Isla Volante

Logbuch der Insel von Rittiner & Gomez

Nr. 38

Morgen und Abend am Meer - Graphic Novel - Susan Brandy - Rittiner Gomez

Ich begleitete ihn erneut auf seinem Boot. Schweigend fuhren wir der Sonne entgegen und tranken Kaffee, den ich für uns vorbereitet hatte. Auch heute folgten uns die Möwen, doch fehlte auch heute von Fräulein Mö jede Spur.
Die Ruhe, die er ausstrahlte, seine sorgfältig geformten Sätze und die Leidenschaft, mit der er seine Arbeit erledigte, hatten eine grosse Wirkung auf mich. Es kam zu der ersten Berührung, die nicht per Zufall erfolgte.
In dieser Nacht hatte sich auch der Nordwind auf den Weg gemacht. Das Meer war unruhig geworden. Der Winter rührte an der Insel.

Text: Susan Brandy

Serie: Die Insel

Nr. 37

Tischgespräch - Graphic Novel - Susan Brandy - Rittiner Gomez

Wir erzählten uns unsere Geschichten. Er sprach von seiner Ehe, die in die Brüche gegangen war, weil die Frau das Leben auf der Insel nicht mehr ausgehalten hatte. Und von den Menschen, die geblieben waren.
Es war das erste Mal, dass ich meine Angst in Worte fassen konnte. Die Angst, dass ich die Fähigkeit, Geschichten zu schreiben, verlieren würde. Spät, als die Sonne bereits untergegangen war, sprach ich von der Zeit, in welcher der Alte uns verlassen hatte. Erinnerungen an eine Kindheit, die schön und schmerzhaft zugleich gewesen war.

Text: Susan Brandy

Serie: Die Insel

Nr. 36

Möwen und andere Inselbewohner - Graphic Novel - Susan Brandy - Rittiner Gomez

Ich wartete in der Bucht auf ihn. Als er das Boot reinigte, sass ich am Strand und beobachtete die Möwen, die kreischend über unseren Köpfen kreisten. Ich wusste wenig über ihn. Er lebte schon länger von seiner Frau getrennt – vor zwei Jahren war sie auf das Festland zurückgekehrt. Seine Eltern waren tot.
Wir bauten Fräulein Mö’s Behausung ab. Das Einzige, was von ihr zurückblieb, war ein heller Fleck im Gras und die Bilder, die der Alte von ihr gemalt hatte. Das Efeu, welches ich nach meiner Ankunft von den Mauern des Schafstalls riss, war längst nachgewachsen. Die ersten Ranken hatten das Atelier erreicht. Ich liess den Dingen ihren Lauf.

Text: Susan Brandy

Serie: Die Insel

Nr. 35

Die Weite des Meeres - Graphic Novel - Susan Brandy - Rittiner Gomez

Schon bevor ich auf die Insel gekommen bin, habe ich mich mit der Einsamkeit auseinandergesetzt. Sie war immer ein Teil von mir gewesen. Ich habe sie verdrängt, durchlitten, erfahren und sie mir am Ende zunutze gemacht. Die Insel hat mich vieles gelehrt, nicht nur das Alleinsein.
Ich bin kein Beziehungsmensch, was aber nicht heisst, dass ich nicht lieben kann. Der Sohn des Krabbenfischers und ich, wir sind uns nähergekommen: Die Gefühle kamen unerwartet an dem Tag, als ich das erste Mal alleine mit dem Boot hinausgefahren war.

Text: Susan Brandy

Serie: Die Insel

Nr. 34

Die Geschichte wird nicht fertig - Graphic Novel - Susan Brandy - Rittiner Gomez

Ich fand mich in der Geschichte, die ich zuvor geschrieben hatte, nicht mehr zurecht. Sie war mir fremd geworden. Und anstatt zu schreiben, bat ich den Sohn des Krabbenfischers mir beizubringen, wie mit dem Motorboot des Alten umzugehen war. Er nahm mich mit auf sein Fischerboot und lehrte mich die Sprachen des Himmels und des Ozeans. Er zeigte mir verborgene Buchten und Höhlen, die nur bei Niedrigwasser erreichbar waren.
Schon nach wenigen Wochen wagte ich mich das erste Mal alleine auf das offene Meer hinaus. Ich steuerte das kleine Boot des Alten geschickt über die Wellen und fuhr bis zum Leuchtturm. Dort hielt ich Ausschau nach Fräulein Mö.
Meinem Agenten war längst klar, dass ich die Insel im Herbst noch nicht verlassen konnte. Wie es mit meinem unfertigen Roman weitergehen würde? Ich wusste es nicht.

Text: Susan Brandy

Serie: Die Insel

Nr. 33

Schafe - Graphic Novel - Susan Brandy - Rittiner Gomez

Sie war zwei Tage nach meiner Einweisung verschwunden. Ich ahnte, dass sie nicht zurückkehren würde. Das alte und versehrte Fräulein Mö war zu leichte Beute für einen Seeadler geworden. Trotzdem liess ich ihre Behausung stehen, die von Lola und den anderen zwei Schafen respektvoll umfressen wurde.
Die Schafe schienen sich in ihrer neuen Heimat auf Zeit gut zurechtzufinden. Sie hatten zu tun – das Gras auf der Weide war während meiner Abwesenheit stark in die Höhe geschossen und ich war dem Schafbauern dankbar, dass er mir vertraute und mir seine Tiere auslieh. So hatte ich während der ersten Wochen nach meiner Rückkehr Gesellschaft, die mich von meinen trüben Gedanken ablenkte und mich über den Verlust von Fräulein Mö hinwegtröstete. Auch, wenn ich zu Beginn stets nur drei vor mir fliehende Hintern sah.
Ich kam mit dem Erholen gut voran und die Kontrollbesuche beim Arzt auf dem Festland wurden weniger. Trotzdem spazierte ich jeden Tag zum Hafen, setzte mich ins Café und wartete auf die erste Fähre, um dann meine Notizen zu machen.

Text: Susan Brandy

Serie: Die Insel