und ein kind

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

tarik! stand da! einfach … da! lehnte sich an millas seite, die aus ihrer erinnerung schrak und beinahe den kochlöffel hätte fallen lassen.

„tarik!“

er lächelte.

„junge! wie kommst du hierher? und – wo hast du gesteckt? ich war bei …“

„du hast nach mir gesucht, milla?“

„ja, natürlich, ich …“

„dann freust du dich, dass ich so einfach zu dir reinspaziert bin? die tür war nicht abgeschlossen, und da …“

milla schloss den jungen in ihre mehlbestaubten arme und drückte ihn an sich:

„oh, entschuldige bitte, aber ich freu‘ mich so!“

milla nahm den jungen bei den schultern und musterte ihn. da kam der bursche so einfach zu ihr in die backstube und sie hatte ihn weit entfernt geglaubt, weit entfernt und verloren.

„wo warst du, tarik?“

„jetzt bin ich bei dir, milla!“ tariks augen strahlten milla entgegen und sein entwaffnend mildes lächeln blieb, als tarik den kopf zur seite wandte:

„jetzt bin ich ja da, bei dir, und, machst du da etwas mit pflaumen?“

milla verstand, dass tarik sich nicht erklären mochte. froh, dass er wieder zu ihr gefunden hatte, lud sie ihn ein zum essen und tischte in ihrer Küche für den kleinen Jungen auf. der wirkte auch recht hungrig und griff zu. aß ein brot mit käse, trank kakao, den milla ihm frisch kochte und machte sich bereit, der geschichte zu lauschen, die milla ihm zu der in der backstube entstehenden torte zu erzählen begann.

„ach, der boden, der boden!“, sprang milla auf und eilte in die backstube.

„gerade noch einmal gut gegangen …“, kam sie zurück, ließ sich mit einem leisen seufzer der erleichterung am küchentisch nieder. ob der seufzer der rettung des tortenbodens oder dem wiedersehen mit tarik galt, blieb offen.

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so ganz ohne … und die pflicht

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

milla cremeso zog die ladentür hinter sich ins schloss. mit allem hatte sie gerechnet, nur nicht damit, dass es in den notunterkünften am rande des dorfs keinen tarik gab. gab … geben sollte? war der freundliche sozialarbeiter der stadt vielleicht nur schlecht informiert?

ruhetag. und doch keine ruhe. dazu noch der zu erfüllende auftrag, und der termin der bevorstehenden verlobung war nicht mehr weit. betrübt machte milla sich auf den weg in ihre backstube. dort herrschte ordnung. alles blitzeblank, alles an seinem platz. das weiß der arbeitsplatte lud milla ein, den ersten wurf ins kreative tüfteln zu tun. sie trat heran, griff sich mehl, eier, rührschüssel und mixer, zucker, vanillin, backpulver, speisestärke, das salztöpfchen. einen anfang machen, beginnen, dann würde sich alles weitere ergeben.

alles weitere ergeben. beginnen. milla konnte sich an kein rezept erinnern, in dem von tortencreme aus pflaumen die rede gewesen war. blechkuchen mit pflaumen – die rezepte waren legion. beginnen … innen sah es ganz anders aus. ob sie nicht besser doch allein zu den fremden gegangen wäre, nachgefragt hätte? warum nur hatte sie nicht den weg über die straße genommen? hin zu den wohncontainern. die letzten meter gehen, die letzten, die letzten? die letzten meter eines irrtums hin zu einer enttäuschung. einer selbsttäuschung, vielleicht, der sie, milla, aufgesessen war.

der tortenboden aus biskuitteig entstand wie nebenher und wölbte sich im backofen wie ein atmendes tier der vollendung entgegen. pflaumen, wir sind doch keine pflaumen! die junge frau hatte sich vehement gegen diesen vergleich verwehrt. wehr. was war bedrohlich an einem vergleich mit pflaumen? in china, so hatte milla gelesen, galt der pflaumenbaum als baum der erkenntnis. und im vorderen orient sollte, las sie, die pflaume symbolisch für unberührtheit stehen und sogar als glückssymbol gelten. die im kulturkreis der jungen frau abwertende zuschreibung pflaume für einen menschen mochte hier auslöser sein für die heftige abwehr.

