comic collab #79 denken

comic collab denken

seit er sich erinnern kann, versucht er einmal nicht zu denken, aber irgendwie scheint das unmöglich zu sein, das hirn ist nicht zu stoppen. wie don quijotes, ist er erfolglos in seinem kampf.

im april mit dabei:
webcomics
schlogger
strichweise diesig
isla volante
rainer unsinn
gobopictures
regenmonster
armer armin
dramatized
helen aerni

text:

ein neuer tag

teil 30 von 30 der serie: milla cremeso

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

die strahlen der sonne tasteten durch die kühle des morgens nach millas geschlossenen lidern. sie erwachte. rieb sich den schlaf aus den augen. was für ein seltsamer traum. milla stand auf und sah nebenan nach tarik. das sofa war leer, kissen und decke lagen auf dem fußboden. von tarik keine spur.

milla eilte in die küche. der teller war leer, das kärtchen „großvaters garten“ lag daneben. die tür von der backstube zum garten stand offen, und so wunderte milla nicht, dass auch vom kleinen schwarz-weißen kater nichts zu sehen war. als milla die tür zum garten zuzog, fiel ihr blick auf den see. der lag da, ruhig wie immer, und von den winzigen wellen warf sich reflektierter sonnenschein in den jungen tag wie eine längst schon erzählte und doch immer neue geschichte, die es jedem zu erzählen galt, der zuhören mochte.

die torte mit dem pflaumenbaum darin lieferte milla noch am selben tag aus. war die junge frau zwar noch voller zweifel, so hörte ihr zukünftiger umso aufgeschlossener zu. milla sah, wie er die torte mit aufmerksamem blick betrachtete und nach dem gedicht zu suchen schien, das ihr innewohnen sollte wie ein segenswunsch, der nicht nur dem paar und seiner jungen liebe galt.

aßen die menschen von der torte, würden sie sich an die liebe erinnern. wie an eine verloren geglaubte heimat, zu der es sie zog. einen großvater vielleicht. wie an etwas, auf das sie lange gewartet hatten und das nun in ihr leben einzug hielt. auf einem esel, vielleicht. vielleicht aber auch in gestalt eines stückchens torte, das ihnen auf der zunge verging. wieder verloren ging, in jenem köstlichen moment gelebten erinnerns.

kaum dass milla sich wieder in ihr fahrzeug gesetzt und tief durchgeatmet hatte, wusste sie die geschichte um das paar und dessen verlobung hinter sich und dem vergessen preisgegeben. stunden geschäftiger routine vergingen. mit der abendlichen ruhe stieg in milla ein gefühl der verlassenheit auf. der mond ging auf über ihrem garten und begab sich auf seinen nächtlichen gang um das drehen der erde. milla stand am fenster der backstube und sah ihm dabei zu.

‚gerade so‘, ging es milla durch den sinn, ‚hätte ich es mir erdacht, wenn ich das könnte.‘ ein schwarz-weißer schatten hüpfte vom garten her auf die fensterbank und eine weiße pfote tupfte ans fenster. das katerchen! rasch öffnete milla dem kleinen gast. der sprang mit leisem miu! hinein und schmiegte sich purrend um millas beine. die nahm ihn hoch auf ihrem arm, setzte sich auf das sofa aus dunkelgrünem plüsch. als sie sich setzte, berührte ihre hand etwas kühles. eine zwetschge. die konnte sie nicht übersehen haben, als sie in der früh die schlafstätte ihres jungen gastes aufgeräumt hatte. versonnen hielt milla die frucht in ihrer hand, polierte sie an ihrem pullover und erkannte auf ihrer dunkelblauen, violetten haut das abbild eines nächtlichen sternenhimmels, über den in großer höhe dünne wolken zogen wie ferne sternennebel. tarik. wenigstens ein tarik war ihr geblieben, seufzte milla. was wohl aus dem raum geworden war, zu dem sie sich geträumt hatte? ob dessen sterne noch leuchteten?

milla ließ ihren blick aus dem fenster über den klaren nachthimmel schweifen und lächelte.

text:

wo ein anfang ist und kein ende

teil 29 von 30 der serie: milla cremeso

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

„die menschen kommen zu dir wegen deiner torten. suchen immerwährendes versprechen. hungern nach dem ersten bissen glück, den sie verspürten, als sie einander anvertrauten, sich verliebten. sie erhoffen, dass ihnen jenes glück, jene seligkeit aus deinen torten wiederersteht, milla. sie meinen schon mit dem ersten bissen, es gefunden zu haben. und doch kann solches glück nicht ewig währen. da sie einander, da sie die torte, die geschichte darin verzehren und das glück im moment des genusses als ganzes zu existieren aufhört und nur ein bisschen glück bleibt.

