großvaters garten

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

damaskus. von dort stammte tarik ab. jedenfalls fand sich dort der garten seines großvaters, von dem tarik geschwärmt hatte. stellte die erinnerung an diesen garten doch ein stück unzerstörbare heimat dar, das dem kleinen jungen nicht zu nehmen war. erinnerung, die ihn hier, tausende kilometer entfernt, glücklich stimmte und wehmütig zugleich. aufgerufen durch den geschmack der pflaumen des kuchens, den milla gespendet hatte.

damaskus. wie sollte ein gebäck diese stadt und einen garten beschreiben. gewiss, die zwetschge stammte aus damaskus, fand in historischer zeit von dort ihren weg nach europa. die stadt damaskus und ihre historie bildeten jedoch lediglich den rahmen. auch galt es nicht, ein orientalisches gebäck herzustellen. das konnten tariks eltern sicherlich besser als sie, milla cremeso. milla brauchte ein gebäck, das eine reminiszenz an damaskus darstellen konnte, eine allegorie.

wenn milla über ihre hochzeitstorten hinaus für etwas bekannt war, das ihr besonders gut gelang, so waren das ihre sahnecrèmeschnitten, mille feuilles. und deren blätterteig, ging es milla durch den sinn, wurde, ähnlich wie der stahl der berühmten damaszenerklingen, immer wieder gefaltet und, wo der stahl geschmiedet wurde, wurde millas blätterteig touriert, mindestens sechs mal. in ihrer kühlkammer bewahrte milla immer einen vorrat selbst zubereiteten blätterteigs für die laufende produktion der woche. von diesem blätterteig holte sie nun ein stück, genügend groß für ein blech ihres backofens, und schnitt es zu. achtete dabei darauf, dass die seiten hierbei nicht verklebten. und doch, kaum dass der teig, in passende rechtecke geschnitten, auf dem backblech lang, bedeckte sie ihn mit backpapier und legte ein zweites backblech leer darüber. milla wollte, dass der teig unterm backen nicht zu sehr aufging und für ihre cremeschnitten flache scheiben mit der typischen blättrigen struktur erbrachte.

die sahne verrührte sie mit gelatinepulver und vermengte einen teil mit gekochten und durch ein sieb passierten pflaumen, gab zimt hinzu, ein wenig rosenwasser. dem anderen teil fügte sie pürierte datteln und dörrpflaumen hinzu sowie feigenmarmelade und etwas arrak-aroma. als die blätterteigschnitten fertig gebacken waren, füllte sie die masse in je einen spritzbeutel und kreierte ihre mille feuilles. den abschluss bildete eine decke aus zuckerguss, in die milla mit pflaumenmus-paste und einem zahnstocher das für mille-feuilles typische muster zeichnete.
milla spürte, dass die müdigkeit ihr zu schaffen machte. sie drapierte einige mille feuilles auf einen teller und gab den rest in die kühlkammer. den teller stellte sie mit einem kärtchen „großvaters garten“ auf den küchentisch. dann machte sie sich auf den weg in ihr schlafzimmer, das ohne tür an ihr wohnzimmer mit dem auf dem sofa schlafenden tarik anschloss. tarik schlief tief und fest. der schwarz-weiße kater hatte sich neben seinem kopf zum schlafen eingerollt und blinzelte, als milla auf zehenspitzen an dem paar vorüberschlich.

„schlaft gut!“, flüsterte sie.

der kater blinzelte, tarik schmiegte sich tiefer ins kopfkissen und vom fenster her flutete schweigend die nacht das haus, als eine müde milla cremeso vom bett her das licht löschte.