der vordere orient, also auch syrien, also auch tarik. wo mochte der junge nur stecken, und, das bedrängte milla noch viel mehr, wie mochte es ihm ergehen, jetzt, irgendwo da draußen? pflaumen. ‚milla, reiß dich zusammen‘, dachte sie und versuchte, sich auf den auftrag zu konzentrieren. die creme! die sollte eine mit pflaumen sein. und doch, nein, lieber keine stücke, keine fasern. aber wie? und überhaupt, so, wie sich die junge frau dermaßen zur wehr gesetzt hatte gegen die pflaume als zentrales thema der torte, die nicht nur dem geschmackssinn des paares, sondern auch jedem unbeteiligten gaumen das bild der jungen liebe wachrufen sollte. dürfte sie, milla, das ignorieren? ‚tarik ist jetzt irgendwo da draußen. vielleicht braucht er meine hilfe‘. tarik, er hatte ihr zugehört. ohne vorbehalte. hatte gelten lassen, was sie an bildern zu ihren torten entwarf. milla stieg in den keller hinab und holte sich ein glas eingeweckte pflaumen, gab den inhalt in einen topf, erwärmte die pflaumen und passierte sie durch ein sieb.

der duft süßer pflaumen erfüllte den raum. sommer, spätsommer. blauer himmel. der wind wispert im laub des alten baumes, eine jugendliche milla kostet eine reife pflaume und spürt den süßen saft der frucht ihr kinn hinabrinnen.

„etwas mit pflaumen?“

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auf der suche

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

der montag begrüßte milla mit mildem sonnenschein. die morgen waren um diese zeit bereits kühl und die straßen des dorfs atmeten um diese frühe stunde noch den nebel, der in der nacht vom see her aufgestiegen war und das pflaster benetzte.

es dauerte nicht lang, da hatte milla die unterkünfte erreicht, die man vor dem dorf errichtet hatte. in fünf wohncontainern waren sieben familien untergebracht worden, die dem dorf über die verwaltende stadt zugeteilt worden waren. proteste gegen diese maßnahme waren nicht ausgeblieben, doch war unklar, ob diese den fremden galten oder der verwaltung der nahe gelegenen stadt, deren scheinbarer willkür die dörfler sich nicht zum ersten mal unterworfen fühlten. maßnahme und menschen wurden jedoch gleichermaßen abgelehnt und offensichtlich ignoriert. man wich aus. auf die andere straßenseite, auf ein anderes thema. überließ die fremden den sozialarbeitern der stadt, den streifenpolizisten. dem wachdienst, der nach schockierend menschenverachtenden ereignissen andernorts auch für diese vergleichsweise kleine ansammlung so etwas wie sicherheit gewährleisten sollte.

ein paar kinder spielten auf dem festgefahrenen sand des vorplatzes der container im staub. milla hielt inne und betrachtete sie aus der ferne. jedes von ihnen ähnelte tarik in erscheinung und auftreten, doch ihn selbst konnte milla nicht ausmachen.

„kann ich ihnen helfen?“

ein mann war, ohne dass sie das bemerkt hatte, an sie herangetreten. milla wich zurück.

„kann ich ihnen helfen?“

milla fasste sich ein herz: „kennen sie sich hier aus?“

„ich betreue flüchtlinge, auch die hier untergebrachten. zu beginn kamen oft leute aus dem dorf her und gafften.“

„da können sie mir in der tat weiterhelfen. cremeso mein name, ich spendete unlängst ein blech pflaumenkuchen, altkleider und spielsachen. ich suche nach einem ungefähr sieben jahre alten jungen, tarik, der mich in meiner konditorei besuchte …“

„hat er ‘was ausgefressen?“

„nein, um himmels willen, alles ist in ordnung, ich …“

„wie war sein name?“

„tarik.“

„tut mir leid, da muss ich passen.“ der mann zuckte mit den achseln: „hier gibt es keinen jungen, der tarik heißt.“

„sie sind sich sicher? ungefähr so groß“, milla deutete es an, “lockiges haar, schwarze augen und …

„diese beschreibung passt auf viele der flüchtlingskinder“, fiel der mann ihr ins wort, „doch ich kenne alle bei namen, die in diesen unterkünften hier hausen.“

„und?“

„ein tarik ist nicht dabei.“

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pflaumen, immer wieder …

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

pflaumen. milla hatte die ladentür abgeschlossen, hatte sich in ihre wohnstube zurückgezogen und ließ sich ins sofa fallen. sie fühlte sich unwohl. was hatte sie geritten, dass sie dem jungen paar zur verlobung eine torte vorgeschlagen hatte, die sich ums thema pflaumen drehen sollte? pflaumen, das gehörte zu tarik, dem kleinen jungen aus syrien.

