Isla Volante

Logbuch der Insel von Rittiner & Gomez

Nr. 8

wir waren uns schon lange fremd geworden - Graphic Novel - Susan Brandy - Rittiner Gomez

Ich gebe ungern persönliche Dinge preis und veröffentliche meine Romane unter einem Pseudonym. Die Geschichten, die ich schreibe, entspringen meiner Phantasie. Genauso gut könnten sie der Phantasie eines anderen entsprungen sein – meine Person spielt keine Rolle. Weil ich hier jedoch etwas erzähle, was ich tatsächlich erlebt habe, komme ich an dieser Stelle nicht umhin zu bestätigen, was so mancher bestimmt schon erahnt hat: Der Alte ist mein Vater.

Nur so viel: Meine Eltern liessen sich scheiden, als der Alte auf dem Gipfel seiner Karriere stand und ich, mit knapp vierzehn Jahren, in die Pubertät kam. Den vielen guten und weniger guten Ereignissen, die mein Erwachsenwerden danach prägten, werde ich hier, wie eingangs erläutert, keinen Platz einräumen. Wichtig für das Verstehen der Zusammenhänge ist, dass, als ich achtzehn Jahre alt wurde, der Kontakt zu dem Alten abbrach und er, bevor er sich für immer auf die Insel zurückzog, schwer erkrankte. Nur wenige wussten über sein Leiden Bescheid, ich gehörte nicht dazu. Der Alte und ich, wir waren uns schon lange fremd geworden.

Text: Susan Brandy

Serie: Die Insel

Nr. 7

Kutschenfahrt - Graphic Novel - Susan Brandy - Rittiner Gomez

Als wir beim Haus ankamen, übergab er mir die Schlüssel und liess mich mit dem Versprechen, am nächsten Tag nach mir zu schauen, alleine zurück. Im Haus war es kühl. Ich öffnete die drei Fenster, stieg in das Zwischengeschoss unter dem Dach, setzte mich auf das Bett und betrachtete den Raum unter mir. Es sah alles genauso aus, wie ich es mir in Erinnerung gerufen hatte. Der Kamin, der nahezu den ganzen Raum einnahm, der massive Tisch mit der Eckbank, der rote Ledersessel und das in die Wand eingelassene Büchergestell, das nunmehr leer war. Bis auf die Möbel, ein wenig Wäsche und ein paar Küchenutensilien hatte der Alte nichts zurückgelassen.

Das Atelier, dessen Pläne er mir noch gezeigt hatte, befand sich hinter dem Haus, neben dem alten Schafstall. Als ich den modernen Kubus aus Holz und Glas an diesem Vormittag zum ersten Mal betrat, schlug mir der starke Geruch von Farbe und Pinselreiniger entgegen. Nach seinem Tod hatte man hier nichts mehr angerührt. Das Bild mit dem angefangenen Himmel stand noch auf der Staffelei, auf welcher ich auch den Pinsel mit dem eingetrockneten Blau fand.

Text: Susan Brandy

Serie: Die Insel

Nr. 6

Kutschenfahrt - Graphic Novel - Susan Brandy - Rittiner Gomez

Im April flog ich über den Kontinent und bestieg an einem Dienstag die erste Fähre mit Kurs auf die Insel. Kurz bevor wir die Hafenmauern passierten, ging ich auf das hintere Deck. Da sah ich die Möwe zum ersten Mal. Sie hockte auf der Reling und starrte mich an. Ich bildete mir ein, dass sie mir etwas zu sagen hatte, doch dann stand sie auf und ich sah, dass ihr ein Bein fehlte. Sie flog davon und ich verwarf meine Phantasie. Zusammen mit einer Gruppe Tagestouristen ging ich an Land. Der Sohn des Krabbenfischers stand etwas abseits neben dem kleinen Café und ich erkannte ihn, ohne zu wissen woran. Nach einer kurzen Begrüssung luden wir mein Gepäck auf einen Pferdekarren und fuhren, begleitet von den neugierigen Blicken der Einheimischen, in Richtung Westen der Insel.

Text: Susan Brandy

Serie: Die Insel

Nr. 5

Haus am Meer - Graphic Novel - Susan Brandy - Rittiner Gomez

Der Alte hinterliess mir das Haus, die Bilder und eine Summe Bargeld, die grösser war, als ich es erwartet hatte. Ich unterzeichnete die Papiere und retournierte sie dem Notar. Dem Sohn des Krabbenfischers versprach ich, im Frühling auf die Insel zu kommen. Ich wollte einen Sommer lang bleiben, um an meinem neuen Buch zu schreiben, und mich nebenbei um den Verkauf des Hauses kümmern.

Text: Susan Brandy

Serie: Die Insel

Nr. 4

Leben und Tod Graphic Novel - Susan Brandy - Rittiner Gomez

Ich hatte den Alten nur einmal auf der Insel besucht. Er zeigte mir seine Bilder und die Entwürfe für ein Atelier. Dann fragte er mich, ob ich mir ein Leben auf der Insel vorstellen könnte. Ich wusste es nicht. Warum mich der Alte nach Jahren des Schweigens überhaupt eingeladen hatte, wurde mir erst viel später klar. Es war ein Abschied.

Als man ihn ein Jahr später ins Grab legte, unterzeichnete ich Verträge auf einem anderen Kontinent. Dass ich von seinem Tod erfuhr, bevor sich irgendein Amt auf meine Existenz besann, verdankte ich dem Sohn des Krabbenfischers. Warum der Alte sich ausgerechnet ihm anvertraut hatte, konnte ich lange nicht verstehen. Doch der Sohn des Krabbenfischers war der Einzige, der wusste, wer ich war und wie er mich finden konnte.

Text: Susan Brandy

Serie: Die Insel

Nr. 3

Bilder der Insel Graphic Novel - Susan Brandy - Rittiner Gomez

Der Alte sass vor dem Haus und malte. Er malte die Insel, sie war sein einziges Sujet. Der Sohn des Krabbenfischers winkte ihm zu, doch der Alte schien ihn nicht zu sehen. Am Mittag dann, als der Sohn des Krabbenfischers dem Alten stolz seinen Fang zeigen wollte, fand er ihn tot neben der Staffelei am Boden. Pinsel und Palette lagen auf dem Tisch, das Weiss und die verschiedenen Blautöne waren eingetrocknet. Er hatte den Himmel nicht mehr zu Ende gebracht.

Text: Susan Brandy

Serie: Die Insel