komm..

ratur aquarell

gerda erwachte. tanzte mit den sonnenstrahlen auf den staubpartikeln, die sich über der beflissenen geschäftigkeit unter ihr in der schwebe hielten. dort unten lag ihr körper, erkaltet. die totenstarre hatte eingesetzt und breitete sich von den lidern und der leicht geöffneten kinnlade her im körper aus. ihr geist hatte zu existieren aufgehört. der arzt hatte den totenschein ausgefüllt, man wartete auf den bestatter.

das fenster hatten die pflegekräfte auf kipp gestellt. dass die seele das zimmer verlassen könne, versicherten sie einander. die angehörigen räumten das zimmer. in dessen mitte hing, über einen stuhl gelegt und seit gestern abend unberührt, ihr lieblingskleid. das kobaltblaue mit den weißen punkten.
doch zugleich schmiegte es sich um ihre lichtgeflutete präsenz. gerda ließ sich mit den bloßen füßen zur decke kopfüber ins zimmer hinein baumeln und lächelte den sonnenstrahlen zu, den tanzenden staubkörnern und ratur lite, der vom fenster her auf sie zu schwebte:

guten tag, gerda!

guten tag, ratur!

du … du erinnerst dich an mich?

ja, warum auch nicht?

ja, warum auch nicht. komm, lass uns gehen, gerda.

ja. heut ist ein schöner tag am meer.

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das weiße

ratur aquarell

weiß ist wie ebbe, ist mehr als das fehlen von farbe, ist mehr als die abwesenheit von schwarz. schwarz auf weiß ist aufkommende flut, präsent, das weiße scheint grund zu sein dem schwarzen, hintergrund – und doch ist es mehr als nur ein dahinter. vielleicht ist es das davor. enthält sein widerschein doch alle farben und wirft sie zurück, unserem auge entgegen. weißes licht, ungebrochen, ungebrochenes siegel. vielleicht ist das weiße die eigentliche dunkle materie der literatur. ist stille, die vor dem urknall, ist das schweigen, füllt leerzeichen an und leerzeilen. lässt raum, lässt welten raum, weltraum. das weiße ist diesem universum voids. und geschichten, auch die noch nicht erzählten, sind darin die filamente, schwarz auf – aus weiß sich erschaffend, abbildend. und so, wie die voids des uns umgebenden universums zu riesig sind, als dass sie mit dem weichen der materie aus diesen räumen zu erklären wären und also zugleich mit der baryonischen materie entstanden, so ist das weiße mit all dem ungedacht, ungesagt verborgenen darin entstanden, als der erste organismus zu denken begann. der in uns geborgenen, noch nicht erzählten geschichte kommen wir über die stille, das schweigen und das weiße in uns näher als über alle weisheit. weisheit, die sich uns schwarz auf weiß ausbreitet, einem sternenzelt gleich, wie es uns vertraut ist, wenn wir des nachts verlassen, was uns über den tag schneckenhaus war. des tags, wenn wir sonnenuhren folgen.

text:

wenn die flut…

ratur aquarell

ein breiter priel hinderte ratur am fortkommen. hier. hier? warum? warum … nicht? ratur ging in die hocke. weich und kühl der schlick unter seinen füßen, zwischen den zehen. der horizont hatte sich um raturs gestalt gelegt. wo ratur auch hinsah – er schien in jede himmelsrichtung gesucht gleich weit entfernt, schien zum stillstand gekommen. über sich das strahlende blau des himmels setzte ratur sich nieder, ließ sich hintenüber fallen und lauschte dem wind, der über ihn hinwegstrich.

kaum merklich hatte das wasser zu steigen begonnen, kam das meer zurück, leise, ganz leise. umspülte kalt den rücken. für einen moment, nur für einen moment, stockte ratur der atem. eine schar säbelschnäbler floh plüüüiiiit! von seewärts das steigende wasser und ließ sich rings um ratur im flachen wasser nieder, das sie, die schnäbel wie sensen durchs wasser streichend, nach muscheln, würmern und schnecken durchsuchten.