so lassen sie in der hoffnung auf seligkeit auch mich jedes jahr neu erstehen aus der geburt eines kindes. die sie dann wieder vergessen. und doch kehre ich wieder und wieder zurück, mit jedem neu geborenen kind. ein jedes ein universum für sich, chance auf neuanfang … und mit jedem schritt seiner menschwerdung verurteilt zu scheitern und untergang durch andere menschen. ein jeder meiner gedanken.“

‚auch tarik? auch ich?‘

„wenn man, mit welt und zeit verbunden, neu geboren daliegt, in sich das vergangene, das kommende geborgen wie alle sterne im all geborgen sind und das all in dir, und all das geht mit jedem deiner atemzüge, geht ein und geht aus: dann spürt man die nägel in den gelenken, das ertrinken, will nach haus.“

text:

zeit

zeit time temps tiempo tempo

das ist doch jetzt ein „very dejà vu“, die insulanerinnen sind voller freude und gespannt, wie es weiter geht.
spiel uns irgend jemand einen bösen steich? ist das universum aus dem fugen? gibt es uns überhaupt? gab es uns jemals? haben wir noch zeit?

von ludwig jannsen

ja, könnte man so sagen …

bin unter sie geraten, sie
ziehen wie wolken über einen
himmel endloser zeitschafe
hin finde ich mich laufen
mit ausgebreiteten armen
bin ich eines von ihnen
oder ist es nur ein fell
das um mich schlackert
schlaf, der ich bin, tief
in mir weiß ich himmelblaues
warten auf weißes träumen

text:

der tote junge am meer

teil 28 von 30 der serie: milla cremeso

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

‚und der junge am meer?‘

„er ertrank, milla, vor der küste, an der du seinen leichnam fandest.“

‚auch ihn hättest du zu dir rufen können, dass er über das wasser laufen und zu einem eigenen universum werden kann. zu einem universum, das sich aus der kraft seiner gedanken schöpft. er müsste nicht tot daliegen, einem erbärmlichen ende preisgegeben.‘

„wer, milla, sagt, wer, milla, weiß, dass es so ist?“

‚ich habe ihn dort liegen sehen …‘

„zu ende gedacht?“

‚zu ende gedacht? er war … tot!‘

„milla …“

milla cremeso fühlte einen seufzer ihre gegenwart durchströmen. ihr fröstelte. der kosmos, der sie erfüllt und den sie, milla, aus- und erfüllte, schimmerte weit und verloren vor sich hin. so weit er auch sein mochte, eine antwort auf ihre frage, was tariks „zu ende gedacht?“ andeutete, fand sich nicht in ihm.

„es ist wie mit deinen torten, milla.“

milla fragte sich, was eine ihrer torten mit einem ertrunkenen jungen zu tun haben sollte. oder damit, dass sie, milla, sich hier wiederfand, als ein sich selbst aus der kraft ihrer gedanken schöpfendes universum. noch dazu geborgen in der gegenwart eines ihr gewogen gestimmten gegenübers, das sie zu sich gerufen hatte und zu dem hatte werden lassen, was sie jetzt ausmachte.
„kraft eines gedankens hast du in dir sterne entstehen lassen, milla. schau sie dir an. was soll als nächstes geschehen?“

jede ihrer torten, erkannte milla, war einem kleinen universum vergleichbar, das sie aus ihrer vorstellungskraft und ihrem geschick hatte entstehen lassen. alles an ihr, auch der zauber, den man ihren torten nachsagte, entsprach ihrer gedankenwelt und brachte zum ausdruck, wie sie das liebende paar und dessen geschichte gesehen hatte. war ganz. so wie auch ihre wirkung auf das brautpaar und dessen die torte verzehrende gesellschaft ganz war. für einen augenblick, nur einen augenblick lang: ganz. zugleich jedoch war jede torte, einmal ausgehändigt, zu ende gedacht. milla hatte keinen einfluss mehr auf sie. mehr noch – kaum angeschnitten, kaum, dass der erste bissen gegessen war, so war auch ein ende mit der gedankenwelt, war ein ende mit dem, was als ganzes der torte an geschichte, an zauber innegewohnt hatte. es blieb: stückwerk. stückwerk, das auf den gaumen der es verzehrenden verging. aller nachträglicher lobpreis dem rauschen vergleichbar, das milla den raum durchsieben spürte, der milla erfüllte und in dem sterne leuchteten, die sie kraft eines einzigen ihrer gedanken erschaffen hatte. nachklang des berstens, mit dem sie vergangen und aus dem der raum entstanden war.

‚und? der junge? ist er eine deiner … torten? ist er zu ende gedacht?‘

seufzen.

