufs meer hinaus. vom horizont her stieg ein streifen allmählich dunkel werdender wolken auf. die dünung wiegte ein stück treibholz.
wann läuft sie denn nun aus, deine bismarck, ludwig glöde?

raturs blick galt dem treibenden stück holz, hielt sich daran fest:
ich heiße …

sequenz 13 von 48 der serie ratur lites

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strandgut

ratur aquarell

das meer eine welle wassers in der anderen, darin ein stück holz trieb. das türmte sich mit jedem wellenkamm, glitt von dort hinab ins nächste tal. auf den strand zu. über den hinweg zog meer in wolken, weißen walen gleich. darunter trieben zwei gestalten, waren sich insel, wiegten mit der dünung, waren sich eine welt in der anderen, mit meer darin, möwenrufen und dem schlag anlandender wellen, die sich im sand verliefen und zurück glitten, leise klirrend gebrochene schneckenhäuschen vor sich her rollten.

das band dunkler wolken hatte sich vom mittlerweile aufklarenden horizont gelöst. zog unter sich einen schleier nach, regenfahnen, die schwangen mit einem fernen wind. sinterfahnen, ging es ratur durch den sinn, darin gelöst und auszuflocken bereit, was sinn ergab, dort, wo es herkam und dort, wo es ausflockte und haften blieb, substanz. hier für den augenblick des herabregnens gewissheit und doch nicht mehr als regentropfen über einem meer.

oma?

sequenz 14 von 48 der serie ratur lites

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