der geschmack von pflaumen, heimat, der garten des großvaters vor den toren damaskus‘ … milla schloss die augen und erinnerte die bilder, die ihr von der begegnung mit dem so unverhofft in ihr leben getretenen besucher geblieben waren.

hatte sie ihm nicht versprochen, dass er bei der nächsten hochzeitstorte dabei sein könne? und dass sie ihm darüber hinaus eine eigene torte anfertigen würde, die sich um tarik und den garten seines großvaters drehen würde?

milla spürte, wie müde sie geworden war. ihre aufmerksamkeit hatte dem jungen paar gegolten und keinen raum für eigene gedanken, für die eigene müdigkeit am ende eines langen arbeitstages gelassen. so schön solche begegnungen auch waren, immer wieder, so einsam und allein, auf sich selbst zurück geworfen ließen sie milla zurück. morgen ist ein neuer tag, dachte sie bei sich und hoffte auf eine eingebung, die ihr aus ihrer zwickmühle helfen würde.

der sonntagabend hüllte sich in dunkel, in den straßen des dorfs gingen die lichter an. morgen, am ruhetag, so nahm sich milla vor, würde sie zu den unterkünften vor dem dorf gehen und sich nach tarik und dessen familie erkunden.

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etwas mit pflaumen

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

dem paar fiel auf, dass sich zwischen millas augenbrauen eine falte aufwarf und sie sich mit beiden händen übers gesicht fuhr, als könne sie diesen ihre aufmerksamkeit störenden gedanken fortwaschen.

„sind sie müde?“

„nein, ist schon gut, nichts …“

vergeblich hatte milla auf die ihr vertrauten bilder von früchten und aromen gehofft, die sich ihr bei derlei gesprächen zu einer ersten idee für eine dem paar und seiner liebe entsprechenden torte fügten.

„was halten sie von pflaume?“

„pflaume?“

„der geschmack von pflaumen. als zentrales thema. um diesen geschmack, dieses thema ließe sich eine torte aufbauen und …“

„ich weiß nicht“, fiel die junge frau ihr ins wort, „was pflaumen mit uns beiden zu tun haben sollten.“

„liebes“, der junge mann legte den arm um ihre schultern, „lassen wir uns doch überraschen. frau cremeso ist die tortenfee und wird schon wissen, warum sie bei uns an pflaumen denkt.“

„wir sind doch keine pflaumen!“

hart wie ein stein fiel die junge frau aus der romantischen stimmung, löste ihre hand aus der des mannes.

milla zweifelte. stützte die handflächen auf den tisch und erhob sich von ihrem stuhl.

„ich bin mir selbst nicht so sicher, doch habe ich da so eine idee, die ich noch weder in worte fassen, noch zu einer torte werden lassen kann. geben sie mir bitte etwas zeit.“

das paar war ebenfalls aufgestanden und wandte sich zum gehen.

„abgemacht!“ der mann ergriff die hand, die milla ihm bot und half dann seiner zukünftigen verlobten in den mantel, öffnete die ladentür: „so machen wir das! ich bin schon gespannt, was für eine torte sie für uns machen werden. gibt es …“

„ja“, milla lächelte, „eine kostprobe gehört selbstverständlich dazu. ich melde mich bei ihnen. für wann, sagten sie, haben sie die feier geplant?“

„in vier wochen ist es soweit. dann reisen ihre eltern an, um meine kennenzulernen.“

„bis dahin werden wir schon eine passende torte gefunden haben, auf wiedersehen!“

„auf wiedersehen!“

leise schob milla die ladentür ins schloss. noch von draußen hörte sie die junge frau:

„pflaumen, wir sind doch keine pflaumen …“

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ein junges paar

comix

millas geschäft lief in der tat gut. täglich kamen kunden in ihre pâtisserie, wählten von den ausgestellten köstlichkeiten oder bestellten ausgefallene torten für ihre feste. heute abend saß milla einem jungen paar gegenüber, das sich zu verloben plante und ein fest ausrichten wollte. sie hatten von millas hochzeitstorten gehört und verliebt, wie sie waren, wollten sie ihre verlobung mit einer torte zelebriert wissen, die ihrer liebe von jenem zauber mit auf den weg geben sollte, wie er nur den torten milla cremesos innewohnte.