ob es wohl menschen gäbe, die das wesen literarischer gestalten als das ihre annehmen? also, anders als jene, die eine geschichte wie die seine weiterdenken und ihn als literarische gestalt zumindest für eine weile unsterblich machen, eine literarische gestalt – verkörpern? eine besondere form der inkarnation. und er, ratur lite, könne, derart zugelassen und aufgenommen, mensch werden, aus fleisch und blut, sein wesen in einem anderen geborgen – wie eine seele – unauffindbar und doch das ganze durchdringend wie ein ruf, eine noch zu erzählende geschichte. gerade so, wie auch er einem menschen und dann wieder aus vielen heraus entstanden und in die welt entlassen worden war. spiel. windhauch. das wasser stieg.

und stieg. nahm von dem blau seiner hose und dem titanweiß seines hemdes, zog eine sich verlierende spur dem küstensaum zu. raturs äußeres blich aus, zog mit dem wellenschlag und verblasste. das wasser reichte ihm nun bis zu den ohren. ratur lag, den blick im himmelblau, spürte dem spiel der sachte aufrollenden und dann wieder weichenden wellen in seinem haar nach und streckte suchend, michelangelo hätte seine freude daran gehabt, den zeigefinger aus in den wolkenlosen himmel.

unaufhaltsam: das weiß … wie morgensonne spürte ratur es in sich aufgehen, erstrahlen und raum greifen. das wasser begann, über ihn hinweg zu streichen. alle farben raturs hatten sich dem spiel der strömung ergeben, waren meer geworden. nun folgten die konturen. lösten sich aus ihrem zusammenhang und, einem tiefen, letzten ausatmen gleich, aus der umschreibung seiner literarischen gestalt. schwangen für eine weile mit dem seetang, bis letztendlich auch sie losließen und gingen, mit dem wellenschlag gingen, mit der sich wiegenden dünung.

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am strand

ratur aquarell

die luft begann, salzig zu schmecken. mit der zunehmenden kraft der aufsteigenden sonne hatte der wind gedreht und wehte von see aus landeinwärts. ratur erinnerte das lächeln, das ihn umspielt hatte wie dieser auflandige wind, um sich sogleich mit dem wässrigen blau der augen darin zu verlieren, haltlos, irgendwo hinter dem deich.

am deich angekommen lehnte ratur lite sein rad an einen zaunpfahl, schwang sich über den knotengitterdraht und lief den deich hinauf. schafe lagen im windschatten des deiches und käuten wieder. vor dem deich erstreckte sich der sandige strand, an dem ratur noch gestern gestanden und seine zehen in den sand gegraben hatte. ratur zog seine sandalen aus, stellte sie sorgsam ab und lief den strand hinab.

ebbe. das meer hatte sich zurückgezogen. irgendwo fern am horizont reflektierte es das licht der immer höher steigenden sonne. sonne. ratur griff sich aus dem sand einen vom salzwasser ergrauten zweig, steckte ihn in den sand und markierte die spur, die sein schatten auf den sand warf.

herr, es ist zeit. der sommer war sehr groß …

nach dem mond gehen. auch des tags. am ufersaum hatte die weichende flut ein dünnes band zerbrochener schneckenhäuschen zurückgelassen. ratur zog aus seiner hosentasche das eine, das ihm vom gestrigen tag geblieben war, und legte es behutsam zu den anderen. wenige schritte weiter schon im blick zurück nicht mehr auszumachen, wusste er es dort liegen und seine geschichte erzählt. nicht zu ende erzählt. warten … auf flut. warten?

ebbe ist …

ebbe ist mehr als die abwesenheit von flut. mehr als das fehlen von wasser, mehr als die tatsache, dass das, was in unseren augen das meer ausmacht, zur anderen seite der erde hin gezogen wurde. an einem anderen ort ist, fern. während ebbe von wasser reden ist eimerweise, ebbe fluten wollen hybris, bei ebbe auf flut warten missachtung. ebbe erklärt man nicht mit worten aus wasser. nicht: ebbe ist … – ebbe sein lassen. ebbe. ebbe halten. ebbe hören. ebbe zuhören. ebbe aushalten. ebbe ist ebbe. da geht der mutige hinaus auf den meeresgrund, so weit, wie das herz trägt.

bedächtigen schrittes lief ratur los und ließ das grün des deichs weit hinter sich.

