ein neuer tag

teil 30 von 30 der serie: milla cremeso

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

die strahlen der sonne tasteten durch die kühle des morgens nach millas geschlossenen lidern. sie erwachte. rieb sich den schlaf aus den augen. was für ein seltsamer traum. milla stand auf und sah nebenan nach tarik. das sofa war leer, kissen und decke lagen auf dem fußboden. von tarik keine spur.

milla eilte in die küche. der teller war leer, das kärtchen „großvaters garten“ lag daneben. die tür von der backstube zum garten stand offen, und so wunderte milla nicht, dass auch vom kleinen schwarz-weißen kater nichts zu sehen war. als milla die tür zum garten zuzog, fiel ihr blick auf den see. der lag da, ruhig wie immer, und von den winzigen wellen warf sich reflektierter sonnenschein in den jungen tag wie eine längst schon erzählte und doch immer neue geschichte, die es jedem zu erzählen galt, der zuhören mochte.

die torte mit dem pflaumenbaum darin lieferte milla noch am selben tag aus. war die junge frau zwar noch voller zweifel, so hörte ihr zukünftiger umso aufgeschlossener zu. milla sah, wie er die torte mit aufmerksamem blick betrachtete und nach dem gedicht zu suchen schien, das ihr innewohnen sollte wie ein segenswunsch, der nicht nur dem paar und seiner jungen liebe galt.

aßen die menschen von der torte, würden sie sich an die liebe erinnern. wie an eine verloren geglaubte heimat, zu der es sie zog. einen großvater vielleicht. wie an etwas, auf das sie lange gewartet hatten und das nun in ihr leben einzug hielt. auf einem esel, vielleicht. vielleicht aber auch in gestalt eines stückchens torte, das ihnen auf der zunge verging. wieder verloren ging, in jenem köstlichen moment gelebten erinnerns.

kaum dass milla sich wieder in ihr fahrzeug gesetzt und tief durchgeatmet hatte, wusste sie die geschichte um das paar und dessen verlobung hinter sich und dem vergessen preisgegeben. stunden geschäftiger routine vergingen. mit der abendlichen ruhe stieg in milla ein gefühl der verlassenheit auf. der mond ging auf über ihrem garten und begab sich auf seinen nächtlichen gang um das drehen der erde. milla stand am fenster der backstube und sah ihm dabei zu.

‚gerade so‘, ging es milla durch den sinn, ‚hätte ich es mir erdacht, wenn ich das könnte.‘ ein schwarz-weißer schatten hüpfte vom garten her auf die fensterbank und eine weiße pfote tupfte ans fenster. das katerchen! rasch öffnete milla dem kleinen gast. der sprang mit leisem miu! hinein und schmiegte sich purrend um millas beine. die nahm ihn hoch auf ihrem arm, setzte sich auf das sofa aus dunkelgrünem plüsch. als sie sich setzte, berührte ihre hand etwas kühles. eine zwetschge. die konnte sie nicht übersehen haben, als sie in der früh die schlafstätte ihres jungen gastes aufgeräumt hatte. versonnen hielt milla die frucht in ihrer hand, polierte sie an ihrem pullover und erkannte auf ihrer dunkelblauen, violetten haut das abbild eines nächtlichen sternenhimmels, über den in großer höhe dünne wolken zogen wie ferne sternennebel. tarik. wenigstens ein tarik war ihr geblieben, seufzte milla. was wohl aus dem raum geworden war, zu dem sie sich geträumt hatte? ob dessen sterne noch leuchteten?

milla ließ ihren blick aus dem fenster über den klaren nachthimmel schweifen und lächelte.

text:

der tote junge am meer

teil 28 von 30 der serie: milla cremeso

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

‚und der junge am meer?‘

„er ertrank, milla, vor der küste, an der du seinen leichnam fandest.“

‚auch ihn hättest du zu dir rufen können, dass er über das wasser laufen und zu einem eigenen universum werden kann. zu einem universum, das sich aus der kraft seiner gedanken schöpft. er müsste nicht tot daliegen, einem erbärmlichen ende preisgegeben.‘

„wer, milla, sagt, wer, milla, weiß, dass es so ist?“

‚ich habe ihn dort liegen sehen …‘

„zu ende gedacht?“

‚zu ende gedacht? er war … tot!‘

„milla …“

milla cremeso fühlte einen seufzer ihre gegenwart durchströmen. ihr fröstelte. der kosmos, der sie erfüllt und den sie, milla, aus- und erfüllte, schimmerte weit und verloren vor sich hin. so weit er auch sein mochte, eine antwort auf ihre frage, was tariks „zu ende gedacht?“ andeutete, fand sich nicht in ihm.

