über das warten

tarik - bild zu text von ludwig jannsen

am nächsten morgen in aller frühe machte milla sich an die anstehenden arbeiten. doch während der alltäglichen routine ging ihr durch den sinn, wie wohl die torte für tarik beschaffen sein sollte. bereits am frühen nachmittag spähte sie zur hintertür hinaus, ob sein lockenkopf schon über den zaun lugte. keine spur weit und breit.

auch am späten nachmittag, milla saß wieder auf den stufen zum garten, blieb der erwartete besuch aus.

die sonne ging unter – nichts.

auch der nächste tag verlief so, die woche. milla überlegte, ob sie zu den unterkünften gehen und nach tarik fragen sollte. verwarf diesen gedanken, vertiefte sich in die arbeit. wenn man wartet, auf etwas wartet, auf das man sich freut, wächst das warten zunächst mit freude, rankt sich mit ungeduld ins denken und erblüht dann in zweifeln. so wartete milla auf tarik. wenn man wartet, auf etwas wartet, das unangenehm ist, wächst das warten zunächst mit bangen, rankt sich mit unruhe ins denken und erblüht dann in hoffnung. so, ging es milla durch den sinn, hatte sie auf ihren mann gewartet, auf seine liebe, zuwendung, dann auf seine gegenwart und letztendlich gehofft auf eine nüchterne, rasche trennung, das ende der ehe. das dann auch kam. heute war sie froh darum. musste sie doch nicht ihre lebenszeit mit einem menschen verbringen, der sie nicht liebte und ihr lieben, das sie ihm ausbreitete wie einen mantel, schon bald unbeachtet ließ und später als lästig abtat.

die torte, die sie zu ihrer eigenen hochzeit angefertigt hatte, dämmerte es milla, hatte sie nicht anders gestaltet als die torten, die sie für ihr fremde menschen anhand deren schilderungen gefertigt hatte. und doch war etwas anders gewesen. er war kein mann gewesen, der seine liebe zu seiner zukünftigen frau zu beschreiben versucht hätte. milla selbst hatte diesen part übernommen wie auch den eigenen und so zwar eine köstliche torte geschaffen, die von den hochzeitsgästen hoch gelobt worden war, doch blieb die hälfte der torte projektion und wurde weder ihrem bräutigam gerecht noch dessen ihr mittlerweile fremden fähigkeit zu lieben, sie, milla, zu lieben.

eine weitere woche verging, ohne dass tarik sich bei ihr blicken ließ. der sommer stieg und reifte. millas geschäft florierte, und ihre abende verbrachte sie nur noch gelegentlich hinterm haus auf den stufen zum garten.

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ein versprechen

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

tarik beugte sich zu ihr hinab. ihre nasenspitzen schienen einander zu berühren.

„solch eine torte möchte ich gerne probieren!“

„du kannst gerne wieder einmal vorbeischauen, tarik, und vielleicht …“
milla cremeso dachte angestrengt nach,
„… bekomme ich bald wieder eine bestellung herein. oder …“
wieder schien millas blick auf ein entferntes ereignis gerichtet,
„ … ich mache eine torte nur für dich, tarik!“

„die von bürgerkrieg erzählt, flucht und der notunterkunft hier?“

„nein, tarik. von den gärten damaskus‘ soll sie erzählen. von den pflaumenbäumen deines großvaters und seinen geschichten, wie wäre das?“

tariks augen leuchteten.

„ja!“

und so besiegelten die beiden ihre neu gefundene freundschaft mit einem handschlag zum abschied. noch lange sah milla dem kleinen tarik nach, wie er im licht der abendsonne die straße hinab hüpfte. aus dem dorf hinaus geradewegs der unterkunft zu, die man auf der grünen wiese für eine handvoll flüchtlinge aufgestellt hatte, die der gemeinde zugewiesen worden waren.

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torte getanzt

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

tarik saß auf einem stuhl, den er sich in die mitte des verkaufsraums gerückt hatte, schlenkerte mit den beinen und lauschte millas geschichte ihrer hochzeitstorten. wie sie, bevor sie sich überhaupt ans werk begab, sich bis ins detail vom kennen- und liebenlernens des zukünftigen brautpaares erzählen ließ. wie daraufhin in ihrer vorstellung ein bild reifte, das anschließend unter ihren geschickten und versierten händen zu form und ausdruck fand. zu einer hochzeitstorte, deren aussehen, duft und geschmack das brautpaar und dessen liebe nicht nur nacherzählte, sondern das lieben des mannes und das der frau aufeinander zu führte und dann auf den zungen der sie verzehrenden vereinte. milla geriet ins schwärmen. erzählte ihre geschichte mit händen und füßen, wobei die einen in fließender bewegung zueinander fanden, um dann in weichem zirkeln sich zu lösen und in großzügig beschriebenen spiralen auseinander zu streben, während die anderen einen leidenschaftlichen tanz um eine imaginär entstehende hochzeitstorte zu vollführen schienen.

