Der Kobboi ist platt wie ein Pizzateig. Der Wind arbeitet auf der Radrunde nicht mit ihm zusammen. Jetzt gibt es eine Pizza Bianca und danach verfolgt er ganz entspannt das Radrennen Strade Bianche. Ein Espresso und Amaretti dürfen natürlich nicht fehlen. Milla Cremeso bring bestimmt noch ein Panna Cotta vorbei. Tutto bene.
Irgendwie kommt uns das bekannt vor. Hoffen das wirklich alles tutto bene ist, beim Kobboi.
Das Meer lädt zum Baden ein. Jovens Körpertemperatur ist zum Glück wieder im normal. Leider sind die Rückenschmerzen immer noch da, aber der Arzt findet keine Ursache dafür. Vielleicht sei es psychosomatisch. Joven kann sich darunter nichts vorstellen, aber anscheinend wäre ja das dann doch die Ursache. Im 25° Wasser sich treiben zu lassen tut ihm auf alle Fälle gut.
Das Atelier, dessen Pläne er mir noch gezeigt hatte, stand etwas abseits des Hauses, im hinteren Teil des Gartens. Als ich den einfachen Bau aus Holz und Glas an diesem Nachmittag zum ersten Mal betrat, schlug mir der Geruch von Staub und Pinselreiniger entgegen. Hier war nach seinem Tod nichts mehr angerührt worden. Er hat die Bilder, nach Motiv und Grösse geordnet, in einem Gestell aufbewahrt, das eine ganze Hauswand einnahm. Ich arbeitete mich durch unzählige Versionen von Leuchtturm, Hafen und Landenge, bis ich – ich erkannte sie augenblicklich –, bei den Porträts der einbeinigen Möwe ankam. Ich sah mir jedes einzelne an. Erst als das diffuse Licht des späten Nachmittags mich an meinen ursprünglichen Plan erinnerte, räumte ich seine Pinsel und Farben weg, und richtete mir meine Schreibstube ein. Die Staffelei mit dem unfertigen Bild stellte ich in eine Ecke.
39° fühlen sich nach 41° schon fast gesund an. Joven ist sich zwar nicht sicher, ob da Meeresrauschen das er hört, tatsächlich vom Meer kommt, oder ob es in seinem Kopf entsteht. Seine Eltern servieren ihm heute Götterspeise. Vielleicht wollen sie ihn ja schon an die Nahrung für das Jenseits vorbereiten.
Ich gebe ungern persönliche Dinge preis und veröffentliche meine Romane unter einem Pseudonym. Die Geschichten, die ich schreibe, entspringen meiner Phantasie. Genauso gut könnten sie der Phantasie eines anderen entsprungen sein – meine Person spielt keine Rolle. Weil ich hier jedoch etwas erzähle, was ich tatsächlich erlebt habe, komme ich an dieser Stelle nicht umhin zu bestätigen, was so mancher bestimmt schon erahnt hat: Der Alte ist mein Vater.
Nur so viel: Meine Eltern liessen sich scheiden, als der Alte auf dem Gipfel seiner Karriere stand und ich, mit knapp vierzehn Jahren, in die Pubertät kam. Den vielen guten und weniger guten Ereignissen, die mein Erwachsenwerden danach prägten, werde ich hier, wie eingangs erläutert, keinen Platz einräumen. Wichtig für das Verstehen der Zusammenhänge ist, dass, als ich achtzehn Jahre alt wurde, der Kontakt zu dem Alten abbrach und er, bevor er sich für immer auf die Insel zurückzog, schwer erkrankte. Nur wenige wussten über sein Leiden Bescheid, ich gehörte nicht dazu. Der Alte und ich, wir waren uns schon lange fremd geworden.
Joven liegt wieder einmal mit 41° Fieber im Bett. In seinem Kopf wirbeln die Gedanken unkontrolliert umher und doch hat er das Gefühl, die ganze Welt sei in Ordnung. Die Sonne scheint.
Als wir beim Haus ankamen, übergab er mir die Schlüssel und liess mich mit dem Versprechen, am nächsten Tag nach mir zu schauen, alleine zurück. Im Haus war es kühl. Ich öffnete die drei Fenster, stieg in das Zwischengeschoss unter dem Dach, setzte mich auf das Bett und betrachtete den Raum unter mir. Es sah alles genauso aus, wie ich es mir in Erinnerung gerufen hatte. Der Kamin, der nahezu den ganzen Raum einnahm, der massive Tisch mit der Eckbank, der rote Ledersessel und das in die Wand eingelassene Büchergestell, das nunmehr leer war. Bis auf die Möbel, ein wenig Wäsche und ein paar Küchenutensilien hatte der Alte nichts zurückgelassen.
Das Atelier, dessen Pläne er mir noch gezeigt hatte, befand sich hinter dem Haus, neben dem alten Schafstall. Als ich den modernen Kubus aus Holz und Glas an diesem Vormittag zum ersten Mal betrat, schlug mir der starke Geruch von Farbe und Pinselreiniger entgegen. Nach seinem Tod hatte man hier nichts mehr angerührt. Das Bild mit dem angefangenen Himmel stand noch auf der Staffelei, auf welcher ich auch den Pinsel mit dem eingetrockneten Blau fand.