„es ist wie mit deinen torten, milla.“

milla fragte sich, was eine ihrer torten mit einem ertrunkenen jungen zu tun haben sollte. oder damit, dass sie, milla, sich hier wiederfand, als ein sich selbst aus der kraft ihrer gedanken schöpfendes universum. noch dazu geborgen in der gegenwart eines ihr gewogen gestimmten gegenübers, das sie zu sich gerufen hatte und zu dem hatte werden lassen, was sie jetzt ausmachte.
„kraft eines gedankens hast du in dir sterne entstehen lassen, milla. schau sie dir an. was soll als nächstes geschehen?“

jede ihrer torten, erkannte milla, war einem kleinen universum vergleichbar, das sie aus ihrer vorstellungskraft und ihrem geschick hatte entstehen lassen. alles an ihr, auch der zauber, den man ihren torten nachsagte, entsprach ihrer gedankenwelt und brachte zum ausdruck, wie sie das liebende paar und dessen geschichte gesehen hatte. war ganz. so wie auch ihre wirkung auf das brautpaar und dessen die torte verzehrende gesellschaft ganz war. für einen augenblick, nur einen augenblick lang: ganz. zugleich jedoch war jede torte, einmal ausgehändigt, zu ende gedacht. milla hatte keinen einfluss mehr auf sie. mehr noch – kaum angeschnitten, kaum, dass der erste bissen gegessen war, so war auch ein ende mit der gedankenwelt, war ein ende mit dem, was als ganzes der torte an geschichte, an zauber innegewohnt hatte. es blieb: stückwerk. stückwerk, das auf den gaumen der es verzehrenden verging. aller nachträglicher lobpreis dem rauschen vergleichbar, das milla den raum durchsieben spürte, der milla erfüllte und in dem sterne leuchteten, die sie kraft eines einzigen ihrer gedanken erschaffen hatte. nachklang des berstens, mit dem sie vergangen und aus dem der raum entstanden war.

‚und? der junge? ist er eine deiner … torten? ist er zu ende gedacht?‘

seufzen.

„er ist. ist noch in mir.“

‚so wie ich?‘

„so wie auch du, milla.“

milla spürte sich von einem lächeln umgeben. doch verspürte sie auch eine tiefe traurigkeit, die diesem lächeln innewohnte.

‚so bin auch ich, wie der junge, ein gedanke in dir, nicht zu ende gedacht?‘

„da ich ewig bin, milla, ewig und überall, ist – anders als deine torten – keiner meiner schöpfenden gedanken zu ende gedacht.“

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vom dem, was jeder in sich trägt

teil 27 von 30 der serie: milla cremeso

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

dunkel. milla war: dunkel. und ihr war dunkel zumute. die leise fragende stimme vermeinte sie zugleich von fern wie auch aus ihrer eigenen mitte zu hören:

„milla?“

‚ja?‘

… dachte sie und lauschte dem klang dieses gedankens, wie er, als wäre ein steinchen in ruhendes wasser gefallen, sich sacht rollend ausbreitete in der stille, die sie umgab.

„milla?“

tarik. die stimme erinnerte an ihn, doch klang sie wesentlich älter, viel älter und reifer, als milla den kleinen jungen neben sich erlebt hatte. wie er gedankenverloren auf dem dielenboden gesessen, das schwarz-weiße katerchen auf seinem schoß. wie er ihm lieder vorgesungen hatte in einer ihr fremden sprache. milla dachte:

‚wo bin ich?‘

„hier“, kam die antwort.

‚was ist mit mir?‘

„du bist.“

‚wo bin ich?‘

„zu einem wo bräuchte es einen raum, der dich umgäbe, milla. du bist. bist in mir. und der raum … der raum, milla, ist in dir.

