ein schöner name

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

ein schöner name. was er wohl bedeuten mochte? der bürgerkrieg in syrien hatte einen namen bekommen. ein gesicht.

der krieg? nein, nicht der krieg. was neben ihr saß, dachte milla bei sich, waren ein kleiner junge und dessen schicksal. war bestimmung. hatte angeklopft an ihre tür. da waren zwei lebenslinien, die einander begegneten und miteinander pflaumenkuchen aßen. pflaumenkuchen, der auf der einen seite nun auf immer die freundliche geste millas, ihren blühenden garten – und auf der anderen seite die pflaumenbäume der gärten damaskus‘ und das bild eines kleinen jungen namens tarik in erinnerung rufen würde.

„bist du noch traurig?“

milla verneinte lächelnd. über der begegnung mit dem kind war ihre trübe stimmung in vergessenheit geraten. gewiss, sie erinnerte sich. der grund ihrer traurigen gedanken war jedoch weit, weit entfernt wie das andere ufer des sees. das gehörte zwar zum see und dessen ganzen wie das ufer, das an ihrem garten verlief, doch verlor es sich in der ferne wie das vergessen. etwas zu vergessen, macht es nicht ungeschehen, aber erträglicher. milla dachte an ihre katze und wie die auf der wiese vor einem mauseloch saß und es darauf abgesehen zu haben schien, bei den mäusen in vergessenheit zu geraten.

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mehr als nur eine geste

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

milla cremeso legte ihren arm um sie schultern des jungen. weich gab der dieser geste nach und folgte dem zug an die warme seite der jungen frau, die sich nun doch ein herz fasste und von dem strom der menschen erzählte, die ihre heimat verlassen und sich auf den weg gemacht hatten, eine bessere zukunft in europa zu finden.

„dann bin auch ich ein flüchtlingskind.“

„mhm…“

der strom, den die berichte in den medien milla vor augen geführt hatten, verlief sich. tat es dem see gleich, der, wenn sie am hiesigen ufer stand und ausschau hielt nach dem anderen, fernen – und einer möglichen antwort auf ihren großen fragen, sich zu ihren füßen verlor in kleinen wellen, die anlandeten und verliefen. in einem kind. fleisch und blut. schwarze locken, südländisch dunkle haut, kohlrabenschwarze augen. was die medien flüchtlingswelle nannten, waren für milla jetzt ein kleiner junge und eine vertraue plauderei auf den stufen zu ihrer backstube.

„noch ein stück kuchen?“

„gern.“

als milla sich wieder zu ihm auf die stufen zum garten gesetzt und ihm ein duftendes, saftiges stück pflaumenkuchen gereicht hatte, fragte sie ihren jungen gast nach seinem namen:

„ich heiße milla, und du?“

„tarik!“

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eine mauer wie die in berlin

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

„bist du ein flüchtlingskind?“

„ein kind bin ich schon. aber … was ist ein flüchtling?“

„nun, du bist fort aus syrien und hierher geflohen.“

milla fand sich unverhofft in einer situation wieder, die ihr nicht behagte. konfrontiert mit dem halbwissen, das ihr über die medien vermittelt worden war und nun, da sie einem kind erläutern wollte, was ein flüchtlingskind ist, so gar nichts hergab. vom bürgerkrieg in syrien wollte sie nicht sprechen. war sich unsicher, mochte nicht unverhofft ein verschüttetes trauma wachrufen, dessen weder sie noch das kind herr werden konnten.
„großvater sagte, wir würden auf eine reise gehen. vater setzte mich auf einen esel und dann ging es über die grenze in die türkei …“

„deine mutter?“

„auch. jetzt kann niemand mehr über die grenze.“

„nein?“

„sie haben eine mauer gebaut, sagt vater. so wie die deutschen eine hatten, mitten in berlin. dort wird auf menschen geschossen. auf jeden, der jetzt noch über die grenze möchte.“