„er ist. ist noch in mir.“

‚so wie ich?‘

„so wie auch du, milla.“

milla spürte sich von einem lächeln umgeben. doch verspürte sie auch eine tiefe traurigkeit, die diesem lächeln innewohnte.

‚so bin auch ich, wie der junge, ein gedanke in dir, nicht zu ende gedacht?‘

„da ich ewig bin, milla, ewig und überall, ist – anders als deine torten – keiner meiner schöpfenden gedanken zu ende gedacht.“

text:

vom dem, was jeder in sich trägt

teil 27 von 30 der serie: milla cremeso

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

dunkel. milla war: dunkel. und ihr war dunkel zumute. die leise fragende stimme vermeinte sie zugleich von fern wie auch aus ihrer eigenen mitte zu hören:

„milla?“

‚ja?‘

… dachte sie und lauschte dem klang dieses gedankens, wie er, als wäre ein steinchen in ruhendes wasser gefallen, sich sacht rollend ausbreitete in der stille, die sie umgab.

„milla?“

tarik. die stimme erinnerte an ihn, doch klang sie wesentlich älter, viel älter und reifer, als milla den kleinen jungen neben sich erlebt hatte. wie er gedankenverloren auf dem dielenboden gesessen, das schwarz-weiße katerchen auf seinem schoß. wie er ihm lieder vorgesungen hatte in einer ihr fremden sprache. milla dachte:

‚wo bin ich?‘

„hier“, kam die antwort.

‚was ist mit mir?‘

„du bist.“

‚wo bin ich?‘

„zu einem wo bräuchte es einen raum, der dich umgäbe, milla. du bist. bist in mir. und der raum … der raum, milla, ist in dir.

‚wenn ich in dir … sein kann … bin, bist du ebenfalls – raum?‘

„nein. raum hat nur drei dimensionen innerhalb eines vierdimensionalen gebildes. du bist – und der raum ist in dir.“

‚bin ich der raum?‘

„du, milla, bist mehr. bist mehr als der raum, der in dir ist, denn du bist mehr als nur eine grenze. du bist. bist jedes ding in dir, jeder ort, bist an jedem ort.“

‚hier ist so dunkel. bin das auch ich?‘

„ja, milla.“

‚machst du licht?‘

„das, liebe milla, liegt in deiner macht – denk es.“

‚licht!‘

auch dieser gedanke millas rollte durch den raum, der sie war. rollte? schneller, als licht es je vermocht hätte, griff er sich den ihm bietenden raum. milla spürte, wie winzige teilchen zueinander strebten, sich fanden, aneinander legten und wie das dunkel in ihr, das dunkel, das sie war, sich hier und dort wieder verdichtete. schwer wurde es und schwerer. das wuchs, schwerte und mehrte sich und … mit einem mal flammten riesige gasbälle auf, in denen unter dem druck der sie ausmachenden elementarwolken wasserstoff unter gleißendem scheinen zu helium fusionierte.
licht!

‚ich habe gemacht, dass licht … ist!‘

mit der schöpfungskraft dieses einen gedankens hatte milla gemacht, das licht war. wo nur steckte tarik? seine stimme war überall, eine gestalt jedoch war nicht auszumachen. milla selbst war ohne gestalt. und doch zugleich alles, das war. ob sie auch … tarik war?

„tarik?“

keine antwort.

‚tarik?‘

milla spürte seine gegenwart. wie diese sie einhüllte und barg. doch fühlte sie sich nicht geborgen. fühlte sich allein. war es tarik, dessen gegenwart sie spürte? die gegenwart dessen, den sie als tarik kannte, den zu nächtlicher stunde an die tür klopfenden. sein ruf hatte sie hergeführt. weg von einem strand am mittelmeer, an dem sie soeben noch neben dem leichnam eines kleinen jungen gestanden und um hilfe gerufen hatte.

‚warum?‘

„warum nicht, milla? auf diese art können wir uns nahe sein, ohne dass ich aus einem kleinen jungen zu dir aufsehe und wir über eine deiner sagenhaften torten sinnieren.“

text:

zeit

zeit time temps tiempo tempo

wie doch die zeit vergeht, oder auch nicht. wie doch die zeit vergeht, oder auch nicht. doch die zeit vergeht, oder auch nicht. die zeit vergeht, oder auch nicht. oder auch nicht.
auch nicht. nicht.

