re: diktion

teil 2 von 13 der serie: desconocido

comicsart

… aufs wesen
tlich
e ode
r ist unter der f
alte, das
im licht der rück
seite de[s] monde[s]
à travers le monde
das wesen

re: diktion

text:

auf haut oder seele

dem himmel so nah

Himmel, mit Ecken
zum Verstecken, nur
was? Unter den Wolken
ein paar Kratzer auf
Haut oder Seele
oder ganz und gar
wolkenlose Gedanken
mit Wolken an
einem Himmel
mit Ecken

text:

warten auf den neuen tag

nacht

der kobboi pennt. der wind flennt
und pfeift, wirft kieselsteinchen
ans fenster: komm raus zu mir, wir
jagen ohne zu verzagen den wellen
nach, die an der insel nagen am
strand fand ich den atlandich
mit seiner dunung war er eins.

keines ohne das andere. ich wandere
nicht, sondern fege die insel frei
von abgestandener luft, vom aus
atmen des tages und fülle mit bedacht
die nacht und deinen garten mit dem
warten auf den neuen tag.

text:

traum

traum comicart coimics

der walfisch träumt ein haus
mit ozean darin und von beginn
an ist da so ein drehen in
enger serpentine kannst du
es steigen und auch sinken sehen
und den wal darin, im haus
in einem zeppelin fliegt er
in die welt hinaus, liegt er
zwischen schnecken
unter ligusterhecken

text:

ins boot gezogen

isla volante

die skulls hatte der alte mann ins boot gezogen und auf den ruderbänken abgelegt. dort lag auch ein schlichter mast bereit, eingedreht in ein geflicktes segel. die ebbe hatte eingesetzt und zog das boot aufs meer hinaus, und schon bald erfasste die hier parallel zur küste verlaufende strömung die hölzerne nussschale und nahm sie mit sich. unbeirrt las der alte aus dem buch. wenngleich der wind in seinen ohren flatterte und drängte, so hörte er deutlich den wellenschlag an der bordwand aufspritzen, glucksend und plitschernd ein häwelmannsches „mehr! mehr!“ gurgeln. von der sehnsucht nach dem meer las er der dünung vor, die ihn und sein boot wiegte, und davon, wie aus dieser sehnsucht heraus schiffe gebaut und geschichten geschrieben werden.

text:

allein in einem boot

boot

„… fischte allein in einem boot im golfstrom, und seit vierundachtzig tagen hatte er keinen fisch gefangen.“ seine stimme war die eines menschen, der gut gelebt und gern gesungen hatte. der wind griff in die seiten und versuchte, zum ende der geschichte vorzublättern. doch möchte eine geschichte zu ende gelesen werden wie auch ein leben zu ende gelebt sein will. das meer lauschte. glucksend bat sein wellenschlag den alten mann, sich nicht von der ungeduld des windes beirren zu lassen und fortzufahren.

text:

er war ein…

meer

niemand achtete auf den alten mann, der, ein buch unterm arm, am strand auf ein ruderboot zuging, es ins meer stieß, sich hinein warf, aufstand. wartete, bis das schaukelnde boot zur ruhe kam. bedächtig schlug er das buch auf und las dem meer vor: „er war ein alter mann und …“

text:

ein neuer tag

teil 30 von 30 der serie: milla cremeso

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

die strahlen der sonne tasteten durch die kühle des morgens nach millas geschlossenen lidern. sie erwachte. rieb sich den schlaf aus den augen. was für ein seltsamer traum. milla stand auf und sah nebenan nach tarik. das sofa war leer, kissen und decke lagen auf dem fußboden. von tarik keine spur.

milla eilte in die küche. der teller war leer, das kärtchen „großvaters garten“ lag daneben. die tür von der backstube zum garten stand offen, und so wunderte milla nicht, dass auch vom kleinen schwarz-weißen kater nichts zu sehen war. als milla die tür zum garten zuzog, fiel ihr blick auf den see. der lag da, ruhig wie immer, und von den winzigen wellen warf sich reflektierter sonnenschein in den jungen tag wie eine längst schon erzählte und doch immer neue geschichte, die es jedem zu erzählen galt, der zuhören mochte.