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in eine wolke beißen und, vielleicht, an zitronenfalter denken

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

den frühling hatte der unverhoffte besuch tariks ihr gebracht, sie aus traurigkeit und selbstzweifeln hervorgelockt. zitrone! zitrone sollte es sein, wonach die wolke schmecken würde. denn die zitronenfalter waren stets die ersten schmetterlinge, die man im frühling zu gesicht bekam. frühlingsboten, die hoffnung auf mildere tage und blauen himmel weckten. milla erinnerte sich an das glück, das sie beim anblick des ersten zitronenfalters im jahr empfunden hatte. an das lächeln, das er ihr ins gesicht gezaubert hatte. selbst jetzt, weit von frühling und zitronenfaltern entfernt, lächelte milla, empfand sie diesen augenblick des glücks neu. ja, die wolke dieser torte würde nach zitrone schmecken. nicht überall, doch an einer stelle – gerade so groß wie ein schmetterling. wie zwei schmetterlinge. milla besann sich, dass die torte einem paar galt und nicht ihrer erinnerung. zitronensaft war zur hand. bald schon erinnerte an zwei stellen ein feiner zitronengeschmack in der ansonsten weißen sahnecreme an den taumelnden flug zweier sich im liebenswerben umkreisender zitronenfalter.

während milla diesen gedanken nachhing, war auch die letzte torte fertig geworden. auch sie bestrich milla mit weißer ganache und stellte sie in die kühlkammer. holte die anderen zurück auf die arbeitsplatte und begann, sie mit fondant einzudecken und zu gestalten.

die untere torte deckte sie mit grünem fondant ein, modellierte ein paar grashalme hinzu, blumen. stellte dann den ersten teilstamm hinein und betrachtete zufrieden das ergebnis: der stammteil passte jetzt, da die fondantdecke auf der einen und die schokoladenborke auf der andere torte auflag, wie angegossen in den inneren ring der unteren torte. schaute ein wenig hervor. nichts wackelte. die zweite torte bekam ebenfalls eine decke, von dunklerem grün, doch applizierte milla viele blätter aus fondant und pflaumen, die sie aus rotem und blauem fondant geknetet und so einen aparten mauve-ton erzielt hatte. aus dem blauen modellierfondant modellierte milla eine männergestalt und aus dem roten die einer frau, die sich in inniger umarmung zeigten. dieses paar platzierte milla nun, nachdem sie die zweite torte des stamms samt kuchenplatte befestigt und die mittlere torte darauf gestellt hatte, unter die krone des pflaumenbaums.

fehlte nur noch die wolke. so wirklich „ungeheuer oben“ wirkte sie nicht, doch barg sie das geheimnis der zitronenfalter, eines lächelns und des glücks, in steter erneuerung jedes jahr einen neuen frühling erleben zu dürfen. mit weißem fondant eingedeckt und mit schwalben aus fondant versehen wirkte sie, klein, wie sie war, wie ein krönchen.

milla ging, nachdem die torte in einem milde temperierten kühlraum untergebracht war, in die wohnstube. setzte sich, den kleinen kater auf dem schoß, dem sofa mit dem schlafenden tarik gegenüber in ihren gemütlichen ohrensessel. sie liebte diesen sessel. hier saß sie oft, ließ den arbeitstag ausklingen, sah aus dem fenster in den garten, über den see hinaus zum horizont und ließ ihre gedanken mit den wolken ziehen. den auftrag hatte sie erledigt. morgen würde sie die torte und einige vorbereitete probestückchen dem jungen paar aushändigen. das gedicht erwähnen und ihre interpretation in form der torte erläutern. ihren wunsch, dass es dem paar gelingen möge, in jeder weißen wolke die erinnerung an das glück ihrer ersten verliebtheit wiederzufinden, wenn die jahre ihrer ehe ins land gezogen wären, „… geschwommen still hinunter und vorbei …“

und tarik? ihm hatte sie eine torte versprochen, die von ihm und dem garten seines großvaters erzählte. ‚eine torte schaffe ich nicht mehr‘ ging es milla durch den sinn. mit einem seufzer mache sie sich erneut auf in die backstube. wollte tarik am nächsten morgen überraschen.

