allein in einem boot

boot

„… fischte allein in einem boot im golfstrom, und seit vierundachtzig tagen hatte er keinen fisch gefangen.“ seine stimme war die eines menschen, der gut gelebt und gern gesungen hatte. der wind griff in die seiten und versuchte, zum ende der geschichte vorzublättern. doch möchte eine geschichte zu ende gelesen werden wie auch ein leben zu ende gelebt sein will. das meer lauschte. glucksend bat sein wellenschlag den alten mann, sich nicht von der ungeduld des windes beirren zu lassen und fortzufahren.

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Ludwig Janssen

Die Skulls hatte der alte Mann ins Boot gezogen und auf den Ruderbänken abgelegt. Dort lag auch ein schlichter Mast bereit, eingedreht in ein geflicktes Segel. Die Ebbe hatte eingesetzt und zog das Boot aufs Meer hinaus, und schon bald erfasste die hier parallel zur Küste verlaufende Strömung die hölzerne Nussschale und nahm sie mit sich. Unbeirrt las der Alte aus dem Buch. Wenngleich der Wind in seinen Ohren flatterte und drängte, so hörte er deutlich den Wellenschlag an der Bordwand aufspritzen, glucksend und plitschernd ein häwelmannsches „mehr! mehr!“ gurgeln. Von der Sehnsucht nach dem Meer las er der Dünung vor, die ihn und sein Boot wiegte, und davon, wie aus dieser Sehnsucht heraus Schiffe gebaut und Geschichten geschrieben werden.

10. Mai 2018 - 10:18

Ludwig Janssen

Du kamst heute hierher, um Dir Bilder anzuschauen. Nun querst du, einen lichtgefluteten Gang entlang schreitend, die Strömung. Gehst längsseits, bedächtigen Schrittes. In Dir: Meer. Eines … Deines. Irgendeines. Und doch, gerade in diesem Augenblick, weißt Du tief in Dir auf Deinem Meer einen alten Mann in einem Boot sitzen und aus einem Buch vorlesen.

12. Mai 2018 - 00:11

Ludwig Janssen

Die Sonne stand im Zenit. Ihr Widerschein vom weißen Papier des Buches her blendete. Seine Augen ermüdeten. Für einen Moment der Erholung legte der Alte das Buch zur Seite. Trank einen Schluck Wasser aus der Feldflasche, die er an seinen Gürtel gebunden hatte. In der Ferne verlor die Küste sich zu einem Streifen am Horizont. Und im Alten selbst wuchs die Gewissheit, allein zu sein. Füllte ihn aus bis in die Haarspitzen hinein. Gedankenverloren strich seine Hand über die hölzerne Bordwand des Bootes.

14. Mai 2018 - 08:32

Ludwig Janssen

Hat sich der Mann auf dem Bild bewegt? Du siehst ganz genau hin. Je länger du den anthrazitfarbenen Pinselstrich dort fixierst, von dem Dein Hirn dir erzählt, dass es einer ist und zugleich, dass dort ein Mann in einem Boot sitzt und liest, umso besser kannst du das Auf und Ab der Dünung erkennen.
Es zieht dich weiter, Schritt um Schritt.

15. Mai 2018 - 08:35

Ludwig Janssen

„Wenn ich hingegen meinen Leuten die Liebe zur Seefahrt vermittele …“ hatte der Alte ein weiteres Buch aufgeschlagen und las daraus:“und wenn dann ein jeder Lust darauf verspürt, weil ihn eine große Last im Herzen zum Meer zieht, so wirst du bald sehen, wie sie sich unterschiedlichste Beschäftigungen suchen, die ihren tausend besonderen Talenten entsprechen. Der eine wird Segel weben, der andere im Wald mit der blitzenden Axt einen Baum fällen …“ Im Wald mit blitzender Axt einen Baum fällen. Sein Onkel war es, der ihn zu jenem Baum geführt hatte, aus dem er dem Vater ein Boot bauen würde. Und er, noch ein kleiner Junge, sollte den Baum fällen.

Strömung und einsetzende Ebbe hatten das Boot von der Küste fort aufs offene Meer getragen. Meerwärts verdunkelten tief stehende Wolkenberge den Horizont. Der Wind frischte auf. Wieder strich die Hand des Alten über die Bordwand und erinnerte das Splittern und Bersten des fallenden Baumes.

19. Mai 2018 - 00:19

Ludwig Janssen

Du ertappst dich dabei, dass du diesen Gang entlang schreitest und dich fragst, aus welchen Büchern der Mann im Boot wohl dem Meer vorlesen mag.
Parallel zu der Geschichte, die du aus den Bildern liest, entsteht eine eigene. Deine Geschichte. Die eines Betrachters. Die eines Lesers.

An das nächste Bild wirst du näher herantreten. Was das wohl bedeuten mag, dass der Horizont sich verdunkelt?

