meer – widerstand

meer aquarell

ich weiß nicht, ob sich das meer konzentrieren kann, ob es manchmal verzweifelt versucht, seinen eigenen willen durchzusetzen, ob es seit urzeiten darüber nachdenkt, warum es immer wieder der anziehung und abstoßung durch den mond folgen muss, aber es gefällt mir, zu glauben, das meer übe sich lebenslang im widerstand.

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meer – meeresboden

meer aquarell

nichts geschieht von selbst, oder alles, und es ist allein mein wille, der sich dem entgegenstellt. so wie der meeresboden, der es ernst meint. die frage, wie es sich mit dem licht verhält. ist licht mehr als ein widerspruch zur dunkelheit?
stimmen, die einander worte zurufen, laute, die auf erinnerungen stoßen, bevor sie ihr ziel erreichen, straucheln, die orientierung verlieren, fallen.
vielleicht fällt licht auf das gefallene wort. den meeresboden erreicht es nie.

muetzenfalterin

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meer – salzige sardellen

meer aquarell

ich habe ihn am meer kennen gelernt. an keinem anderen ort hätten seine dunklen augen so leuchten können für mich. nirgendwo sonst hätte er darüber gelacht, wie ich caballos sagte, während ich auf friedlich grasende pferde zeigte. auf dem weg zu einer kleinen bar, in der wir salzige sardellen aßen und kaffee dazu tranken.
und als ich wenige tage später im bus saß, mich mit jedem kilometer vom meer entfernte, wusste ich, wie er hieß, wo er studierte und wie er sein geld verdiente. ich wusste auch, dass ich ihn nie wiedersehen würde. das ich ihn nicht vergessen würde, wusste ich damals noch nicht.

muetzenfalterin

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meer – die quelle

meer aquarell

unsere befangenheit in vorstellungen. bis ein satz, ein wort, sie auflöst. ich habe dir von den wellen geschrieben. mein stranden im offenen meer. und kein wal, der mich aufnahm, kein kapitän ahab, der mir mit seiner wut den weg wies. nur die erinnerung an die singende quelle, von der marguerite duras geschrieben hat. ihre worte wie psalme. mein neues testament.

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meer – besitz

meer aquarell

um mich herum weite. horizont. müdigkeit. auf einem weißen schiff, wie von marguerite duras ausgedacht, steht die kleine frau und winkt.

was du siehst, wenn du die augen schließt, gehört dir, hat meine mutter mir immer wieder gesagt. und ich habe ihr nie verraten, dass es das meer ist, dessen bild hinter meinen geschlossenen augen auftauchte. verlässlich und tröstend.

muetzenfalterin

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meer – hände

meer aquarell

als kind war ich zu hause in der landschaft des meeres, in der wüste, die ja auch nichts anderes war als ein ozean aus sand und in den steinigen gebirgen. alles lag in meiner hand, solange meine hand in der meines vaters lag.

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traum vom meer

meer aquarell

mit jeder welle näherte ich mich der ferne, dem horizont, dem: es-gibt-kein-zurück. die möwen über mir spendeten mir schatten, umkreisten mich ratlos und drehten ab. ich ließ mich treiben, ich ruderte, ich verlor langsam das ufer aus der sicht. noch ein paar züge, dann versank ich so tief in meinem traum vom meer, dass nichts mehr in mein bewusstsein drang.

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meer – fisch

meer aquarell

durch kiemen atmen und statt haut schuppen. sich niemals im spiegel sehen, vielmehr die spiegel zerstören, die eine ruhige wasserfläche bereitstellt für die, die immer und überall ihr eigenes gesicht suchen. keine füße haben und keine stimme. aber immer in bewegung sein und schwerelos.

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meer – pause

meer aquarell

wir schwimmen im kleinkarierten bedauern unserer ahnungslosigkeit. unser horizont ist nicht weit, aber immer begleitet vom rauschen ungebetener gedanken. einmal im jahr fahren wir ans meer, um sie zu ertränken. essen fisch und bespötteln unsere sparsamkeit. und wenn wir langsam anfangen, uns daran zu gewöhnen, dass etwas uns trägt, fahren wir wieder nach hause.

muetzenfalterin

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meer – die kleine frau…

meer aquarell

die kleine frau verwandelt sich in eine flaschenpost

die kleine frau steht am ufer. verlagert ihr gewicht von einem fuß auf den anderen. aber es hilft nichts. sie findet den rhythmus der wellen nicht. diese kraft, die aus vielen winzigen einzelheiten eine bedeutsame bewegung macht.

sie hat ihre einsicht ins meer geworfen und auf dessen umsicht vertraut. das meer aber hat ihre einsicht einer einsamen flaschenpost vermacht.

erst muss man alle hoffnungen verlieren, dann erreicht einen eine verwaschene botschaft wie eine welle, der man sich getrost überlässt.

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