die torte mit dem pflaumenbaum darin lieferte milla noch am selben tag aus. war die junge frau zwar noch voller zweifel, so hörte ihr zukünftiger umso aufgeschlossener zu. milla sah, wie er die torte mit aufmerksamem blick betrachtete und nach dem gedicht zu suchen schien, das ihr innewohnen sollte wie ein segenswunsch, der nicht nur dem paar und seiner jungen liebe galt.

aßen die menschen von der torte, würden sie sich an die liebe erinnern. wie an eine verloren geglaubte heimat, zu der es sie zog. einen großvater vielleicht. wie an etwas, auf das sie lange gewartet hatten und das nun in ihr leben einzug hielt. auf einem esel, vielleicht. vielleicht aber auch in gestalt eines stückchens torte, das ihnen auf der zunge verging. wieder verloren ging, in jenem köstlichen moment gelebten erinnerns.

kaum dass milla sich wieder in ihr fahrzeug gesetzt und tief durchgeatmet hatte, wusste sie die geschichte um das paar und dessen verlobung hinter sich und dem vergessen preisgegeben. stunden geschäftiger routine vergingen. mit der abendlichen ruhe stieg in milla ein gefühl der verlassenheit auf. der mond ging auf über ihrem garten und begab sich auf seinen nächtlichen gang um das drehen der erde. milla stand am fenster der backstube und sah ihm dabei zu.

‚gerade so‘, ging es milla durch den sinn, ‚hätte ich es mir erdacht, wenn ich das könnte.‘ ein schwarz-weißer schatten hüpfte vom garten her auf die fensterbank und eine weiße pfote tupfte ans fenster. das katerchen! rasch öffnete milla dem kleinen gast. der sprang mit leisem miu! hinein und schmiegte sich purrend um millas beine. die nahm ihn hoch auf ihrem arm, setzte sich auf das sofa aus dunkelgrünem plüsch. als sie sich setzte, berührte ihre hand etwas kühles. eine zwetschge. die konnte sie nicht übersehen haben, als sie in der früh die schlafstätte ihres jungen gastes aufgeräumt hatte. versonnen hielt milla die frucht in ihrer hand, polierte sie an ihrem pullover und erkannte auf ihrer dunkelblauen, violetten haut das abbild eines nächtlichen sternenhimmels, über den in großer höhe dünne wolken zogen wie ferne sternennebel. tarik. wenigstens ein tarik war ihr geblieben, seufzte milla. was wohl aus dem raum geworden war, zu dem sie sich geträumt hatte? ob dessen sterne noch leuchteten?

milla ließ ihren blick aus dem fenster über den klaren nachthimmel schweifen und lächelte.

text:

wo ein anfang ist und kein ende

teil 29 von 30 der serie: milla cremeso

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

„die menschen kommen zu dir wegen deiner torten. suchen immerwährendes versprechen. hungern nach dem ersten bissen glück, den sie verspürten, als sie einander anvertrauten, sich verliebten. sie erhoffen, dass ihnen jenes glück, jene seligkeit aus deinen torten wiederersteht, milla. sie meinen schon mit dem ersten bissen, es gefunden zu haben. und doch kann solches glück nicht ewig währen. da sie einander, da sie die torte, die geschichte darin verzehren und das glück im moment des genusses als ganzes zu existieren aufhört und nur ein bisschen glück bleibt.

so lassen sie in der hoffnung auf seligkeit auch mich jedes jahr neu erstehen aus der geburt eines kindes. die sie dann wieder vergessen. und doch kehre ich wieder und wieder zurück, mit jedem neu geborenen kind. ein jedes ein universum für sich, chance auf neuanfang … und mit jedem schritt seiner menschwerdung verurteilt zu scheitern und untergang durch andere menschen. ein jeder meiner gedanken.“

