
Fast jeden morgen steht Frau Adler da und grüsst ihn, aber eigentlich weiss Joven nichts von ihr. Nicht einmal ihren Vornamen.
Logbuch der Insel von Rittiner & Gomez

Fast jeden morgen steht Frau Adler da und grüsst ihn, aber eigentlich weiss Joven nichts von ihr. Nicht einmal ihren Vornamen.

Dass es nur Einbildung ist weiss er, aber die Sonntage haben für Joven eine andere Farbe und sie riechen auch anders.
Im Rauschen vom Meer und dem Wind geht er der Küste entlang.
Eine Möwe beendete gerade jäh das Leben eines Fisches.

Esswaren sollten sie auf der Insel unter freiem Himmel nicht herumstehen lassen und auch beim Essen immer vor dem Zugriff der Möwen schützen. Den die Möwen werden sie ihnen ohne Pardon wegschnappen. Aus diesem Grund ist es auch verboten, die Möwen zu füttern.
Die Schreie der Möwen, die Brandung und der Wind in seinen Ohren, sind für ihn so was wie der Grund Beat, der ihn auf seinen Strangängen begleiten.

Jetzt hat die Möwe den Käfer vor seinen Füssen, zu ihrer Zwischenverpflegung gemacht und fliegt davon. Die Geschichte nimmt ein jähes Ende. Oder gibt es einen Käferhimmel?

Wie geben wohl die Möwen ihre Geschichten weiter und gibt es irgendwo eine Möwengeschichten Archiv. Schwebt es durch die Luft, ist es im Meer? Oder haben die Möwen, ihr ganzes Universum verinnerlicht und lassen sich gelassen vom Wind über das Meer tragen?
Der stärker werdende Wind erinnert ihn an den Heimweg.

Er ist ja ein langsam Leser, kein Wort darf überflogen werden. Die Angst die entscheidende Aussage zu verpassen, sitzt im immer im Nacken.
Heute hat Joven den letzten Brief an Milena gelesen. Das Eintauchen in eine ihm völlig unbekannte Welt, hat ihn regelrecht verwandelt.
Gregors Blick richtete sich dann zum Fenster und das trübe Wetter – man hörte Regentropfen auf das Fensterblech aufschlagen – machte ihn ganz melancholisch. „Wie wäre es, wenn ich noch ein wenig weiterschliefe und alle Narrheiten vergässe,“ dachte er, aber das war gänzlich undurchführbar, denn er war gewöhnt, auf der rechten Seite zu schlafen, konnte sich aber in seinem gegenwärtigen Zustand nicht in diese Lage bringen. Mit welcher Kraft er sich auch auf die rechte Seite warf, immer wieder schaukelte er in die Rückenlage zurück. Er versuchte es wohl hundertmal, schloss die Augen, um die zappelnden Beine nicht sehen zu müssen und liess erst ab, als er in der Seite einen noch nie gefühlten, leichten, dumpfen Schmerz zu fühlen begann.
Franz Kafka

Ein Urteil über die Briefe kann er nicht fällen, nur zu gerne hätte er die Antworten an Milena auch gelesen.
Hier ging Joven als Kind mit seinem Vater dem Strand entlang.
Georg kommt heute zum Mittagessen.
„Er hatte gerade einen Brief an einen sich im Ausland befindenden Jugendfreund beendet, verschloss ihn in spielerischer Langsamkeit und sah dann, den Ellbogen auf den Schreibtisch gestützt, aus dem Fenster auf den Fluss, die Brücke und die Anhöhen am anderen Ufer mit ihrem schwachen Grün.“
Franz Kafka

Der Leseprozess begleitet ihn immer noch auf seinen Küstenbegehungen.
Das K auf dem Boot lässt ihm keine Ruhe. Josef K?
Arbeiter heute Elsa in der Hafenkneipe?
Franz und Willem sitzen bestimmt schon am Stammtisch.
„Richtiges Auffassen einer Sache und Missverstehen der gleichen Sache schliessen einander nicht vollständig aus.“
Franz Kafka

Joven wusste, das es vermessen ist all diese Geschichten verstehen zu wollen. Oft erschienen sie im zu chaotisch und undurchschaubar.
Folgt ihm jemand?
Der Wind kommt aus Westwest.
Seltsam wie man Boote Frieda und Jeremias taufen kann. Auf einer kleinen Jolle war nur noch ein K zu erkennen.
Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man.
Franz Kafka

Die Briefe begleiten Joven auf seinem Gang dem Strand entlang.
Was hat sie ihm wohl geantwortet?
Frau Adler hätte er fast nicht erkannt.
Sie grüsste auch nicht.
Franz Kafkas Briefe an Milena
„Briefe schreiben heisst sich vor den Gespenstern entblössen, worauf sie gierig warten. Geschriebene Küsse kommen nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Wege ausgetrunken . . .“
Franz Kafka