literaturpreis 2009

sunil mann

der isla-volante-literaturpreis 2009 geht ansunil mann

leonie

von sunil mann

Der schwarze Cherokee schoss von links auf sie zu, die fünfundvierzigste herunter, die leicht abfallend von der Central Station zum UNO Gebäude führte.

Ein heisser Tag, New York glühte unter der Junisonne. Die wenigen Leute, die sich zur Mittagszeit hinaus wagten, drückten sich den schattigen Wänden entlang. Verharrten kurz unter den grünen Markisen der Quartierläden, schnappten nach Luft und wischten sich den Schweiss von Hals und Nacken. Kauften schnell ein und verschwanden dann gespenstergleich wieder in ihren eisgekühlten Bürogebäuden. Windstille, der Asphalt schwitzte Teertropfen, die Luft roch staubig, nach verwesenden Abfällen. Stille überhaupt, die Gegend wie ausgestorben, nur aus der Ferne war der Verkehr der Fifth Avenue zu hören.

Der Wagen fuhr beinahe geräuschlos. Viel mehr als ein Flüstern vernahm sie wahrscheinlich nicht, als sie, mitten auf der Strasse stehend, den Kopf in ihrer üblichen, leicht arroganten Art nach ihm umdrehte.

Was nicht sein soll, darf nicht sein.

Leonie stand gerne früh auf. Sie duschte, putzte sich die Zähne und stellte sich dann vor den Kleiderschrank. Er sah sie vor sich, wie sie auf den Zehenspitzen wippte, während sie sorgfältig Hosen, Jupes und Oberteile aussuchte, um dann mögliche Kombinationen vor dem Spiegel auszuprobieren. An diesem 24. Juni entschied sie sich für eine weite, weisse Bluse und einen sandfarbenen Rock. Sie schlüpfte in die Kleider, musterte sich eingehend im Spiegel, drehte sich um sich selbst, runzelte die Stirn und nickte schlussendlich zufrieden. Dann legte sie ein kaum sichtbares Make Up auf, band die langen, mahagonifarbenen Haare im Nacken zusammen und tupfte sich je einen Tropfen “Obsession” hinter jedes Ohr.

Er schloss die Augen und erinnerte sich an den Duft ihrer warmen Haut, der am intensivsten in der kleinen Kuhle zwischen Halsansatz und Schlüsselbein zu riechen war. Die Erinnerung war so eindringlich, dass er die Augen wieder öffnen musste, um sich zu vergewissern, dass sie nicht neben ihm stand. Doch da waren nur die mit Kunstleder bezogenen Sesselreihen, auf denen wildfremde Leute sassen und warteten.

Sie ass nie Frühstück, lieber holte sie sich einen Green Tea Latte bei Starbucks, einen Grande und normalerweise warm, doch an diesem Morgen entschied sie sich der Hitze wegen für die eisgekühlte Version und trank den Tee in kleinen Schlucken, während sie die zwei Blocks der Second Avenue entlang bis zum Lebensmittelladen spazierte.

Er zog den Brief aus der Jackentasche und las ihn erneut, obwohl er den Inhalt auswendig kannte, seit drei Monaten auswenig kannte. Seine Augen folgten ihrer geschwungenen Schrift, jedem einzelnen Bogen. Selbstsicher wirkte ihre Schrift, so als könnte ihr nie etwas geschehen. Selbstsicher und auch ein wenig schulmädchenhaft, vor allem bei den zu rundlichen Bögen des M’s und den übertrieben grossen L’s.

Was nicht sein soll, darf nicht sein.

Die Hitze war bereits frühmorgens kaum zu ertragen. Tagsüber verzog man sich in die Wohnungen mit herunter gelassenen Jalousien und hoffte, dass die Klimaanlage funktionierte, falls man eine hatte. Die Ventilatoren, die man in den kleinen Läden bei den Mexikanern kaufen konnten, nützten längst nichts mehr, sie verschoben bestenfalls die heisse Luft aus einer Ecke des Zimmers in die andere.

Leonie ging, wie sie immer ging, tänzelnd, auf den Zehenspitzen, sie rollte den Fussballen nie ganz ab. Ihr Rücken war durch gestreckt, die Umhängetasche hüpfte auf ihrem Kreuz, die Hitze schien ihr nichts auszumachen. Mit erhobenem Kopf und dem leicht spöttischen Lächeln auf den Lippen wirkte sie auf manche Leute überheblich. Was sie zeitweise auch war.

