Isla Volante

Logbuch der Insel von Rittiner & Gomez

Meerleser Nr. 14

Mann Meer

Du fragst dich, ob es nun um den alten Mann geschehen sei. Ohnmächtig kann er sich nicht festhalten. Da liegt seine verdrehte Gestalt unter den Ruderbänken in Erbrochenem und Salzwasser. Mit jeder Woge, die das Boot empor hebt und dann wieder zu Tal schießen lässt, wird seine kraftlose Gestalt umher geworfen. Und noch eine Stunde Regen mehr, noch ein paar Wellen weiter, die über die Bordwand gischten, und er wird da unten im Boot liegend ertrinken. Du denkst „… der alte Mann sei jetzt endgültig und eindeutig ’salao‘, was die schlimmste Form von glücklos ist …“ und fragst dich, ob es klug von dir war, dich auf diese Reise aufs Meer hinaus einzulassen. Mit einem alten Mann, der kaum mehr in die Waagschale zu werfen hatte als ein paar Bücher, aus denen er dem Meer vorlas. Mehr von seiner eigenen Sehnsucht beseelt als von Vernunft geleitet. Der sich hatte treiben lassen, Ruder und Mast verstaut, und der nun, jegliches Hilfsmittel, über das man ein wenig hätte in den Lauf des Schicksals hätte eingreifen können, noch immer verstaut, einem unerbittlichen Ende entgegen geworfen wird. Zu schwach für die Wahrheit. Verschlungen von dem Ort seiner Sehnsucht, dem er sich anvertraut hatte.

Wird sich, gehst du ein paar Schritte weiter, überhaupt noch ein Fenster öffnen? Und werden die Fenster im Fenster die Geschichte hinter der Geschichte weiterführen?

Text: Ludwig Janssen

Serie: Meerleser

Meerleser Nr. 13

Mann Meer

Angst, Angst, die ihm den Magen umdrehte. Das Boot eine Nussschale. Wurde hin und her geworfen, emporgehoben, rauschte die Wogen hinab. Der Alte hatte sich auf den Boden des Bootes gesetzt. Mitten hinein ins Wasser, das dort hinein gischtete. Umklammerte mit einem Arm eine Ruderbank, zog sich an der Bordwand hoch, übergab sich in einem Schwall ins Meer, dann wieder ins Boot. Schöpfte mit einer Schale, die er aus der Kiste geholt hatte, Salzwasser und Erbrochenes aus dem Boot. Wartete auf die eine Welle, die über dem Boot brechen und es in die Tiefe ziehen würde. Betete, dass der Sturm sich legen möge. Der Sturm, der eigentlich noch keiner war, was die Windstärke anging, die grobe See, die dem Kapitän eines Krabbenkutters kaum ein müdes Lächeln abgerungen hätte. Doch einem alten Mann, der in einem Boot vom Seegang umeinander gewirbelt wird und sich die Seele aus dem Leib kotzt, erschienen Sturm, Regen und der wilde Tanz des Bootes im Wogen der aufgewühlten See wie das Jüngste Gericht. Eine große Woge hob das Boot auf ihren Kamm, brach, das Boot stürzte hinab. Hart schlug der Kopf des geschwächten Alten gegen die Bordwand und er verlor das Bewusstsein.

Text: Ludwig Janssen

Serie: Meerleser

Meerleser Nr. 12

Mann Meer

Wieder strich die Hand des Mannes über die hölzerne Bordwand. Er hatte sie unter den Händen seines Onkels entstehen sehen und auch der Baum, den er gefällt hatte, fand sich darin verarbeitet. Hatte wohl so manchen Sturm überlebt, jener Baum. Und nun fand er, der ihn gefällt hatte, sich darin wieder, sich an die hölzerne Bordwand klammernd.
Mittlerweile wehte der Wind mit sechs Beaufort und der Seegang hatte sich ausgewachsen zu dem, was man grobe See nennt. Die Wellen warfen das Boot die brechenden Wellenköpfe hinauf und schleuderten es zwischen den Schaum, der sich nun auch in den Wellentälern fand.
Angst stieg im Alten auf. Angst ums Überleben.

Text: Ludwig Janssen

Serie: Meerleser

Meerleser Nr. 11

Mann Meer

Heftiger Regen setzte ein. Eine frische Brise wehte und die Wellen trugen Schaumkronen. Warfen sich an die Bordwand, gischteten auf und sprühten mit dem Regen in das Gesicht des Alten. Das Buch, in dem der Protagonist den Segen des Unterfangens pries, in den Menschen die Sehnsucht nach dem Meer zu wecken, legte er zu den anderen in eine Kiste, in der er auch einen kleinen Trinkwasservorrat untergebracht hatte. Er hatte sich zu weit aufs Meer hinaus gewagt. Auf das stille, sanftmütige Meer, dem in einsamen, ruhelosen Stunden sein Sehnen gegolten hatte. Hier jedoch, jetzt, halfen ihm weder Segel noch Ruder. Doch verlieren durfte er sie auch nicht. Verstaute sie unter den Ruderbänken, zurrte sie daran fest.

Text: Ludwig Janssen

Serie: Meerleser

Meerleser Nr. 10

Mann Meer

Abstand halten. Doch … was hält dich? Ein Sturm zieht auf, und Du liest den Alten im Boot dem Meer von einem Baum vorlesen, von einer Stadt in einer Wüste. Wie passt das zusammen? Nein – was fügt das zusammen?
Hast Du bereits bemerkt, wie das Bild erzählt? Ein Comic. Kleine Rechtecke offenbaren dir die Geschichte in der Geschichte, ein etwas größeres Rechteck schildert das Offenbare. Ein Rahmen, Rechteck, trägt das Bild. Die Wand, an der es hängt – ein Rechteck, der Gang, den du durchschreitest, ein … Rechtecke. Ja, selbst das Haus, in dem das Bild, Du und die Geschichte sich befinden, setzt sich zusammen aus Rechtecken. Eine runde Sache. Quadratur des Kreises. So kann man sie sich vorstellen.
Dir ist, als würdest du jetzt gerne durch ein Fenster, ein Rechteck, nach draußen sehen und nachschauen, ob dort ein Wind geht, ob es dort regnet.

Text: Ludwig Janssen

Serie: Meerleser

Meerleser Nr. 9

Mann Meer

Du ertappst dich dabei, dass du diesen Gang entlang schreitest und dich fragst, aus welchen Büchern der Mann im Boot wohl dem Meer vorlesen mag.
Parallel zu der Geschichte, die du aus den Bildern liest, entsteht eine eigene. Deine Geschichte. Die eines Betrachters. Die eines Lesers.
An das nächste Bild wirst du näher herantreten. Was das wohl bedeuten mag, dass der Horizont sich verdunkelt?
So ein Bild ist doch eine recht zweidimensionale Angelegenheit, oder?
Oder?
Du erreichst das folgende Bild. Noch immer … wieder? … ist ein Mann zu sehen, der in einem Ruderboot sitzt. Ein Buch auf den Knien liest er dem Meer vor. Aus welchem Buch würdest du dem Meer vorlesen? Allmählich geht in dir der Gedanke auf, dass du selbst die fehlende dritte Dimension sein könntest zu der Geschichte, die dir die Bilder erzählen.

Text: Ludwig Janssen

Serie: Meerleser