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der morgen ist kühl

ratur aquarell

ratur schwang sich aufs rad, stemmte sich energisch in die pedale und fuhr aus der stadt, der aufgehenden sonne entgegen. die kühle morgenluft umfing ihn in tröstlicher umarmung, strich sein
haar zurück, legte sich auf die erhitzten wangen und schmiegte sich vom hals her die brust entlang unter sein hemd.

die nacht hatte den horizont wieder hergegeben und seinem spiel mit nähe und ferne überlassen. an die enge der stadt folgten weitläufige ackerflächen und weidegründe. an den grashalmen glitzerten ungezählt glasklare tautropfen, in denen die welten ringsum sich spiegelten. jede in ihrem tautropfen um eine idee anders als die anderen, auf den kopf gestellt. jede mit einem ratur darin, der eine allee entlang radelte …

srrr…

vertraut das geräusch der über den asphalt rollenden reifen, das der über kettenrad und zahnkranz surrenden kette und das helle sirren der speichen. ratur genoss es. sah seine beine auf und nieder takten und fühlte sich strecke machen, vorankommen. fühlte, wie seine atemfrequenz zunahm, sich vertiefte, wie die kühle luft über die weit geöffneten nasenflügel einströmte und an die bronchien reichte, bis mit zunehmender strecke sich der mund öffnete und sein atmen noch lauter hörbar wurde.

die fahrt heute empfand er ganz anders als die gestrige, als es ihn vom meer heimwärts zog und die nacht ihn einholte, sich um ihn schloss. nicht heimkehr war es, die den oberton seiner gedankengänge ausmachte, aufbruch, aufbruch durchströmte ihn mit jedem herzschlag, jedem atemzug, jedem auf und nieder seiner beine. es zog ihn, zog ihn ans meer.

auf halber strecke führte sein weg ihn durch ein waldstück. fichten. die nahmen dem morgenlicht von dessen glanz und der klang des dahineilenden rades brach zwischen den alten stämmen und tief hängendem geäst. ratur ließ das rad auslaufen, seine beine sich erholen, seine gedanken schweifen.

das weiße, das zu denkende. was davon mochte wohl in den bäumen ringsum darauf warten, erzählt zu werden. welche dieser fichten mochte wohl eines tages in einem kamin knackend vergehen, welche in einer violine weitererzählt werden? welches noch zu spielende lied schlummerte in einem dieser bäume? welche ihrer vielen jahre würden, das holz zu papier verarbeitet, niemals erklingen?

das dunkel des waldes lichtete sich. die allee hatte ihn wieder. die sonne war unterdessen weiter gestiegen und ihre strahlen hatten mittlerweile genügend kraft gewonnen, dass sie raturs schultern und rücken wärmten.

srrr…

ans meer, srrr… ans meer

text:

einem neuen tag entgegen

ratur aquarell

wieder verschwand der kater und ließ ratur alleine zurück. der drehte sich auf dem sofa zur seite und schloss die augen. schwarz. was sonst? der ihn ausdachte, machte seine existenz am funktionieren seiner sinne fest und meinte, dass, würde er einst enden, alles enden würde in stille und dunkel. doch nicht einmal die, dämmerte ratur, würde es geben, müssten sie doch erst einmal gedacht sein, aus dem zu denkenden hervor gedacht.

die welt hatte sich, derweil ratur auf dem sofa gelegen hatte, weitergedreht. hatte sich nicht um ratur gedreht, dass der unverändert geblieben wäre, sondern hatte sich gedreht mit ratur auf ihr und in ihr eingeschlossen. die strahlen der aufgehenden sonne woben zunächst licht ins dunkel, dann farbe. allgemächlich fluteten licht und farben raturs zimmer, raturs welt, helligkeit sickerte durch seine geschlossenen lider. hob ihn aus dem nachtblauen sofa.