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wolken aus sahnecreme und ein junge wie eine wolke

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

mittlerweile war es abend geworden. milla spürte, wie auch in ihr müdigkeit sich breit machte. doch die torte wollte sie noch fertig wissen. der boden für die oberste torte war fertig und abgekühlt. wie schmecken wolken? nach vanille vielleicht? nach sahne? milla erinnerte sich an eine rockband aus der zeit ihrer eltern, novalis. deren sänger hatte einen liedtext geschrieben in dem es hieß, dass wer schmetterlinge lachen höre auch wisse, wie wolken schmecken. milla hatte noch nie einen schmetterling lachen hören. selbst die schmetterlinge, die sie im bauch hatte, als sie ihren späteren mann kennenlernte, hatten nicht gelacht, nicht einmal gekichert. besoffen vor glück waren die gewesen … milla hielt inne … vor glück? nein, vor glückseligkeit. trunkene, lallende glückseligkeit. ‚schmetterlinge haben nichts zu lachen‘, ging es ihr durch den kopf. schmetterlinge lachen zu hören sei eine vorstellung. eine, die man sich selbst mache, eine vorstellung , die man gäbe, sich und der welt. und nein, sie wollte der welt nicht vormachen, was glück ist. das lachen eines schmetterlings – fiktion. nicht zu vergleichen mit einer kleinen, sehr weißen wolke, die im wind schwindet und ungeheuer oben mit dem blau des himmels geht. stilles, flüchtiges glück, wie ein lächeln so fein und doch so nachhaltig, dass es in erinnerung bleibt und … ‚hm … auch lachen geht und vergeht mit dem wind‘, dachte milla. sie hing ihren erinnerungen nach auf der suche nach einem moment, da der anblick eines schmetterlings ihr ein lächeln entlockt hatte. ein lächeln, das seinen ursprung tief in millas wissen um glück und dessen flüchtigkeit gehabt hatte und bei aller flüchtigkeit zugleich milla hoffnungsfroh gestimmt zurückließ. hoffnung, bestärkt durch die erneuerung des versprechens steter wiederkehr eines glücklichen augenblicks. eines augenblicks glück?

ob tarik noch schlief? milla stellte ihre arbeit für eine weile hintan und ging ins wohnzimmer, auf zehenspitzen. wäre um ein haar über den kleinen kater gestolpert, der noch immer schnurrend um ihre beine strich. tarik schlief. hatte sich, eingemummelt in die warme decke, auf die seite gedreht. milla dämpfte das licht und nahm den kater auf den arm. kraulte seinen nacken und betrachtete den schlafenden auf dem sofa, der so unverhofft in ihr leben getreten war und ihr doch so vertraut schien. was wusste sie über ihn? nicht wirklich viel. tarik wirkte auf sie, als sei er reich an wissen, autark – und das war unvereinbar mit seinem zarten alter. sicherlich, er hatte viel mitgemacht und war durch die gemachten erfahrungen älter, reifer als andere kinder seines jahrgangs. doch kinder seines alters entfernten sich kaum von ihren eltern. und welches kind würde sich schon, nur, weil es einen leckeren pflaumenkuchen gegessen hatte, auf die suche nach der frau begeben, die den kuchen gemacht hatte, nur um ihr zu danken? milla fragte sich, ob sie nicht lieber nach den eltern des jungen forschen und ihnen den sohn bringen sollte. vielleicht die polizei fragen, ob er vermisst würde? das hatte zeit bis morgen. tarik schien ohne furcht. tauchte auf, wann es ihm beliebte und verschwand ebenso unverhofft, als hätte der wind ihn mit sich genommen. der wind. milla hielt inne. tarik – eine wolke?

„milla, jetzt fängst du an zu spinnen“ murmelte sie und machte sich wieder auf den weg in die backstube. hatte den kater abgesetzt und wusch sich die hände. nicht mit dem wind war tarik in ihr leben getreten, als er, die arme auf den zaun gelegt, in ihren garten geschaut hatte. eher wie ein schmetterling, einer, der den …

milla eilte an den arbeitstisch. sie hatte eine idee.

