36. fliegen

kunstverein oberwallis - der auftrag - kunst

erleichtert
mit den möwen
fliegen

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der pflaumenbaum in der torte

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

schon lange nicht mehr hatte milla sich bei der arbeit so wohl gefühlt wie heute. hinter sich wusste sie tarik und hörte zu, wie er dem katerchen lieder vorsang und leise geschichten erzählte. bis zu ihr her war das wohlige schnurren der katze zu hören. vor ihr breitete sich der gut sortierte arbeitstisch aus und unter ihren geschickten händen entstand die torte wie von selbst. in ihrer vorstellung sah sie bereits die fertige torte vor sich, eine torte, die einen baum in sich barg und von einer wolke gekrönt wurde.

die untere torte war bald fertig. auf einem drehteller platzierte milla eine kuchenplatte und begann. die erste schicht bildeten aufeinander folgende lagen dunkler und heller schokoladencreme, durch die milla mit einer nadel feine striche zog, so dass die beiden farben einander durchmischten und wie ein verästeltes wurzelwerk wirkten. in die zweite, helle cremeschicht arbeitete sie die gezuckerten erdbeerstücke und die erdbeermarmelade ein. dann strich sie die torte auf ihrer platte mit dunkler ganache ein, auch den inneren ring, und stellte die torte in den kühlraum.
milla bereitete in einer kleinen springform den hellen boden für die dritte torte vor. während der im ofen duftend aufging, wandte milla sich den böden zu, aus denen sie den baumstamm formen wollte. stabil sollten sie sein. milla wagte ein experiment. auch die kleinen böden, die sie mit schokoladenbuttercreme füllte, stellte sie jeden auf eine kuchenplatte. stellte sie übereinander und arbeitete je fünf tortensäulen ein. die mittlere säule reichte dabei durchgängig von der ersten platte bis in die spitze der zweiten torte. diese säulen sollten die zweite torte tragen und die abschließende kleine torte, welche die wolke darstellen sollte. milla bestrich die böden für den stamm mit ganache und holte aus dem kühlschrank das zusammengerollte backpapier mit der erstarrten kuvertüre. sorgsam tupfte sie die einzelnen splitter auf den rand der torte, der so bald wie die borke eines baumstammes aussah. beide torten, übereinander gestellt, überragten die untere torte um einige zentimeter. auch den stamm gab milla in die kühlkammer.

die mittlere torte sollte eine sahnetorte sein. milla schlug sahne mit reichlich gelatine auf und gab die passierten pflaumen hinzu. aus dem keller holte sie ein glas in die backstube, in dem sie gehäutete dörrpflaumen in rum eingelegt hatte. die zerkleinerte sie nun und hob sie mit zimt unter die pflaumenmus-sahnemasse. die masse wurde allmählich fester und zog an, als milla sie in zwei schichten zwischen drei lagen köstlichen biskuitbodens untergebracht hatte. milla bereitete aus weißer blockschokolade und sahne eine helle ganache und strich die torte damit ein.

als sie aus der kühlkammer zurückkam, in die sie auch die zweite torte gestellt hatte, bemerkte milla, dass tarik mittlerweile eingeschlafen war. auf dem fußboden, die katze im arm. behutsam hob sie ihn auf und brachte ihn die stiegen hinauf ins wohnzimmer. dort stand ein sofa aus plüsch. ein dunkelgrüner zweisitzer, so wie milla es zuerst in einem kinderbuch gesehen hatte, das ihr vater ihr immer wieder und wieder zur guten nacht vorgelesen hatte. milla bettete den schlafenden tarik auf das sofa und kuschelte ihn in eine warme decke. der kleine schwarz-weiße kater strich ihr unterdessen um die beine und folgte ihr dann zurück in die backstube.

