mehr als nur eine geste

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

milla cremeso legte ihren arm um sie schultern des jungen. weich gab der dieser geste nach und folgte dem zug an die warme seite der jungen frau, die sich nun doch ein herz fasste und von dem strom der menschen erzählte, die ihre heimat verlassen und sich auf den weg gemacht hatten, eine bessere zukunft in europa zu finden.

„dann bin auch ich ein flüchtlingskind.“

„mhm…“

der strom, den die berichte in den medien milla vor augen geführt hatten, verlief sich. tat es dem see gleich, der, wenn sie am hiesigen ufer stand und ausschau hielt nach dem anderen, fernen – und einer möglichen antwort auf ihren großen fragen, sich zu ihren füßen verlor in kleinen wellen, die anlandeten und verliefen. in einem kind. fleisch und blut. schwarze locken, südländisch dunkle haut, kohlrabenschwarze augen. was die medien flüchtlingswelle nannten, waren für milla jetzt ein kleiner junge und eine vertraue plauderei auf den stufen zu ihrer backstube.

„noch ein stück kuchen?“

„gern.“

als milla sich wieder zu ihm auf die stufen zum garten gesetzt und ihm ein duftendes, saftiges stück pflaumenkuchen gereicht hatte, fragte sie ihren jungen gast nach seinem namen:

„ich heiße milla, und du?“

„tarik!“

text:

volante

landschaft

jetzt hat sie jeglichen halt verloren, die insel.

wird sie vom meer weggespühlt?

verschwindet sie im himmel?

text:

so

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

die insel ist heute einfach nur so.

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aquarell - wasserfarbe zu haiku von sudabeh mohafez

postbotenblick auf
meine brust / aber er bringt
kostbare bücher

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erinnerungen

meer

winde und wellen fördern immer wieder neue geschichten zur isla volante.

aus längst vergangenen zeiten und aus der zukunft.

text:

die insel

milla cremeso

milla cremeso lebt auf einer fliegenden insel. auf einer fliegenden insel? ja, eine insel mit leuchtturm, anlegestelle, möwen und meer – mit fischen darin und wolken darüber. irgendwie scheint alles dort in der schwebe zu sein und fliegt. menschengeist. gleitet mit fischen durch kühle tiefe und zieht unterm blau der himmelskuppel mit den wolken. oder auch andersherum. und, was es dort auch gibt, sind die legendären hochzeitstorten milla cremesos.

milla cremeso betreibt eine kleine konditorei, in der sie ihre kreationen zum besten gibt. ich las, das gerücht gehe um, einige menschen würden ihrer hochzeitstorten wegen heiraten, und, noch besser, dass dies auch wahr sei und der zauber der torte den beginn einer großen liebe stifte.

eines späten nachmittags saß milla betrübt in der hintertür ihrer pâtisserie auf den stufen zum hof. stützte das kinn auf die hände und betrachtete über den blühenden garten hinweg den see. den see, der das meer um die fliegende insel inspiriert hatte. dessen wellen wiegten das glitzernde spiel der tief stehenden sonne. still lag er da, die ruhe selbst.

milla sann ihrer ehe nach, die ihr, allem zauber der von ihr gefertigten torten zum trotz, alles andere als die erfüllung einer großen liebe gebracht hatte. in die brüche gegangen war.

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aquarell - wasserfarbe zu haiku von sudabeh mohafez

wir nehmen den umweg
die straße aufwärts –
hangabwärts ist sie gesperrt.

text:

aquarell - wasserfarbe zu haiku von sudabeh mohafez

vom sofa ruhig
das gleichmaß deines atems.
draußen baut die meise ihr nest.

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leicht

mare

so leicht
so unbeschwert
so vergänglich

text:

kobalt

kobaltblau

das meer macht heute blau.

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