Nach einer längeren Zugreise braucht sie Ruhe, zum Glück ist der Bahnhof in Fussweite zum See gelegen.
Die Fahrt war anstrengend, ihre Sitznachbarn beklagten sich ausführlich über die Überfremdung, danach kam die Politik an die Reihe. Als diese durch waren, arbeiteten sie sich an der faulen Jugend ab. Elsa machte sich kurz Gedanken zu ihrem Alter, aber ihre Gesprächspartner waren jetzt schon bei ihren Nachbarn, die so ziemlich alles falsch machen. Von denen ging es ohne Übergang zu ihren Verwandten, die sie beim Erben über den Tisch gezogen hätten. Als der Mann auf die Toilette gehen musste, begann sie über ihn zu klagen. Nach ihm musste sie natürlich auch und er blieb ihr auch nichts schuldig. Zum Abschied betonten sie noch, was für ein glückliches Paar sie jetzt schon seit 30 Jahren seien.
Aber sie hat es überlebt und der Grund ihrer Reise für einmal völlig vergessen.
Der Ton vom See. Im Hintergrund lärmt ein Industriebetrieb
Sie dreht sich im Kreis, soll sie weiter reisen oder wieder nach Hause? Vermutlich spielt es sowieso keine Rolle, wo sie sich aufhält. Oder hätte sie das Ding gar nie anfassen sollen und ihn am besten wieder da hinlegen, wo sie ihn wegnahm?
Heute nimmt sie keinen Nachtisch.
Knietief im Schnee und weit und breit nichts zu sehen als die weisse Pracht. Wo ist sie nur gelandet?
Zum Glück erwacht sie, als der Zug von einem entgegenkommenden Zug, so richtig durchgeschüttelt wird.
Die Sitznachbarin bietet ihr einen Apfel an, den sie gerne entgegennimmt. Der Tee in ihrer Thermosflasche ist kalt.
Die Aussentemperatur steht bei 18° und Regentropfen ziehen schräg über das Fenster.
Ein Spaziergang durch einen menschenleeren Park hilft auch nicht. Vermutlich ist ihre Reise sowieso nutzlos und niemand im ganzen Universum interessiert sich dafür und vermisst das Ding, das sie sich im schlimmsten Fall ja nur einbildet. Nein, das kann nicht sein.
Aber im eigenen Tempo gehen zu können und nicht bei jedem Schritt, irgendjemandem ausweichen zu müssen, ist sehr entspannend.
Das Tiramisu liegt ihr noch schwer im Magen.
Ob sie hier am richtigen Ort ist, bezweifelt sie. Aber wer weiss, vielleicht findet sie hier, genau diejenigen, welche diesen Gegenstand vermissen, oder den Auftrag haben, ihn wieder zurückzubringen. Auswahl an Menschen hat es auf alle Fälle genug.
Auf alle Fälle hört sie lieber dem Meer zu als der Stadt.
Jetzt sitzt sie schon eine Weile im fahrenden Zug, und die Geschichten der Kellnerin, gehen ihr immer noch durch den Kopf. Von all ihren Liebhabern, die sie hatte und dass sie in 5 Wochen heiraten werde. Sich aber schon wieder in einen anderen verliebt hätte und deshalb lieber mit ihr den Abend verbrachte, als alleine nach Hause zu gehen.
Elsa fühlt sich ganz entspannt und weiss noch nicht genau, an welchem Ort sie den Zug verlassen will.
Der Ton zur Bahnfahrt
Selbstverständlich gibt es auf so einer Bahnfahrt, so viele Geschichten wie Reisende:
VORBEI
Die Frau im Zug
Da sitzt sie nun
Am Fensterplatz und schaut sehr stumm
Zum Franz
Der starr von diesem Stern
Im Herz berührt
Doch für ihn fern
Er steht am Bahnsteig Nummer 3
Sein Traum fährt ab
Im Zug
Gleis Zwei
Jetzt sitz sie immer noch da. Die Kellnerin hat sich zu ihr gesetzt. Die hat Feierabend und bietet ihr auch noch an, bei ihr zu übernachten.
Das lehnt sie dankend ab, aber Elsa lädt sie zu einem gemeinsamen Abendessen ein. Für die Nacht, kennt sie eine Pension, die sie schon mehrmals besucht hatte, sie will frei bleiben.
Wie weiter?
Einen Tee trinken kann nicht schaden.
Sie bestellt noch einen zweiten.
Warum bewegt sich Zeit scheinbar nur in eine Richtung, von der Zukunft in die Gegenwart und dann in die Vergangenheit?
Dann könnte sie Algunos besser kennenlernen und sie wüsste vielleicht, was es mit dem Gegenstand auf sich hätte.
Oder sie hätte verhindern können, dass er vergessen wurde.
Der Tee ist kalt und sie hat Hunger.
Die Hoffnung, dass es schon auf der Überfahrt mit der Fähre passiert, hat sich nicht erfüllt. Dabei blieb sie damit so lange wie sie konnte auf Deck.
Aber sie will ja 30 Tage unterwegs bleiben. Also Geduld, die letzten 11 Jahre ist ja auch nichts passiert. Vermutlich ist für die Zeit ohne Belang. Oder der Gegenstand ohne Bedeutung.
Nachdem Herrn Algunos Jahre lang an einer stillgelegten Anlegestelle auf ein Schiff gewartet hatte, mit dem er auf eine grosse Reise antreten wollte. Erschien er an einem Morgen nicht wie immer zu selben Zeit. Er war wie vom Erdboden verschluckt, von Herrn Algunos fehlt jede Spur.
In seiner Wohnung fehlt nichts, auch seine kleine Reisetasche, die er immer dabei hatte, ist noch da, sie steht neben seinem Bett auf dem Boden. Der Schlüssel steckte von innen noch im Türschloss, die Hausmeisterin konnte zum Glück über den Balkon in seine Wohnung einsteigen.
Dass die Dachluke geschlossen, aber nicht verriegelt war, bemerkte niemand.
Elsa damals sieben, entdeckt in der Wohnung einen unförmigen transparenten kleinen Gegenstand in der Wohnung, der anscheinend von niemanden andern wahr genommen werden konnte.
Egal wem sie es zeigte, oder in die Hände geben wollte, nichts.
Sie stellte den Gegenstand auf das Fenstersims ihres Zimmers, in der Hoffnung, dass er von den Besitzern abgeholt wird.
Jetzt ist sie 18-jährig, und nichts hat sich verändert.
Er ist immer noch da und sieht aus wie neu. Kein Staub, kein Wasser bleibt an ihm hängen.
Jetzt will sie damit auf Reise gehen, vielleicht wird er so gefunden und zurückgeholt.