schweigend ging ratur in die küche, brühte einen kaffee auf. während er den kaffee schlürfte, die tasse in seiner rechten, betrachtete er seine linke hand. drehte und wendete sie. einerlei, ob er nun mensch war oder literarische gestalt, er bestand aus kleinsten teilchen, die sich zueinander und ineinander gefügt hatten, die er wahrnahm aus deren wechselspiel untereinander und dem mit seinen sinnen. aus impulsen, die entstanden aus seine nervenfasern entlangrasenden elektrischen entladungen, reflektierten photonen und deren einschlägen, deren rezeption. und unermesslich viel leerem zwischenraum. aus teilchen, von deren gehäufter aufenthaltswahrscheinlichkeit sich das manifestierte, was er körper nannte oder … die geschichte. seine geschichte. die, die ihn erzählte, und auch die geschichten, die aus ihm entstanden und aus der tatsache, dass sie in anderen welten als der seinen fortgeführt wurden.

wo, fragte sich ratur, wäre da platz für ein ich? ob das ich ein raum wäre, so wie eine geschichte ein raum ist, der erzählt sein will, zu ende erzählt, um sich zu erfüllen?

ratur schwieg. suchte seine siebensachen zusammen, zog die tür hinter sich ins schloss und ging die stiegen hinab zu seinem rad, das an der hauswand lehnte.

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sein oder nichtsein

ratur aquarell

noch immer lag ratur auf dem nachtblauen sofa aus plüsch, nur dass seine rechte nicht mehr in luftiger höhe, sondern in seiner hosentasche tastete, nach den schneckenhäuschen tastete, die er am nachmittag mitgenommen hatte vom strand. er zog sie hervor. die meisten hatte es auf dem weg vom meer in die stadt zerrieben. wie es verlassenen schneckenhäuschen, die man sich bewahrt, nun einmal so ergeht, waren sie auf der strecke geblieben. irgendwo unterwegs. das, was sie ausmachte, war unwiederbringlich zerstört, nicht so der stoff, aus dem sie bestanden hatten.

eines der schneckenhäuschen hatte den tag überstanden. ratur rollte es zwischen den fingern, betrachtete es, wog es in seiner handfläche und fuhr damit seine gesichtszüge entlang. er fragte sich, was, wäre er ein schneckenhaus, mit ihm geschähe, wenn seine geschichte erzählt und vergessen wäre. keine antwort. die stimme aus dem abseits war verstummt. kein kater, der es sich auf raturs bauch gemütlich machte und sich dort mit raturs atmen wiegte.

ein schneckenhaus sollte er sein? ein schneckenhäuschen, entstanden in einem schneckenhäuschen. viele und – keines. nicht aus aragonit bestehend, sondern aus geschichten von – und deren weiterdrehen in – anderen menschen. eine welt, die, scheinbar aus dem nichts entstanden und aus sich selbst verständlich, in eben solchem enden könnte, jedoch ohne sich darin zu verlieren. weil er, ungeachtet des einen, unwiederbringlichen untergangs, in vielen anderen welten existent bliebe.

ratur erinnerte sich an seinen tag am meer und daran, wie unendlich weit ihm dessen wogen erschienen war. welle an welle, tropfen an tropfen. daran, dass es über dem meer geregnet hatte. dass wolken feinster wassertröpfchen über seinen kopf hinweg landeinwärts gezogen waren und mit dem grundwasser unter seinen füßen den gezeiten folgten. an den horizont erinnerte ratur sich und wie dieser, je nachdem, aus welcher perspektive ratur nach ihm suchte, nah war und fern schien – doch zugleich unerreichbar blieb.