Bewegung kam in die Menge. Er hob den Kopf und sah, dass sich eine kleine, energisch wirkende Frau in dunkelblauer Uniform dem Check-In-Schalter näherte. “Flug LX 16 nach New York ist zum Einsteigen bereit”, schnarrte es kurz darauf aus den Lautsprechern und wie auf Kommando schossen alle um ihn herum auf. Langsam faltete er den Brief zusammen, roch noch einmal daran und steckte ihn in den Umschlag. Dann nahm er seine kleine Reisetasche und stellte sich in die Reihe.

Das Flugzeug flog in einem grossen Bogen über Zürich. Er blickte hinunter und fragte sich, wann er wieder zurück kehren würde, ob überhaupt. Sein Herz krampfte sich zusammen. Erinnerungen schossen ihm plötzlich durch den Kopf, Erinnerungen an Leonie, wie ein rasend schnell abgespulter Film. Als müsste er gleich sterben. Ob sie am jenem letzten Morgen dasselbe gesehen hatte wie er?

Was nicht sein soll, darf nicht sein. Er musste nur fest genug daran glauben.

Es war kühl in dem Laden. Leonie fuhr sich fröstelnd über die Unterarme. Sie kaufte Biomilch ein und fixfertige Guacamole, die so viel besser sei als die selbst gemachte, dazu ein paar Pfirsiche, eine Packung Tortillachips. Lange studierte sie die Etikette einer Flasche mit dunklem, schlammähnlichem Inhalt. Saft aus Weizengras sei das, liess sie sich schliesslich erklären, und unglaublich gesund. Natürlich wanderte die Flasche unverzüglich in den Einkaufskorb. Sie zahlte bar, wie immer, steckte das Wechselgeld in ihren Geldbeutel aus Hirschleder, das einzige Geschenk von ihm, das sie mitgenommen hatte, als sie ging.

Sie lächelte der Verkäuferin nicht zu, als sie den Laden verliess, Frauen wie Leonie haben es nicht nötig zu lächeln. Für sie galten andere Regeln. Auch Rotlichter passen schlecht in ihr Lebenskonzept, wie Verbote allgemein. Sie hängte sich die Tasche im Gehen über die Schulter und spürte den angenehm kühlen Druck in ihrem Kreuz, der von der Milchpackung stammte. Sie stellte fest, dass sie die Sonnebrille Zuhause vergessen hatte, schüttelte über ihre eigene Vergesslichkeit den Kopf, dann überquerte sie die Strasse, ohne auf die Ampel zu achten. Das heisst: Sie überquerte die Strasse bis zur Mitte, dann hörte sie den Cherokee.

Er fand den Laden problemlos. In ihren ersten Briefen aus Amerika, als sie noch häufiger schrieb, hatte Leonie genau umrissen, wo er lag. Früher Abend, die Septembersonne tauchte die Stadt in Gold, die Strassen waren voller Menschen, die eilig aus ihren Büros strömten. Er blieb stehen und blickte lange auf die Kreuzung, doch der Asphalt hatte kein Gedächtnis, da waren keine Spuren mehr, kein Hinweis. Nach drei Monaten kein Wunder.

Er betrat den Laden und eine hispanisch aussehende Verkäuferin, die in einem stilvollen, schwarzen aber viel zu engen Kleid steckte, zwinkerte ihm mit mascaraschweren Wimpern zu. Über dem Kleid trug sie eine rote Schürze mit dem Emblem der Ladenkette. Er ging langsam den meterlangen Gestellen entlang und stellte sich Leonie vor, wie sie neben ihm her schlenderte, hier ein Joghurt heraus nahm, dort einen Salat, alles kritisch mustere, bevor sie es in den Einkaufskorb legte oder kopfschüttelnd zurück ins Regal stellte. Er fand die Guacamole und den Weizengrassaft, die Pfirsiche, die Tortillachips und die Biomilch, und als er die Sachen zur Kasse trug, hatte er einen kurzen Moment lang das Gefühl, als sei sie bei ihm, es war fast wie früher bei ihren samstäglichen Einkaufstouren im Warenhaus Globus in Zürich.

