Ich bin auf der Insel geblieben, so viel vorneweg. Über das, was nach der Diagnose geschah, über die Angst und die Zweifel und über die Zeit nach der Operation möchte ich hier nichts erzählen. Diese Notizen habe ich nach meiner Rückkehr, zusammen mit den Tagebüchern des Alten, in eine Kiste gelegt, die noch heute in einer Ecke des Ateliers steht. Auch die blinden Flecken auf meinem Gedächtnis sind geblieben, und ich weiss, dass im Laufe der Zeit weitere dazukommen werden.
Aber die Geschichte ist hier nicht zu Ende, sie nimmt eine Wendung. Vielleicht beginnt sie auch von Neuem. Beginnt mit jenem Tag neu, an dem ich nach der Operation auf die Insel zurückkehrte. Mit dem regnerischen Tag im Spätsommer, an dem der Sohn des Krabbenfischers mich am Hafen abholte und nach Hause brachte. Mit dem wunderbaren Tag, an dem Lola und ihre Freunde im Schutz des alten Schafstalls meine Rückkehr beobachteten. Mit dem traurigen Tag, an dem ich erfuhr, dass Fräulein Mö verschwunden war.
Das erste Gewitter in meinem Kopf entlud sich kurz nach Sonnenaufgang: Ich erbrach mich vor dem Haus. Fräulein Mö schaute mir dabei zu.
Ein paar Tage später, als die Medikamente, die ich dagegen nahm, keine Wirkung zeigten, wusste ich, dass ich nicht länger warten konnte. Ich bat den Sohn des Krabbenfischers um die Telefonnummer des Arztes auf dem Festland, der auch den Alten behandelt hatte.
Dann begann ich zu planen. Ich wollte die Insel schnellstmöglich verlassen und zu Hause meinen Roman beenden. Es war mir egal, was mit dem Haus und den Bildern des Alten geschehen würde. Einzig um Fräulein Mö machte ich mir Sorgen.
Doch als ich achtzehn Tage später die Diagnose erhielt, war ich bereits ein anderer Mensch geworden.
Am Abend sass ich mit Fräulein Mö vor dem Haus und versuchte, die Geschehnisse vom Nachmittag zu ordnen. Ich erinnerte mich an den Schwächeanfall, an Lolas Sieg und an die besorgten Gesichter, als ich mich am Zaun festklammerte und die Orientierung verlor. Doch den Schluss des Rennens hatte ich nicht gesehen, meine Erinnerung setzte erst dann wieder ein, als Lola durch das Ziel kam.
Der Sohn des Krabbenfischers hatte mich nach Hause gebracht. Ich versicherte ihm, dass es mir gut ginge, dass es einfach zu viel gewesen sei – die Sonne, die Menschen, die Aufregung –, und obwohl ich dies auch mir wieder und wieder einzureden versuchte, wusste ich, dass etwas nicht stimmte.
Ich stand mit dem Sohn des Krabbenfischers, dem Postboten und der Frau des Hafen-Cafés am Zaun. Der Sohn des Krabbenfischers stand direkt hinter mir. Die Glocke erklang und die Schafe rannten los. Lola sprang schnell. Vor dem zweiten Hindernis hatte sie vier ihrer Konkurrenten überholt und war in die Mitte des Felds vorgedrungen. Ich wollte ihr etwas zurufen, doch was aus meinem Mund kam, klang sonderbar. Ich erkannte meine eigene Sprache nicht mehr. Mir war schwindelig und ich lehnte gegen den Zaun, bis der Schwindel vorüber war. Alles ging sehr schnell. Lola war im Ziel angekommen.
Am Tag des Schafrennens veränderte sich viel. Lange glaubte ich, dass an diesem Tag das langsame Vergessen begann, auch wenn die Ärzte mir wieder und wieder versichert hatten, dass die Krankheit schon viel früher ausgebrochen war.
Die Tagebücher des Alten habe ich bis heute nicht ganz gelesen. Immer wieder hole ich ein Buch aus dem Versteck hervor und schlage es an einer zufällig gewählten Stelle auf, um nur ein paar wenige Sätze zu lesen und es dann zurückzulegen. Es bringt mir nichts mehr, mich jetzt mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen.
Eine Veränderung fand statt. Die Temperaturen stiegen an, die Zahl der Tagestouristen nahm zu, die Wildblumen begannen zu blühen und der immergrüne Teppich, der die Insel überzog, wurde heller. Ich begann die Menschen zu mögen.
Der Sohn des Krabbenfischers warf seine Körbe jetzt täglich aus – die frischen Krabben verkauften sich gut.
Fräulein Mö blieb in der Nähe des Hauses. Ich baute ihren Unterschlupf aus und beschäftigte mich vermehrt im Garten. Auch meine Geschichte nahm langsam Fahrt auf.
Der Sommer war da und die Insel bereitete sich für das Schafrennen vor.