ein kleiner gast

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

milla wandte sich um und erblickte das kätzchen:

„ein tarik? warum ist das ein tarik?“

„weil er anklopft! das ist die bedeutung des namens tarik: der an die tür klopft; besucher, der um einlass bittet – und auch der morgenstern heißt so im arabischen, weil er den karawanen und suchenden ein wegbegleiter ist, milla.“

„ich kenne das kätzchen. es streift schon ein paar tage ums haus. ich habe den eindruck, dass es anschluss sucht.“

„darf ich es reinholen?“

„ich weiß nicht. wahrscheinlich gehört es zu jemandem und da möchte ich es nicht an mich gewöhnen.“

„so wie mich?“

„wie dich?“

„ja. ich habe mich auch an dich gewöhnt und fühle mich bei dir wohl.“

„danke schön!“ milla lächelte. dass der kleine junge zutrauen zu ihr gefasst hatte, schmeichelte ihr. sie trat ans fenster und betrachtete das kätzchen. tarik folgte ihr auf dem fuß und tippte mit den fingerspitzen an die scheibe, wo das kätzchen um einlass bat:

„bitte! sie sieht auch sehr hungrig aus und so dünn ist sie …“

in der tat hatte das kätzchen seit dem letzten besuch an millas backstubenfenster an gewicht verloren, wirkte geradezu dürr. das erkannte milla, doch zögerte sie.

tarik schaute zu ihr auf: „sie braucht uns, milla!“

millas hand lag auf dem fenstergriff.

„milla, schau, sie ist so dünn! sie hat wahrscheinlich niemandem, der ihr hilft. und sie weiß, warum sie hier anklopft: weil du hier bist und hinter diesem fenster ist das paradies für eine kleine, einsame und hungrige katze.“

milla öffnete das fenster und die katze schlüpfte mit kläglichem maunzen in die warme backstube. purrte und schnurrte um millas beine. tarik nahm sie auf den arm und blickte selig zu milla auf:

„siehst du?“

„was?“

„sie ist glücklich!“

„und du?“

„auch.“

ein schälchen mit milch war schnell geholt, etwas weißbrot mit leberwurst bestrichen und eingebrockt und schon bald lag die kleine katze mit prallem bäuchlein in tariks schoß. der war versunken in die betrachtung des kleinen besuchers, kraulte und wiegte ihn und sang leise lieder in einer milla fremden sprache. leise fragte sie:

„singst du da lieder aus deiner heimat, tarik?“

„lieder sind heimat, milla.“ tarik flüsterte. „sie mag dich.“

„sie ist ein kater, tarik.“

milla seufzte. erst der junge, dann der kater. und die torte sollte noch heute fertig werden. sie wandte sich wieder dem arbeitstisch und den nächsten arbeitsschritten zu.

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