Die Verkäuferin lächelte, als sie ihm den Preis nannte, und er zuckte zusammen. Fast wie früher im Globus. Er legte einen Hundert-Dollar-Schein auf den Tresen, worauf sie die Stirn runzelte. Er zuckte mit den Schultern. “I am from Switzerland. Just arrived.” “Aha”, sagte sie gedehnt. Dann rief sie mit erstaunlich lauter Stimme nach einem Joe, der sich irgendwo im Laden zu schaffen machte. Der kam, nahm den Schein wortlos entgegen und verschwand damit. “Er holt Wechselgeld.” Er nickte und blickte sich ein wenig ratlos um. Er war beinahe allein im Laden. “Ich bin übrigens Consuelo, aber man nennt mich überall Conny.” Sie strahlte, als hätte sie soeben einen Pokal gewonnen. Er nannte ebenfalls seinen Namen. “Urlaub?” Er schüttelte den Kopf, dann schwiegen sie wieder.

Draussen fuhr ein lärmiger Laster vorbei, von der Milchabteilung her war das quengelige Schreien eines Kindes zu hören und aus den Lautsprechern rieselten halblaut die Eagles. Conny betrachtete eingehend ihre Fingernägel. Beim zweiten Refrain von “New Kid In Town” sah er sie an, zögerte einen Moment und beugte sich dann vor. “Erinnern Sie sich an den Unfall? Gleich hier vor dem Laden, auf der Kreuzung? Im Juni, am 24. genau.” Er sprach schnell und leise, als hätte er Angst, jemand könnte ihr Gespräch belauschen. Conny runzelte die Stirn, solche Fragen waren nicht nach ihrem Geschmack. “Eine junge Frau, schlank, lange, dunkelbraune Haare. Ein schwarzer Cherokee hat sie überfahren.” Conny versuchte sich zu erinnern. “Ein schwarzer Cherokee, sagen Sie?” “Ja, genau! Sie hat an dem Tag genau das Gleiche gekauft wie ich jetzt!” Sie sah ihn lange an und schüttelte dann zögerlich den Kopf. “He Joe, kannst Du Dich an einen Unfall hier auf der Kreuzung erinnern? Im Juni, schwarzer Cherokee, der eine junge Frau platt machte.” Joe, der gerade den Laden betreten hatte, händigte ihr das Wechselgeld aus und schüttelte den Kopf. “Es gibt schätzungsweise zweihunderttausend schwarze Cherokees in dieser Stadt”, brummte er, “Und noch ein paar junge Frauen mehr….” “Aber sie wurde überfahren, hier vor ihrer Ladentür!”, rief er Joe nach, der bereits hinter einem Regal verschwunden war. Conny verzog bedauernd den brombeerfarben geschminkten Mund. “Fragen Sie die Mexikaner auf der andern Strassenseite, die haben eh nichts zu tun und stehen den ganzen Tag nur draussen auf dem Gehsteig rum und rauchen.” Sie deutete durch die Scheibe auf ein blau getünchtes Geschäft, in dem offensichtlich gebrauchte Fernseher verscherbelt wurden. Er nahm die Tüte mit seinen Einkäufen entgegen und nickte ihr zu, als er den Laden verliess. Die mascaraschwere Wimpern zwinkerten diesmal nicht.

Auch die Mexikaner konnten sich nicht an den Unfall erinnern. “Aber es geschah hier! Vor Euren Augen!”, schrie er und gestikulierte wild in Richtung Kreuzung. Die Männer schüttelten den Kopf. “No Senor, wir haben nichts gesehen. Tut uns Leid.” Wortlos wandte er sich ab. Es schien, als hätten sich alle gegen ihn verschworen. Sie wussten etwas, aber sagten nichts. Er konnte sich kaum beruhigen, mehrmals lief er über die Kreuzung, besah sich den Strassenabschnitt von allen Seiten und stellte sich Leonie vor, wie sie über die Strasse ging, immer wieder. Er würde heraus finden, was sie ihm verschwiegen, koste es was es wolle. Ratlos und ausser Atem blieb er schliesslich stehen und biss sich auf die Unterlippe. Er wusste, dass er sich weder in der Strasse noch im Standort des Ladens irrte. Hier war sie einkaufen gegangen, hier ging sie über die Kreuzung an jenem Morgen, genau diese Strasse kam der schwarze Geländewagen herunter geschossen.

Er blickte sich um. Die Gegend hatte er sich zwar schon ein wenig urbaner vorgestellt. Drei Strassen von der teuersten Shoppingmeile der Welt enfernt sah New York aus wie irgendein beliebiges Provinzkaff im Mittleren Westen. Staubig, herunter gekommen, kleinstädtisch. Niemandsdorf, wären da nicht die typischen gelben Taxis gewesen und die Baustellen.