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der pflaumenbaum in der torte

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

schon lange nicht mehr hatte milla sich bei der arbeit so wohl gefühlt wie heute. hinter sich wusste sie tarik und hörte zu, wie er dem katerchen lieder vorsang und leise geschichten erzählte. bis zu ihr her war das wohlige schnurren der katze zu hören. vor ihr breitete sich der gut sortierte arbeitstisch aus und unter ihren geschickten händen entstand die torte wie von selbst. in ihrer vorstellung sah sie bereits die fertige torte vor sich, eine torte, die einen baum in sich barg und von einer wolke gekrönt wurde.

die untere torte war bald fertig. auf einem drehteller platzierte milla eine kuchenplatte und begann. die erste schicht bildeten aufeinander folgende lagen dunkler und heller schokoladencreme, durch die milla mit einer nadel feine striche zog, so dass die beiden farben einander durchmischten und wie ein verästeltes wurzelwerk wirkten. in die zweite, helle cremeschicht arbeitete sie die gezuckerten erdbeerstücke und die erdbeermarmelade ein. dann strich sie die torte auf ihrer platte mit dunkler ganache ein, auch den inneren ring, und stellte die torte in den kühlraum.
milla bereitete in einer kleinen springform den hellen boden für die dritte torte vor. während der im ofen duftend aufging, wandte milla sich den böden zu, aus denen sie den baumstamm formen wollte. stabil sollten sie sein. milla wagte ein experiment. auch die kleinen böden, die sie mit schokoladenbuttercreme füllte, stellte sie jeden auf eine kuchenplatte. stellte sie übereinander und arbeitete je fünf tortensäulen ein. die mittlere säule reichte dabei durchgängig von der ersten platte bis in die spitze der zweiten torte. diese säulen sollten die zweite torte tragen und die abschließende kleine torte, welche die wolke darstellen sollte. milla bestrich die böden für den stamm mit ganache und holte aus dem kühlschrank das zusammengerollte backpapier mit der erstarrten kuvertüre. sorgsam tupfte sie die einzelnen splitter auf den rand der torte, der so bald wie die borke eines baumstammes aussah. beide torten, übereinander gestellt, überragten die untere torte um einige zentimeter. auch den stamm gab milla in die kühlkammer.

die mittlere torte sollte eine sahnetorte sein. milla schlug sahne mit reichlich gelatine auf und gab die passierten pflaumen hinzu. aus dem keller holte sie ein glas in die backstube, in dem sie gehäutete dörrpflaumen in rum eingelegt hatte. die zerkleinerte sie nun und hob sie mit zimt unter die pflaumenmus-sahnemasse. die masse wurde allmählich fester und zog an, als milla sie in zwei schichten zwischen drei lagen köstlichen biskuitbodens untergebracht hatte. milla bereitete aus weißer blockschokolade und sahne eine helle ganache und strich die torte damit ein.

als sie aus der kühlkammer zurückkam, in die sie auch die zweite torte gestellt hatte, bemerkte milla, dass tarik mittlerweile eingeschlafen war. auf dem fußboden, die katze im arm. behutsam hob sie ihn auf und brachte ihn die stiegen hinauf ins wohnzimmer. dort stand ein sofa aus plüsch. ein dunkelgrüner zweisitzer, so wie milla es zuerst in einem kinderbuch gesehen hatte, das ihr vater ihr immer wieder und wieder zur guten nacht vorgelesen hatte. milla bettete den schlafenden tarik auf das sofa und kuschelte ihn in eine warme decke. der kleine schwarz-weiße kater strich ihr unterdessen um die beine und folgte ihr dann zurück in die backstube.

