Ich erzähle meine Erlebnisse anhand der Notizen, die ich nach meiner Ankunft zu erstellen begann. Ich ahnte bereits dann, dass die Vergangenheit aus meinem Gedächtnis verschwinden und einer Phantasie weichen würde, die meinem Widerwillen, persönliche Dinge preiszugeben, wohlwollend entgegenkommt.
Meine Vorahnung hat sich bestätigt. Es ist mir heute nicht mehr möglich, mich an Geschehnisse, die ich mir nicht notiert habe, zu erinnern. Ich kann diese Erzählung nicht – wie ich es in meinen Romanen so gerne getan habe – mit Details anreichern, und sie widerstandslos durch die Köpfe gleiten lassen. Natürlich könnte ich sie erfinden. Doch bleibt mir keine Zeit mehr dafür. Ich bin gezwungen, bei der Wahrheit zu bleiben.
Die ersten Tage auf der Insel, die Begegnungen mit der Möwe, die nunmehr seit vielen Jahren tot ist – alles, was mir geblieben ist, sind die Notizen.
Bei Tagesanbruch rannte ich los. Mein Ziel war der Leuchtturm. Ich folgte der einzigen Teerstrasse der Insel, die über die Landenge führte, und auf der anderen Seite hinter einem Hügel verschwand. Die Landschaft, in der ich mich bewegte, war mir nicht neu, der Alte hatte sie mehr als einmal gemalt. Auch den Leuchtturm, der an der Seite einer Klippe hing, die ihn überragte. Ich sprang die steile Treppe hinunter bis zur Plattform und setzte mich auf die Mauer. Bis auf die Möwen, die in den Felsnischen unter mir ihren Nachwuchs versorgten, war ich alleine. Doch dann war auch sie wieder da. Balancierte nur wenige Meter von mir entfernt auf der Mauer und beobachtete mich. Vorsichtig stand ich auf und begann mit ihr zu sprechen. Sie liess es zu, ihr Kopf jedoch war in ständiger Bewegung. Dann öffnete sie die Flügel, stiess sich von der Mauer ab und segelte in Richtung des Ozeans davon.
Der Kobboi ist platt wie ein Pizzateig. Der Wind arbeitet auf der Radrunde nicht mit ihm zusammen. Jetzt gibt es eine Pizza Bianca und danach verfolgt er ganz entspannt das Radrennen Strade Bianche. Ein Espresso und Amaretti dürfen natürlich nicht fehlen. Milla Cremeso bring bestimmt noch ein Panna Cotta vorbei. Tutto bene.
Irgendwie kommt uns das bekannt vor. Hoffen das wirklich alles tutto bene ist, beim Kobboi.
Das Meer lädt zum Baden ein. Jovens Körpertemperatur ist zum Glück wieder im normal. Leider sind die Rückenschmerzen immer noch da, aber der Arzt findet keine Ursache dafür. Vielleicht sei es psychosomatisch. Joven kann sich darunter nichts vorstellen, aber anscheinend wäre ja das dann doch die Ursache. Im 25° Wasser sich treiben zu lassen tut ihm auf alle Fälle gut.
Das Atelier, dessen Pläne er mir noch gezeigt hatte, stand etwas abseits des Hauses, im hinteren Teil des Gartens. Als ich den einfachen Bau aus Holz und Glas an diesem Nachmittag zum ersten Mal betrat, schlug mir der Geruch von Staub und Pinselreiniger entgegen. Hier war nach seinem Tod nichts mehr angerührt worden. Er hat die Bilder, nach Motiv und Grösse geordnet, in einem Gestell aufbewahrt, das eine ganze Hauswand einnahm. Ich arbeitete mich durch unzählige Versionen von Leuchtturm, Hafen und Landenge, bis ich – ich erkannte sie augenblicklich –, bei den Porträts der einbeinigen Möwe ankam. Ich sah mir jedes einzelne an. Erst als das diffuse Licht des späten Nachmittags mich an meinen ursprünglichen Plan erinnerte, räumte ich seine Pinsel und Farben weg, und richtete mir meine Schreibstube ein. Die Staffelei mit dem unfertigen Bild stellte ich in eine Ecke.
39° fühlen sich nach 41° schon fast gesund an. Joven ist sich zwar nicht sicher, ob da Meeresrauschen das er hört, tatsächlich vom Meer kommt, oder ob es in seinem Kopf entsteht. Seine Eltern servieren ihm heute Götterspeise. Vielleicht wollen sie ihn ja schon an die Nahrung für das Jenseits vorbereiten.
Ich gebe ungern persönliche Dinge preis und veröffentliche meine Romane unter einem Pseudonym. Die Geschichten, die ich schreibe, entspringen meiner Phantasie. Genauso gut könnten sie der Phantasie eines anderen entsprungen sein – meine Person spielt keine Rolle. Weil ich hier jedoch etwas erzähle, was ich tatsächlich erlebt habe, komme ich an dieser Stelle nicht umhin zu bestätigen, was so mancher bestimmt schon erahnt hat: Der Alte ist mein Vater.
Nur so viel: Meine Eltern liessen sich scheiden, als der Alte auf dem Gipfel seiner Karriere stand und ich, mit knapp vierzehn Jahren, in die Pubertät kam. Den vielen guten und weniger guten Ereignissen, die mein Erwachsenwerden danach prägten, werde ich hier, wie eingangs erläutert, keinen Platz einräumen. Wichtig für das Verstehen der Zusammenhänge ist, dass, als ich achtzehn Jahre alt wurde, der Kontakt zu dem Alten abbrach und er, bevor er sich für immer auf die Insel zurückzog, schwer erkrankte. Nur wenige wussten über sein Leiden Bescheid, ich gehörte nicht dazu. Der Alte und ich, wir waren uns schon lange fremd geworden.