postkarte nr. 20

badende

Liebste Mama,

Meine Reise neigt sich dem Ende zu. Soeben haben wir die Inseln von Fernando de Noronha (die Legende sagt, hier überwinterten die Sirenen, Gott sei Dank schliefen sie, als wir die Inseln passierten) hinter uns gelassen und nehmen Kurs auf Isla Volante. Carla und ich lieben uns und wollen uns sputen, damit wir Dein Hochzeitsfest nicht verpassen und mit den Vorbereitungen für das unsere beginnen können. Ich bin sehr gespannt auf meinen neuen Vater. Hoffe aber, dass es in Deinem Leben weiterhin Platz haben wird für zumindest einen weiteren Mann –

Deinen Sohn

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postkarte nr. 19

zuckerhut rio de janeiro

Liebe Mama,

Findest Du wohl etwas Zeit, um mir den aktuellen Aufenthaltsort unserer Insel mitzuteilen? Mit der Gondel sind Carla und ich auf den Zuckerhut gefahren und von hier oben schaue ich nun übers Meer und halte Ausschau nach meiner Heimat. Carlas Grossonkel ist Fischer und besitzt ein kleines Boot, das er uns für die Überfahrt leihen will.
Erlaube mir nur eine letzte Frage: Bist Du Dir auch ganz darüber im Klaren, was Du da planst?

Endlich wieder
Dein Sohn

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postkarte nr. 18

liebe

Liebe Franziska,

Ich werde Mama ja schreiben und auf die Einladung warten, die sie mir schicken will! Ich bin ja schon in Rio. Du hast von dieser Stadt sicher auch schon gehört, sicherlich auch schon das Lied von dem Mädchen von Ipanema gehört. Hier bin ich nun und spaziere mit diesem Mädchen den Strand entlang. Das Mädchen heisst Carla und ich glaube, diesmal hat es mich bös erwischt. Sie hilft mir bei der Suche nach einem Schiff, das mich zur Isla Volante zurückbringen kann. Ich muss jetzt ja ganz dringend heim.

Verliebt in Rio

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postkarte nr. 17

liebe franziska

Liebe Franziska,

Weil Du Mamas beste Freundin bist, muss ich Dir wohl glauben. Auch wenn Deine Nachricht mich sehr beunruhigt hat. Ich durchquere gerade eine weite Wüste ganz aus weissen Dünen. Auf diesen Sand sind Häuser gebaut, die der Wind regelmässig davonweht. Hier lernte ich Esperanza in einem Sandsturm kennen. Als ich ihr jedoch die Haare aus der Stirn streichen wollte, zerfiel auch sie zu Sand. Es geht mir ganz elend, wie Du Dir vorstellen kannst. Und Mama sei so glücklich wie seit langem nicht mehr? Ganz sicher?

Der vergessene
Sohn

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postkarte nr. 16

liebe franziska

Liebe Franziska,

Du schreibst, Papa habe mich sehr lieb, auch wenn ich nicht ganz verstehe weshalb. Schau, auch das gibt es: In Ouro Preto steht eine Kirche neben der anderen. Es ist ein wunderschönes, altes Städtchen mit engen Gassen und steilen Treppen, die alle zu einer Kirche führen. Ich folge Fábia, einer wunderschönen, jungen Frau. Nie sah ich sie eine Treppe hinaufsteigen. Denn die Kirchen sind alle nur Fassade, denn keiner geht hin, wenn die Glocken zur Messe rufen. Ähnlich geht es mir mit Papa, seit er seine Frau verliess. Apropos Mama: Weisst Du von ihr?

In einer anderen Welt wäre ich
Dein Stiefsohn

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postkarte nr. 15

liebe franziska

Liebe Franziska,

Ich weiss, dass Du Papa sehr liebst, auch wenn ich nie ganz verstanden habe, weshalb. Es hat mich nun in eine Ortschaft namens Neblina verschlagen, wo immer Nebel herrscht. Die Häuser sind auf hohen Stelzen errichtet, aber trotzdem müssen die Bewohner auf die Dächer steigen, wenn sie die Sonne sehen wollen. Ganz vernebelt ist mein Blick von Barbela, dem Mädchen, das aussieht, als trüge es immer einen Schleier. Es ist, als ginge ich auf Wolken. So leicht ist mir zumute, dass ich über Papa gar nicht reden mag.