‚wenn ich in dir … sein kann … bin, bist du ebenfalls – raum?‘

„nein. raum hat nur drei dimensionen innerhalb eines vierdimensionalen gebildes. du bist – und der raum ist in dir.“

‚bin ich der raum?‘

„du, milla, bist mehr. bist mehr als der raum, der in dir ist, denn du bist mehr als nur eine grenze. du bist. bist jedes ding in dir, jeder ort, bist an jedem ort.“

‚hier ist so dunkel. bin das auch ich?‘

„ja, milla.“

‚machst du licht?‘

„das, liebe milla, liegt in deiner macht – denk es.“

‚licht!‘

auch dieser gedanke millas rollte durch den raum, der sie war. rollte? schneller, als licht es je vermocht hätte, griff er sich den ihm bietenden raum. milla spürte, wie winzige teilchen zueinander strebten, sich fanden, aneinander legten und wie das dunkel in ihr, das dunkel, das sie war, sich hier und dort wieder verdichtete. schwer wurde es und schwerer. das wuchs, schwerte und mehrte sich und … mit einem mal flammten riesige gasbälle auf, in denen unter dem druck der sie ausmachenden elementarwolken wasserstoff unter gleißendem scheinen zu helium fusionierte.
licht!

‚ich habe gemacht, dass licht … ist!‘

mit der schöpfungskraft dieses einen gedankens hatte milla gemacht, das licht war. wo nur steckte tarik? seine stimme war überall, eine gestalt jedoch war nicht auszumachen. milla selbst war ohne gestalt. und doch zugleich alles, das war. ob sie auch … tarik war?

„tarik?“

keine antwort.

‚tarik?‘

milla spürte seine gegenwart. wie diese sie einhüllte und barg. doch fühlte sie sich nicht geborgen. fühlte sich allein. war es tarik, dessen gegenwart sie spürte? die gegenwart dessen, den sie als tarik kannte, den zu nächtlicher stunde an die tür klopfenden. sein ruf hatte sie hergeführt. weg von einem strand am mittelmeer, an dem sie soeben noch neben dem leichnam eines kleinen jungen gestanden und um hilfe gerufen hatte.

‚warum?‘

„warum nicht, milla? auf diese art können wir uns nahe sein, ohne dass ich aus einem kleinen jungen zu dir aufsehe und wir über eine deiner sagenhaften torten sinnieren.“

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sich verlieren und gewinnen, zu sich

teil 26 von 30 der serie: milla cremeso

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

wer milla jetzt so in ihrem bett hätte liegen sehen, eine friedlich schlafende hätte er erkannt. eine friedvoll atmende lag da in ihren weichen kissen. nicht ein hauch war zu erahnen vom dem, was sich in und für milla in diesem moment ereignete.

milla cremeso rannte über das meer. über ein meer, das sich ihr offenbarte. klar, bis auf den grund hinab. milla lief, unter sich das spiel tausender bunter fische. auf eine stimme zu, die sie zu sich rief. unter ihren füßen wiegte das meer, spiegelte den blauen himmel über allem und in den wellenkämmen brach glitzernd das sonnenlicht.

ihren herzschlag spürte sie in den schläfen, die salzige luft durchströmte ihre lungen und an den fußsohlen strichen die wellen entlang. streiften ihre fußsohlen, ohne sie zu benetzen. milla blickte unter sich und gewahrte, dass die wellen sich mit jedem weiteren ihrer eilenden schritte zu teilchen formten. zu sandkörnern. lichten sandkörnern. zu transzendenten körnchen, die, tautropfen gleich, die welt rings um sich zu bergen schienen, auf den kopf gestellt, glitzernd.

unter jedem der beherzten schritte millas stoben diese sandkörner auf, wirbelten umeinander und drifteten davon wie staub. sandkörner. sand? milla lief und lief, unter ihr verging das wirbeln und kreisen der leuchtenden körnchen mit jedem weiteren schritt. ihr wogen und wiegen verlor sich zunehmend in aus der tiefe aufsteigendem dunkel und milla bemerkte, dass sie über nichts geringeres gelaufen war als über sterne. über milliarden von sternen. diese milliarden von sternen und ihr licht verliefen sich zusehends im raum um raum greifenden dunkel. und dieses dunkel war es nun, das milla trug. über das sie hinweglief wie sie kurz zuvor über meer, sand und sternenlicht hinweg gelaufen war.

auch das dunkle schmeichelte millas füßen. doch anders als wellen, teilchen und sternensand, die ihre sohlen zwar gestreift, doch nicht benetzt hatten, griff es nach ihnen. stieg von den sohlen die füße und waden hinauf, legte sich schwer um ihre hüften und stieg immer weiter empor.

