Der Alte hinterliess mir das Haus, die Bilder und eine Summe Bargeld, die grösser war, als ich es erwartet hatte. Ich unterzeichnete die Papiere und retournierte sie dem Notar. Dem Sohn des Krabbenfischers versprach ich, im Frühling auf die Insel zu kommen. Ich wollte einen Sommer lang bleiben, um an meinem neuen Buch zu schreiben, und mich nebenbei um den Verkauf des Hauses kümmern.
Sind die Möwen die ihn täglich über ihn hinwegfliegen, an ihm interessiert, oder ist er nur ein lästiger Störfaktor für sie. Auf alle Fälle ist seine Zwischenverpflegung für die Möwen erstrebenswerter, als die Gedanken die Joven so durch den Kopf gehen.
Ich hatte den Alten nur einmal auf der Insel besucht. Er zeigte mir seine Bilder und die Entwürfe für ein Atelier. Dann fragte er mich, ob ich mir ein Leben auf der Insel vorstellen könnte. Ich wusste es nicht. Warum mich der Alte nach Jahren des Schweigens überhaupt eingeladen hatte, wurde mir erst viel später klar. Es war ein Abschied.
Als man ihn ein Jahr später ins Grab legte, unterzeichnete ich Verträge auf einem anderen Kontinent. Dass ich von seinem Tod erfuhr, bevor sich irgendein Amt auf meine Existenz besann, verdankte ich dem Sohn des Krabbenfischers. Warum der Alte sich ausgerechnet ihm anvertraut hatte, konnte ich lange nicht verstehen. Doch der Sohn des Krabbenfischers war der Einzige, der wusste, wer ich war und wie er mich finden konnte.
Der Alte sass vor dem Haus und malte. Er malte die Insel, sie war sein einziges Sujet. Der Sohn des Krabbenfischers winkte ihm zu, doch der Alte schien ihn nicht zu sehen. Am Mittag dann, als der Sohn des Krabbenfischers dem Alten stolz seinen Fang zeigen wollte, fand er ihn tot neben der Staffelei am Boden. Pinsel und Palette lagen auf dem Tisch, das Weiss und die verschiedenen Blautöne waren eingetrocknet. Er hatte den Himmel nicht mehr zu Ende gebracht.
Mit Ausnahme der kleinen Ansammlung von Häusern und Geschäften, die das Herz der 500-Seelen-Insel bilden, leben die Menschen über das ganze Eiland zerstreut. So steht auch das Haus des Alten alleine auf einer Klippe im Westen der Insel. Ein kleines Granithaus aus erdfarbenen Bruchsteinen, mit einem Dach aus schwarzem Schilfrohr und einem Kamin, dem im Winter stets eine dicke Rauchwolke entsteigt. Doch die Geschichte, die ich euch hier erzählen werde, beginnt mit einem jähen Ende an einem schönen Tag im Sommer.
Die Jahreszeiten auf der Insel unterscheiden sich kaum. Das Klima ist mild, so dass die aus dem Atlantik ragende Landmasse auch im Winter mit einem immergrünen Teppich überzogen ist. Der Einzige, der den Jahreszeiten eine Kontur verleiht, ist der Nordwind, der während des Sommers seine Kräfte sammelt, um zu Beginn des Oktobers mit einer ersten starken Böe den Winter anzukündigen. Und wäre da nicht die Landbrücke, welche die zwei ungleich grossen Teile der Insel wie eine Heftklammer zusammenhält, wäre zu befürchten, dass der Nordwind den kleineren Teil eines Tages davonträgt.
Ein grosses Dankeschön an die Inselschreiberin 2020 Síle Marlin für ihren wunderbaren Herrn Kleinmut und ein auch Danke an alle Kommentar-Schreiberinnen und Besucherinnen der Isla Volante. Auch allen die Ideen beisteuerten und die Insel unterstützten.
Wir wünschen ihnen ein gutes neues Jahr und bleiben sie gesund.