So ein Bild ist doch eine recht zweidimensionale Angelegenheit, oder?

Oder?

Du erreichst das folgende Bild. Noch immer … wieder? … ist ein Mann zu sehen, der in einem Ruderboot sitzt. Ein Buch auf den Knien liest er dem Meer vor. Aus welchem Buch würdest du dem Meer vorlesen? Allmählich geht in dir der Gedanke auf, dass du selbst die fehlende dritte Dimension sein könntest zu der Geschichte, die dir die Bilder erzählen.

20. Mai 2018 - 08:52

Ludwig Janssen

„… Ich habe eine große Wahrheit entdeckt. Diese: daß die Menschen ein Heim haben, und daß sich der Sinn der Dinge für sie wandelt, je nach dem Sinn ihres Hauses. Und daß der Weg, das Gerstenfeld und die Wölbung des Hügels für die Menschen verschieden sind, je nachdem, ob sie zu einem Landgut gehören oder nicht. …“

Der Mann im Boot hatte zwar kein Heim mehr, doch Heimweh genug, ein Haus daraus bauen zu können. Der auffrischende Wind, dieser ungeduldige Wind, riss an den Seiten des Buches, strich über die Dünung wie über ein wogendes Feld reifender Gerste, türmte Wellenkamm um Wellenkamm auf. Der Horizont stahlgrau.

„… in der Wüste am Lagerfeuer erzählte jener Dichter die schlichte Geschichte eines Baumes. […] Ich habe einen gesehen, der von ungefähr in einem verlassenen Hause, einem fensterlosen Gemäuer gewachsen war, und der sich aufgemacht hatte, das Licht zu suchen. […] Und ich sah, wie er jeden Morgen bei Tagesanbruch vom Wipfel bis zum Fuße erwachte. Denn er war beladen mit Vögeln. …“

20. Mai 2018 - 09:26

Ludwig Janssen

Abstand halten. Doch … was hält dich? Ein Sturm zieht auf, und Du liest den Alten im Boot dem Meer von einem Baum vorlesen, von einer Stadt in einer Wüste. Wie passt das zusammen? Nein – was fügt das zusammen?

Hast Du bereits bemerkt, wie das Bild erzählt? Ein Comic. Kleine Rechtecke offenbaren dir die Geschichte in der Geschichte, ein etwas größeres Rechteck Schilder das Offenbare. Ein Rahmen trägt das Bild. Die Wand, an der es hängt – ein Rechteck, der Gang, den du durchschreitest, ein … Ja, selbst das Haus, in dem das Bild, Du und die Geschichte sich befinden … eine runde Sache. Quadratur des Kreises. So kann man sie sich vorstellen.

Dir ist, als würdest du jetzt gerne durch ein Fenster nach draußen sehen und nachschauen, ob dort ein Wind geht, ob es dort regnet.

20. Mai 2018 - 09:37

Ludwig Janssen

Heftiger Regen setzte ein. Eine frische Brise wehte und die Wellen trugen Schaumkronen. Warfen sich an die Bordwand, gischteten auf und sprühten mit dem Regen in das Gesicht des Alten. Das Buch, in dem der Protagonist den Segen des Unterfangens pries, in den Menschen die Sehnsucht nach dem Meer zu wecken, legte er zu den anderen in eine Kiste, in der er auch einen kleinen Trinkwasservorrat untergebracht hatte. Er hatte sich zu weit aufs Meer hinaus gewagt. Auf das stille, sanftmütige Meer, dem in einsamen, ruhelosen Stunden sein Sehnen gegolten hatte. Hier jedoch, jetzt, halfen ihm weder Segel noch Ruder. Doch verlieren durfte er sie auch nicht. Verstaute sie unter den Ruderbänken, zurrte sie daran fest.

Wieder strich die Hand des Mannes über die hölzerne Bordwand. Er hatte sie unter den Händen seines Onkels entstehen sehen und auch der Baum, den er gefällt hatte, fand sich darin verarbeitet. Hatte wohl so manchen Sturm überlebt, jener Baum. Und nun fand er, der ihn gefällt hatte, sich darin wieder, sich an die hölzerne Bordwand zu klammern.

Mittlerweile wehte der Wind mit 6 Beaufort und der Seegang hatte sich zu grober See ausgewachsen. Die Wellen warfen das Boot die brechenden Wellenköpfe hinauf und schleuderten es zwischen den Schaum, der sich nun auch in den Wellentälern fand.

Angst stieg im Alten auf. Angst ums Überleben.