„milla!“

noch immer rief die stimme, rief komm! und milla folgte. die schritte fielen ihr schwerer, immer schwerer, das dunkel in ihr stieg und stieg …
„komm!“

das leuchten nur noch weniger sterne unter sich mühte milla sich um jeden weiteren schritt. dann erlosch auch der letzte stern. das dunkel hatte mittlerweile ihre halsbeuge erreicht, reichte bald bis in die letzte haarspitze. beugte milla in die knie. lastete schwer auf der zierlichen frau, die, den blick in die ferne gerichtet, sich nun anschickte, auf allen vieren sich dem klang der stimme entgegen zu schleppen, die nach ihr rief. ihr war, als würde das dunkel sie zerquetschen, verdichten. zu verdichten auf einen winzigen und dann dimensionslosen punkt …
mit lautem knall explodierte diese winzigkeit, zu der milla sich durch das dunkel verdichtet wahrgenommen hatte. schuf raum, schuf räume, schuf dimensionen. und milla? die spürte sich vergehen. es zerriss sie. in einem gleißenden lichtblitz stob sie in winzigen teilchen auseinander und doch blieb sie bei bewusstsein. körperlos … und ergriffen von staunen über den neu entstandenen weltraum ringsum und darüber, wie ihr geschah. dann wurde es wieder dunkel.

„milla?“

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traum?

teil 25 von 30 der serie: milla cremeso

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

salzige luft. wellen plätscherten. ein strahlend blauer himmel wölbte sich über milla, über dem strand. warmer sand schmeichelte ihren bloßen füßen. milla fand sich am meer, an südlichem gestade, stand mit ausgebreiteten armen und hatte ihre lider gesenkt. eine sanfte brise spielte in ihrem haar. am ufersaum zu ihren füßen spülte die anlandende see mitbringsel an aus dünung und tiefe – muschelschalen, zerschlagene schneckenhäuser, holzstückchen, tang, den es aus seiner verankerung gerissen hatte. einen seestern.

milla schlug die augen auf, genoss die friedvolle weite, lauschte dem kreischen der möwen und ihr blick folgte dem tanz der vögel über strand und meer. in einiger entfernung machte sie etwas rotes aus, das sich im anlandenden wellenschlag wiegte. milla meinte, auch etwas blaues, einen menschlichen umriss ausmachen zu können und ging darauf zu. eine puppe? ein kind! das erkannte milla auf den letzten metern, rannte hinzu und erstarrte: ein kind, ertrunken. die wellen brachen gurgelnd und glucksend an seinem köpfchen, gingen über den kleinen leichnam hinweg und rollten mit jedem sachten schlag den ertrunkenen von einer seite auf die andere. milla sank in die knie und betrachtete sein gesicht. mal trug es die züge eines vielleicht fünfjährigen jungen, dann wieder war das antlitz eines erwachsenen bärtigen mannes zu sehen, auf dessen bleicher stirn milla seltsame, vom meerwasser aufgeweichte male erkannte, die wie stiche und schnittwunden anmuteten.

„hilfe!“

gab es hier irgendwelche hilfe, hier, wo offensichtlich jede hilfe zu spät kam?

„hilfe.“

hilfe. milla spürte ihre hilflosigkeit, spürte, wie ihre ohnmacht sich löste und beugte sich über den jungen, um ihn in ihre arme zu bergen …

„milla!“

milla hörte ihren namen rufen und hielt in ihrer bewegung inne.

„milla!“

der ruf kam von see her, eindeutig – und zweifelsohne galt er ihr. wer rief? die stimme war ihr fremd und doch auf eigenartige weise vertraut.

„komm!“

milla zögerte.

„milla, komm!“

milla lief, lief los. lief in die anlandende see hinein – und sieh! der wellenschlag trug sie, trug ihre weit ausgreifenden beine und hob sie über die dünung. milla lief über das wasser, immer schneller wurde ihr schritt. über das meer, dem horizont zu, von dem her die stimme sie zu sich rief:

„komm, milla, komm!“

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großvaters garten

teil 24 von 30 der serie: milla cremeso

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

damaskus. von dort stammte tarik ab. jedenfalls fand sich dort der garten seines großvaters, von dem tarik geschwärmt hatte. stellte die erinnerung an diesen garten doch ein stück unzerstörbare heimat dar, das dem kleinen jungen nicht zu nehmen war. erinnerung, die ihn hier, tausende kilometer entfernt, glücklich stimmte und wehmütig zugleich. aufgerufen durch den geschmack der pflaumen des kuchens, den milla gespendet hatte.