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35. palaver

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palavern!
heute mischen sich auch katharina vasces und der kobboi unter die menschen am strand.
kein ende ist in sicht.

der begriff palaver bezeichnet ein langwieriges und häufig eher oberflächliches gespräch. im deutschen ist der begriff im allgemeinen sprachgebrauch daher eher negativ belegt. in ethnologischen untersuchungen anderer länder kommt jedoch ein anderer sinn zum vorschein: das palaver dient dem zweck, das gegenüber vor den entscheidenden gesprächsphasen etwas näher kennenzulernen.

in der afrikanischen kultur entspricht das wort hierbei der bedeutung von „versammlung“. in großen teilen afrikas gehört das palaver zu den guten umgangsformen; umso länger, je wichtiger die angelegenheit und je höhergestellt die beteiligten sind.
wikipedia

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34. orden

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wir lauschen den geschichten, die sich die strandgängerinnen erzählen.
der wind trägt das gesagte über das meer
die wellen geben den takt an.

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33. fertig? nie?

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zum glück geht es weiter
in das ungewisse, was kommt
in das vergessen, was war

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ein kleiner gast

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

milla wandte sich um und erblickte das kätzchen:

„ein tarik? warum ist das ein tarik?“

„weil er anklopft! das ist die bedeutung des namens tarik: der an die tür klopft; besucher, der um einlass bittet – und auch der morgenstern heißt so im arabischen, weil er den karawanen und suchenden ein wegbegleiter ist, milla.“

„ich kenne das kätzchen. es streift schon ein paar tage ums haus. ich habe den eindruck, dass es anschluss sucht.“

„darf ich es reinholen?“

„ich weiß nicht. wahrscheinlich gehört es zu jemandem und da möchte ich es nicht an mich gewöhnen.“

„so wie mich?“

„wie dich?“

„ja. ich habe mich auch an dich gewöhnt und fühle mich bei dir wohl.“

„danke schön!“ milla lächelte. dass der kleine junge zutrauen zu ihr gefasst hatte, schmeichelte ihr. sie trat ans fenster und betrachtete das kätzchen. tarik folgte ihr auf dem fuß und tippte mit den fingerspitzen an die scheibe, wo das kätzchen um einlass bat:

„bitte! sie sieht auch sehr hungrig aus und so dünn ist sie …“

in der tat hatte das kätzchen seit dem letzten besuch an millas backstubenfenster an gewicht verloren, wirkte geradezu dürr. das erkannte milla, doch zögerte sie.

tarik schaute zu ihr auf: „sie braucht uns, milla!“

millas hand lag auf dem fenstergriff.

„milla, schau, sie ist so dünn! sie hat wahrscheinlich niemandem, der ihr hilft. und sie weiß, warum sie hier anklopft: weil du hier bist und hinter diesem fenster ist das paradies für eine kleine, einsame und hungrige katze.“

milla öffnete das fenster und die katze schlüpfte mit kläglichem maunzen in die warme backstube. purrte und schnurrte um millas beine. tarik nahm sie auf den arm und blickte selig zu milla auf:

„siehst du?“

„was?“

„sie ist glücklich!“

„und du?“

„auch.“

ein schälchen mit milch war schnell geholt, etwas weißbrot mit leberwurst bestrichen und eingebrockt und schon bald lag die kleine katze mit prallem bäuchlein in tariks schoß. der war versunken in die betrachtung des kleinen besuchers, kraulte und wiegte ihn und sang leise lieder in einer milla fremden sprache. leise fragte sie:

„singst du da lieder aus deiner heimat, tarik?“

„lieder sind heimat, milla.“ tarik flüsterte. „sie mag dich.“

„sie ist ein kater, tarik.“

milla seufzte. erst der junge, dann der kater. und die torte sollte noch heute fertig werden. sie wandte sich wieder dem arbeitstisch und den nächsten arbeitsschritten zu.

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32. jetzt kommen sie

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jetzt wo es so aussieht, als ob wir fertig wären.
kommen sie von überall her und wissen genau was noch falsch ist, was noch fehlt.
schon der anfang zeigte in die falsche richtung.

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31. alltag

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alles künstliche ist weg
der alltag
ist da

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30. leuchtturm

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auf einmal scheint alles klar zu sein.
dabei wissen wir nicht mehr, als vorher.
am leuchtturm kann es ja nicht liegen.

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29. gestrandet

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dem strand entlang
lang entlang
entlang

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