mann im boot

buch

kilian am strand hebt die augen nicht und erhascht keinen blick auf den lang vermissten mann in seinem boot.
er schreibt in ein heft, dem er den titel gegeben hat: ich am leuchtturm.
als unterlage dient ihm das hemingway-büchlein.
dem alten mann der erzählung ist er dankbar, dass er ihm den zugang zu seiner lebensgeschichte eröffnet hat.
und dem unbekannten mann im boot mit der fesselnden lesestimme hat er auf die erste seite eine widmung geschrieben.
ich weiß nicht, ob ich dich träumte.

text:

aufmerksam und langsam

leuchtturm

aufmerksam und langsam liest er vom kampf mit dem fisch, vom kampf des lebens. sein eigenes leben fügt sich ein und die vielen arenen, in denen er sich verausgabt hat. er hat gewonnen, er hat verloren. es gab neuanfänge und er fühlte sich stark.
ebenso aufmerksam beobachtet er das wasser, in der ferne ein lustschiff, manchmal ein segler. das ruderboot kann er nicht ausmachen.
bald ist er auf der letzten seite. eine unruhe beginnt sich breitzumachen.

text:

nach jedem satz

lighthouse

der mann mit seinem buch sitzt am strand und liest. nach jedem satz hebt er die augen über die seiten hinaus und sucht das wasser ab. sucht nach einem ersten schemen, aus dem ein boot sich entwickeln könnte.
manchmal legt er sich, den kopf schräg geneigt, scheint es ihm, als wäre er in einem verschneiten berggelände. dann rauscht wieder das wasser.

text:

wer will entscheiden

leuchtturm der isla volante

wer will entscheiden, welches die „richtige“ welt ist? und ob es nur eine welt gibt.
das monströse kreuzschiff ist nicht wichtig.
das luftschiff möge bitte dem leuchtturm ausweichen!
und er mann ist inzwischen zweimal sehr nass geworden, hat drei tage tropische sonne durchgehalten. kein boot kam zurück.
nun läuft er zur buchhandlung und kauft das buch, das er so sehr mit der stimme des alten vorlesenden verbindet. denn die buchhändlerin hat nach seiner beschreibung genau gewusst, worum es sich handelt.

da hat die insel noch einmal glück gehabt. r&g

text:

zuhörer

meer menschen

der heimliche zuhörer – nun auf dem trockenen – übt sich darin, den letzten gehörten satz zu behalten.

gegen mittag, nichts als glatte see und ein dunstiger horizont, läuft er in den ort. er braucht eine karte. vielleicht gibt es eine insel irgendwo, nah genug, dass das boot sie angelaufen hätte.
außerdem könnte er mit dem buchhändler worte tauschen. ob er sich an die polizei wenden solle.

text:

der blinde passagier

der blinde passagier - bess dreyer

der blinde passagier verstand nichts von booten, vom rudern oder segeln. als der alte im boot von den skulls murmelte und die sollten auf die ruderbank, bildete sich ein seltsames bild in seiner phantasie. ein boot voller schädel. hing er da an einem totenboot.
den kopf über den rand zu heben und zu schauen traute er sich nicht. blinder passagier eben. es wurde windiger. ein höherer wellengang. der strand verkleinerte sich. und so ließ er los und schwamm dem ufer zu.

text:

vorsichtig

am meer aquarell

der lesende alte merkte es nicht, eine hand hielt sich vorsichtig am heck seines kleinen bootes fest und ein kopf sah eben soweit aus dem wasser, dass die ohren der geschichte folgen konnten. keinen fisch gefangen. und nun.

text:

sichel-ich

mäandern

meine gedichte sind krumm
auch wenn ich akkurat
buchstaben setze

so werden sie nicht wie öl
ins denken rinnen
dürfen sich winden

mäandern am ufer
des tages
und mondsichel sein

text:

meer sand land

meer

die anderen erkunden die tiefe,
finden den grund. die wieder anderen
suchen worte auf den kämmen hoher berge.
gischt spritzt bis zu mir.

ich fasse angeschwemmtes
von flach auslaufenden wellen
und vom sand. das ist mein talent,
das dazu beiträgt, nichts zu vergeuden.

text:

zwei zeilen

tintenfleck

die schwarzen tintenflecken
am himmel mischen sich
unter die schwärme der augvögel
und fische

text: