„Irgendwo. Fern jenem Ort, an dem der Sturm mich auftürmte, zum Himmel trug und in die Tiefe schleuderte, mich zerriss zu stiebender Gischt. Eine am offenen Fenster zu Ende erzählte Geschichte.“
Er erinnerte. Den Baum, den er fällte. Das Lied der Amsel, das verstummte.
„… und selbst der Tod horchte und sagte: „Fahre fort, kleine Nachtigall! Fahre fort!“ […] Da bekam der Tod Sehnsucht nach seinem Garten und schwebte, wie ein kalter, weißer Nebel, aus dem Fenster …“
Du siehst kein Meerwesen. Was du siehst, könnte ebenso gut ein Delphin sein, der seine Kreise um den Ertrinkenden zieht. Ihn anstupst, zur Wasseroberfläche emporhebt. Gab es das nicht immer wieder in der Geschichte der Menschen auf dem Meer, dass Delphine sich zu ihnen gesellten? Einen ertrunkenen Wald. Nie gesehen. Vielleicht am Grund von Stauseen. Geisterhafte Schemen, in denen die Netze der Fischer sich verfangen. Aber am Grund des Meeres? Ich weiß nicht, ob du selbst es bemerkst, doch deine Schritte greifen weiter aus. Fast scheint es, als wärest du ungeduldig, den Fortgang der Geschichte im nächsten Bild zu erfahren.
Du fragst dich, ob es nun um den alten Mann geschehen sei. Ohnmächtig kann er sich nicht festhalten. Da liegt seine verdrehte Gestalt unter den Ruderbänken in Erbrochenem und Salzwasser. Mit jeder Woge, die das Boot empor hebt und dann wieder zu Tal schießen lässt, wird seine kraftlose Gestalt umhergeworfen. Und noch eine Stunde Regen mehr, noch ein paar Wellen weiter, die über die Bordwand gischten, und er wird da unten im Boot liegend ertrinken. Du denkst „… der alte Mann sei jetzt endgültig und eindeutig ’salao‘, was die schlimmste Form von glücklos ist …“ und fragst dich, ob es klug von dir war, dich auf diese Reise aufs Meer hinaus einzulassen. Mit einem alten Mann, der kaum mehr in die Waagschale zu werfen hatte als ein paar Bücher, aus denen er dem Meer vorlas. Mehr von seiner eigenen Sehnsucht beseelt als von Vernunft geleitet. Der sich hatte treiben lassen, Ruder und Mast verstaut, und der nun, jegliches Hilfsmittel, über das man ein wenig hätte, in den Lauf des Schicksals hätte eingreifen können, noch immer verstaut, einem unerbittlichen Ende entgegengeworfen wird. Zu schwach für die Wahrheit. Verschlungen von dem Ort seiner Sehnsucht, dem er sich anvertraut hatte.
Wird sich, gehst du ein paar Schritte weiter, überhaupt noch ein Fenster öffnen? Und werden die Fenster im Fenster die Geschichte hinter der Geschichte weiterführen?
Angst, Angst, die ihm den Magen umdrehte. Das Boot eine Nussschale. Wurde hin und her geworfen, emporgehoben, rauschte die Wogen hinab. Der Alte hatte sich auf den Boden des Bootes gesetzt. Mitten hinein ins Wasser, das dort hinein gischtete. Umklammerte mit einem Arm eine Ruderbank, zog sich an der Bordwand hoch, übergab sich in einem Schwall ins Meer, dann wieder ins Boot. Schöpfte mit einer Schale, die er aus der Kiste geholt hatte, Salzwasser und Erbrochenes aus dem Boot. Wartete auf die eine Welle, die über dem Boot brechen und es in die Tiefe ziehen würde. Betete, dass der Sturm sich legen möge. Der Sturm, der eigentlich noch keiner war, was die Windstärke anging, die grobe See, die dem Kapitän eines Krabbenkutters kaum ein müdes Lächeln abgerungen hätte. Doch einem alten Mann, der in einem Boot vom Seegang umeinander gewirbelt wird und sich die Seele aus dem Leib kotzt, erschienen Sturm, Regen und der wilde Tanz des Bootes im Wogen der aufgewühlten See wie das Jüngste Gericht. Eine große Woge hob das Boot auf ihren Kamm, brach, das Boot stürzte hinab. Hart schlug der Kopf des geschwächten Alten gegen die Bordwand und er verlor das Bewusstsein.
Heftiger Regen setzte ein. Eine frische Brise wehte und die Wellen trugen Schaumkronen. Warfen sich an die Bordwand, gischteten auf und sprühten mit dem Regen in das Gesicht des Alten. Das Buch, in dem der Protagonist den Segen des Unterfangens pries, in den Menschen die Sehnsucht nach dem Meer zu wecken, legte er zu den anderen in eine Kiste, in der er auch einen kleinen Trinkwasservorrat untergebracht hatte. Er hatte sich zu weit aufs Meer hinaus gewagt. Auf das stille, sanftmütige Meer, dem in einsamen, ruhelosen Stunden sein Sehnen gegolten hatte. Hier jedoch, jetzt, halfen ihm weder Segel noch Ruder. Doch verlieren durfte er sie auch nicht. Verstaute sie unter den Ruderbänken, zurrte sie daran fest.
Strömung und einsetzende Ebbe hatten das Boot von der Küste fort aufs offene Meer getragen. Meerwärts verdunkelten tief stehende Wolkenberge den Horizont. Der Wind frischte auf. Wieder strich die Hand des Alten über die Bordwand und erinnerte das Splittern und Bersten des fallenden Baumes.
„Wenn ich hingegen meinen Leuten die Liebe zur Seefahrt vermittele …“ hatte der Alte ein weiteres Buch aufgeschlagen und las daraus: „… und wenn dann ein jeder Lust darauf verspürt, weil ihn eine große Last im Herzen zum Meer zieht, so wirst du bald sehen, wie sie sich unterschiedlichste Beschäftigungen suchen, die ihren tausend besonderen Talenten entsprechen. Der eine wird Segel weben, der andere im Wald mit der blitzenden Axt einen Baum fällen …“ Im Wald mit blitzender Axt einen Baum fällen. Sein Onkel war es, der ihn zu jenem Baum geführt hatte, aus dem er dem Vater ein Boot bauen würde. Und er, noch ein kleiner Junge, sollte den Baum fällen.
Hat sich der Mann auf dem Bild bewegt? Du siehst ganz genau hin. Je länger du den anthrazitfarbenen Pinselstrich dort fixierst, von dem Dein Hirn dir erzählt, dass es einer ist und zugleich, dass dort ein Mann in einem Boot sitzt und liest, umso besser kannst du das Auf und Ab der Dünung erkennen.
Es zieht dich weiter, Schritt um Schritt.
Die Sonne stand im Zenit. Ihr Widerschein vom weißen Papier des Buches her blendete. Seine Augen ermüdeten. Für einen Moment der Erholung legte der Alte das Buch zur Seite. Trank einen Schluck Wasser aus der Feldflasche, die er an seinen Gürtel gebunden hatte. In der Ferne verlor die Küste sich zu einem Streifen am Horizont. Und im Alten selbst wuchs die Gewissheit, allein zu sein. Füllte ihn aus bis in die Haarspitzen hinein. Gedankenverloren strich seine Hand über die hölzerne Bordwand des Bootes.