von ludwig jannsen

hat der frachter weg
strecke zurück gelegt
auf dem meer
für schlechte zeiten
hat er zeit verbracht
auf dem meer
hat er zeit verfrachtet
über das meer
wir wissen es nicht
mehr als dass zeit
verstrich über allem
strich um strich das
wasser wich aus
himmel, meer und insel
leuchtturm, frachter
auch dem pinsel, der
schon trocken, kann
man keine zeit entlocken
doch weiß ich, wenn ich
schreib, betrachte, meine
zeit mit dem befrachte
was himmel meer und leuchtturm bleibt
durchströmt die zeit den raum und
mich,lässt eine spur, doch bleibt sie nicht

text:

comiccollab #078 warten

comic collab warten sequentielle kunst

es nimmt kein ende
sie ist schon lange weg
er schon lange zu spät

comic collab märz 2018

die anderen mitzeichner diesen monat:
– schlogger
– isla volante
– rainer unsinn
– armer armin
webcomics von thomas nehrkorn
pepperworth
strichweise diesig
dramatized depiction
regenmonster
gobopictures
helen aerni
das triumvirat

text:

sich verlieren und gewinnen, zu sich

teil 26 von 30 der serie: milla cremeso

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

wer milla jetzt so in ihrem bett hätte liegen sehen, eine friedlich schlafende hätte er erkannt. eine friedvoll atmende lag da in ihren weichen kissen. nicht ein hauch war zu erahnen vom dem, was sich in und für milla in diesem moment ereignete.

milla cremeso rannte über das meer. über ein meer, das sich ihr offenbarte. klar, bis auf den grund hinab. milla lief, unter sich das spiel tausender bunter fische. auf eine stimme zu, die sie zu sich rief. unter ihren füßen wiegte das meer, spiegelte den blauen himmel über allem und in den wellenkämmen brach glitzernd das sonnenlicht.

ihren herzschlag spürte sie in den schläfen, die salzige luft durchströmte ihre lungen und an den fußsohlen strichen die wellen entlang. streiften ihre fußsohlen, ohne sie zu benetzen. milla blickte unter sich und gewahrte, dass die wellen sich mit jedem weiteren ihrer eilenden schritte zu teilchen formten. zu sandkörnern. lichten sandkörnern. zu transzendenten körnchen, die, tautropfen gleich, die welt rings um sich zu bergen schienen, auf den kopf gestellt, glitzernd.

unter jedem der beherzten schritte millas stoben diese sandkörner auf, wirbelten umeinander und drifteten davon wie staub. sandkörner. sand? milla lief und lief, unter ihr verging das wirbeln und kreisen der leuchtenden körnchen mit jedem weiteren schritt. ihr wogen und wiegen verlor sich zunehmend in aus der tiefe aufsteigendem dunkel und milla bemerkte, dass sie über nichts geringeres gelaufen war als über sterne. über milliarden von sternen. diese milliarden von sternen und ihr licht verliefen sich zusehends im raum um raum greifenden dunkel. und dieses dunkel war es nun, das milla trug. über das sie hinweglief wie sie kurz zuvor über meer, sand und sternenlicht hinweg gelaufen war.

auch das dunkle schmeichelte millas füßen. doch anders als wellen, teilchen und sternensand, die ihre sohlen zwar gestreift, doch nicht benetzt hatten, griff es nach ihnen. stieg von den sohlen die füße und waden hinauf, legte sich schwer um ihre hüften und stieg immer weiter empor.

„milla!“

noch immer rief die stimme, rief komm! und milla folgte. die schritte fielen ihr schwerer, immer schwerer, das dunkel in ihr stieg und stieg …
„komm!“

das leuchten nur noch weniger sterne unter sich mühte milla sich um jeden weiteren schritt. dann erlosch auch der letzte stern. das dunkel hatte mittlerweile ihre halsbeuge erreicht, reichte bald bis in die letzte haarspitze. beugte milla in die knie. lastete schwer auf der zierlichen frau, die, den blick in die ferne gerichtet, sich nun anschickte, auf allen vieren sich dem klang der stimme entgegen zu schleppen, die nach ihr rief. ihr war, als würde das dunkel sie zerquetschen, verdichten. zu verdichten auf einen winzigen und dann dimensionslosen punkt …
mit lautem knall explodierte diese winzigkeit, zu der milla sich durch das dunkel verdichtet wahrgenommen hatte. schuf raum, schuf räume, schuf dimensionen. und milla? die spürte sich vergehen. es zerriss sie. in einem gleißenden lichtblitz stob sie in winzigen teilchen auseinander und doch blieb sie bei bewusstsein. körperlos … und ergriffen von staunen über den neu entstandenen weltraum ringsum und darüber, wie ihr geschah. dann wurde es wieder dunkel.

„milla?“

text:

40. rückblick

teil 40 von 40 der serie: der auftrag

die arbeit ist abgeschlossen und alle vesammeln sich beim leuchtturm. heute gibt es mehr als kaffee und kuchen.

text: