halt

ratur aquarell

nun, an diesem tag war ratur nicht ans meer gekommen, um halt zu suchen. wer geht schon ans meer, wenn er halt sucht?

und nun saß er da neben einer unbekannten und bot halt und spürte die wärme, die von ihrer schulter ausging und seine schulter dort anfüllte, auf der ihr kopf ruhte mit dem grau ihrer locken, das vor seinem blick aufs meer hinaus im wind tanzte.
die dinge, sie gehen ineinander über, wie das wasser des meeres ineinander über geht und sich wiegt.
halt, am meer gilt der so lange wie der blick an einem leuchtturm verweilt, vor anker geht für die weile des betrachtens.
betrachten, befrachten. wieder flog ratur der gedanke an, dass sinn-gebung halt knüpfen ist. dieser halt wieder ein netz, in das hinein man sich legen oder mit dem man hinaus auf see fahren kann, fische zu fangen.

um ein wenig halt mehr legte er seinen arm um die alte an seiner seite und fühlte sich auf eigenartige weise zu zweit willkommen.

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ich bin jetzt bereit für ein kind …

ratur aquarell

überrascht wandte ratur sich ihr zu …

du weißt, in diesen zeiten ein kind in die welt zu setzen, macht mir angst …

ratur nickte ihr freundlich zu. in ihren augen glomm ein licht auf.

… aber wenn ich bei dir bin, verliert die welt ihren schrecken …

was, ging es ratur durch den kopf, geht hier vor? fragend suchte er im blick der alten, doch die neigte den kopf zur seite, kräuselte ihre lippen und flötete:
niemand spielt saxophon so schön wie du, mit so viel gefühl, da …

saxophon? ratur ging auf, dass er projektion war, in einer ihm fremden welt, gerade so, wie kurz zuvor sein um erfüllung heischendes kopfkino ihm bilder eines meeres an die innenseite der lider geworfen hatte, das sich selbst schuf aus hören, fühlen und erinnern.

er nahm seinen arm von der schulter der fremden, die sich sogleich wieder bei ihm unterhakte.

… fühle ich mich so geborgen.

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ein schiff

ratur aquarell

sie schmiegte sich an ihn, ihre hand suchte seine und strich behutsam seinen arm hinab.

gänsehaut. ob er aufstehen sollte, gehen? ratur erwiderte zweifelnd den nun warmherzigen blick der alten und fragte sich, wie er selbst, ratur lite, mann am meer und auf der suche nach loslassen in einer antwort, sich in dieser welt halten sollte.

doch in der welt, die neben ihm platz genommen hatte, deren wärme in sein frösteln ausstrahlte, spielte all das keine rolle und war wie er, oder zumindest das, was die frau in ihm sah und was ihr erinnern aus ihm schöpfte, nicht viel mehr als eine idee.

ratur blickte aufs meer hinaus. vom horizont her stieg ein streifen allmählich dunkel werdender wolken auf. die dünung wiegte ein stück treibholz.
wann läuft sie denn nun aus, deine bismarck, ludwig glöde?

raturs blick galt dem treibenden stück holz, hielt sich daran fest:
ich heiße …

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strandgut

ratur aquarell

das meer eine welle wassers in der anderen, darin ein stück holz trieb. das türmte sich mit jedem wellenkamm, glitt von dort hinab ins nächste tal. auf den strand zu. über den hinweg zog meer in wolken, weißen walen gleich. darunter trieben zwei gestalten, waren sich insel, wiegten mit der dünung, waren sich eine welt in der anderen, mit meer darin, möwenrufen und dem schlag anlandender wellen, die sich im sand verliefen und zurück glitten, leise klirrend gebrochene schneckenhäuschen vor sich her rollten.

das band dunkler wolken hatte sich vom mittlerweile aufklarenden horizont gelöst. zog unter sich einen schleier nach, regenfahnen, die schwangen mit einem fernen wind. sinterfahnen, ging es ratur durch den sinn, darin gelöst und auszuflocken bereit, was sinn ergab, dort, wo es herkam und dort, wo es ausflockte und haften blieb, substanz. hier für den augenblick des herabregnens gewissheit und doch nicht mehr als regentropfen über einem meer.

oma?

text:

oma!

ratur aquarell

eine junge frau um die zwanzig lief auf das seltsame paar zu und ging vor der alten in die hocke. ihr:
was machst du hier?

… blieb ohne antwort. ratur bemerkte im blick der neben ihm sitzenden so etwas wie ratloses verwundern. ihr unter den seinen eingehakter arm verlor spannung, löste sich.

was machst du hier, hm? wir suchen dich schon stunden lang …

sie müssen entschuldigen, wandte die junge frau sich an ratur, sie kennt sich nicht mehr aus und manchmal läuft sie los, ins blaue – und ich kann sie dann suchen! mein vater ist voller sorge.

sie ergriff die rechte der alten, versuchte, sie an sich zu ziehen und zum aufstehen zu bewegen, doch ihre großmutter wand ihre hand aus der ihren:

nein!

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im blauen

ratur aquarell

oma! was soll das?

wieder hatte die junge sich zur alten hinab gebeugt, deren hand ergriffen, den arm, versuchte, sie zum aufstehen zu bewegen.

sei vernünftig! komm … jetzt!

warten sie …

ratur reichte seine hand der jungen frau entgegen.

… doch noch ein wenig.

einladend klopfte er mit der anderen hand auf den freien platz zu seiner linken.

warum sollte ich das tun?

ihre großmutter sagte: nein.

und?

ist das nicht grund genug?

grund genug … seit stunden suchen wir nach ihr. jetzt habe ich sie gefunden. mit einem wildfremden, am strand. barfuß! da soll ich mich hinzu setzen und – was dann? ich habe keine zeit! ich will heim!

sie sagten, sie würde ins blaue laufen. offensichtlich suchte auch ihre großmutter, was und wen auch immer. offensichtlich fand sie etwas von dem an oder bei mir. einem zugegeben wildfremden. in meinen, in ihren augen, denen einer enkelin, die nach ihrer großmutter suchte. doch sieht ihre großmutter das anders, sieht und erlebt etwas uns anderes. in mir, vielleicht auch in ihnen. und blieb. kam zur ruhe. warum also sollte sie ihnen folgen, mit ihnen gehen?

weil ich … ach!

wieder zog sie mit jugendlichem elan und einer nur ihr eigenen selbstverständlichkeit, hebelte mit gekonntem griff unter die achsel ihrer großmutter deren gleichgewicht aus der balance einer angekommenen und wuchtete sie in den stand. zog eine widerstrebende mit sich:

komm endlich!

befremden. furcht. trauer. verlust. diesen abschied erlitt die frau im blauen kleide nicht zum ersten mal. stolperte nach, wandte sich zurück. ihre hand griff widerstrebendes loslassen ins leere.

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ins leere?

ratur aquarell

da waren der klang eines fernen saxophons, das meer, wind, wellenschlag, das klirren von resten mit anlandender see rollender schneckenhäuschen, der himmel. mit seinem blau, in das hinein sie gelaufen war. das blau, vor dem ihre ergrauten locken sich warfen mit dem wind, in ihr gesicht, die salzige luft. wärmend legte sich das licht der mittlerweile tief stehenden sonne hinein und verlor sich mit jedem schritt weiter, den sie gezogen wurde und entfernte.

da war ratur lite, der ihr nach schaute.

ratur bemerkte, wie auch ihr stolpern sich verlor. wie seine ihm für augenblicke vertraute den schritt ihrer jungen begleiterin anzunehmen suchte. in sich gesunken. kein blick zurück. hängende schultern. keine spur der nahezu jugendlichen spannung, mit der sie in sein leben getreten war.

er sah sich aufspringen, dem ungleichen paar nachlaufen, spürte seine hand die ihre ergreifen und hörte sich komm, lass uns heimgehen sagen, und: wir gehen beide mit ihr. das alles jedoch wie hinter geschlossenen lidern, die hände in den sand gestützt und die ohren dem mit dem meeresrauschen anlandenden schweigen auf antwort zugewandt.

ratur erhob sich, klopfte an seinen hosenbeinen den sand von den händen und wandte sich dem deich zu.

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weint sie?

ratur aquarell

[junge frau holt die unbekannte ab. strandgut. ratur strand und strandgut zugleich.]

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von oben und unten

ratur aquarell

auf dem deich angelangt wandte ratur sich um und warf einen letzten blick aufs meer. von hier wirkte es geradezu übersichtlich. der horizont eine ferne graue linie mit himmel darüber, den das licht der untergehenden sonne kaum mehr erreichte. müde wirkte er, sein blau matt – und das schwinden des lichts wirkte von osten her mehr und mehr bleiernes grau hinein.

das schlagen der wellen verlor sich hier oben im wind, der gedreht hatte und es hinaus trug auf die see. hinaus auf see, ablandig – wie raturs zögern, der auf der deichkrone stand. die rechte hand in der hosentasche schloss sich um ein paar schneckenhäuschen, spürte sie rollen zwischen fingern und handfläche. schon hier, noch in sichtweite, schwand das leise klirren im kommen und weichen der anlandenden wellen zu idee, erinnerung, eine mit der gewissheit, sie ein paar meter weiter unten wahrgenommen zu haben und wahr genommen.

vom meer blieb raturs sinnen mit jedem schritt hinab auf die andere seite des deichfußes nur die salzige luft mit grauen wolken vor taubenblau. schon flutete landseitig das rauschen der mit den böen sich wiegenden weiden und pappeln sein hören.

ratur schwang sich aufs rad.

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hinterm deich, vor dem deich

ratur aquarell

er hatte es nicht eilig. bedächtig trat er in die pedale, fuhr ein paar schlenker und nahm fahrt auf. zu seiner rechten türmte sich der deich. hinter dem deich wusste er das meer. doch vielleicht war er es, der hinter dem deich war und die see davor wartete, setzte zum sprung an, von ganz weit draußen. hier hinter dem deich fühlte ratur sich klein. ohne den blick aufs meer erinnerte er sich, dass die see alles andere war als beschaulich sich wiegende weite mit schäumendem saum über sand und schneckenhäuschen.

erinnern. noch nie hatte er bei sturmflut auf dem deich gestanden. wer steht schon bei sturmflut auf dem deich – oder fährt aufs meer hinaus … ratur erinnerte bilder, bilder, die jemand anderes gesehen und die er, ratur lite, in sich aufgenommen hatte und bewegte, als wären sie die eigenen.

auch so eine art deich mit meer davor und einem menschen dahinter, der rad fährt.

der horizont war heran gesprungen und lief neben ihm her die deichkrone entlang, sprang von dort über die baumkronen und eilte die landstraße hinab, auf die ratur nun abbog und seinen weg in die stadt nahm.

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