„fertig!“

mit einem fingerschnippen und leuchtenden auges schloss milla cremeso ihre geschichte. beinahe, aber auch nur beinahe, und, als habe sie es angedeutet, wäre sie aus dem gleichgewicht geraten. ein wenig außer atem geraten ließ sie sich neben tariks stuhl nieder, stützte sich nach hinten auf ihre arme und legte den kopf in den nacken:

„sie lieben es!“

dabei breitete sie ihre arme aus – und dehnte das i von lieben über die maßen, dass es sich blähte wie das segel eines bootes, das mit den möwen über den see flog.

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konfekt und torten

ludwig-janssen

„du hast ein schönes haus!“

„danke schön! es ist auch mein arbeitsplatz.“

„was arbeitest du – backst du pflaumenkuchen?“

milla lachte. führte tarik in ihre backstube und erzählte, was es in ihrer pâtisserie alles zu kaufen gab. dass sie all die köstlichkeiten höchstselbst anfertige und wie die kunden bei ihr schlange standen. von der schlanken dame, die mit abgespreiztem kleinen finger vor dem konfekt stand und eine praline nach der anderem zu kandierten früchten und fondants wählte bis zum pummeligen metzger, dem ihr schokoladenkuchen lieber war als jede leberwurst. der junge stand staunend da, von der vielfalt der köstlichen düfte und dem anblick all der leckerbissen überwältigt, mit offenem mund. aufmunternd zwinkernd schob milla die eine oder andere köstlichkeit hinein.

„und torten!“

tarik traute sich kaum an die gläsernen verkaufsvitrinen heran, unter denen mit leisem surren die kühlaggregate auf vollen touren liefen.

milla dachte bei sich, dass ihre pâtisserie dem jungen wie ein traum erscheinen müsse. ein schlaraffenland. und in der tat hatte sie den ausdruck, der jetzt in tariks augen lag, bereits oft in den augen solcher kunden gesehen, die ihren laden hungrig betraten.

„torten!“

tarik kam aus dem staunen nicht mehr heraus. milla erzählte ihrem gast von den hochzeitstorten und der legende, die sich um sie und ihre verführungskünste rankten.

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ein schöner name

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

ein schöner name. was er wohl bedeuten mochte? der bürgerkrieg in syrien hatte einen namen bekommen. ein gesicht.

der krieg? nein, nicht der krieg. was neben ihr saß, dachte milla bei sich, waren ein kleiner junge und dessen schicksal. war bestimmung. hatte angeklopft an ihre tür. da waren zwei lebenslinien, die einander begegneten und miteinander pflaumenkuchen aßen. pflaumenkuchen, der auf der einen seite nun auf immer die freundliche geste millas, ihren blühenden garten – und auf der anderen seite die pflaumenbäume der gärten damaskus‘ und das bild eines kleinen jungen namens tarik in erinnerung rufen würde.

„bist du noch traurig?“

milla verneinte lächelnd. über der begegnung mit dem kind war ihre trübe stimmung in vergessenheit geraten. gewiss, sie erinnerte sich. der grund ihrer traurigen gedanken war jedoch weit, weit entfernt wie das andere ufer des sees. das gehörte zwar zum see und dessen ganzen wie das ufer, das an ihrem garten verlief, doch verlor es sich in der ferne wie das vergessen. etwas zu vergessen, macht es nicht ungeschehen, aber erträglicher. milla dachte an ihre katze und wie die auf der wiese vor einem mauseloch saß und es darauf abgesehen zu haben schien, bei den mäusen in vergessenheit zu geraten.

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mehr als nur eine geste

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

milla cremeso legte ihren arm um sie schultern des jungen. weich gab der dieser geste nach und folgte dem zug an die warme seite der jungen frau, die sich nun doch ein herz fasste und von dem strom der menschen erzählte, die ihre heimat verlassen und sich auf den weg gemacht hatten, eine bessere zukunft in europa zu finden.

„dann bin auch ich ein flüchtlingskind.“

„mhm…“

der strom, den die berichte in den medien milla vor augen geführt hatten, verlief sich. tat es dem see gleich, der, wenn sie am hiesigen ufer stand und ausschau hielt nach dem anderen, fernen – und einer möglichen antwort auf ihren großen fragen, sich zu ihren füßen verlor in kleinen wellen, die anlandeten und verliefen. in einem kind. fleisch und blut. schwarze locken, südländisch dunkle haut, kohlrabenschwarze augen. was die medien flüchtlingswelle nannten, waren für milla jetzt ein kleiner junge und eine vertraue plauderei auf den stufen zu ihrer backstube.