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die gärten vor damaskus

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

„bitte, greif zu!“

milla reichte dem jungen ein stück frischen zwetschgenkuchens und setzte sich neben ihn, biss von ihrem stück ab und fragte:
„ich schmecke pflaumen, butterstreusel und die süße des zuckers – und du?“

„die gärten vor damaskus. den meiner großeltern. die pflaumenbäume darin, die süße der zwetschgen und die geborgenheit, die ich dort erfuhr.“
„du stammst also aus syrien?“

„ja, wie die zwetschgen. großvater erzählte, dass alle zwetschgenbäume dieser welt ihre eigentliche heimat in syrien haben.“

und das also, dachte milla bei sich, machte, dass ihr kleiner gast mehr als nur pflaumenkuchen schmeckte, wenn er von ihrem aß, und sich an heimkehr erinnerte. nach-hause-kommen, ein schönes gefühl. eines, nach dem man sich sehnt, wenn man in der fremde ist oder gar das eigene zuhause die fremde, in der man nicht bleiben mag. milla war hier zu hause. in ihrer pâtisserie, zwischen ihren torten, auf dieser insel. und in der erinnerung an eine unglückliche zeit.

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bist du traurig?

milla

vom gartenzaun her grüßte ein junge. hatte die arme über den spitzen der haselstecken verschränkt und sein gesicht ruhte auf diesen braun gebrannten, dünnen armen. milla musterte ihn. dunkle hautfarbe, schwarze locken, kohlrabenschwarze augen. könnte zu diesen flüchtlingskindern gehören, die seit geraumer zeit im ort untergebracht waren. einige mit, andere ohne ihre eltern. vielleicht sieben jahre alt. woher nur beherrschte er ihre sprache?

„hm …“
milla war nicht nach reden zumute.

„ich komme, mich zu bedanken.“

„wofür?“

„den zwetschgenkuchen, den gespendeten.“

„war der gut?“

„köstlich! wenn ich davon abbiss und die augen schloss, war mir, als ob ich nach hause käme.“

seltsamer junge. über ihren pflaumenkuchen hatte milla noch niemanden so reden hören. sie bat den wunderlichen gast zu sich auf die stufen ihrer backstube, wo er bereitwillig platz nahm.

„ich habe noch welchen, magst du ein stück?“

leuchtende augen.

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die insel

milla cremeso

milla cremeso lebt auf einer fliegenden insel. auf einer fliegenden insel? ja, eine insel mit leuchtturm, anlegestelle, möwen und meer – mit fischen darin und wolken darüber. irgendwie scheint alles dort in der schwebe zu sein und fliegt. menschengeist. gleitet mit fischen durch kühle tiefe und zieht unterm blau der himmelskuppel mit den wolken. oder auch andersherum. und, was es dort auch gibt, sind die legendären hochzeitstorten milla cremesos.

milla cremeso betreibt eine kleine konditorei, in der sie ihre kreationen zum besten gibt. ich las, das gerücht gehe um, einige menschen würden ihrer hochzeitstorten wegen heiraten, und, noch besser, dass dies auch wahr sei und der zauber der torte den beginn einer großen liebe stifte.

eines späten nachmittags saß milla betrübt in der hintertür ihrer pâtisserie auf den stufen zum hof. stützte das kinn auf die hände und betrachtete über den blühenden garten hinweg den see. den see, der das meer um die fliegende insel inspiriert hatte. dessen wellen wiegten das glitzernde spiel der tief stehenden sonne. still lag er da, die ruhe selbst.

milla sann ihrer ehe nach, die ihr, allem zauber der von ihr gefertigten torten zum trotz, alles andere als die erfüllung einer großen liebe gebracht hatte. in die brüche gegangen war.