Der Sohn
Deines Liebhabers

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postkarte nr. 14

campo alegre

Vater,

Du schreibst mir, Du wissest nicht, wovon ich redete. Unsere Beziehung sei immer freundschaftlich gewesen und nie habest Du Dir mir gegenüber etwas zuschulden kommen lassen. Meine impliziten Vorwürfe schmerzten Dich. Soeben durchfährt der Reisebus ein Städtchen namens Campo Alegre, von dem ausser einem Stadtplan nichts existiert. Coralina, mit der ich hier verabredet war, hat sich, während sie mit ihrem Finger den verwinkelten Gassen folgte, ganz offensichtlich verirrt. Auch unsere Beziehung, Vater, war nie mehr als das: ein schöner Plan, in dem du dich verlaufen hast.

Nochmals: Hast Du Nachrichten von Mama?
Dein Sohn

ich wünsche dir ein schönes, sonnig heisses wochenende!
markus

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postkarte nr. 13

suzette

Vater,

Ich habe inzwischen einen Ausflug auf die zweigeteilte Insel Nevis gemacht. In der Mitte von Nevis steht ein grosser Spiegel, der alles, was auf der einen Inselhälfte geschieht, auf die andere projiziert. Suzette, meine hiesige Gespielin, meinte scherzhaft, alles, was die eine Hälfte tue, tue auch die andere, nur umgekehrt. Käme hier einer näher, entfernte sich dort derselbe. Esse hier eine mit der rechten Hand, ässe dort dieselbe mit der linken. So hebe die eine die andere Inselhälfte auf. Es ist, als gäbe es die Insel nicht. Suzette und ich liebten uns, aber danach war es, als hätten wir einander nie gekannt.

Bemüht, trotz Deines nachtragenden Gemüts guten Willen zu zeigen
Dein Sohn

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postkarte nr. 12

postkarte

Vater,

San Benito würde Dir gefallen. Um am Postkartengeschäft zu partizipieren, haben die hiesigen Stadtoberen sämtliche Fassaden postkartengerecht herrichten lassen. Genau so schaut es aus in San Benito, sagen jetzt die Postkarten. Touristen finden sich jetzt vor allem an den Kiosken, wo die Postkarten verkauft werden. Niemand muss mehr durch die Stadt laufen, um die Sehenswürdigkeiten zu sehen. Das spart Zeit und Geld. Neben dem Kiosk ist eine Wand, worauf einige Attraktionen gemalt sind. Vor der Wand steht die hübsche Malú. Für wenig Geld kann man sich mit ihr fotografieren lassen.

Doch ich schreibe Dir nicht wegen Malú, die Dir sicherlich ganz gut gefallen hätte, sondern weil ich hoffe, Du könnest mir sagen, wie es Mama geht.

(Trotz allem noch immer)

Dein Sohn

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postkarte nr. 11

soldatenfriedhof

Liebe Tante,

Als ich die Bar in Aldebarán verliess und mit den anderen weiterfahren wollte, fand ich mein Velo nicht mehr. Ohne Fahrrad, ohne Cristina bin ich nun zu Fuss unterwegs. Entschuldige die Kanonen, Gewehre und Kreuze auf der Postkarte. Ich befinde mich in Bouquerón, das aus einem Soldatenfriedhof und einem Kriegsmuseum besteht. Soldaten kämpften um angebliche Ölfelder. Der Krieg ging verloren und Öl fand man keines. Grosse Ölfirmen sponsorten die Schlacht. Wo die Front verlief, stehen noch immer verwitterte Werbetafeln. Adrienne, eine Europäerin, die als Freiwillige einen Sommereinsatz in der Dritten Welt leistet, streicht die Plakate mit Ölfarbe gerade neu. Bevor ich Mama wieder schreibe, sollte ich mich vielleicht zuerst an Papa wenden. Vielleicht weiss er, was los ist.

Abgesehen von einigen Blasen an den Füssen geht es mir gut
Dein Neffe

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