Wie geben wohl die Möwen ihre Geschichten weiter und gibt es irgendwo eine Möwengeschichten Archiv. Schwebt es durch die Luft, ist es im Meer? Oder haben die Möwen, ihr ganzes Universum verinnerlicht und lassen sich gelassen vom Wind über das Meer tragen?
Der stärker werdende Wind erinnert ihn an den Heimweg.
Er ist ja ein langsam Leser, kein Wort darf überflogen werden. Die Angst die entscheidende Aussage zu verpassen, sitzt im immer im Nacken.
Heute hat Joven den letzten Brief an Milena gelesen. Das Eintauchen in eine ihm völlig unbekannte Welt, hat ihn regelrecht verwandelt.
Gregors Blick richtete sich dann zum Fenster und das trübe Wetter – man hörte Regentropfen auf das Fensterblech aufschlagen – machte ihn ganz melancholisch. „Wie wäre es, wenn ich noch ein wenig weiterschliefe und alle Narrheiten vergässe,“ dachte er, aber das war gänzlich undurchführbar, denn er war gewöhnt, auf der rechten Seite zu schlafen, konnte sich aber in seinem gegenwärtigen Zustand nicht in diese Lage bringen. Mit welcher Kraft er sich auch auf die rechte Seite warf, immer wieder schaukelte er in die Rückenlage zurück. Er versuchte es wohl hundertmal, schloss die Augen, um die zappelnden Beine nicht sehen zu müssen und liess erst ab, als er in der Seite einen noch nie gefühlten, leichten, dumpfen Schmerz zu fühlen begann.
Franz Kafka
Ein Urteil über die Briefe kann er nicht fällen, nur zu gerne hätte er die Antworten an Milena auch gelesen.
Hier ging Joven als Kind mit seinem Vater dem Strand entlang.
Georg kommt heute zum Mittagessen.
„Er hatte gerade einen Brief an einen sich im Ausland befindenden Jugendfreund beendet, verschloss ihn in spielerischer Langsamkeit und sah dann, den Ellbogen auf den Schreibtisch gestützt, aus dem Fenster auf den Fluss, die Brücke und die Anhöhen am anderen Ufer mit ihrem schwachen Grün.“
Franz Kafka
Die Briefe begleiten Joven auf seinem Gang dem Strand entlang.
Was hat sie ihm wohl geantwortet?
Frau Adler hätte er fast nicht erkannt.
Sie grüsste auch nicht.
Franz Kafkas Briefe an Milena
„Briefe schreiben heisst sich vor den Gespenstern entblössen, worauf sie gierig warten. Geschriebene Küsse kommen nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Wege ausgetrunken . . .“ Franz Kafka
Haben die Möwen eigentlich auch Feiertage oder verlängerte Wochenenden?
Die Möwen Eier haben an Ostern keine andere Farbe, aber wer weiss das schon so genau!
Immer der Küste entlang, „Ardalén“ begleitet Joven.
Als der Leuchtturm am Horizont auftaucht, läuft in das Wasser im Mund zusammen. Jetzt braucht er einen Kaffee und dazu feine Datteln.
In der Schule schaffte Joven es nie ein Buch zu lesen. Jeder zweite Satz versetzte ihn in eine Geschichte, die in seinem Kopf herumirrte. Inzwischen hat er eher Angst, von den Geschichten in den Büchern aufgesaugt zu werden und nie mehr herauszukommen.
Der Kobboi hat seinen Pavé herausgeputzt und das Baguette ist Backofen. Alles ist bereit für Paris Roubaix. Katharina Vasces freut sich vor allem auf die Crème brûlée.
Ansonsten nimmt der Sonntag auf der Insel seinen ganz normalen Lauf.
Hier war er schon als Kind, bevor er lesen konnte. Joven fragte sich immer, wie all die Geschichten in die Bücher kommen. Dass sie im Schutz des Nebels und getrieben vom Wind auf die Insel kommen, schien im am glaubwürdigsten. Noch heute liebt er den Platz unter der Bibliothek und lässt all die Geschichten an sich vorbeiziehen.
Zu guter Letzt stieg er dann doch noch hinauf in die Bibliothek und leih sich „Ardalén“ von Miguelanxo Prado aus.
Eine fantasievolle, melancholisch-berührende Geschichte, getragen von starken Charakteren: Mit „Ardalén“ ist dem galizischen Comiczeichner Miguelanxo Prado ein Meisterstück gelungen und eine Graphic Novel im besten Sinne. Ralph Trommer