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komm..

ratur aquarell

gerda erwachte. tanzte mit den sonnenstrahlen auf den staubpartikeln, die sich über der beflissenen geschäftigkeit unter ihr in der schwebe hielten. dort unten lag ihr körper, erkaltet. die totenstarre hatte eingesetzt und breitete sich von den lidern und der leicht geöffneten kinnlade her im körper aus. ihr geist hatte zu existieren aufgehört. der arzt hatte den totenschein ausgefüllt, man wartete auf den bestatter.

das fenster hatten die pflegekräfte auf kipp gestellt. dass die seele das zimmer verlassen könne, versicherten sie einander. die angehörigen räumten das zimmer. in dessen mitte hing, über einen stuhl gelegt und seit gestern abend unberührt, ihr lieblingskleid. das kobaltblaue mit den weißen punkten.
doch zugleich schmiegte es sich um ihre lichtgeflutete präsenz. gerda ließ sich mit den bloßen füßen zur decke kopfüber ins zimmer hinein baumeln und lächelte den sonnenstrahlen zu, den tanzenden staubkörnern und ratur lite, der vom fenster her auf sie zu schwebte:

guten tag, gerda!

guten tag, ratur!

du … du erinnerst dich an mich?

ja, warum auch nicht?

ja, warum auch nicht. komm, lass uns gehen, gerda.

ja. heut ist ein schöner tag am meer.

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das weiße

ratur aquarell

weiß ist wie ebbe, ist mehr als das fehlen von farbe, ist mehr als die abwesenheit von schwarz. schwarz auf weiß ist aufkommende flut, präsent, das weiße scheint grund zu sein dem schwarzen, hintergrund – und doch ist es mehr als nur ein dahinter. vielleicht ist es das davor. enthält sein widerschein doch alle farben und wirft sie zurück, unserem auge entgegen. weißes licht, ungebrochen, ungebrochenes siegel. vielleicht ist das weiße die eigentliche dunkle materie der literatur. ist stille, die vor dem urknall, ist das schweigen, füllt leerzeichen an und leerzeilen. lässt raum, lässt welten raum, weltraum. das weiße ist diesem universum voids. und geschichten, auch die noch nicht erzählten, sind darin die filamente, schwarz auf – aus weiß sich erschaffend, abbildend. und so, wie die voids des uns umgebenden universums zu riesig sind, als dass sie mit dem weichen der materie aus diesen räumen zu erklären wären und also zugleich mit der baryonischen materie entstanden, so ist das weiße mit all dem ungedacht, ungesagt verborgenen darin entstanden, als der erste organismus zu denken begann. der in uns geborgenen, noch nicht erzählten geschichte kommen wir über die stille, das schweigen und das weiße in uns näher als über alle weisheit. weisheit, die sich uns schwarz auf weiß ausbreitet, einem sternenzelt gleich, wie es uns vertraut ist, wenn wir des nachts verlassen, was uns über den tag schneckenhaus war. des tags, wenn wir sonnenuhren folgen.

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wenn die flut…

ratur aquarell

ein breiter priel hinderte ratur am fortkommen. hier. hier? warum? warum … nicht? ratur ging in die hocke. weich und kühl der schlick unter seinen füßen, zwischen den zehen. der horizont hatte sich um raturs gestalt gelegt. wo ratur auch hinsah – er schien in jede himmelsrichtung gesucht gleich weit entfernt, schien zum stillstand gekommen. über sich das strahlende blau des himmels setzte ratur sich nieder, ließ sich hintenüber fallen und lauschte dem wind, der über ihn hinwegstrich.

kaum merklich hatte das wasser zu steigen begonnen, kam das meer zurück, leise, ganz leise. umspülte kalt den rücken. für einen moment, nur für einen moment, stockte ratur der atem. eine schar säbelschnäbler floh plüüüiiiit! von seewärts das steigende wasser und ließ sich rings um ratur im flachen wasser nieder, das sie, die schnäbel wie sensen durchs wasser streichend, nach muscheln, würmern und schnecken durchsuchten.