damaskus. wie sollte ein gebäck diese stadt und einen garten beschreiben. gewiss, die zwetschge stammte aus damaskus, fand in historischer zeit von dort ihren weg nach europa. die stadt damaskus und ihre historie bildeten jedoch lediglich den rahmen. auch galt es nicht, ein orientalisches gebäck herzustellen. das konnten tariks eltern sicherlich besser als sie, milla cremeso. milla brauchte ein gebäck, das eine reminiszenz an damaskus darstellen konnte, eine allegorie.

wenn milla über ihre hochzeitstorten hinaus für etwas bekannt war, das ihr besonders gut gelang, so waren das ihre sahnecrèmeschnitten, mille feuilles. und deren blätterteig, ging es milla durch den sinn, wurde, ähnlich wie der stahl der berühmten damaszenerklingen, immer wieder gefaltet und, wo der stahl geschmiedet wurde, wurde millas blätterteig touriert, mindestens sechs mal. in ihrer kühlkammer bewahrte milla immer einen vorrat selbst zubereiteten blätterteigs für die laufende produktion der woche. von diesem blätterteig holte sie nun ein stück, genügend groß für ein blech ihres backofens, und schnitt es zu. achtete dabei darauf, dass die seiten hierbei nicht verklebten. und doch, kaum dass der teig, in passende rechtecke geschnitten, auf dem backblech lang, bedeckte sie ihn mit backpapier und legte ein zweites backblech leer darüber. milla wollte, dass der teig unterm backen nicht zu sehr aufging und für ihre cremeschnitten flache scheiben mit der typischen blättrigen struktur erbrachte.

die sahne verrührte sie mit gelatinepulver und vermengte einen teil mit gekochten und durch ein sieb passierten pflaumen, gab zimt hinzu, ein wenig rosenwasser. dem anderen teil fügte sie pürierte datteln und dörrpflaumen hinzu sowie feigenmarmelade und etwas arrak-aroma. als die blätterteigschnitten fertig gebacken waren, füllte sie die masse in je einen spritzbeutel und kreierte ihre mille feuilles. den abschluss bildete eine decke aus zuckerguss, in die milla mit pflaumenmus-paste und einem zahnstocher das für mille-feuilles typische muster zeichnete.
milla spürte, dass die müdigkeit ihr zu schaffen machte. sie drapierte einige mille feuilles auf einen teller und gab den rest in die kühlkammer. den teller stellte sie mit einem kärtchen „großvaters garten“ auf den küchentisch. dann machte sie sich auf den weg in ihr schlafzimmer, das ohne tür an ihr wohnzimmer mit dem auf dem sofa schlafenden tarik anschloss. tarik schlief tief und fest. der schwarz-weiße kater hatte sich neben seinem kopf zum schlafen eingerollt und blinzelte, als milla auf zehenspitzen an dem paar vorüberschlich.

„schlaft gut!“, flüsterte sie.

der kater blinzelte, tarik schmiegte sich tiefer ins kopfkissen und vom fenster her flutete schweigend die nacht das haus, als eine müde milla cremeso vom bett her das licht löschte.

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in eine wolke beißen und, vielleicht, an zitronenfalter denken

teil 23 von 30 der serie: milla cremeso

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

den frühling hatte der unverhoffte besuch tariks ihr gebracht, sie aus traurigkeit und selbstzweifeln hervorgelockt. zitrone! zitrone sollte es sein, wonach die wolke schmecken würde. denn die zitronenfalter waren stets die ersten schmetterlinge, die man im frühling zu gesicht bekam. frühlingsboten, die hoffnung auf mildere tage und blauen himmel weckten. milla erinnerte sich an das glück, das sie beim anblick des ersten zitronenfalters im jahr empfunden hatte. an das lächeln, das er ihr ins gesicht gezaubert hatte. selbst jetzt, weit von frühling und zitronenfaltern entfernt, lächelte milla, empfand sie diesen augenblick des glücks neu. ja, die wolke dieser torte würde nach zitrone schmecken. nicht überall, doch an einer stelle – gerade so groß wie ein schmetterling. wie zwei schmetterlinge. milla besann sich, dass die torte einem paar galt und nicht ihrer erinnerung. zitronensaft war zur hand. bald schon erinnerte an zwei stellen ein feiner zitronengeschmack in der ansonsten weißen sahnecreme an den taumelnden flug zweier sich im liebenswerben umkreisender zitronenfalter.

während milla diesen gedanken nachhing, war auch die letzte torte fertig geworden. auch sie bestrich milla mit weißer ganache und stellte sie in die kühlkammer. holte die anderen zurück auf die arbeitsplatte und begann, sie mit fondant einzudecken und zu gestalten.

