wo bin ich wer

von martin loosli

albert einstein hätte sein vergnügen an der situation. ein jüngling steigt in einen autobus, begibt sich, während der bus anfährt, in die hinterste sitzreihe und beobachtet, wie die landschaft vorbeizieht. schliesslich schreibt er mit grobem filzstift auf die rückseite der sitzbank vor ihm: I WOZ ERE. darunter das datum des tages: 6/5/07, sechster mai zweitausendsieben.

drei tage später besteige ich denselben bus, den linienbus zwischen algeciras und gibraltar, ich marschiere wie an fäden gezogen zur hintersten sitzbank, eigentümlich, denn in den letzten zwanzig jahren sass ich kein einziges mal ganz hinten. das graffito blinkt mich an, ich blinzle zurück. zweifellos, da hat jemand der welt mitgeteilt, dass er hier gesessen ist. I WOZ ERE – I WAS HERE, in diesem bus auf diesem sitzplatz an jenem tag auf dem weg zur schule oder zur oma oder zur zahnklinik.

ich mache eine fotografie, und da, mitten im auslösen, meldet sich eine relative skepsis. vielleicht meinte der schreiberling etwas ganz anderes? vielleicht meinte er: hört zu, ich bin ein afrikanischer wanderarbeiter auf dem weg in die blühenden gärten europas, wo ich für ein taschengeld zwölf stunden täglich in der prallen sonne unter plastik arbeiten werde, doch vorher möchte ich euch sagen: ICH WAR HIER, eine schöne gegend, gott beschütze sie.

oder völlig anders, eine transdisziplinäre chat-konspiration: ¡hola romeo!, schreib’ doch morgen früh für mich irgendwo hin: ICH WAR HIER, in englischer sprache gerne, das versteht jeder, deine julia.

die schrift vor mir lässt mir keine ruhe, probeweise murmle ich: “I WOZ ERE, I WO ZERE.” genau, das muss es sein! I WAS THERE, ich war dort – sozusagen das gegenteil von dem, was ich bisher angenommen hatte! der jüngling war nicht hier gewesen, sondern dort! was für komplikationen auf einmal, was für deutungsmöglichkeiten! wo hatte er sich aufgehalten? bestimmt hatte er nicht damit gerechnet, an seinen wunschort zu gelangen; dennoch ist es ihm geglückt, und das erlebnis war so stark, dass er auf der rückreise vermerkte: ich war dort.

recht hat, wer sagt: wir wissen niemals, wo wir uns gerade befinden, in welcher wirklichkeit.

meine fingerkuppen berühren die tastatur, ich tippe einen text, welcher ein visuelles ereignis beschreibt, dessen reproduktion in bishkek zu sehen sein wird. verzweigungen, verästelungen und wurzeln, die zu meiner ausstellungsteilnahme geführt haben, empfinde ich als raumkonstellation: laufend prallen geringfügigkeiten aufeinander, im selben raum am selben ort, das nennen wir gegenwart zufall schicksal. ana mea in punta arenas umschreibt das so: “die zeit verhält sich wie das wasser in einem aquarium, sie ist eine unfassbare materie, deren masse uns umgibt. unser planet ist eines jener sauerstoffbläschen, die auf ihrer vorgegebenen bahn aufwärts driften, die bläschen drehen sich um sich selbst, zudem bewegen sie sich im kollektiv in dieselbe richtung. stell’ dir vor: unsere erde, ein bläschen in einem wassertank! nur dass der tank nicht wasser, sondern zeit enthält.”1)

die utopie des raumes ist gleichzeitig die utopie der zeit.

ich werde an der ausstellung in der republik kirgistan anwesend sein, unkörperlich, eingebettet in einer fotografie, deren ursache ein jüngling aus dem südeuropäisch-nordafrikanischen gürtel ist und der, wüsste er um das projekt, mit dabei wäre, physisch, indem er mit grobem filzstift auf einen pappkarton in einem rollenden autobus schriebe: I AM HERE. WHERE I AM?

© 2008 by martin loosli, visueller künstler
1) “transmissionspfahlbau im mitteilungswesen”, martin loosli, verlag report.ch thun, 2004