Wärmendes Sonnenlicht? Ausgeschlossen! Nicht hier, am Grunde des Ozeans. Unverhofft stieß das Wesen den alten Mann von sich. Wandte sich ab und verschwand mit der Strömung. Der Kopf des alten Mannes prallte gegen einen Felsen. Ein Schlag, der ihn durchschüttelte bis ins Mark.
Fantasierte er? Dem alten Mann war, als wendete das blassblaue Wesen aus dem Meer ihn behutsam auf den Rücken, wüsche sein fahles, bärtiges Gesicht. Blies es an, dass es abkühle. Zugleich senkte sich der Blick der unergründlich meergrünen Augen in seine Brust. Das Licht der Sonne wärmte.
„… Ein kleiner Fisch kam aus Norden aufs Boot zu geschwommen. Es war eine Flunder, und sie schwamm dicht unter der Oberfläche. Der alte Mann konnte sehen, dass sie sehr müde war …“
„… Es waren die kleinen Vögel, die die Grossmutter Fische nannte, denn sonst hätten es die Kinder nicht verstehen können, da sie nie einen Vogel gesehen hatten. …“
Der Blick aus dem Fenster erinnert dich an die Welt dort draussen. Bist am Ende des Ganges angelangt. Im Altenheim nebenan stellt man das Fenster auf Kipp, wenn eine Geschichte zu Ende erzählt ist. Luft! Du öffnest das Fenster einen Spalt weit. Das Lied einer Amsel weht hinein.
„Irgendwo. Fern jenem Ort, an dem der Sturm mich auftürmte, zum Himmel trug und in die Tiefe schleuderte, mich zerriss zu stiebender Gischt. Eine am offenen Fenster zu Ende erzählte Geschichte.“
„… Ein kleiner Vogel kam aus Norden aufs Boot zugeflogen. Es war eine Grasmücke, und sie flog dicht über dem Wasser. Der alte Mann konnte sehen, dass sie sehr müde war …“
Aus ebenso müden Augen wandte der Mann sich dem blauen Wesen zu:
„Du liest mir vor, mir?“
Er erinnerte. Den Baum, den er fällte. Das Lied der Amsel, das verstummte.
„… und selbst der Tod horchte und sagte: „Fahre fort, kleine Nachtigall! Fahre fort!“ […] Da bekam der Tod Sehnsucht nach seinem Garten und schwebte, wie ein kalter, weißer Nebel, aus dem Fenster …“
In den Armen des Meerwesens geborgen fand der alte Mann sich am Grund des Meeres wieder. Seltsam. Eigentlich müsste es stockfinster sein. Doch drang von der Wasseroberfläche das Spiel der Sonnenstrahlen bis zu ihm hinab, lief, vom Gang der Wellen gebrochen, in hell wabernden Linien über ihn hinweg.
Die Dünung. Spürst du sie noch? Umgeben von all den rechten Winkeln – um dich, um die Bilder, um die Welten aus Geist, Fleisch und Blut, trägt ihr ewiges Auf und Ab das deine. Dich darin geborgen in einer Nussschale. Leben. Nicht irgendeines – deines. Auf dem Grund des Meeres.