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ein kleiner gast

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

milla wandte sich um und erblickte das kätzchen:

„ein tarik? warum ist das ein tarik?“

„weil er anklopft! das ist die bedeutung des namens tarik: der an die tür klopft; besucher, der um einlass bittet – und auch der morgenstern heißt so im arabischen, weil er den karawanen und suchenden ein wegbegleiter ist, milla.“

„ich kenne das kätzchen. es streift schon ein paar tage ums haus. ich habe den eindruck, dass es anschluss sucht.“

„darf ich es reinholen?“

„ich weiß nicht. wahrscheinlich gehört es zu jemandem und da möchte ich es nicht an mich gewöhnen.“

„so wie mich?“

„wie dich?“

„ja. ich habe mich auch an dich gewöhnt und fühle mich bei dir wohl.“

„danke schön!“ milla lächelte. dass der kleine junge zutrauen zu ihr gefasst hatte, schmeichelte ihr. sie trat ans fenster und betrachtete das kätzchen. tarik folgte ihr auf dem fuß und tippte mit den fingerspitzen an die scheibe, wo das kätzchen um einlass bat:

„bitte! sie sieht auch sehr hungrig aus und so dünn ist sie …“

in der tat hatte das kätzchen seit dem letzten besuch an millas backstubenfenster an gewicht verloren, wirkte geradezu dürr. das erkannte milla, doch zögerte sie.

tarik schaute zu ihr auf: „sie braucht uns, milla!“

millas hand lag auf dem fenstergriff.

„milla, schau, sie ist so dünn! sie hat wahrscheinlich niemandem, der ihr hilft. und sie weiß, warum sie hier anklopft: weil du hier bist und hinter diesem fenster ist das paradies für eine kleine, einsame und hungrige katze.“

milla öffnete das fenster und die katze schlüpfte mit kläglichem maunzen in die warme backstube. purrte und schnurrte um millas beine. tarik nahm sie auf den arm und blickte selig zu milla auf:

„siehst du?“

„was?“

„sie ist glücklich!“

„und du?“

„auch.“

ein schälchen mit milch war schnell geholt, etwas weißbrot mit leberwurst bestrichen und eingebrockt und schon bald lag die kleine katze mit prallem bäuchlein in tariks schoß. der war versunken in die betrachtung des kleinen besuchers, kraulte und wiegte ihn und sang leise lieder in einer milla fremden sprache. leise fragte sie:

„singst du da lieder aus deiner heimat, tarik?“

„lieder sind heimat, milla.“ tarik flüsterte. „sie mag dich.“

„sie ist ein kater, tarik.“

milla seufzte. erst der junge, dann der kater. und die torte sollte noch heute fertig werden. sie wandte sich wieder dem arbeitstisch und den nächsten arbeitsschritten zu.

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ein pflaumenbaum aus buttercreme

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

milla tanzte, einen ebenso leichtfüßig zirkelnden tarik im gefolge, beschwingt in ihre backstube. der biskuitboden war inzwischen ausgekühlt und milla schnitt ihn zu 3 lagen. sie bereitete mit gutem kakao einen weiteren biskuitteig und gab ihn in drei kleine, jedoch hohe backringe, deren böden sie mit backpapier verschloss. und dann noch einen weiteren teig, den sie in eine springform gab, der um etwas kleiner war als der zuerst verwendete. die backstube war erfüllt von einem köstlichen duft. der zog durch das leicht geöffnete fenster der backstube in den hof, auf die straßen und ließ die bewohner des dorfes wissen, dass milla cremeso wieder eine ihrer legendären torten zauberte. tarik rührte in den leise köchelnden pflaumen und milla zeigte ihm, wie er die pflaumen durch ein küchensieb passieren konnte.

milla hatte eine idee, endlich eine idee – und diese idee drängte zur vollendung.

aus weicher butter, einigen eigelb, etwas kokosfett und puderzucker rührte sie eine buttercreme an, schmolz dunkle und helle schokolade und gab davon zusammen mit etwas rum in je zwei teile der buttercreme. unter den dritten teil hob sie erdbeermarmelade, die sie im sommer selbst gekocht hatte, und frische, in stücke geschnittene und gezuckerte erdbeeren. tarik sah staunend zu und tunkte ab und an einen finger in die so entstehenden köstlichkeiten.

„das werden die wurzeln, tarik!“

aus den fertigen böden schnitt sie einen kreis aus.

„warum machst du das, milla?“

„hast du schon einmal einen baum ohne stamm gesehen?“

„nein.“

„also …“ lächelte milla und reichte tarik modellierfondant, den der junge kneten durfte. in die entstandenen tortenbodenringe passten die kleinen böden nicht genau. vielmehr blieb eine lücke von einem guten zentimeter.

„milla, du hast zu viel weggeschnitten!“ tarik wirkte erschrocken.

„nein, tarik, wart nur ab und schau zu, das wird schön!“

milla schnitt auch die dunklen biskuitböden in passende scheiben.

„ich denke, jetzt brauchen wir noch mehr schokoladen-buttercreme und dann, später: sahnecreme, mit pflaumen.“

„schokolade – für den stamm?“

„ja, tarik, den stamm. bitte reich mir von der dunklen kuvertüre, sahne und die schokoladenglasur, jetzt wird es ein wenig sonderbar.“

milla ließ tarik die kuvertüre in der mikrowelle schmelzen und mit heißer sahne vermengen:
„die brauchen wir später, das wird unsere ganache, ich habe noch welche in der kühlkammer, die werden wir jetzt ein wenig erwärmen.“

dabei strich sie die mittlerweile geschmolzene kuchenglasur auf einen bogen backpapier, deckte einen zweiten bogen darüber und rollte die bögen samt der glasur darin zusammen.

„ab damit in den kühlschrank!“

„milla, schau! ein kleiner tarik!“

tarik strahlte. zum garten hin hatte die backstube ein fenster zum garten. dort saß auf der fensterbank eine kleine schwarz-weiße katze, miaute und tupfte mit der pfote an die fensterscheibe.

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ein gedicht

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen - literatur - sequenzielle kunst

„da war ein mann,“ tarik lehnte sich im stuhl zurück und es schien, als würde er sich zum einen konzentrieren und doch zugleich verlieren, irgendwo hinter dem blick seiner dunklen augen,
„der schrieb ein gedicht über die liebe, eine liebe, seine, die er im arm hielt unter einem pflaumenbaum.“

„brecht!“

milla erinnerte sich:
„erinnerung an die marie a.“, lächelte sie.

„ja“, erwiderte tarik ihr lächeln, „und eine wolke war da, die im wind verging …“

„wie das glück?“

milla hatte eine idee und verwarf sie wieder. die torte sollte eine liebe zum thema haben, nicht das glück.
„die erinnerung an die wolke war, was die zeit überdauerte, nicht das glück, nicht die liebe …“

tarik beugte sich über den tisch, milla entgegen, und sah ihr tief in die augen:
„ … aber die erinnerung an die wolke ist, was die liebe, was das glück jenes augenblicks, der doch schwand wie die wolke im wind, wachruft und neu entstehen lässt, als sei es jetzt da, jetzt – über alle zeiten hinweg und, wenn auch ebenso flüchtig wie damals, unauslöschlich.“

„mmh!“ milla erkannte, dass ihre idee gar nicht einmal so schlecht war.

„wie deine torte, milla!“

„meine torte?“

„die erinnerung an deine torte. wie sie aussah, wie sie schmeckte, und wie man beieinander saß und das junge glück auf ewig festhalten wollte.“

„wie alt, tarik, bist du eigentlich, dass du so klug bist und so viel weißt?“

„jung bin ich, milla, und alt bin ich auch.“

„musst du nicht allmählich heim?“

„nein, milla, kann ich bei dir bleiben heute?“

„deine eltern werden sich sorgen!“

„nein, das werden sie nicht. sie wissen, dass ich bei dir bin. und alles ist in bester ordnung.“

„gut, wenn das so ist, bleibst du – aber gleich morgen früh gehen wir zu deinen eltern und du wirst mich ihnen vorstellen, ja?“

„ja!“

„gut. doch jetzt backen wir eine torte, eine mit pflaumenbaum und einer wolke.“

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ein pflaumenbaum, eine wolke und eine torte

