reise

soffis reise

über- unter- zwischenwelten

text: martin loosli / bild: rittiner & gomez

eine reisegeschichte, die auf der isla volante begann und auf umwegen in giswil, schweiz, in der kunstkoordinate endete.

der beschluss

am strand

an der jahresversammlung der bibliothekarinnen, an der jeweils fast alle volanterinnen teilnehmen, schlug der dritte bibliothekar vor, gemeinsam eine reise zu unternehmen. alle waren einverstanden, doch wollte dazu niemand die insel verlassen. der schiffsstreicher francesco sempione wandte ein, man könne doch mit hilfe der absolventinnen des navigationskurses die ganze insel vorsichtig durch das meer steuern. alle waren begeistert und liefen an die küste, um zu sehen, ob sich die insel bereits bewege. aber es war schwierig, das zu beweisen.

der fahrtwind

verblasen

gräser, nadeln, blüten neigen sich, ein junges birkenblatt schaukelt, eine strähne mädchenhaar will fliehen. in ines secos offenem wohnungsfenster bläht sich die spitzengardine. eine der navigatorinnen ruft: “seht her, seht alle mal her! das ist der beweis! wir fahren!”. “das ist doch bloss der wind!”, ruft jemand zurück. “nein nein, das ist nicht der frühlingswind, das ist der fahrtwind, jawoll!” doch der tiefgründige tino carillon will es wissen. “wohin fahren wir eigentlich?”, schreit er in ein megaphon. niemand weiss es, selbst die navigatorinnen nicht. und gegen abend stellt sich heraus, dass es auf der ganzen insel keinen einzigen kompass gibt.

land in sicht

land in sicht

alle begeben sich zum leuchtturm. ein zeltlager entsteht. die volanterinnen wechseln sich in der nachtwache ab. das oberste zimmer des leuchtturms wird “brücke” genannt. es ist ruhig, nichts geschieht. bis da, in der ersten morgenstunde der wunderbaren märzvollmondnacht, amelia amado ruft: “land in sicht!”. und tatsächlich sieht man nicht allzuweit entfernt eine küstenlandchaft aus dem wasser ragen, die gestern noch nicht da war. alle starren gebannt auf das fremde land. “wir werden mit ihm kollidieren”, murmelt jemand, und eine andere stimme flüstert: “kontinente, vereinigt euch”.

sofffi täuscher-art

malerei auf reisn

die küstenlandschaft entfernt sich ganz, ganz langsam. alma da silva verfolgt gespannt das schauspiel durchs fernglas. ihr kommt das alles von ihrem arbeitsplatz im museo volante bekannt vor. “keine angst”, ruft sie, “was ihr seht, ist in wirklichkeit eine riesengrosse leinwand, die unsere inselkünstlerin sofffi täuscher-art mit landschaft vollbemalt hat. ich glaube, sofffi will das bild heute einem sammler auf dem festland bringen, sie hat es an der backbordseite ihres kleinen bootes festgezurrt!”.

dauerauftrag

open atelier

sofffi hat den erlös aus dem riesigen bild an die “stiftung für vorsätzliche nachsicht” überwiesen. sie schnüffelt und grüffelt ein bisschen über tiegel und pigment, bevor sie ein weiteres landschaftsbild in angriff nimmt. da betritt eine delegation volanterinnen ihr atelier. “wir wollen nicht nochmals von dir in angst und schrecken versetzt werden, und wir lassen uns nicht mehr auf diese art täuschen, sofffi!” sofffi knurrt. “damit sich das drama niemals wiederhole, malst du uns bitte jeden monat ein bild, auf dem ausschliesslich wasser zu sehen ist.” sofffi murrt. “wir volanterinnen geben dir hierfür einen dauerauftrag”.  sofffi gurrt.

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