‚auch tarik? auch ich?‘

„wenn man, mit welt und zeit verbunden, neu geboren daliegt, in sich das vergangene, das kommende geborgen wie alle sterne im all geborgen sind und das all in dir, und all das geht mit jedem deiner atemzüge, geht ein und geht aus: dann spürt man die nägel in den gelenken, das ertrinken, will nach haus.“

text:

der tote junge am meer

teil 28 von 30 der serie: milla cremeso

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

‚und der junge am meer?‘

„er ertrank, milla, vor der küste, an der du seinen leichnam fandest.“

‚auch ihn hättest du zu dir rufen können, dass er über das wasser laufen und zu einem eigenen universum werden kann. zu einem universum, das sich aus der kraft seiner gedanken schöpft. er müsste nicht tot daliegen, einem erbärmlichen ende preisgegeben.‘

„wer, milla, sagt, wer, milla, weiß, dass es so ist?“

‚ich habe ihn dort liegen sehen …‘

„zu ende gedacht?“

‚zu ende gedacht? er war … tot!‘

„milla …“

milla cremeso fühlte einen seufzer ihre gegenwart durchströmen. ihr fröstelte. der kosmos, der sie erfüllt und den sie, milla, aus- und erfüllte, schimmerte weit und verloren vor sich hin. so weit er auch sein mochte, eine antwort auf ihre frage, was tariks „zu ende gedacht?“ andeutete, fand sich nicht in ihm.

„es ist wie mit deinen torten, milla.“

milla fragte sich, was eine ihrer torten mit einem ertrunkenen jungen zu tun haben sollte. oder damit, dass sie, milla, sich hier wiederfand, als ein sich selbst aus der kraft ihrer gedanken schöpfendes universum. noch dazu geborgen in der gegenwart eines ihr gewogen gestimmten gegenübers, das sie zu sich gerufen hatte und zu dem hatte werden lassen, was sie jetzt ausmachte.
„kraft eines gedankens hast du in dir sterne entstehen lassen, milla. schau sie dir an. was soll als nächstes geschehen?“

jede ihrer torten, erkannte milla, war einem kleinen universum vergleichbar, das sie aus ihrer vorstellungskraft und ihrem geschick hatte entstehen lassen. alles an ihr, auch der zauber, den man ihren torten nachsagte, entsprach ihrer gedankenwelt und brachte zum ausdruck, wie sie das liebende paar und dessen geschichte gesehen hatte. war ganz. so wie auch ihre wirkung auf das brautpaar und dessen die torte verzehrende gesellschaft ganz war. für einen augenblick, nur einen augenblick lang: ganz. zugleich jedoch war jede torte, einmal ausgehändigt, zu ende gedacht. milla hatte keinen einfluss mehr auf sie. mehr noch – kaum angeschnitten, kaum, dass der erste bissen gegessen war, so war auch ein ende mit der gedankenwelt, war ein ende mit dem, was als ganzes der torte an geschichte, an zauber innegewohnt hatte. es blieb: stückwerk. stückwerk, das auf den gaumen der es verzehrenden verging. aller nachträglicher lobpreis dem rauschen vergleichbar, das milla den raum durchsieben spürte, der milla erfüllte und in dem sterne leuchteten, die sie kraft eines einzigen ihrer gedanken erschaffen hatte. nachklang des berstens, mit dem sie vergangen und aus dem der raum entstanden war.

‚und? der junge? ist er eine deiner … torten? ist er zu ende gedacht?‘

seufzen.

„er ist. ist noch in mir.“

‚so wie ich?‘

„so wie auch du, milla.“

milla spürte sich von einem lächeln umgeben. doch verspürte sie auch eine tiefe traurigkeit, die diesem lächeln innewohnte.

‚so bin auch ich, wie der junge, ein gedanke in dir, nicht zu ende gedacht?‘

„da ich ewig bin, milla, ewig und überall, ist – anders als deine torten – keiner meiner schöpfenden gedanken zu ende gedacht.“

text: