wo ein anfang ist und kein ende

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

„die menschen kommen zu dir wegen deiner torten. suchen immerwährendes versprechen. hungern nach dem ersten bissen glück, den sie verspürten, als sie einander anvertrauten, sich verliebten. sie erhoffen, dass ihnen jenes glück, jene seligkeit aus deinen torten wiederersteht, milla. sie meinen schon mit dem ersten bissen, es gefunden zu haben. und doch kann solches glück nicht ewig währen. da sie einander, da sie die torte, die geschichte darin verzehren und das glück im moment des genusses als ganzes zu existieren aufhört und nur ein bisschen glück bleibt.

so lassen sie in der hoffnung auf seligkeit auch mich jedes jahr neu erstehen aus der geburt eines kindes. die sie dann wieder vergessen. und doch kehre ich wieder und wieder zurück, mit jedem neu geborenen kind. ein jedes ein universum für sich, chance auf neuanfang … und mit jedem schritt seiner menschwerdung verurteilt zu scheitern und untergang durch andere menschen. ein jeder meiner gedanken.“

‚auch tarik? auch ich?‘

„wenn man, mit welt und zeit verbunden, neu geboren daliegt, in sich das vergangene, das kommende geborgen wie alle sterne im all geborgen sind und das all in dir, und all das geht mit jedem deiner atemzüge, geht ein und geht aus: dann spürt man die nägel in den gelenken, das ertrinken, will nach haus.“

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auf eiersuche

wünschen allen schöne ostern und viel erfolg beim eier suchen.

vor zuviel ei verzehr und schiffsreise wird dringend abgeraten, also planen stimmen sie ihren eier konsum und ihre allfällige abreise, auf einander ab. gilt übrigens auch, bei den köstlichen schokoladen hasen.

text:

zeit

zeit time temps tiempo tempo

das ist doch jetzt ein „very dejà vu“, die insulanerinnen sind voller freude und gespannt, wie es weiter geht.
spiel uns irgend jemand einen bösen steich? ist das universum aus dem fugen? gibt es uns überhaupt? gab es uns jemals? haben wir noch zeit?

von ludwig jannsen

ja, könnte man so sagen …

bin unter sie geraten, sie
ziehen wie wolken über einen
himmel endloser zeitschafe
hin finde ich mich laufen
mit ausgebreiteten armen
bin ich eines von ihnen
oder ist es nur ein fell
das um mich schlackert
schlaf, der ich bin, tief
in mir weiß ich himmelblaues
warten auf weißes träumen

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der tote junge am meer

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

‚und der junge am meer?‘

„er ertrank, milla, vor der küste, an der du seinen leichnam fandest.“

‚auch ihn hättest du zu dir rufen können, dass er über das wasser laufen und zu einem eigenen universum werden kann. zu einem universum, das sich aus der kraft seiner gedanken schöpft. er müsste nicht tot daliegen, einem erbärmlichen ende preisgegeben.‘

„wer, milla, sagt, wer, milla, weiß, dass es so ist?“

‚ich habe ihn dort liegen sehen …‘

„zu ende gedacht?“

‚zu ende gedacht? er war … tot!‘

„milla …“

milla cremeso fühlte einen seufzer ihre gegenwart durchströmen. ihr fröstelte. der kosmos, der sie erfüllt und den sie, milla, aus- und erfüllte, schimmerte weit und verloren vor sich hin. so weit er auch sein mochte, eine antwort auf ihre frage, was tariks „zu ende gedacht?“ andeutete, fand sich nicht in ihm.

„es ist wie mit deinen torten, milla.“

milla fragte sich, was eine ihrer torten mit einem ertrunkenen jungen zu tun haben sollte. oder damit, dass sie, milla, sich hier wiederfand, als ein sich selbst aus der kraft ihrer gedanken schöpfendes universum. noch dazu geborgen in der gegenwart eines ihr gewogen gestimmten gegenübers, das sie zu sich gerufen hatte und zu dem hatte werden lassen, was sie jetzt ausmachte.
„kraft eines gedankens hast du in dir sterne entstehen lassen, milla. schau sie dir an. was soll als nächstes geschehen?“

jede ihrer torten, erkannte milla, war einem kleinen universum vergleichbar, das sie aus ihrer vorstellungskraft und ihrem geschick hatte entstehen lassen. alles an ihr, auch der zauber, den man ihren torten nachsagte, entsprach ihrer gedankenwelt und brachte zum ausdruck, wie sie das liebende paar und dessen geschichte gesehen hatte. war ganz. so wie auch ihre wirkung auf das brautpaar und dessen die torte verzehrende gesellschaft ganz war. für einen augenblick, nur einen augenblick lang: ganz. zugleich jedoch war jede torte, einmal ausgehändigt, zu ende gedacht. milla hatte keinen einfluss mehr auf sie. mehr noch – kaum angeschnitten, kaum, dass der erste bissen gegessen war, so war auch ein ende mit der gedankenwelt, war ein ende mit dem, was als ganzes der torte an geschichte, an zauber innegewohnt hatte. es blieb: stückwerk. stückwerk, das auf den gaumen der es verzehrenden verging. aller nachträglicher lobpreis dem rauschen vergleichbar, das milla den raum durchsieben spürte, der milla erfüllte und in dem sterne leuchteten, die sie kraft eines einzigen ihrer gedanken erschaffen hatte. nachklang des berstens, mit dem sie vergangen und aus dem der raum entstanden war.

‚und? der junge? ist er eine deiner … torten? ist er zu ende gedacht?‘

seufzen.

„er ist. ist noch in mir.“

‚so wie ich?‘

„so wie auch du, milla.“

milla spürte sich von einem lächeln umgeben. doch verspürte sie auch eine tiefe traurigkeit, die diesem lächeln innewohnte.

‚so bin auch ich, wie der junge, ein gedanke in dir, nicht zu ende gedacht?‘

„da ich ewig bin, milla, ewig und überall, ist – anders als deine torten – keiner meiner schöpfenden gedanken zu ende gedacht.“

text:

aquarellieren


kleine gehversuche, mit bewegten bildern

heute lassen wir das meer arbeiten.

text:

zeit

meer gezeiten zeiten

das meer lässt sich nichts anmerken, die zeit ist auf seiner seite. die brandung macht weiter. wir lassen uns, von ihr alles erzählen.

text:

seefahrerinnen

die grossen abenteurer sind immer eine frage der perspektive.

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vom dem, was jeder in sich trägt

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

dunkel. milla war: dunkel. und ihr war dunkel zumute. die leise fragende stimme vermeinte sie zugleich von fern wie auch aus ihrer eigenen mitte zu hören:

„milla?“

‚ja?‘

… dachte sie und lauschte dem klang dieses gedankens, wie er, als wäre ein steinchen in ruhendes wasser gefallen, sich sacht rollend ausbreitete in der stille, die sie umgab.

„milla?“

tarik. die stimme erinnerte an ihn, doch klang sie wesentlich älter, viel älter und reifer, als milla den kleinen jungen neben sich erlebt hatte. wie er gedankenverloren auf dem dielenboden gesessen, das schwarz-weiße katerchen auf seinem schoß. wie er ihm lieder vorgesungen hatte in einer ihr fremden sprache. milla dachte:

‚wo bin ich?‘

„hier“, kam die antwort.

‚was ist mit mir?‘

„du bist.“

‚wo bin ich?‘

„zu einem wo bräuchte es einen raum, der dich umgäbe, milla. du bist. bist in mir. und der raum … der raum, milla, ist in dir.

‚wenn ich in dir … sein kann … bin, bist du ebenfalls – raum?‘

„nein. raum hat nur drei dimensionen innerhalb eines vierdimensionalen gebildes. du bist – und der raum ist in dir.“

‚bin ich der raum?‘

„du, milla, bist mehr. bist mehr als der raum, der in dir ist, denn du bist mehr als nur eine grenze. du bist. bist jedes ding in dir, jeder ort, bist an jedem ort.“

‚hier ist so dunkel. bin das auch ich?‘

„ja, milla.“

‚machst du licht?‘

„das, liebe milla, liegt in deiner macht – denk es.“

‚licht!‘

auch dieser gedanke millas rollte durch den raum, der sie war. rollte? schneller, als licht es je vermocht hätte, griff er sich den ihm bietenden raum. milla spürte, wie winzige teilchen zueinander strebten, sich fanden, aneinander legten und wie das dunkel in ihr, das dunkel, das sie war, sich hier und dort wieder verdichtete. schwer wurde es und schwerer. das wuchs, schwerte und mehrte sich und … mit einem mal flammten riesige gasbälle auf, in denen unter dem druck der sie ausmachenden elementarwolken wasserstoff unter gleißendem scheinen zu helium fusionierte.
licht!

‚ich habe gemacht, dass licht … ist!‘

mit der schöpfungskraft dieses einen gedankens hatte milla gemacht, das licht war. wo nur steckte tarik? seine stimme war überall, eine gestalt jedoch war nicht auszumachen. milla selbst war ohne gestalt. und doch zugleich alles, das war. ob sie auch … tarik war?

„tarik?“

keine antwort.

‚tarik?‘

milla spürte seine gegenwart. wie diese sie einhüllte und barg. doch fühlte sie sich nicht geborgen. fühlte sich allein. war es tarik, dessen gegenwart sie spürte? die gegenwart dessen, den sie als tarik kannte, den zu nächtlicher stunde an die tür klopfenden. sein ruf hatte sie hergeführt. weg von einem strand am mittelmeer, an dem sie soeben noch neben dem leichnam eines kleinen jungen gestanden und um hilfe gerufen hatte.

‚warum?‘

„warum nicht, milla? auf diese art können wir uns nahe sein, ohne dass ich aus einem kleinen jungen zu dir aufsehe und wir über eine deiner sagenhaften torten sinnieren.“

text:

zeit

zeit time temps tiempo tempo

wie doch die zeit vergeht, oder auch nicht. wie doch die zeit vergeht, oder auch nicht. doch die zeit vergeht, oder auch nicht. die zeit vergeht, oder auch nicht. oder auch nicht.
auch nicht. nicht.

von ludwig jannsen

hat der frachter weg
strecke zurück gelegt
auf dem meer
für schlechte zeiten
hat er zeit verbracht
auf dem meer
hat er zeit verfrachtet
über das meer
wir wissen es nicht
mehr als dass zeit
verstrich über allem
strich um strich das
wasser wich aus
himmel, meer und insel
leuchtturm, frachter
auch dem pinsel, der
schon trocken, kann
man keine zeit entlocken
doch weiß ich, wenn ich
schreib, betrachte, meine
zeit mit dem befrachte
was himmel meer und leuchtturm bleibt
durchströmt die zeit den raum und
mich,lässt eine spur, doch bleibt sie nicht

text:

meer

meer - nass in nass aquarell watercolor

neues papier, ein neuer geruch, neue möglichkeiten und alte schwirigkeiten, die bildermacher sind hoch erfreut, endlich ist es angekommen. das papier hat auf seiner reise, viel mehr länder durchquert, als die bildermacher, in ihrem ganzen bisherigen leben.

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