ob es wohl menschen gäbe, die das wesen literarischer gestalten als das ihre annehmen? also, anders als jene, die eine geschichte wie die seine weiterdenken und ihn als literarische gestalt zumindest für eine weile unsterblich machen, eine literarische gestalt – verkörpern? eine besondere form der inkarnation. und er, ratur lite, könne, derart zugelassen und aufgenommen, mensch werden, aus fleisch und blut, sein wesen in einem anderen geborgen – wie eine seele – unauffindbar und doch das ganze durchdringend wie ein ruf, eine noch zu erzählende geschichte. gerade so, wie auch er einem menschen und dann wieder aus vielen heraus entstanden und in die welt entlassen worden war. spiel. windhauch. das wasser stieg.

und stieg. nahm von dem blau seiner hose und dem titanweiß seines hemdes, zog eine sich verlierende spur dem küstensaum zu. raturs äußeres blich aus, zog mit dem wellenschlag und verblasste. das wasser reichte ihm nun bis zu den ohren. ratur lag, den blick im himmelblau, spürte dem spiel der sachte aufrollenden und dann wieder weichenden wellen in seinem haar nach und streckte suchend, michelangelo hätte seine freude daran gehabt, den zeigefinger aus in den wolkenlosen himmel.

unaufhaltsam: das weiß … wie morgensonne spürte ratur es in sich aufgehen, erstrahlen und raum greifen. das wasser begann, über ihn hinweg zu streichen. alle farben raturs hatten sich dem spiel der strömung ergeben, waren meer geworden. nun folgten die konturen. lösten sich aus ihrem zusammenhang und, einem tiefen, letzten ausatmen gleich, aus der umschreibung seiner literarischen gestalt. schwangen für eine weile mit dem seetang, bis letztendlich auch sie losließen und gingen, mit dem wellenschlag gingen, mit der sich wiegenden dünung.

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am strand

ratur aquarell

die luft begann, salzig zu schmecken. mit der zunehmenden kraft der aufsteigenden sonne hatte der wind gedreht und wehte von see aus landeinwärts. ratur erinnerte das lächeln, das ihn umspielt hatte wie dieser auflandige wind, um sich sogleich mit dem wässrigen blau der augen darin zu verlieren, haltlos, irgendwo hinter dem deich.

am deich angekommen lehnte ratur lite sein rad an einen zaunpfahl, schwang sich über den knotengitterdraht und lief den deich hinauf. schafe lagen im windschatten des deiches und käuten wieder. vor dem deich erstreckte sich der sandige strand, an dem ratur noch gestern gestanden und seine zehen in den sand gegraben hatte. ratur zog seine sandalen aus, stellte sie sorgsam ab und lief den strand hinab.

ebbe. das meer hatte sich zurückgezogen. irgendwo fern am horizont reflektierte es das licht der immer höher steigenden sonne. sonne. ratur griff sich aus dem sand einen vom salzwasser ergrauten zweig, steckte ihn in den sand und markierte die spur, die sein schatten auf den sand warf.

herr, es ist zeit. der sommer war sehr groß …

nach dem mond gehen. auch des tags. am ufersaum hatte die weichende flut ein dünnes band zerbrochener schneckenhäuschen zurückgelassen. ratur zog aus seiner hosentasche das eine, das ihm vom gestrigen tag geblieben war, und legte es behutsam zu den anderen. wenige schritte weiter schon im blick zurück nicht mehr auszumachen, wusste er es dort liegen und seine geschichte erzählt. nicht zu ende erzählt. warten … auf flut. warten?

ebbe ist …

ebbe ist mehr als die abwesenheit von flut. mehr als das fehlen von wasser, mehr als die tatsache, dass das, was in unseren augen das meer ausmacht, zur anderen seite der erde hin gezogen wurde. an einem anderen ort ist, fern. während ebbe von wasser reden ist eimerweise, ebbe fluten wollen hybris, bei ebbe auf flut warten missachtung. ebbe erklärt man nicht mit worten aus wasser. nicht: ebbe ist … – ebbe sein lassen. ebbe. ebbe halten. ebbe hören. ebbe zuhören. ebbe aushalten. ebbe ist ebbe. da geht der mutige hinaus auf den meeresgrund, so weit, wie das herz trägt.

bedächtigen schrittes lief ratur los und ließ das grün des deichs weit hinter sich.

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