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wer ein mäuschen war, sah nun ein seltsam vertrautes paar am küchentisch sitzen und über eine torte reden, die für eine verlobung gedacht war und von der liebe erzählen sollte. nicht irgendeiner liebe, sondern von der eines jungen paares, das vor knapp zwei tagen noch milla gegenüber gesessen und von sich erzählt hatte. milla hielt es nicht lange auf dem stuhl. während tarik, einen bleistift in der hand, über ein blatt papier gebeugt dasaß, zuhörte und zu zeichnen schien, schritt sie die küche ab und breitete ihre zweifel aus. wie verliebt doch die beiden auf sie gewirkt hatten. dass sie sich erinnere, erzählte milla, wie verliebt sie selbst gewesen war, als sie ihren späteren mann kennengelernt und der ihre ganze aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. in den augen der verliebten hatte milla glück gesehen. glück, das klar und undurchdringlich wie eine gläserne murmel in sich eine große liebe umschlossen hielt, auf immer. umschlossen, wie auch die beiden einander umarmt hatten. einander umfangen und die welt ausgeschlossen hatten. ‚gerade so, wie die pflaume ihren kern umschließt‘, ging es milla durch den sinn.
tarik zeichnete. milla zweifelte. konnte eine pflaume, konnte eine torte verkörpern, ja, wachrufen, und das in anderen menschen, was sie in den augen der beiden jungen menschen gesehen hatte. was sie an ihre eigene trunkene glückseligkeit erinnerte, von der sie sich in eine hoffnungsvoll beginnende ehe hatte mitreißen lassen und die sie, nur ein paar wenige wehrlose jahre später, an einen einsamem strand spülte und liegen ließ.

„und das mit pflaumen!“, sank milla auf einen der küchenstühle. „eine große liebe, die wahre liebe, glück, glückseligkeit.“

„ungefähr so?“

tarik hielt milla eine zeichnung hin. sie erkannte einen pflaumenbaum. ‚wo um himmels willen hatte dieser kleine junge so zu zeichnen gelernt?‘, fragte milla sich im stillen. unter dem pflaumenbaum erkannte sie ein paar, das sich innig umschlungen hielt. über der szene stand eine kleine wolke am himmel.

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und ein kind

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

tarik! stand da! einfach … da! lehnte sich an millas seite, die aus ihrer erinnerung schrak und beinahe den kochlöffel hätte fallen lassen.

„tarik!“

er lächelte.

„junge! wie kommst du hierher? und – wo hast du gesteckt? ich war bei …“

„du hast nach mir gesucht, milla?“

„ja, natürlich, ich …“

„dann freust du dich, dass ich so einfach zu dir reinspaziert bin? die tür war nicht abgeschlossen, und da …“

milla schloss den jungen in ihre mehlbestaubten arme und drückte ihn an sich:

„oh, entschuldige bitte, aber ich freu‘ mich so!“

milla nahm den jungen bei den schultern und musterte ihn. da kam der bursche so einfach zu ihr in die backstube und sie hatte ihn weit entfernt geglaubt, weit entfernt und verloren.

„wo warst du, tarik?“

„jetzt bin ich bei dir, milla!“ tariks augen strahlten milla entgegen und sein entwaffnend mildes lächeln blieb, als tarik den kopf zur seite wandte:

„jetzt bin ich ja da, bei dir, und, machst du da etwas mit pflaumen?“

milla verstand, dass tarik sich nicht erklären mochte. froh, dass er wieder zu ihr gefunden hatte, lud sie ihn ein zum essen und tischte in ihrer Küche für den kleinen Jungen auf. der wirkte auch recht hungrig und griff zu. aß ein brot mit käse, trank kakao, den milla ihm frisch kochte und machte sich bereit, der geschichte zu lauschen, die milla ihm zu der in der backstube entstehenden torte zu erzählen begann.

„ach, der boden, der boden!“, sprang milla auf und eilte in die backstube.

