von schneckenhäusern

ratur aquarell

sagte auch der … ach ja, du weißt. doch menschen können nur an einem ort existieren und haben nur diese eine existenz, die sie mit niemand anderem teilen.

ratur, auch ein mensch kann in der vorstellung anderer präsent sein, kann wirklich sein, und zwar als abbild. eines, das diesem menschen ähnelt, ihn jedoch nicht ausmacht. doch zugleich ist es ein teil der wahrheit, die diesem menschen zuteil ist.

auch ich bin lediglich ein abbild. doch anders als du eines ohne materiell verkörperte entsprechung. das unterscheidet uns, mensch.

doch eint uns die angst, nicht der sein zu können, als den wir uns erleben.

ist diese angst dieselbe?

die gleiche, und ja, ratur, sie ist die gleiche, weil wir in frage gestellt erleben, was wir als selbstverständlich annahmen. wir menschen nahmen – und nehmen es an, von wem auch immer, und sei es aus den wirren der eigenen gedankengänge. der unterschied, was also macht, dass es nicht dieselbe angst ist, sondern nur eine gleiche, ist, dass dir als literarische gestalt nichts anderes übrig bleibt, als das als eigenes zu tragen und spiegeln, was man dir zuschreibt. dem menschen bleibt die wahl, es anzunehmen, sich zu eigen zu machen – oder auch nicht.

der mensch ängstigt sich, in frage gestellt zu erleben, was ihm selbstverständlich ist?

all unsere selbstverständlichkeit, unser sehnen nach übergeordneten, sich selbst zu universeller ordnung fügenden zusammenhängen, in denen wir es uns gemütlich einrichten, unser sehnen nach harmonie gleicht einem schneckenhaus. einem schneckenhaus, in das zurückgezogen wir leben und in dem wir uns mit uns und der welt einig wähnen. dabei bildet sich die welt um uns lediglich aus unserer vorstellung ab, ist, was unsere sinne uns zu erkennen lassen von dem, was ist und sein könnte. ist das schneckenhaus selbst. alle selbstverständlichkeit ist nicht mehr als ein schneckenhaus, ratur, die fibonacci-formel eingeschlossen, in all dessen drehen und winden auf eine kleine spitze zu, die es der welt hinhält wie du deinen ausgestreckten zeigefinger dem meinen. mit einem kleinen wesen darin, das sich ohne dieses häuschen und dessen drehen der eigenen existenz nicht sicher fühlt.

und in einem dieser schneckenhäuser gibt es mich?

in einem dieser schneckenhäuser, ratur, finden sich aus den teilen jener welt wörter und bilder zu einer idee, zu ideen, zu einer geschichte mit dir darin.

dann bin ich …

eigentlich nichts weiter als ein weiteres schneckenhaus in einem schneckenhäuschen. eines, dessen drehen und entstehen sich in ungezählten weiteren schneckenhäusern wiederfindet. mag sein, dass es sich sogar wieder findet, vielleicht aber auch zu anderen, ähnlichen schneckenhäuschen, immer wieder. eine, wenn es gut läuft, immer größere kreise ziehende spirale.

dann habe ich, ratur lite, im grunde genommen nichts zu fürchten.

ja.

selbst, wenn ich mich auflöse?

selbst dann. weil du entstehst aus menschen, ihren ideen.

und die menschen mit ihren ideen?

wir warten in jenem ängstlichen innehalten und furcht, uns aufzulösen, auf jemanden, der sich vor dem schneckenhaus niederlässt und singt, dass alles gut ist und seine ordnung hat. auch dann, wenn wir das schneckenhaus verlassen. und tun wir so, schleppen wir es mit uns …

kann der mensch ein derartiges schneckenhaus nicht abstreifen, verlassen?

legt er ein altes schneckenhaus, eine alte selbstverständlichkeit ab, trägt er bereits ein neues, ratur, das sich nach und nach verfestigt und seine eigenen kreise zieht. wieder auf eine kleine, einsame spitze zu, die einmal ihr anfang war.

wenn ich in den schneckenhäusern anderer menschen entstehe, neu, immer wieder, wenn ich mir selbst kein derartiges schneckenhaus erschaffen kann – bin ich dann frei von jeder selbstverständlichkeit?

in der tat hast du literarische gestalt es besser, ratur lite. mag sein, dass jemand aus dir ein schneckenhäuschen entstehen lässt, eine selbstverständlichkeit, in der er es sich einrichtet. doch ist es nicht diese eine selbstverständlichkeit, dieses eine schneckenhaus, das dich, ratur lite, ausmacht. du bist davon frei, denn du, ratur lite, du bist viele und – keines.

navigation der serie
sequenz 41 von 48 der serie ratur lites

text:

Ulli

es gibt Menschen, die nennen mich „Schneckchen“, ob sie ein Haus um mich herum wahrnehmen, das mir selbst nicht bewusst ist- fast will ich es meinen, dass ich eine gedachte Frau in einem Schneckenhaus bin … oder ist alles doch noch ganz anders?

herzliche Grüße
Ulli

7. November 2016 - 12:21

rittiner & gomez

@ulli: vermutlich…

7. November 2016 - 13:20

Muschelfinderin

Wie großartig das in Worte gefasst ist, was der Mensch da tut … zu erklären … sich … in der Welt.
Und doch … diese Freiheit der Kreation.
Ich finde das Schneckenhaus eine wunderbare Möglichkeit des Rückzuges.
Hätten Menschen das tatsächlich, wären Begegnungen vielleicht spontaner, unverkrampfter …
Einfach die Fühler einziehen und schnell weg, wenn es einem zu viel wird.
Und nach einer Pause wieder rauskommen … erholt … gestärkt.
So würden die Selbstverständlichkeiten vielleicht weniger lange an uns anhaften.

9. Dezember 2016 - 22:31

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