ratur spürte in sich hinein, seiner angst nach, sich zu verlieren. vergessen werden. wie sich das wohl anfühlen würde. zumal es sich auf nur eine zerbrechende welt bezöge und …

druck. schwer und schwerer lastete er auf seinem bauch, seiner brust. schnurrte. wie aus dem nichts materialisierte der rote kater und schaute ratur aus großen augen an:

wenn du gehst, ratur, wenn du endest, irgendwo, irgendwo unterwegs endest, ratur, in vergessenheit gerätst, ratur, dann gehst du zurück in das weiß, aus dem heraus du entstandest.

schön, dass du wieder da bist, kater. warst du in jenem weiß?

ich wurde daraus, doch kann ich im weiß nicht sein, weil ich nicht mehr bin, wenn ich ins weiß gehe. alles ist weiß, weiß ist alles. das ungedachte. das zu denkende.

so wie menschen?

die menschen meinen, dass sie, wenn sie enden, ins dunkel gehen. dass sie sich auflösen. sie nennen es tod. ihnen wird schwarz vor augen, ohne wiederkehr, und sie gehen ins schwarz. manche hoffen, in ein licht gehen zu können, weißes licht, also ins weiß. dabei zerfallen sie lediglich in ihre bestandteile.

sie zerfallen in ihre bestandteile? so wie wir?

nein, ratur, anders. du bestehst in ihnen, gehst in ihren geschichten, und endest, mit jeder welt, die ohne dich ist, im vergessen. doch solange menschen sich geschichten erzählen, sie niederschreiben, werden literarische gestalten wie du und ich auf – und aus dem weiß entstehen, schwarz auf weiß, in steter wiederkehr. doch zugleich unsterblich sein im erinnern vieler anderer. daher sind wir keines und viele, wenn du uns mit dem schneckenhäuschen vergleichst, das du in deiner hand hältst. wir kamen aus dem weiß und aus dem schwarzen auf dem weißen stehen wir auf.

und menschen?

menschen bestehen aus körper, geist und seele – und diese dreieinigkeit verliert sich, gerät aus dem zusammenhang, unwiederbringlich. der geist, an die existenz des körperlichen gebunden, verliert sich zuerst, und damit enden persönlichkeit und integrität. dann der körper, der verwest. die seele – man glaubt und hofft, dass es die gibt, sei unsterblich, heißt es. sie bleibt. sie ist das licht, ein göttlicher funke.

licht?

ja. das weiße im schwarzen, des menschen dunkel.

dann ist die seele so etwas wie das zu denkende?

eher so etwas wie das gedachte, ratur. ohne den menschen dann wieder das zu denkende im zu denkenden.

dann haben auch die menschen einen – ausdenker?

sie hoffen es, hoffen, nicht in vergessenheit zu geraten. hoffen auf wiederkehr, darauf, neu erzählt zu werden, auf eine neue geschichte mit ihnen darin. hoffen, weiterzuleben in ihrer seele.

und die geht ins licht, die seele?

wenn sie geht, wenn – geht sie ins weiß, ratur.

dann …

ja, ratur?

… ist die seele, wie wir, literarische gestalt?

ja, ratur. zumindest dann, wenn man von ihr erzählt als von etwas, um dessen tatsächliche existenz man nicht weiß, ergeht es ihr so wie uns literarischen gestalten.

text:

von schneckenhäusern

ratur aquarell

sagte auch der … ach ja, du weißt. doch menschen können nur an einem ort existieren und haben nur diese eine existenz, die sie mit niemand anderem teilen.

ratur, auch ein mensch kann in der vorstellung anderer präsent sein, kann wirklich sein, und zwar als abbild. eines, das diesem menschen ähnelt, ihn jedoch nicht ausmacht. doch zugleich ist es ein teil der wahrheit, die diesem menschen zuteil ist.

auch ich bin lediglich ein abbild. doch anders als du eines ohne materiell verkörperte entsprechung. das unterscheidet uns, mensch.

doch eint uns die angst, nicht der sein zu können, als den wir uns erleben.

ist diese angst dieselbe?