die untere torte deckte sie mit grünem fondant ein, modellierte ein paar grashalme hinzu, blumen. stellte dann den ersten teilstamm hinein und betrachtete zufrieden das ergebnis: der stammteil passte jetzt, da die fondantdecke auf der einen und die schokoladenborke auf der andere torte auflag, wie angegossen in den inneren ring der unteren torte. schaute ein wenig hervor. nichts wackelte. die zweite torte bekam ebenfalls eine decke, von dunklerem grün, doch applizierte milla viele blätter aus fondant und pflaumen, die sie aus rotem und blauem fondant geknetet und so einen aparten mauve-ton erzielt hatte. aus dem blauen modellierfondant modellierte milla eine männergestalt und aus dem roten die einer frau, die sich in inniger umarmung zeigten. dieses paar platzierte milla nun, nachdem sie die zweite torte des stamms samt kuchenplatte befestigt und die mittlere torte darauf gestellt hatte, unter die krone des pflaumenbaums.

fehlte nur noch die wolke. so wirklich „ungeheuer oben“ wirkte sie nicht, doch barg sie das geheimnis der zitronenfalter, eines lächelns und des glücks, in steter erneuerung jedes jahr einen neuen frühling erleben zu dürfen. mit weißem fondant eingedeckt und mit schwalben aus fondant versehen wirkte sie, klein, wie sie war, wie ein krönchen.

milla ging, nachdem die torte in einem milde temperierten kühlraum untergebracht war, in die wohnstube. setzte sich, den kleinen kater auf dem schoß, dem sofa mit dem schlafenden tarik gegenüber in ihren gemütlichen ohrensessel. sie liebte diesen sessel. hier saß sie oft, ließ den arbeitstag ausklingen, sah aus dem fenster in den garten, über den see hinaus zum horizont und ließ ihre gedanken mit den wolken ziehen. den auftrag hatte sie erledigt. morgen würde sie die torte und einige vorbereitete probestückchen dem jungen paar aushändigen. das gedicht erwähnen und ihre interpretation in form der torte erläutern. ihren wunsch, dass es dem paar gelingen möge, in jeder weißen wolke die erinnerung an das glück ihrer ersten verliebtheit wiederzufinden, wenn die jahre ihrer ehe ins land gezogen wären, „… geschwommen still hinunter und vorbei …“

und tarik? ihm hatte sie eine torte versprochen, die von ihm und dem garten seines großvaters erzählte. ‚eine torte schaffe ich nicht mehr‘ ging es milla durch den sinn. mit einem seufzer mache sie sich erneut auf in die backstube. wollte tarik am nächsten morgen überraschen.

text:

wolken aus sahnecreme und ein junge wie eine wolke

teil 22 von 30 der serie: milla cremeso

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

mittlerweile war es abend geworden. milla spürte, wie auch in ihr müdigkeit sich breit machte. doch die torte wollte sie noch fertig wissen. der boden für die oberste torte war fertig und abgekühlt. wie schmecken wolken? nach vanille vielleicht? nach sahne? milla erinnerte sich an eine rockband aus der zeit ihrer eltern, novalis. deren sänger hatte einen liedtext geschrieben in dem es hieß, dass wer schmetterlinge lachen höre auch wisse, wie wolken schmecken. milla hatte noch nie einen schmetterling lachen hören. selbst die schmetterlinge, die sie im bauch hatte, als sie ihren späteren mann kennenlernte, hatten nicht gelacht, nicht einmal gekichert. besoffen vor glück waren die gewesen … milla hielt inne … vor glück? nein, vor glückseligkeit. trunkene, lallende glückseligkeit. ‚schmetterlinge haben nichts zu lachen‘, ging es ihr durch den kopf. schmetterlinge lachen zu hören sei eine vorstellung. eine, die man sich selbst mache, eine vorstellung , die man gäbe, sich und der welt. und nein, sie wollte der welt nicht vormachen, was glück ist. das lachen eines schmetterlings – fiktion. nicht zu vergleichen mit einer kleinen, sehr weißen wolke, die im wind schwindet und ungeheuer oben mit dem blau des himmels geht. stilles, flüchtiges glück, wie ein lächeln so fein und doch so nachhaltig, dass es in erinnerung bleibt und … ‚hm … auch lachen geht und vergeht mit dem wind‘, dachte milla. sie hing ihren erinnerungen nach auf der suche nach einem moment, da der anblick eines schmetterlings ihr ein lächeln entlockt hatte. ein lächeln, das seinen ursprung tief in millas wissen um glück und dessen flüchtigkeit gehabt hatte und bei aller flüchtigkeit zugleich milla hoffnungsfroh gestimmt zurückließ. hoffnung, bestärkt durch die erneuerung des versprechens steter wiederkehr eines glücklichen augenblicks. eines augenblicks glück?