23. Mai 2018 - 01:28

Ludwig Janssen

Angst, Angst, die ihm den Magen umdrehte. Das Boot eine Nussschale. Wurde hin und her geworfen, emporgehoben, rauschte die Wogen hinab. Der Alte hatte sich auf den Boden des Bootes gesetzt. Mitten hinein in das Wasser, das dort hinein gischtete. Umklammerte mit einem Arm eine Ruderbank, zog sich an der Bordwand hoch, übergab sich in einem Schwall ins Meer, dann wieder ins Boot. Schöpfte mit einer Schale, die er aus der Kiste geholt hatte, Salzwasser und Erbrochenes aus dem Boot. Wartete auf die eine Welle, die über dem Boot brechen und es in die Tiefe ziehen würde. Betete, dass der Sturm sich legen würde. Der Sturm, der eigentlich noch keiner war, was die Windstärke anging, die grobe See, die dem Kapitän eines Krabbenkutters kaum ein müdes Lächeln abgerungen hätte. Doch einem alten Mann, der in einem Boot vom Seegang umeinander gewirbelt wird und sich die Seele aus dem Leib kotzt, erschienen Sturm, Regen und der wilde Tanz des Bootes im Wogen der aufgewühlten See wie das jüngste Gericht. Eine große Woge hob das Boot auf ihren Kamm, brach, das Boot stürzte hinab. Hart schlug der Kopf des geschwächten Alten gegen die Bordwand und er verlor das Bewusstsein.

23. Mai 2018 - 23:30

Ludwig Janssen

Du fragst dich, ob es nun um den alten Mann geschehen sei. Ohnmächtig kann er sich nicht festhalten. Da liegt seine verdrehte Gestalt unter den Ruderbänken in Erbrochenem und Salzwasser. Mit jeder Woge, die das Boot empor hebt und dann wieder zu Tal schießen lässt, wird seine kraftlose Gestalt umher geworfen. Und noch eine Stunde Regen mehr, noch ein paar Wellen weiter, die über die Bordwand gischten, und er wird da unten im Boot liegend ertrinken. Du denkst „… der alte Mann sei jetzt endgültig und eindeutig ’salao‘, was die schlimmste Form von glücklos ist …“ und fragst dich, ob es klug von dir war, dich auf diese Reise aufs Meer hinaus einzulassen. Mit einem alten Mann, der kaum mehr in die Waagschale zu werfen hatte als ein paar Bücher, aus denen er dem Meer vorlas. Mehr von seiner eigenen Sehnsucht beseelt als von Vernunft geleitet. Der sich hatte treiben lassen, Ruder und Mast verstaut, und der nun, jegliches Hilfsmittel, über das man ein wenig hätte in den Lauf des Schicksals hätte eingreifen können, noch immer verstaut, einem unerbittlichen Ende entgegen geworfen wird. Zu schwach für die Wahrheit. Verschlungen von dem Ort seines Sehnens, dem er sich anvertraut hatte.
Wird sich, gehst du ein paar Schritte weiter, überhaupt noch ein Fenster öffnen? Und werden die Fenster im Fenster die Geschichte hinter der Geschichte weiterführen?

24. Mai 2018 - 08:22

Ludwig Janssen

Ertrinken. Taumelndes Sinken. Reglos sank der Alte in die Tiefe. Hier oben warf der Seegang ihn noch, doch ein wenig weiter unten bereits wiegte er ihn, drehte ihn um die Längsachse. Pfiff ihm eben noch der Sturm um die Ohren, zerstoben noch eben krachend die Wellen an der Bordwand, so wurde es nun mit jedem Meter lautlosen Sinkens stiller und stiller um den alten Mann.
„… Wenn ich hingegen meinen Leuten die Liebe zur Seefahrt mitteile und so ein jeder den Drang dazu in sich verspürt, weil ihn ein Gewicht im Herzen zum Meere zieht …“
Den Alten träumte offenen Auges, er hätte den Baum nicht gefällt, säße stattdessen in dessen Krone und lausche dem Rauschen saftig grünen Laubwerks. Er erspähte in einer Astgabel das Nest einer brütenden Amsel und hörte vom Wipfel her den Amselhahn singen zur aufsteigenden Nacht.
„Erzähl mir von jenem Baum“, hörte er das Meer wispern. Oder war es ein Seepferdchen? Oder ein Fetzen Tang, vom Sturm losgerissenen, der sich in Locken um ihn warf? Oder … gar ein menschliches Wesen? Nur ein bloße Traumgestalt? Ein zierliches Persönchen zupfte an seinem Ärmel, nahm sein faltiges Gesicht in beide Hände und sein unergründlich meergrüner Blick aus für dieses Gesicht viel zu großen Augen vertiefte sich in den des Alten. Ihm war, als ob die leise, sanfte Stimme des Wesens sich in seinem Kopf befände:
„Erzähle mir von dem einen Baum, alter Mann, bitte, erzähle mir von Wäldern!“ Auf dem Kopf trug es einen Hut aus einem Schneckenhaus, sein Haar wallte und wogte. Noch hob es sich dunkel gegen das mit zunehmender Tiefe schwächer werdende Licht des Tages über der See ab.

28. Mai 2018 - 15:55

ferne | isla volante

[…] in der ferne allein auf seinem boot. […]

19. Juni 2018 - 08:00

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