Er warf den Mexikanern, die ihn grinsend beobachtet hatten, einen wütenden Blick zu, dann holte er den Brief aus der Jackentasche. Er merkte sich die Absenderadresse und ging rasch die Second Avenue hinunter, kaufte eine rote Rose an einem Strassenstand, eilte weiter, am Starbucks vorbei, wo Leonie jeden Morgen ihren Green Tea Latte geholt hatte, bis er vor dem Wohnhaus stand, in dem sie gelebt hatte.

Er trat in den Eingang, eine Neonlampe flackerte auf und unendlich lange Briefkästenzeilen erstreckten sich vor ihm. Er beugte sich vor und studierte die Namensschilder. Er fand sie auf Anhieb. “Leonie Rudin”, stand da, fein säuberlich in ihrer Handschrift auf eine Etikette geschrieben. Sie war bereits von den Abgasen und dem Staub gräulich verfärbt und blätterte auf der einen Seite ab. Der neue Mieter war offensichtlich noch nicht dazu gekommen, die Klingel anzuschreiben, oder viellleicht stand die Wohnung auch noch leer. Er legte die Rose vor die Eingangstür. Dann lehnte er sich an die Wand neben den Briefkästen und starrte ins Leere. Gerade hatte die Dämmerung eingesetzt, lilafarbenes Licht glitt durch die Strassen, die letzte Sonnenstrahlen blinkten glühend orange in den Fensterscheiben, doch er sah nichts von alldem. Er vergrub das Gesicht in beiden Händen, schluchzte auf, dann sank er langsam in die Knie und liess seinen Tränen freien Lauf.

Was nicht sein soll, darf nicht sein.

Der Laden an der Kreuzung hatte bis um zehn Uhr offen. Vom grellen Neonlicht beschienen sass er jetzt auf der Bank neben den Abfallcontainern und starrte auf die Kreuzung. Seine Augen verfolgten zum wiederholten Mal den Weg, den der schwarze Cherokee in rasendem Tempo zurück gelegt hatte, vom leicht ansteigenden Hügel hinunter auf die Kreuzung. Er hatte sie noch ein paar Meter mitgeschleppt, bevor sie blutüberströmt liegen blieb. Sie hatte keinen Ton von sich gegeben, es war alles viel zu schnell gegangen.

Und zum wiederholten Male fragte er sich, wer am Steuer gesessen hatte. Diese Frage quälte ihn seit drei Monaten. Verdunkelte Scheiben, ein halsbrecherisches Tempo, es dauerte nur Sekundenbruchteile. Dann war der Wagen abgebogen und die Second Avenue hinauf gerast, hatte Leonie in ihrem Blut zurück gelassen. Niemand hatte etwas gesehen, niemand wusste etwas. Irgendetwas stimmte da nicht.

Langsam trank er den Weizengrassaft, ohne die Kreuzung aus den Augen zu lassen, er schmeckte widerlich. Dann entnahm er seiner Einkaufstüte die Packung mit den Tortillachips und ass ein paar davon. Er hatte keine Ahnung, was er jetzt tun sollte.

Hinter ihm gingen die Lichter des Ladens aus, geräuschvoll wurde ein Gitter vorgeschoben, klirrend eine Kette bewegt, ein Schloss schnappte zu, dann trat Joe auf den Gehsteig und zündete sich eine Zigarette an. Sie sahen sich kurz an, Joe nickte, dann ging er langsam über die Strasse. Kurz darauf klapperten ein paar Absätze auf dem Asphalt, Conny eilte über die Kreuzung, ein Mobiltelefon an ihr Ohr gedrückt, ihre kräftige Stimme war noch zu hören, als sie längst ausser Sichtweite war.

Er liess seinen Blick ziellos schweifen, es gab fast kein Licht, keine Strassenlaterne in der Nähe und doch war es nicht dunkel. Keine Autos hier, das Geräusch des Verkehrs aus der Ferne war nur ein einschläferndes Raunen. Die Kreuzung schimmerte schwarz, als hätte jemand einen Eimer Blut darauf ausgeschüttet.

Langsam erhob er sich, seine Beine waren ganz steif vom langen Sitzen. Er streckte sich und ging die Strasse hinunter, noch einmal bei Starbucks vorbei und blieb dann vor dem Wohnhaus stehen.