ob tarik noch schlief? milla stellte ihre arbeit für eine weile hintan und ging ins wohnzimmer, auf zehenspitzen. wäre um ein haar über den kleinen kater gestolpert, der noch immer schnurrend um ihre beine strich. tarik schlief. hatte sich, eingemummelt in die warme decke, auf die seite gedreht. milla dämpfte das licht und nahm den kater auf den arm. kraulte seinen nacken und betrachtete den schlafenden auf dem sofa, der so unverhofft in ihr leben getreten war und ihr doch so vertraut schien. was wusste sie über ihn? nicht wirklich viel. tarik wirkte auf sie, als sei er reich an wissen, autark – und das war unvereinbar mit seinem zarten alter. sicherlich, er hatte viel mitgemacht und war durch die gemachten erfahrungen älter, reifer als andere kinder seines jahrgangs. doch kinder seines alters entfernten sich kaum von ihren eltern. und welches kind würde sich schon, nur, weil es einen leckeren pflaumenkuchen gegessen hatte, auf die suche nach der frau begeben, die den kuchen gemacht hatte, nur um ihr zu danken? milla fragte sich, ob sie nicht lieber nach den eltern des jungen forschen und ihnen den sohn bringen sollte. vielleicht die polizei fragen, ob er vermisst würde? das hatte zeit bis morgen. tarik schien ohne furcht. tauchte auf, wann es ihm beliebte und verschwand ebenso unverhofft, als hätte der wind ihn mit sich genommen. der wind. milla hielt inne. tarik – eine wolke?

„milla, jetzt fängst du an zu spinnen“ murmelte sie und machte sich wieder auf den weg in die backstube. hatte den kater abgesetzt und wusch sich die hände. nicht mit dem wind war tarik in ihr leben getreten, als er, die arme auf den zaun gelegt, in ihren garten geschaut hatte. eher wie ein schmetterling, einer, der den …

milla eilte an den arbeitstisch. sie hatte eine idee.

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der pflaumenbaum in der torte

teil 21 von 30 der serie: milla cremeso

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

schon lange nicht mehr hatte milla sich bei der arbeit so wohl gefühlt wie heute. hinter sich wusste sie tarik und hörte zu, wie er dem katerchen lieder vorsang und leise geschichten erzählte. bis zu ihr her war das wohlige schnurren der katze zu hören. vor ihr breitete sich der gut sortierte arbeitstisch aus und unter ihren geschickten händen entstand die torte wie von selbst. in ihrer vorstellung sah sie bereits die fertige torte vor sich, eine torte, die einen baum in sich barg und von einer wolke gekrönt wurde.

die untere torte war bald fertig. auf einem drehteller platzierte milla eine kuchenplatte und begann. die erste schicht bildeten aufeinander folgende lagen dunkler und heller schokoladencreme, durch die milla mit einer nadel feine striche zog, so dass die beiden farben einander durchmischten und wie ein verästeltes wurzelwerk wirkten. in die zweite, helle cremeschicht arbeitete sie die gezuckerten erdbeerstücke und die erdbeermarmelade ein. dann strich sie die torte auf ihrer platte mit dunkler ganache ein, auch den inneren ring, und stellte die torte in den kühlraum.
milla bereitete in einer kleinen springform den hellen boden für die dritte torte vor. während der im ofen duftend aufging, wandte milla sich den böden zu, aus denen sie den baumstamm formen wollte. stabil sollten sie sein. milla wagte ein experiment. auch die kleinen böden, die sie mit schokoladenbuttercreme füllte, stellte sie jeden auf eine kuchenplatte. stellte sie übereinander und arbeitete je fünf tortensäulen ein. die mittlere säule reichte dabei durchgängig von der ersten platte bis in die spitze der zweiten torte. diese säulen sollten die zweite torte tragen und die abschließende kleine torte, welche die wolke darstellen sollte. milla bestrich die böden für den stamm mit ganache und holte aus dem kühlschrank das zusammengerollte backpapier mit der erstarrten kuvertüre. sorgsam tupfte sie die einzelnen splitter auf den rand der torte, der so bald wie die borke eines baumstammes aussah. beide torten, übereinander gestellt, überragten die untere torte um einige zentimeter. auch den stamm gab milla in die kühlkammer.