„gerade noch einmal gut gegangen …“, kam sie zurück, ließ sich mit einem leisen seufzer der erleichterung am küchentisch nieder. ob der seufzer der rettung des tortenbodens oder dem wiedersehen mit tarik galt, blieb offen.

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so ganz ohne … und die pflicht

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

milla cremeso zog die ladentür hinter sich ins schloss. mit allem hatte sie gerechnet, nur nicht damit, dass es in den notunterkünften am rande des dorfs keinen tarik gab. gab … geben sollte? war der freundliche sozialarbeiter der stadt vielleicht nur schlecht informiert?

ruhetag. und doch keine ruhe. dazu noch der zu erfüllende auftrag, und der termin der bevorstehenden verlobung war nicht mehr weit. betrübt machte milla sich auf den weg in ihre backstube. dort herrschte ordnung. alles blitzeblank, alles an seinem platz. das weiß der arbeitsplatte lud milla ein, den ersten wurf ins kreative tüfteln zu tun. sie trat heran, griff sich mehl, eier, rührschüssel und mixer, zucker, vanillin, backpulver, speisestärke, das salztöpfchen. einen anfang machen, beginnen, dann würde sich alles weitere ergeben.

alles weitere ergeben. beginnen. milla konnte sich an kein rezept erinnern, in dem von tortencreme aus pflaumen die rede gewesen war. blechkuchen mit pflaumen – die rezepte waren legion. beginnen … innen sah es ganz anders aus. ob sie nicht besser doch allein zu den fremden gegangen wäre, nachgefragt hätte? warum nur hatte sie nicht den weg über die straße genommen? hin zu den wohncontainern. die letzten meter gehen, die letzten, die letzten? die letzten meter eines irrtums hin zu einer enttäuschung. einer selbsttäuschung, vielleicht, der sie, milla, aufgesessen war.

der tortenboden aus biskuitteig entstand wie nebenher und wölbte sich im backofen wie ein atmendes tier der vollendung entgegen. pflaumen, wir sind doch keine pflaumen! die junge frau hatte sich vehement gegen diesen vergleich verwehrt. wehr. was war bedrohlich an einem vergleich mit pflaumen? in china, so hatte milla gelesen, galt der pflaumenbaum als baum der erkenntnis. und im vorderen orient sollte, las sie, die pflaume symbolisch für unberührtheit stehen und sogar als glückssymbol gelten. die im kulturkreis der jungen frau abwertende zuschreibung pflaume für einen menschen mochte hier auslöser sein für die heftige abwehr.

der vordere orient, also auch syrien, also auch tarik. wo mochte der junge nur stecken, und, das bedrängte milla noch viel mehr, wie mochte es ihm ergehen, jetzt, irgendwo da draußen? pflaumen. ‚milla, reiß dich zusammen‘, dachte sie und versuchte, sich auf den auftrag zu konzentrieren. die creme! die sollte eine mit pflaumen sein. und doch, nein, lieber keine stücke, keine fasern. aber wie? und überhaupt, so, wie sich die junge frau dermaßen zur wehr gesetzt hatte gegen die pflaume als zentrales thema der torte, die nicht nur dem geschmackssinn des paares, sondern auch jedem unbeteiligten gaumen das bild der jungen liebe wachrufen sollte. dürfte sie, milla, das ignorieren? ‚tarik ist jetzt irgendwo da draußen. vielleicht braucht er meine hilfe‘. tarik, er hatte ihr zugehört. ohne vorbehalte. hatte gelten lassen, was sie an bildern zu ihren torten entwarf. milla stieg in den keller hinab und holte sich ein glas eingeweckte pflaumen, gab den inhalt in einen topf, erwärmte die pflaumen und passierte sie durch ein sieb.

der duft süßer pflaumen erfüllte den raum. sommer, spätsommer. blauer himmel. der wind wispert im laub des alten baumes, eine jugendliche milla kostet eine reife pflaume und spürt den süßen saft der frucht ihr kinn hinabrinnen.

„etwas mit pflaumen?“

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