Erinnerungen

meer

irgendwie wie beim ersten mal und doch fühlt es sich anders an.
wind wasser wellen wetter wogen wie immer über die insel.

text:

ein schöner name

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

ein schöner name. was er wohl bedeuten mochte? der bürgerkrieg in syrien hatte einen namen bekommen. ein gesicht.

der krieg? nein, nicht der krieg. was neben ihr saß, dachte milla bei sich, waren ein kleiner junge und dessen schicksal. war bestimmung. hatte angeklopft an ihre tür. da waren zwei lebenslinien, die einander begegneten und miteinander pflaumenkuchen aßen. pflaumenkuchen, der auf der einen seite nun auf immer die freundliche geste millas, ihren blühenden garten – und auf der anderen seite die pflaumenbäume der gärten damaskus‘ und das bild eines kleinen jungen namens tarik in erinnerung rufen würde.

„bist du noch traurig?“

milla verneinte lächelnd. über der begegnung mit dem kind war ihre trübe stimmung in vergessenheit geraten. gewiss, sie erinnerte sich. der grund ihrer traurigen gedanken war jedoch weit, weit entfernt wie das andere ufer des sees. das gehörte zwar zum see und dessen ganzen wie das ufer, das an ihrem garten verlief, doch verlor es sich in der ferne wie das vergessen. etwas zu vergessen, macht es nicht ungeschehen, aber erträglicher. milla dachte an ihre katze und wie die auf der wiese vor einem mauseloch saß und es darauf abgesehen zu haben schien, bei den mäusen in vergessenheit zu geraten.

text:

lorde

lorde - bild zu text von hans jürgen hibig

sie weiß nicht wie man aufhört
wie man aufhört zu beginnen

ihre augen sind offen
offen für den nächsten abschied
der beginnt damit
dass sie anfängt zu bedauern:

die nacht

sie fühlt und weil sie fühlt
weiß sie was das kostet
was der schmerz und das gefühl kostet
einsam zu sein

getäuscht zu werden vom gedicht
getäuscht zu werden von einem lied
jenes dass sie besser kennt
als irgendwer

einsam in langen gesprächen
einsam in all dem was sie will

sie weiß es hört auf
sie kennt die verlassenen stellen
sie beginnt damit
verlassen zu werden

text:

miss kittel

skizze zu text von miss kittel

gewidmet olaf w.

aufgebra[u]cht
seh[n]e
[d]ich
morgen

wir danken miss kittel vielmals für ihre texte, die sie der isla volante zur verfügung stellte und empfehlen allen, ihr auf twitter zu folgen.
miss kittel – twitter
r&g

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mehr als nur eine geste

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

milla cremeso legte ihren arm um sie schultern des jungen. weich gab der dieser geste nach und folgte dem zug an die warme seite der jungen frau, die sich nun doch ein herz fasste und von dem strom der menschen erzählte, die ihre heimat verlassen und sich auf den weg gemacht hatten, eine bessere zukunft in europa zu finden.

„dann bin auch ich ein flüchtlingskind.“

„mhm…“

der strom, den die berichte in den medien milla vor augen geführt hatten, verlief sich. tat es dem see gleich, der, wenn sie am hiesigen ufer stand und ausschau hielt nach dem anderen, fernen – und einer möglichen antwort auf ihren großen fragen, sich zu ihren füßen verlor in kleinen wellen, die anlandeten und verliefen. in einem kind. fleisch und blut. schwarze locken, südländisch dunkle haut, kohlrabenschwarze augen. was die medien flüchtlingswelle nannten, waren für milla jetzt ein kleiner junge und eine vertraue plauderei auf den stufen zu ihrer backstube.

„noch ein stück kuchen?“

„gern.“

als milla sich wieder zu ihm auf die stufen zum garten gesetzt und ihm ein duftendes, saftiges stück pflaumenkuchen gereicht hatte, fragte sie ihren jungen gast nach seinem namen:

„ich heiße milla, und du?“

„tarik!“

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volante

landschaft

jetzt hat sie jeglichen halt verloren, die insel.

wird sie vom meer weggespühlt?

verschwindet sie im himmel?

text:

ohne dich

skizze zu text von miss kittel

ohne dich
halt ich mir die waffe
ins gesicht
den lauf tief in den mund
denke mir,
es ist ein teil von dir
das in mich geht
nur anders
sanfter, ruheloser, fordernder
du meine lippen schlägst
mit deiner innigkeit,
gehalten von deiner begierde
mir zu zeigen, wie sich
das anfühlt
deine reibung, dein blutstrom
dein pochen –
bis zur erlösung,
bis du kommst
dich mir ergiesst
und mich vollmachst
mit deiner weissen herrlichkeit

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eine mauer wie die in berlin

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

„bist du ein flüchtlingskind?“

„ein kind bin ich schon. aber … was ist ein flüchtling?“

„nun, du bist fort aus syrien und hierher geflohen.“

milla fand sich unverhofft in einer situation wieder, die ihr nicht behagte. konfrontiert mit dem halbwissen, das ihr über die medien vermittelt worden war und nun, da sie einem kind erläutern wollte, was ein flüchtlingskind ist, so gar nichts hergab. vom bürgerkrieg in syrien wollte sie nicht sprechen. war sich unsicher, mochte nicht unverhofft ein verschüttetes trauma wachrufen, dessen weder sie noch das kind herr werden konnten.
„großvater sagte, wir würden auf eine reise gehen. vater setzte mich auf einen esel und dann ging es über die grenze in die türkei …“

„deine mutter?“

„auch. jetzt kann niemand mehr über die grenze.“

„nein?“

„sie haben eine mauer gebaut, sagt vater. so wie die deutschen eine hatten, mitten in berlin. dort wird auf menschen geschossen. auf jeden, der jetzt noch über die grenze möchte.“

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so

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

die insel ist heute einfach nur so.

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in den napf der nacht gegriffen

skizze zu text von miss kittel

in den napf der nacht gegriffen
klebrig wie stinkendes katzenfutter
eilen die gedanken in den rumpf
einer verfressenen wolke
dort nährt sie sich in windeseile
kein gelb, kein rot, kein regen
prall gefüllt
löst sie sich irgendwann auf

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