die mittlere torte sollte eine sahnetorte sein. milla schlug sahne mit reichlich gelatine auf und gab die passierten pflaumen hinzu. aus dem keller holte sie ein glas in die backstube, in dem sie gehäutete dörrpflaumen in rum eingelegt hatte. die zerkleinerte sie nun und hob sie mit zimt unter die pflaumenmus-sahnemasse. die masse wurde allmählich fester und zog an, als milla sie in zwei schichten zwischen drei lagen köstlichen biskuitbodens untergebracht hatte. milla bereitete aus weißer blockschokolade und sahne eine helle ganache und strich die torte damit ein.

als sie aus der kühlkammer zurückkam, in die sie auch die zweite torte gestellt hatte, bemerkte milla, dass tarik mittlerweile eingeschlafen war. auf dem fußboden, die katze im arm. behutsam hob sie ihn auf und brachte ihn die stiegen hinauf ins wohnzimmer. dort stand ein sofa aus plüsch. ein dunkelgrüner zweisitzer, so wie milla es zuerst in einem kinderbuch gesehen hatte, das ihr vater ihr immer wieder und wieder zur guten nacht vorgelesen hatte. milla bettete den schlafenden tarik auf das sofa und kuschelte ihn in eine warme decke. der kleine schwarz-weiße kater strich ihr unterdessen um die beine und folgte ihr dann zurück in die backstube.

text:

ein kleiner gast

teil 20 von 30 der serie: milla cremeso

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

milla wandte sich um und erblickte das kätzchen:

„ein tarik? warum ist das ein tarik?“

„weil er anklopft! das ist die bedeutung des namens tarik: der an die tür klopft; besucher, der um einlass bittet – und auch der morgenstern heißt so im arabischen, weil er den karawanen und suchenden ein wegbegleiter ist, milla.“

„ich kenne das kätzchen. es streift schon ein paar tage ums haus. ich habe den eindruck, dass es anschluss sucht.“

„darf ich es reinholen?“

„ich weiß nicht. wahrscheinlich gehört es zu jemandem und da möchte ich es nicht an mich gewöhnen.“

„so wie mich?“

„wie dich?“

„ja. ich habe mich auch an dich gewöhnt und fühle mich bei dir wohl.“

„danke schön!“ milla lächelte. dass der kleine junge zutrauen zu ihr gefasst hatte, schmeichelte ihr. sie trat ans fenster und betrachtete das kätzchen. tarik folgte ihr auf dem fuß und tippte mit den fingerspitzen an die scheibe, wo das kätzchen um einlass bat:

„bitte! sie sieht auch sehr hungrig aus und so dünn ist sie …“

in der tat hatte das kätzchen seit dem letzten besuch an millas backstubenfenster an gewicht verloren, wirkte geradezu dürr. das erkannte milla, doch zögerte sie.

tarik schaute zu ihr auf: „sie braucht uns, milla!“

millas hand lag auf dem fenstergriff.

„milla, schau, sie ist so dünn! sie hat wahrscheinlich niemandem, der ihr hilft. und sie weiß, warum sie hier anklopft: weil du hier bist und hinter diesem fenster ist das paradies für eine kleine, einsame und hungrige katze.“

milla öffnete das fenster und die katze schlüpfte mit kläglichem maunzen in die warme backstube. purrte und schnurrte um millas beine. tarik nahm sie auf den arm und blickte selig zu milla auf:

„siehst du?“

„was?“

„sie ist glücklich!“

„und du?“

„auch.“

ein schälchen mit milch war schnell geholt, etwas weißbrot mit leberwurst bestrichen und eingebrockt und schon bald lag die kleine katze mit prallem bäuchlein in tariks schoß. der war versunken in die betrachtung des kleinen besuchers, kraulte und wiegte ihn und sang leise lieder in einer milla fremden sprache. leise fragte sie:

„singst du da lieder aus deiner heimat, tarik?“

„lieder sind heimat, milla.“ tarik flüsterte. „sie mag dich.“

„sie ist ein kater, tarik.“

milla seufzte. erst der junge, dann der kater. und die torte sollte noch heute fertig werden. sie wandte sich wieder dem arbeitstisch und den nächsten arbeitsschritten zu.

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