
Irgendwas scheint anders zu sein als sonst, fremd, Joven freut sich.
Logbuch der Insel von Rittiner & Gomez

Irgendwas scheint anders zu sein als sonst, fremd, Joven freut sich.

Während der nächsten Tage ereignete sich wenig und ich ging meiner Routine nach, kaufte ein und erkundete die Insel. Dann begann ich, das Hafen-Café regelmässig zu besuchen. Das Beobachten der fröhlichen Hektik, die von den ankommenden Tagestouristen ausging, tat mir gut. Auch die leisen Drohungen meines Agenten schienen für einmal hilfreich gewesen zu sein: Ich schrieb.
Am späten Nachmittag sass ich jeweils vor dem Haus und las oder sprach mit Fräulein Mö, die sich als aufmerksame Zuhörerin erwies. Während ich ihr meine Geschichten erzählte, stolzierte sie über die Wiese und beäugte mich neugierig. Las ich in einem Buch, wagte sie sich etwas näher an mich heran.
Irgendwann in dieser Zeit rang ich mir auch die aufgeschobenen Telefonate mit den Maklern vom Festland ab. Es ergab sich keine Sympathie und ich hielt mich bedeckt, weil ich nicht wollte, dass die Inselbewohner von meinen Plänen erfuhren – sie hatten den Alten gemocht.
Doch trotz aller Geschäftigkeit schaffte ich es nicht, mich von den Tagebüchern in der Eckbank abzulenken. Der Alte verlangte nach mir..
Text: Susan Brandy

Wie weit müsste er wohl laufen, um sich in einer ganz anderen Welt wiederzufinden. Gibt es da möglicherweise gar keine Schule? Wie weit will er noch laufen.

Alles läuft verkehrt, Joven kommt bestimmt noch zu spät in die Schule. Dabei gibt es überhaupt keinen Grund für seine Lage, aber er läuft jetzt einfach einmal noch weiter.

Fräulein Mös zarte Knochen heilten schnell. Nachdem wir ihr vor dem Haus den Verband abgenommen hatten, spannte sie die Flügel, bewegte diese ein paar Mal auf und ab und machte einen Flugversuch, der ihr auf Anhieb gelang, wenngleich der gebrochene Flügel etwas schief hing. Wenig später stand sie auf dem Dach des Ateliers und beobachtete uns. Dann hob sie erneut ab, drehte eine Runde über das Grundstück und kehrte zu ihrer Behausung zurück.
Ich hatte eine Freundin gefunden.
Text: Susan Brandy

Ich war Ende vierzig, als ich auf die Insel kam, und ich war nirgendwo verwurzelt. Mein Haus auf dem anderen Kontinent hatte ich für die Dauer meiner Inselzeit einem Freund überlassen. Ich kam aus einer gescheiterten Familie und hatte mehrere gescheiterte Beziehungen hinter mir. Und ich war eine erfolgreiche Autorin, die der Realität zuweilen wenig Bedeutung zumass. Es gab Zeiten, in denen ich nicht fühlte.
Mein erster Impuls, als ich die Tagebücher gefunden hatte, war, sie in ihr Versteck zurückzulegen und sie zu vernichten, sobald ich die Insel wieder verlassen würde.
Doch tat ich weder das eine, noch das andere, und heute sind sie mir zu treuen Begleitern geworden. Genauso wie der Sohn des Krabbenfischers, dem ich lange nichts von den Büchern erzählt hatte.
Text: Susan Brandy

Das Glück, nicht zu fassen und doch ein wohlwollender Begleiter. Katharina Vasces und der Kobboi geniessen die Zeit bevor die ersten Besucherinnen beim Leuchtturm eintreffen. Der Wind und das Meer scheinen auch etwas zu feiern.

Er hatte sein Leben mit blauer Tinte festgehalten und die Tagebücher in der Eckbank versteckt. In einem abschliessbaren Hohlraum, auf dessen Klappe ich seit meiner Ankunft jeden Tag gesessen hatte.
Ich weiss nicht mehr wie lange ich dort gestanden und die Bücher angestarrt hatte, bevor ich damit begann, sie aus ihrem Versteck zu heben, um sie nach Jahrgang sortiert vor mir auf den Tisch zu legen.
Den ersten Eintrag, den ich fand, hatte der Alte vor sechsundzwanzig Jahren gemacht, kurz bevor er auf die Insel gezogen war. Ich las ihn nicht.
Draussen erzählte ich Fräulein Mö von meinem Fund. Genau wie der Alte damals hatte auch ich mich an ihre Gesellschaft gewöhnt. Sie hatte sich gut erholt. In wenigen Tagen würde ich sie von ihrem Verband befreien können.
Text: Susan Brandy

Frau Adler hält wie immer die Stellung.
Joven und seine Eltern zieht es zum Leuchtturm, dort wird vom 8. bis zum 30. Mai italienische Küche serviert. Heute reicht es nur für den Nachtisch.
Morgens fanden Katharina Vasces und der Kobboi immerhin Zeit, für einen kleinen Giro mit dem Fahrrad.

Die wenigen Einheimischen, mit denen ich in Kontakt kam, begegneten mir freundlich und zurückhaltend. Ich wusste, dass sie über mich sprachen. Doch stellten sie keine Fragen. Das änderte sich, nachdem der Postbote die Nachricht verbreitete, dass die einbeinige Möwe zum Haus des Alten zurückgekehrt war.
Die Besitzerin des Hafen-Cafés war klein und rund. Sie hatte ein freundliches, rosiges Gesicht. Es war mein erster Besuch und sie sprach mir ihr Beileid aus. Danach erkundigte sie sich, ob ich mich gut einlebte und sich der Sohn des Krabbenfischers gut um mich kümmerte. Ich bejahte. Dann fragte sie nach der Möwe. Sie hörte mir aufmerksam zu, als ich ihr die Geschichte erzählte. Sie hätte noch weitere Fragen gehabt. Ich war dankbar dafür, dass sie sich diese nicht zu stellen traute.
Nachdem ich mir zu Hause diese Begegnung im Café notiert hatte und erneut lustlos vor meinem Manuskript sass, rief ich meinen Agenten an. Ich würde den Zeitplan nicht einhalten können. Dann nahm ich den Schlüssel hervor und betrachtete ihn lange. Ich wusste, dass er nicht zu meinen Türen gehörte.
Text: Susan Brandy