vom dem, was jeder in sich trägt

milla cremeso - bild zu text von ludwig jannsen

dunkel. milla war: dunkel. und ihr war dunkel zumute. die leise fragende stimme vermeinte sie zugleich von fern wie auch aus ihrer eigenen mitte zu hören:

„milla?“

‚ja?‘

… dachte sie und lauschte dem klang dieses gedankens, wie er, als wäre ein steinchen in ruhendes wasser gefallen, sich sacht rollend ausbreitete in der stille, die sie umgab.

„milla?“

tarik. die stimme erinnerte an ihn, doch klang sie wesentlich älter, viel älter und reifer, als milla den kleinen jungen neben sich erlebt hatte. wie er gedankenverloren auf dem dielenboden gesessen, das schwarz-weiße katerchen auf seinem schoß. wie er ihm lieder vorgesungen hatte in einer ihr fremden sprache. milla dachte:

‚wo bin ich?‘

„hier“, kam die antwort.

‚was ist mit mir?‘

„du bist.“

‚wo bin ich?‘

„zu einem wo bräuchte es einen raum, der dich umgäbe, milla. du bist. bist in mir. und der raum … der raum, milla, ist in dir.

‚wenn ich in dir … sein kann … bin, bist du ebenfalls – raum?‘

„nein. raum hat nur drei dimensionen innerhalb eines vierdimensionalen gebildes. du bist – und der raum ist in dir.“

‚bin ich der raum?‘

„du, milla, bist mehr. bist mehr als der raum, der in dir ist, denn du bist mehr als nur eine grenze. du bist. bist jedes ding in dir, jeder ort, bist an jedem ort.“

‚hier ist so dunkel. bin das auch ich?‘

„ja, milla.“

‚machst du licht?‘

„das, liebe milla, liegt in deiner macht – denk es.“

‚licht!‘

auch dieser gedanke millas rollte durch den raum, der sie war. rollte? schneller, als licht es je vermocht hätte, griff er sich den ihm bietenden raum. milla spürte, wie winzige teilchen zueinander strebten, sich fanden, aneinander legten und wie das dunkel in ihr, das dunkel, das sie war, sich hier und dort wieder verdichtete. schwer wurde es und schwerer. das wuchs, schwerte und mehrte sich und … mit einem mal flammten riesige gasbälle auf, in denen unter dem druck der sie ausmachenden elementarwolken wasserstoff unter gleißendem scheinen zu helium fusionierte.
licht!

‚ich habe gemacht, dass licht … ist!‘

mit der schöpfungskraft dieses einen gedankens hatte milla gemacht, das licht war. wo nur steckte tarik? seine stimme war überall, eine gestalt jedoch war nicht auszumachen. milla selbst war ohne gestalt. und doch zugleich alles, das war. ob sie auch … tarik war?

„tarik?“

keine antwort.

‚tarik?‘

milla spürte seine gegenwart. wie diese sie einhüllte und barg. doch fühlte sie sich nicht geborgen. fühlte sich allein. war es tarik, dessen gegenwart sie spürte? die gegenwart dessen, den sie als tarik kannte, den zu nächtlicher stunde an die tür klopfenden. sein ruf hatte sie hergeführt. weg von einem strand am mittelmeer, an dem sie soeben noch neben dem leichnam eines kleinen jungen gestanden und um hilfe gerufen hatte.

‚warum?‘

„warum nicht, milla? auf diese art können wir uns nahe sein, ohne dass ich aus einem kleinen jungen zu dir aufsehe und wir über eine deiner sagenhaften torten sinnieren.“

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Bess

Tarik ist bei seinem Garten-Eden-Großvater sicher in die Zen-Lehre gegangen. Oder hat griechische Philosophen studiert.
Ich aber – mit Ich in mir und Raum in mir und Ich im Draußen und Draußen im Drinnen – spüre Verwirrung und Traurigkeit.

22. März 2018 - 21:44

rittiner & gomez

@bess: wir schliessen uns, ihnen an.

24. März 2018 - 09:11

Johann Seidl

schön, dass ich mit dabei sein kann, wenn Milla das Licht erdenkt.
Ich spüre die Welle mit jeder Zeile…

24. März 2018 - 17:27

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