ein entzückendes pärchen. beide blutjung, voller zuversicht und einander von herzen zugetan. milla wusste ein gespräch zu lenken und virtuelle räume zu öffnen, in die sie ihr gegenüber einlud und von sich auszubreiten ermunterte. der junge mann ihr gegenüber entwarf in blumigen worten das bild, das er von seiner angebeteten hatte. und sie – ihre blicke hingen an seinen lippen, fuhren seine gesichtszüge entlang, während sie ihm lauschte. dann wieder, als hätte ein stichwort ihre aufmerksamkeit aufgeschreckt wie eine schar rebhühner, fiel sie ihm ins wort und warf, einem spiegel gleich, ein jedes zärtliche wort, jedes kompliment zurück auf ihn und ließ ihn erstrahlen. nun war er es, der, den kopf zur seite gelegt und seine hand in der ihren, ihr zuhörte und sie betrachtete, als sähe er sie neu, zum ersten mal und als wolle er ihr bild auf ewig in sein erinnern schließen.

die beiden genügten einander. ein um einander kreisendes doppelgestirn, dessen welt sich in willig folgenden planeten um sie drehte oder fern war wie sterne, deren präsenz durch unendliche weite, nacht und nichts in so weite ferne gerückt war, das selbst die riesen unter ihnen sich in flickerndem blinken verloren.

tarik. was hielt den jungen davon ab, gemeinsam mit ihr „seine“ torte entstehen zu lassen?

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über das warten

tarik - bild zu text von ludwig jannsen

am nächsten morgen in aller frühe machte milla sich an die anstehenden arbeiten. doch während der alltäglichen routine ging ihr durch den sinn, wie wohl die torte für tarik beschaffen sein sollte. bereits am frühen nachmittag spähte sie zur hintertür hinaus, ob sein lockenkopf schon über den zaun lugte. keine spur weit und breit.

auch am späten nachmittag, milla saß wieder auf den stufen zum garten, blieb der erwartete besuch aus.

die sonne ging unter – nichts.

auch der nächste tag verlief so, die woche. milla überlegte, ob sie zu den unterkünften gehen und nach tarik fragen sollte. verwarf diesen gedanken, vertiefte sich in die arbeit. wenn man wartet, auf etwas wartet, auf das man sich freut, wächst das warten zunächst mit freude, rankt sich mit ungeduld ins denken und erblüht dann in zweifeln. so wartete milla auf tarik. wenn man wartet, auf etwas wartet, das unangenehm ist, wächst das warten zunächst mit bangen, rankt sich mit unruhe ins denken und erblüht dann in hoffnung. so, ging es milla durch den sinn, hatte sie auf ihren mann gewartet, auf seine liebe, zuwendung, dann auf seine gegenwart und letztendlich gehofft auf eine nüchterne, rasche trennung, das ende der ehe. das dann auch kam. heute war sie froh darum. musste sie doch nicht ihre lebenszeit mit einem menschen verbringen, der sie nicht liebte und ihr lieben, das sie ihm ausbreitete wie einen mantel, schon bald unbeachtet ließ und später als lästig abtat.

die torte, die sie zu ihrer eigenen hochzeit angefertigt hatte, dämmerte es milla, hatte sie nicht anders gestaltet als die torten, die sie für ihr fremde menschen anhand deren schilderungen gefertigt hatte. und doch war etwas anders gewesen. er war kein mann gewesen, der seine liebe zu seiner zukünftigen frau zu beschreiben versucht hätte. milla selbst hatte diesen part übernommen wie auch den eigenen und so zwar eine köstliche torte geschaffen, die von den hochzeitsgästen hoch gelobt worden war, doch blieb die hälfte der torte projektion und wurde weder ihrem bräutigam gerecht noch dessen ihr mittlerweile fremden fähigkeit zu lieben, sie, milla, zu lieben.

eine weitere woche verging, ohne dass tarik sich bei ihr blicken ließ. der sommer stieg und reifte. millas geschäft florierte, und ihre abende verbrachte sie nur noch gelegentlich hinterm haus auf den stufen zum garten.

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ein versprechen

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

tarik beugte sich zu ihr hinab. ihre nasenspitzen schienen einander zu berühren.