„noch ein stück kuchen?“

„gern.“

als milla sich wieder zu ihm auf die stufen zum garten gesetzt und ihm ein duftendes, saftiges stück pflaumenkuchen gereicht hatte, fragte sie ihren jungen gast nach seinem namen:

„ich heiße milla, und du?“

„tarik!“

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eine mauer wie die in berlin

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

„bist du ein flüchtlingskind?“

„ein kind bin ich schon. aber … was ist ein flüchtling?“

„nun, du bist fort aus syrien und hierher geflohen.“

milla fand sich unverhofft in einer situation wieder, die ihr nicht behagte. konfrontiert mit dem halbwissen, das ihr über die medien vermittelt worden war und nun, da sie einem kind erläutern wollte, was ein flüchtlingskind ist, so gar nichts hergab. vom bürgerkrieg in syrien wollte sie nicht sprechen. war sich unsicher, mochte nicht unverhofft ein verschüttetes trauma wachrufen, dessen weder sie noch das kind herr werden konnten.
„großvater sagte, wir würden auf eine reise gehen. vater setzte mich auf einen esel und dann ging es über die grenze in die türkei …“

„deine mutter?“

„auch. jetzt kann niemand mehr über die grenze.“

„nein?“

„sie haben eine mauer gebaut, sagt vater. so wie die deutschen eine hatten, mitten in berlin. dort wird auf menschen geschossen. auf jeden, der jetzt noch über die grenze möchte.“

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die gärten vor damaskus

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

„bitte, greif zu!“

milla reichte dem jungen ein stück frischen zwetschgenkuchens und setzte sich neben ihn, biss von ihrem stück ab und fragte:
„ich schmecke pflaumen, butterstreusel und die süße des zuckers – und du?“

„die gärten vor damaskus. den meiner großeltern. die pflaumenbäume darin, die süße der zwetschgen und die geborgenheit, die ich dort erfuhr.“
„du stammst also aus syrien?“

„ja, wie die zwetschgen. großvater erzählte, dass alle zwetschgenbäume dieser welt ihre eigentliche heimat in syrien haben.“

und das also, dachte milla bei sich, machte, dass ihr kleiner gast mehr als nur pflaumenkuchen schmeckte, wenn er von ihrem aß, und sich an heimkehr erinnerte. nach-hause-kommen, ein schönes gefühl. eines, nach dem man sich sehnt, wenn man in der fremde ist oder gar das eigene zuhause die fremde, in der man nicht bleiben mag. milla war hier zu hause. in ihrer pâtisserie, zwischen ihren torten, auf dieser insel. und in der erinnerung an eine unglückliche zeit.

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bist du traurig?

milla

vom gartenzaun her grüßte ein junge. hatte die arme über den spitzen der haselstecken verschränkt und sein gesicht ruhte auf diesen braun gebrannten, dünnen armen. milla musterte ihn. dunkle hautfarbe, schwarze locken, kohlrabenschwarze augen. könnte zu diesen flüchtlingskindern gehören, die seit geraumer zeit im ort untergebracht waren. einige mit, andere ohne ihre eltern. vielleicht sieben jahre alt. woher nur beherrschte er ihre sprache?

„hm …“
milla war nicht nach reden zumute.

„ich komme, mich zu bedanken.“

„wofür?“

„den zwetschgenkuchen, den gespendeten.“

„war der gut?“

„köstlich! wenn ich davon abbiss und die augen schloss, war mir, als ob ich nach hause käme.“

seltsamer junge. über ihren pflaumenkuchen hatte milla noch niemanden so reden hören. sie bat den wunderlichen gast zu sich auf die stufen ihrer backstube, wo er bereitwillig platz nahm.

„ich habe noch welchen, magst du ein stück?“

leuchtende augen.

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die insel

milla cremeso

milla cremeso lebt auf einer fliegenden insel. auf einer fliegenden insel? ja, eine insel mit leuchtturm, anlegestelle, möwen und meer – mit fischen darin und wolken darüber. irgendwie scheint alles dort in der schwebe zu sein und fliegt. menschengeist. gleitet mit fischen durch kühle tiefe und zieht unterm blau der himmelskuppel mit den wolken. oder auch andersherum. und, was es dort auch gibt, sind die legendären hochzeitstorten milla cremesos.

milla cremeso betreibt eine kleine konditorei, in der sie ihre kreationen zum besten gibt. ich las, das gerücht gehe um, einige menschen würden ihrer hochzeitstorten wegen heiraten, und, noch besser, dass dies auch wahr sei und der zauber der torte den beginn einer großen liebe stifte.

eines späten nachmittags saß milla betrübt in der hintertür ihrer pâtisserie auf den stufen zum hof. stützte das kinn auf die hände und betrachtete über den blühenden garten hinweg den see. den see, der das meer um die fliegende insel inspiriert hatte. dessen wellen wiegten das glitzernde spiel der tief stehenden sonne. still lag er da, die ruhe selbst.

milla sann ihrer ehe nach, die ihr, allem zauber der von ihr gefertigten torten zum trotz, alles andere als die erfüllung einer großen liebe gebracht hatte. in die brüche gegangen war.

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