Licht brannte in ihrer Wohnung. Er stellte sich auf die Zehenspitzen, was sinnlos war, aber es war tatsächlich ihre Wohnung, vierter Stock links, wie sie es beschrieben hatte. Er starrte hinauf. Kurz war ein Schatten zu sehen, er zuckte zusammen, eine Frau vielleicht, er war sich nicht sicher. Das Licht wurde herunter gedreht und dann flackerte ein bläulicher Schein auf, sie hatte den Fernseher eingeschaltet. Er blieb da stehen, sah den blinkenden Lichtern der Flugzeuge nach, die über die Stadt hinweg flogen, die Strasse war menschenleer, einmal nur kam ein Rentner mit seinen Hunden vorbei, musterte ihn, ging weiter. Schliesslich ging das Licht aus, er blickte auf die Uhr, halb zwei und er hatte kein Hotel.

Der Lärm, den die Müllmänner beim Leeren der Abfallcontainer veranstalteten, weckte ihn unsanft. Schlaftrunken blickte er sich um, dunstiges Morgenlicht, es roch nach Herbst und süsslich nach Verwesung. Leute hasteten vorbei, keiner sah zu ihm hinunter. Er ächzte und massierte seinen Nacken. Seine Glieder schmerzten und sein Körper war ganz steif. Die Nacht auf der Bank hatte ihm nicht gut getan. Gereizt blickte er zu den beiden Müllmännern hinüber, die ungerührt ihrer Arbeit nach gingen. Er setzte sich auf und starrte auf die Kreuzung. Ratternd fuhr der Müllwagen an ihm vorbei, die beiden Männer sprangen hinten aufs Trittbrett und hielten sich fest. Einer Eingebung folgend wandte er den Kopf und blickte hügelaufwärts. Es war genau um diese Tageszeit, als der Cherokee die Fünfundvierzigste herunter gerast war.

Plötzlich wusste er, was er tun musste. Er stand auf und streckte sich, sein Kopf war mit einem Mal ganz klar und leicht. Diese diffuse, ziellose Gefühl, das ihn seit Monaten, seit Leonies Unfall, geplagt hatte, war auf der Stelle verschwunden. Aufgelöst wie Morgennebel im Sonnenschein. Er fühlte sich plötzlich hellwach und voller Tatendrang. Er sah sein Ziel klar vor sich: Er würde warten. Er würde hier auf dieser Bank warten und irgendwann würde der Cherokee wieder vorbei fahren, irgendwann, er musste nur geduldig sein. Er würde Leonies Mörder auflauern und ihn der Polizei übergeben, das war er ihr schuldig.

Er wartete zwei Tage lang, schlief auf der Bank, holte sich ab und zu was zu essen im Laden und kümmerte sich nicht um die zunehmend besorgten Blicke, die ihn unter mascaraschweren Wimpern hindurch fixierten. Am dritten Tag beschloss er, aufs Essen zu verzichten. Nicht vorzustellen, wenn er gerade am Tresen gestanden wäre, um sich ein Truthahnsandwich zuzubereiten lassen, während draussen ein schwarzer Cherokee vorbei gefahren wäre. Zudem ging ihm das Bargeld aus. Er hatte keine Ahnung, wo der nächste Geldautomat war, aber er konnte es sich nicht leisten, einen zu suchen.

Reglos sass er da und blickte stundenlang auf die Kreuzung. Kümmerte sich nicht um die Mexikaner, die ihn von der andern Strassenseite her beobachteten, grinsten, sich an die Stirn tippten. Ignorierte die Bettler, Junkies, Obdachlosen, die ihn um eine Zigarette anhauten, einen Quarter oder zwei. Einzig die Münzen klaubte er zusammen, die ihm Passanten hinwarfen, gedankenlos, ohne ihn anzusehen. Er spürte, wie sein Kinn immer stachliger wurde, seine Haare klebten fettig in der Stirn, er roch unangenehm. Aber es war ihm egal, er konnte nicht weg, er musste in der Nähe der Kreuzung bleiben, eines Tages würde der Cherokee vorbei fahren, den Täter zieht es immer zurück an den Tatort, er war sich ganz sicher.

