was vernünftig ist

ratur aquarell

ja. ratur wies auf die sonnenuhr: doch weiß ich nicht, ob du bei mir bleiben kannst. nur wenige stunden noch, dann geht die sonne auf und der schatten des zeigers geht mit der sonne seine gewohnte bahn. bei tag betrachtet sieht alles ganz anders aus.

und ich gehe dann noch immer nach dem mond. und du?

ratur stand auf, lief auf und ab, die schultern hochgezogen und mit ausgebreiteten armen: ich weiß es nicht. für den tag werde ich mit der sonne gehen. mit der vernunft. vielleicht aber sieht’s auch nur so aus als ob. außerdem werden sie dich suchen, schon wieder.

wer?

deine familie.

ach, meine eltern … sie winkte ab … ich bin doch alt genug!

dein sohn, deine enkelin!

stille. sie schaute ihn fragend an. suchte sie etwa nach einem zwinkern, das ihrem verwundern die tür in ein lachen aufstieß?

ratur zog sein mobiltelefon und fühlte sich schäbig dabei. weil er den tag brachte, ungebeten. eine sonne würde er aufgehen lassen über einer frau, die nach dem mond ging und in diesem surreal anmutenden augenblick eher zu hause war und sich geborgen fühlte als in dem, was die welt ihr zuhause nannte. sein blick ruhte auf ihr, die kleine stückchen aus dem baguette zupfte und daran mümmelte. tage kommen ungebeten. nächte auch. sie sah ihn an. weil die erde sich dreht. doch das hier war anders. ratur hatte es in der hand – und wählte …

sie wird seit dem frühen abend vermisst.

der beamte hatte die frau, in ihre decke eingehüllt, in den streifenwagen verbracht. von dort schaute sie über die schulter seines kollegen zu ratur, sagte etwas, senkte den kopf und wirkte dann wieder in sich gekehrt, abwesend.

ihre familie wird sicherlich schon lange nach ihr suchen …

sie wohnt in einem altersheim, die hatten uns benachrichtigt.

und ihr sohn, ihre enkelin, die sie am strand gesucht und nach hause gebracht hat?

das erledigt das heim. die informieren immer die angehörigen und auch uns, wenn ein bewohner abgeht.

die enkelin hatte aber gesagt, dass sie sie nach hause bringen würde …

ja, wissen sie, was man diesen leuten so alles erzählt, dass die mitkommen, die kennen sich doch überhaupt nicht aus. reden wirres zeug. kann man nicht ernst nehmen. desorientierung, demenz, da kann man nichts machen.

nichts?

wie meinen sie das? was fragen sie noch?

nichts.

ich brauche da noch ihre personalien, herr …

ratur. ratur lite.

formalitäten. eigentlich nichts anderes als der schattenwurf einer sonnenuhr bei tag. nach dem, was sonnenuhren bei mondschein anzeigen, fragt niemand. niemanden interessiert es, niemand richtet sich danach. ratur wandte sich ab und ging, sein rad zu holen. wieder zurück am park hielt er inne. eine weile noch lauschte er dem rauschen der baumkronen, schloss die lider um eine zierliche gestalt in kobaltblauem kleid mit weißen punkten, dann machte er sich auf den weg nach hause.

navigation der serie
sequenz 26 von 48 der serie ratur lites

text:

Bess

So eine zarte Erzählung um die lichten Momente und auch die verwirrten im Leben einer Demenzkranken.

Bleibst du bei mir? Oder: Kann ich mit dir kommen? fragt meine alte Dame sehr oft, die ich besuchen gehe.

25. Juli 2016 - 22:22

sascha

bin schon beim lesen verwirrt. hoffe alle finden ihren weg.

26. Juli 2016 - 11:36

Ludwig

„sie sah ihn an“ – Dieser Satz (selbst) ist in diesem Text wie der Schatten einer Sonnenuhr bei Mondschein. Ist eine Insel, an der die Schiffe vorüber fahren. Ist (scheinbar) ohne Halt. Ein kurzes Stolpern. Ist …
Wer hier innehielt, kann lesen.

29. Juli 2016 - 08:30

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