die gleiche, und ja, ratur, sie ist die gleiche, weil wir in frage gestellt erleben, was wir als selbstverständlich annahmen. wir menschen nahmen – und nehmen es an, von wem auch immer, und sei es aus den wirren der eigenen gedankengänge. der unterschied, was also macht, dass es nicht dieselbe angst ist, sondern nur eine gleiche, ist, dass dir als literarische gestalt nichts anderes übrig bleibt, als das als eigenes zu tragen und spiegeln, was man dir zuschreibt. dem menschen bleibt die wahl, es anzunehmen, sich zu eigen zu machen – oder auch nicht.

der mensch ängstigt sich, in frage gestellt zu erleben, was ihm selbstverständlich ist?

all unsere selbstverständlichkeit, unser sehnen nach übergeordneten, sich selbst zu universeller ordnung fügenden zusammenhängen, in denen wir es uns gemütlich einrichten, unser sehnen nach harmonie gleicht einem schneckenhaus. einem schneckenhaus, in das zurückgezogen wir leben und in dem wir uns mit uns und der welt einig wähnen. dabei bildet sich die welt um uns lediglich aus unserer vorstellung ab, ist, was unsere sinne uns zu erkennen lassen von dem, was ist und sein könnte. ist das schneckenhaus selbst. alle selbstverständlichkeit ist nicht mehr als ein schneckenhaus, ratur, die fibonacci-formel eingeschlossen, in all dessen drehen und winden auf eine kleine spitze zu, die es der welt hinhält wie du deinen ausgestreckten zeigefinger dem meinen. mit einem kleinen wesen darin, das sich ohne dieses häuschen und dessen drehen der eigenen existenz nicht sicher fühlt.

und in einem dieser schneckenhäuser gibt es mich?

in einem dieser schneckenhäuser, ratur, finden sich aus den teilen jener welt wörter und bilder zu einer idee, zu ideen, zu einer geschichte mit dir darin.

dann bin ich …

eigentlich nichts weiter als ein weiteres schneckenhaus in einem schneckenhäuschen. eines, dessen drehen und entstehen sich in ungezählten weiteren schneckenhäusern wiederfindet. mag sein, dass es sich sogar wieder findet, vielleicht aber auch zu anderen, ähnlichen schneckenhäuschen, immer wieder. eine, wenn es gut läuft, immer größere kreise ziehende spirale.

dann habe ich, ratur lite, im grunde genommen nichts zu fürchten.

ja.

selbst, wenn ich mich auflöse?

selbst dann. weil du entstehst aus menschen, ihren ideen.

und die menschen mit ihren ideen?

wir warten in jenem ängstlichen innehalten und furcht, uns aufzulösen, auf jemanden, der sich vor dem schneckenhaus niederlässt und singt, dass alles gut ist und seine ordnung hat. auch dann, wenn wir das schneckenhaus verlassen. und tun wir so, schleppen wir es mit uns …

kann der mensch ein derartiges schneckenhaus nicht abstreifen, verlassen?

legt er ein altes schneckenhaus, eine alte selbstverständlichkeit ab, trägt er bereits ein neues, ratur, das sich nach und nach verfestigt und seine eigenen kreise zieht. wieder auf eine kleine, einsame spitze zu, die einmal ihr anfang war.

wenn ich in den schneckenhäusern anderer menschen entstehe, neu, immer wieder, wenn ich mir selbst kein derartiges schneckenhaus erschaffen kann – bin ich dann frei von jeder selbstverständlichkeit?

in der tat hast du literarische gestalt es besser, ratur lite. mag sein, dass jemand aus dir ein schneckenhäuschen entstehen lässt, eine selbstverständlichkeit, in der er es sich einrichtet. doch ist es nicht diese eine selbstverständlichkeit, dieses eine schneckenhaus, das dich, ratur lite, ausmacht. du bist davon frei, denn du, ratur lite, du bist viele und – keines.

text:

der ausdenker

ratur aquarell

mit einem mal fand ratur sich wieder auf dem nachtblauen sofa sitzend vor, in seiner wohnung, den kater auf dem schoß, doch sprang der in weitem bogen hinab und auf die wand zu. und im selben augenblick, da raturs ausruf noch den raum erfüllte, sprang er hindurch und verschwand, ohne eine spur zu hinterlassen.