Es war am frühen Morgen des fünften Tages, als er die Augen aufschlug und diese Übelkeit verspürte. Er richtete sich auf und sofort wurde ihm schwindlig. Ein dichter Herbstnebel lag in den Strassen, es war kühler als am Tag zuvor und er wusste, dass er etwas essen musste. Er zählte sein Geld und sah, dass es für ein Sandwich und etwas Milch reichen würde. Langsam erhob er sich, knickte gleich wieder ein, er stützte sich an der Rücklehne der Bank ab, die Welt schwankte trotzdem um ihn herum. Mit Mühe schaffte er es bis zur Eingangstür, dann drehte er sich beunruhigt um, immer in Erwartung eines schwarzen Cherokees. Er wusste, dass er sich beeilen musste. Gerade wollte er den Laden betreten, als er durch den Nebel hindurch eine Gestalt sah, welche die Strasse überquerte. Er blinzelte erschrocken, sie kam näher, und dann blieb ihm der Mund offen stehen. Sie ging wie sie immer ging, tänzelnd, auf den Zehenspitzen, sie rollte den Fussballen nie ganz ab. Ihr Rücken war durch gestreckt, die Umhängetasche hüpfte auf ihrem Kreuz. Er duckte sich neben der Tür, und als sie vorbei gegangen war, in den Laden hinein, hing noch einen Moment lang der Duft ihres Parfüms in der Luft. Obsession.

Er folgte ihr und kümmerte sich nicht um Conny, die ihn mit scharfer Stimme aufforderte, den Laden unverzüglich zu verlassen. Er folgte ihr, auch wenn es nicht nötig gewesen wäre. Er wusste, dass es Leonie war, seine Leonie, er hatte sie sofort erkannt, ein Irrtum war ausgeschlossen.

Sie ging den Regalen entlang, nahm hier ein Joghurt heraus, dort einen Salat, mustere alles kritisch, bevor sie es in den Einkaufskorb legte oder kopfschüttelnd zurück ins Regal stellte. Wie früher in Zürich. Er drehte sich um und rannte aus dem Laden. Atemlos setzte er sich auf seine Bank und zerrte den Brief aus der Jackentasche. Seine Hände zitterten als er ihn wieder las, obwohl er ihn auswenig kannte. Sein Blick raste über die Zeilen, die Buchstaben, das Herz hämmert gegen seine Brust. Sie sei in New York ein anderer Mensch geworden, schrieb sie, und sie wolle ein neues Leben anfangen. Leider gehöre er nicht mehr dazu. Sie hatte sich gar nicht erst die Mühe gemacht, irgendwelche Erläuterungen oder Entschuldigungen hinzuzufügen. Tränen liefen ihm über sein schmutziges Gesicht, er glaubte, er müsse sterben. So hatte er sich auch gefühlt, als er den Brief zum ersten Mal gelesen hatte, an jenem 24. Juni vor bald drei Monaten.

Was nicht sein soll, darf nicht sein.

Wie ein Blitz durchzuckte ihn der Gedanke. Er schnappte nach Luft, verharrte einen Moment reglos, dann durchsuchte er hektisch die Hosentaschen nach seiner Kreditkarte. Er erinnerte sich noch genau an die Autovermietung in der Nähe der Central Station. Wenn er rannte, war er in drei Minuten dort. Genügend Zeit.

Der Motor brummte drohend, immer noch liefen Tränen über sein Gesicht. Es war so gut gelaufen. Er hatte sich alles genau ausgedacht, ihre Kleidung, ihre Einkäufe, den Unfall schliesslich, er war diesen Morgen in Gedanken immer wieder durch gegangen, bis er wirklich geworden war, greifbar. Seine eigene Realität war so viel einfacher gewesen, leichter zu verstehen. Akzeptabel. Und jetzt kam sie daher und zerstörte sein Leben ein zweites Mal. Er sah, wie sie den Laden verliess. Was nicht sein soll, darf nicht sein. Er umklammerte das Steuer und drückte das Gaspedal durch.

Der schwarze Cherokee schoss von links auf sie zu, die fünfundvierzigste herunter, die leicht abfallend von der Central Station zum UNO Gebäude führte.

sunil mann
Ads sunil mann

text:

punk.t

rote rose für sunil. find‘ ich auch! gratuliere!

6. Januar 2009 - 19:53

Sammelmappe

Herzlichen Glückwunsch!

6. Januar 2009 - 21:21

eukapirates

einen sehr herzlichen glückwunsch nach zürich! viel freude, lieber sunil, auf der wunderbarsten wunderinsel 🙂

7. Januar 2009 - 16:16

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