Isla Volante

Logbuch der Insel von Rittiner & Gomez

Meerleser Nr. 1

Mann Meer

Niemand achtete auf den alten Mann, der, ein Buch unterm Arm, am Strand auf ein Ruderboot zuging, es ins Meer stieß, sich hinein warf, aufstand. Wartete, bis das schaukelnde Boot zur Ruhe kam. Bedächtig schlug er das Buch auf und las dem Meer vor: „Er war ein alter Mann und …“

Text: Ludwig Janssen

Meerleser Nr. 2

Mann Meer

„… fischte allein in einem Boot im Golfstrom, und seit vierundachtzig Tagen hatte er keinen Fisch gefangen.“ Seine Stimme war die eines Menschen, der gut gelebt und gern gesungen hatte. Der Wind griff in die Seiten und versuchte, zum Ende der Geschichte vorzublättern. Doch möchte eine Geschichte zu Ende gelesen werden wie auch ein Leben zu Ende gelebt sein will. Das Meer lauschte. Glucksend bat sein Wellenschlag den alten Mann, sich nicht von der Ungeduld des Windes beirren zu lassen und fortzufahren.

Text: Ludwig Janssen

Meerleser Nr. 3

Mann Meer

Die Skulls hatte der alte Mann ins Boot gezogen und auf den Ruderbänken abgelegt. Dort lag auch ein schlichter Mast bereit, eingedreht in ein geflicktes Segel. Die Ebbe hatte eingesetzt und zog das Boot aufs Meer hinaus, und schon bald erfasste die hier parallel zur Küste verlaufende Strömung die hölzerne Nussschale und nahm sie mit sich. Unbeirrt las der Alte aus dem Buch. Wenngleich der Wind in seinen Ohren flatterte und drängte, so hörte er deutlich den Wellenschlag an der Bordwand aufspritzen, glucksend und plitschernd ein häwelmannsches „mehr! mehr!“ gurgeln. Von der Sehnsucht nach dem Meer las er der Dünung vor, die ihn und sein Boot wiegte, und davon, wie aus dieser Sehnsucht heraus Schiffe gebaut und Geschichten geschrieben werden.

Text: Ludwig Janssen

Meerleser Nr. 4

Mann Meer

Du kamst heute hierher, um Dir Bilder anzuschauen. Nun querst du, einen lichtgefluteten Gang entlang schreitend, die Strömung. Gehst längsseits, bedächtigen Schrittes. In dir: Meer. Eines … Deines. Irgendeines. Und doch, gerade in diesem Augenblick, weißt du tief in dir auf deinem Meer einen alten Mann in einem Boot sitzen und aus einem Buch vorlesen.

Text: Ludwig Janssen

Meerleser Nr. 5

Mann Meer

Die Sonne stand im Zenit. Ihr Widerschein vom weißen Papier des Buches her blendete. Seine Augen ermüdeten. Für einen Moment der Erholung legte der Alte das Buch zur Seite. Trank einen Schluck Wasser aus der Feldflasche, die er an seinen Gürtel gebunden hatte. In der Ferne verlor die Küste sich zu einem Streifen am Horizont. Und im Alten selbst wuchs die Gewissheit, allein zu sein. Füllte ihn aus bis in die Haarspitzen hinein. Gedankenverloren strich seine Hand über die hölzerne Bordwand des Bootes.

Text: Ludwig Janssen

Meerleser Nr. 6

Mann Meer

Hat sich der Mann auf dem Bild bewegt? Du siehst ganz genau hin. Je länger du den anthrazitfarbenen Pinselstrich dort fixierst, von dem Dein Hirn dir erzählt, dass es einer ist und zugleich, dass dort ein Mann in einem Boot sitzt und liest, umso besser kannst du das Auf und Ab der Dünung erkennen.
Es zieht dich weiter, Schritt um Schritt.

Text: Ludwig Janssen