ratur tastete zunächst die wand ab, die seinen suchenden händen widerstand bot, dann sich selbst, fuhr die konturen seines körpers entlang. er existierte. hier und jetzt. doch irgendwo anders existierte er ebenfalls, das wusste er jetzt, und zwar nicht nur ein weiteres mal, sondern ungezählte male, als idee, geschichte. irgendwo malte ihn irgendwer und ließ ihn neu entstehen, parallel zu seiner derzeitigen existenz, die in auf dieses sofa, in diese stadt am meer stellte.

ermattet legte ratur sich auf sein nachtblaues sofa:

wer bin ich – hier, jetzt?

diese frage hing im raum. ratur lag auf dem rücken und schaute an die decke. erwartete, dass sich dort ein bild auftat. eines, in das er vom sofa aus hinauf – oder hinab sehen konnte. so wie jenes bild mit gerda darin sich aufgetan hatte. oder eines mit aufgewühlt wogender see darin sollte sich auftun, die ihn, ratur, aus den farben, mit denen er sich gemalt und festgehalten gesehen hatte, löste und mit sich fortnahm.

wer bin ich? hier, jetzt?

ratur lag auf dem rücken und, michelangelo hätte seine freude daran gehabt, hielt seine rechte, den zeigefinger wie tastend ausgestreckt richtung decke …

hier nimmst du einen anfang, jetzt. immer wieder neu. ratur lite bist du, und dich habe ich ausgedacht. gerade so, wie du da liegst und dich fragst, wer du bist …

nichts mehr, aber auch gar nichts konnte ratur lite aus der fassung bringen. hatte er doch einen kater sprechen, entstehen und verschwinden sehen und sich selbst transzendieren und materialisieren an ihm fremden orten.

du bist …?

dein ausdenker.

ein mensch?

ja.

warum?

warum was?

warum hast du mich ausgedacht?

du entstandest, ratur lite, aus einer wolke von ideen. bist eine der literarischen gestalten, die in meiner vorstellung aufgehen wie sonnen und um die ich geschichten kreisen lasse wie planeten.

das hat auch der kater …

ich weiß, ratur.

entschuldige, mensch. bin ich dein geschöpf?

in gewisser weise ja, und doch, da du, einmal erdacht, imaginiert und anderen evoziert, auch ohne mich entstehen kannst, werden und sein, auch wieder nicht.

auch der kater.

auch der.

der kater meinte, dass ich mich an dich zu wenden habe mit meiner angst.

mit deiner angst, dich aufzulösen in – nichts? du weiß nicht, wer du bist, wenn du nicht der sein kannst, als der du selbst dich erlebst, weil andere dich erleben und deine eigentliche existenz sich aus diesem immer-wieder-neu-entstehen anderer geister als dem meinem erklärt?

ja.

den menschen ergeht es nicht anders.

text:

ein schöpfer

ratur aquarell

warten. wieder hatte der mann den zeichentisch verlassen und kehrte zurück mit einer digitalkamera. die hob er über die zeichnung mit raturs gestalt darin und löste sie aus. all das löste von ratur aus dem mittlerweile trockenen bild – schon spürte er sich schwinden, ein weiteres mal, vergehen, ohne dass er sich tatsächlich verlor.

imaginiert er noch, kater?

ja, ratur, doch davon bemerkst du nichts, denn mittlerweile imaginieren auch andere dich.

andere?

ja, ratur. sie vergegenwärtigen dich anhand eines bildes und einer folge aneinander gereihter wörter, die sich ihnen zu einer geschichte fügen. zu einer geschichte mit dir darin. in ihrer eigenen vorstellung nimmst du gestalt an. in dieser gestalt wehst du mit ihrer gegenwart durch sie hindurch, entstehst und vergehst.

ich vergehe?

ja. mag sein, dass von dir bleibt in ihrem erinnern. dass sie dich neu entstehen lassen, ratur lite.