„solch eine torte möchte ich gerne probieren!“

„du kannst gerne wieder einmal vorbeischauen, tarik, und vielleicht …“
milla cremeso dachte angestrengt nach,
„… bekomme ich bald wieder eine bestellung herein. oder …“
wieder schien millas blick auf ein entferntes ereignis gerichtet,
„ … ich mache eine torte nur für dich, tarik!“

„die von bürgerkrieg erzählt, flucht und der notunterkunft hier?“

„nein, tarik. von den gärten damaskus‘ soll sie erzählen. von den pflaumenbäumen deines großvaters und seinen geschichten, wie wäre das?“

tariks augen leuchteten.

„ja!“

und so besiegelten die beiden ihre neu gefundene freundschaft mit einem handschlag zum abschied. noch lange sah milla dem kleinen tarik nach, wie er im licht der abendsonne die straße hinab hüpfte. aus dem dorf hinaus geradewegs der unterkunft zu, die man auf der grünen wiese für eine handvoll flüchtlinge aufgestellt hatte, die der gemeinde zugewiesen worden waren.

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torte getanzt

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

tarik saß auf einem stuhl, den er sich in die mitte des verkaufsraums gerückt hatte, schlenkerte mit den beinen und lauschte millas geschichte ihrer hochzeitstorten. wie sie, bevor sie sich überhaupt ans werk begab, sich bis ins detail vom kennen- und liebenlernens des zukünftigen brautpaares erzählen ließ. wie daraufhin in ihrer vorstellung ein bild reifte, das anschließend unter ihren geschickten und versierten händen zu form und ausdruck fand. zu einer hochzeitstorte, deren aussehen, duft und geschmack das brautpaar und dessen liebe nicht nur nacherzählte, sondern das lieben des mannes und das der frau aufeinander zu führte und dann auf den zungen der sie verzehrenden vereinte. milla geriet ins schwärmen. erzählte ihre geschichte mit händen und füßen, wobei die einen in fließender bewegung zueinander fanden, um dann in weichem zirkeln sich zu lösen und in großzügig beschriebenen spiralen auseinander zu streben, während die anderen einen leidenschaftlichen tanz um eine imaginär entstehende hochzeitstorte zu vollführen schienen.

„fertig!“

mit einem fingerschnippen und leuchtenden auges schloss milla cremeso ihre geschichte. beinahe, aber auch nur beinahe, und, als habe sie es angedeutet, wäre sie aus dem gleichgewicht geraten. ein wenig außer atem geraten ließ sie sich neben tariks stuhl nieder, stützte sich nach hinten auf ihre arme und legte den kopf in den nacken:

„sie lieben es!“

dabei breitete sie ihre arme aus – und dehnte das i von lieben über die maßen, dass es sich blähte wie das segel eines bootes, das mit den möwen über den see flog.

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konfekt und torten

ludwig-janssen

„du hast ein schönes haus!“

„danke schön! es ist auch mein arbeitsplatz.“

„was arbeitest du – backst du pflaumenkuchen?“

milla lachte. führte tarik in ihre backstube und erzählte, was es in ihrer pâtisserie alles zu kaufen gab. dass sie all die köstlichkeiten höchstselbst anfertige und wie die kunden bei ihr schlange standen. von der schlanken dame, die mit abgespreiztem kleinen finger vor dem konfekt stand und eine praline nach der anderem zu kandierten früchten und fondants wählte bis zum pummeligen metzger, dem ihr schokoladenkuchen lieber war als jede leberwurst. der junge stand staunend da, von der vielfalt der köstlichen düfte und dem anblick all der leckerbissen überwältigt, mit offenem mund. aufmunternd zwinkernd schob milla die eine oder andere köstlichkeit hinein.

„und torten!“

tarik traute sich kaum an die gläsernen verkaufsvitrinen heran, unter denen mit leisem surren die kühlaggregate auf vollen touren liefen.

milla dachte bei sich, dass ihre pâtisserie dem jungen wie ein traum erscheinen müsse. ein schlaraffenland. und in der tat hatte sie den ausdruck, der jetzt in tariks augen lag, bereits oft in den augen solcher kunden gesehen, die ihren laden hungrig betraten.

„torten!“

tarik kam aus dem staunen nicht mehr heraus. milla erzählte ihrem gast von den hochzeitstorten und der legende, die sich um sie und ihre verführungskünste rankten.

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