wenn das so ist – wo nahm ich meinen anfang?

ich weiß es nicht. doch da das große sich im kleinsten spiegelt … sehr wahrscheinlich entstandest du aus einer wolke kleinster aufenthaltswahrscheinlichkeiten, die umeinander wirbelten und sich allmählich verdichteten. aus sternenstaub.

kater, von was faselst du?

von der entstehung eines sterns, eines sonnensystems. das entsteht an orten, an denen zuvor ein anderer, größerer stern verging und eine wolke feinster teilchen hinterließ, teilchen, die er erbrütete oder die im moment seines explodierens neu entstanden. teilchen, die wiederum aus teilchen bestehen, die welleneigenschaften aufweisen und von denen man eine aufenthaltswahrscheinlichkeit annehmen kann – und erst deren häufung birgt die chance, dass unsere sinne, wollen sie sich ihrer vergewissern, so etwas wie widerstand wahrnehmen, eine eigenschaft, die wir materie zusprechen. die finden mit der zeit wieder zueinander, verdichten sich, und aus ihrer mitte entsteht ein neuer stern, wie die sonne – entstehen planeten und monde, die einander umkreisen und ihr zentralgestirn.

zentralgehirn?

ratur …

und was hat das mit meinem entstehen zu tun?

der dich erdachte, erdachte dich aus einer wolke. aus teilchen, die schon lange bestehen, ja, sogar lange vor ihm selbst bestanden, fügte er dich zu einer gestalt, verdichtete teilchen bis zu einer neu erglühenden sonne und ließ eine geschichte um dich kreisen wie planeten, monde und imaginierte, ließ dich anderen paralleluniversen entstehen, in denen du nun ebenfalls aufgingst und deine eigenen kreise ziehst, die nun die ihren sind – und nicht die deines ausdenkers.

ratur schwieg.

die stimme ergänzte: mehr noch: der dich erdachte, auch der, der dich weiterdachte und sich und anderen vergegenwärtigte – sie ließen dich und deine gestalt und geschichte sich auflösen in das schwingen und wirbeln elektromagnetischer teilchen und wellen und an anderen orten wieder entstehen. aus dem leuchten eben jener teichen und wellen, die im erkennen ferner menschen wieder materialisierten und zu gestalt und geschichte wurden, es immer noch werden. aus vielfältigemn ja und nein, schwarz und weiß, sein oder nichtsein.

kater?

ja?

ich fürchte mich.

was fürchtest du?

mich zu verlieren. bin ich – oder bin ich nicht? ich …

der mann am zeichentisch strich über das fertige bild und betrachtete ratur. ratur sah sich mit den augen jenes mannes auf papier entstanden, in farbe gefügt, zu gestalt und schatten. sah weitere blätter liegen mit schemen, die ihn darstellten und erkannte den tag, den er am meer verbracht hatte, seine begegnung mit der frau im kobaltblauen kleid, sah sich den deich entlang radelnd dargestellt und wie ihn die nacht einholte auf dem weg vom meer zurück in die stadt.

… fühle mich schwinden, gehöre nicht mir selbst und …

der ihn gezeichnet hatte ging zu seinem computer und ratur lite fühlte sich in der tat schwinden und neu erstehen, hundertfach, sah sein abbild auf einem bildschirm aufgehen und …

in anderen geistern als dem, der dich zeichnete, hörte er katers stimme, gehst du neu auf mit diesem bild und wirst in ihnen zu einem anderen abbild deiner selbst, der idee, der du entsprangst.

… und, und – wenn ich an so vielen orten zugleich existiere, als idee – gibt es dann eigentlich mich, den ratur lite, überhaupt noch, habe ich jemals wirklich existiert? ich fürchte mich davor, nicht zu existieren, nicht mehr zu sein als eine idee. was macht mich aus, wenn es mich an vielen orten gibt und ich mir nicht selbst gehöre? ich habe – angst!

da ergeht es dir wie den menschen, ratur.

wie den menschen? ich bin …

frag deinen ausdenker, ratur lite.

wen? kater – was …?

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