Er solle aufpassen, dass er vom Wind nicht mitgenommen werde, warnt ihn der Herr an der Küste. Joven belehrt ihn, dass er zu wenig Angriffsfläche für den Wind habe. Wagt es aber nicht den Herren zu warnen, der sollte doch selber genug Erfahrung haben.
Ich hatte selten unter dem Zwang gelitten, mir zu überlegen, wie ich meine Zeit verbringen würde. Wenn ich nicht schlief oder schrieb, beobachtete ich.
Doch jetzt war ich eine Genesene auf einer kleinen, immergrünen Insel mitten im Ozean. Genesen von einer Krankheit, die mein Gedächtnis und meine Fantasie aufs Schlimmste bedroht hatte.
Ich beobachtete nach wie vor, doch das Einzige, was ich schrieb, waren diese Notizen, die ich nach und nach ins Reine brachte. Eine Arbeit, die mich schnell ermüden liess. Darum begann ich, als sich der Winter langsam über die Insel legte, seine Bilder zu katalogisieren. Stundenlang sass ich im Atelier, fotografierte sie und ordnete alle neu nach dem Datum, welches er sorgfältig mit einem feinen Pinsel auf der Rückseite angebracht hatte. Dann verfasste ich zu jedem Bild eine kleine Geschichte, die einzig und allein meiner Fantasie entsprang.
Ich hatte mich mit dem Sohn des Krabbenfischers im Hafen-Café verabredet, um über das Angebot des Maklers zu sprechen. Draussen tobte ein Sturm, dessen Vorläufer schon seit Tagen auf der Insel spürbar gewesen waren. Jetzt warfen sich die vom Wind gepeitschten Wellen gegen die Hafenmauer und hinterliessen eine Gischt, die wütend nach der Insel griff.
Die Fähre würde heute nicht mehr fahren. Ich war der einzige Gast.
Durch das Fenster beobachtete ich, wie er in seinem Ölzeug in meine Richtung eilte. Als er mich sah, hob er kurz die Hand und lächelte. Ich konnte das Haus nicht verkaufen.
Ich erwachte, aufgeschreckt von den Bildern, die gewaltsam in meinen Schlaf eindrangen. Die Träume waren schlimmer geworden: Ich sass im Boot des Alten, mein Körper gehorchte mir nicht mehr. Das Blau des Himmels verschmolz mit dem Blau des Ozeans und aus meiner Kehle drangen konturlose Laute, die keiner hören konnte. Ich war verloren.
An diesem Morgen vereinbarte ich mit dem Schafbauern, dass Lola und die anderen Schafe bis im Frühjahr bei mir bleiben konnten.
Später rief der Makler an – er hatte einen Käufer für das Haus gefunden.
Der Teig für die Baguettes arbeitet schon vor sich hin, der Käse ist rechtzeitig angekommen, die Oliven und der Wein im Keller stehen bereit, die Pastete ist auch fast fertig und morgen muss noch die Crème brûlée zubereitet werden. Katharina Vasces und der Kobboi sind bereit für den Sonntag.
Heute werden Moules Frites serviert, denn das erste Frauenrennen muss gebührend zelebriert werden.
Joven will am Sonntag zum Leuchtturm.
Frau Adler möchte, dass Herr Cãna in der Hölle schmort, und der bereitet tatsächlich einen Schmorbraten vor für den Besuch von morgen.
Paris–Roubaix
Paris–Roubaix ist eines der berühmtesten klassischen Eintagesrennen im Strassenradsport und zählt zu den fünf Monumenten des Radsports. Prägend für das etwa 250 Kilometer lange Rennen sind die Abschnitte auf Pavé-Sektoren. Die Bezeichnung Hölle des Nordens bekam das Rennen nach dem Ersten Weltkrieg, der die Region, in welcher das Rennen stattfindet, verwüstet hatte.
Heute denke ich oft, dass alles, was auf der Insel geschehen war, Teil eines grösseren Plans gewesen war. Und dass der Alte diesen Plan für mich gemacht hatte. Natürlich weiss ich, dass das nicht stimmt, nicht stimmen kann.
Ich glaube nicht an das Schicksal, genauso wenig an die Deutung zufälliger Geschehnisse. Was einem unerwarteterweise zufällt, das passiert einfach. Man kann sowohl dem zufälligen wie auch dem schicksalhaften Ereignis jedwede Bedeutung geben. Eine wird am Ende immer passen.
Die Küche beim Leuchtturm bleibt heute kalt, der Kobboi ist nach seiner morgendlichen Radrunde platt und sitzt nun in der Gaststube und verfolgt die Fahrradweltmeisterschaft am Fernsehen. Zum Glück hat er gestern noch einen Vorrat an Sandwiches vorbereitet, so können alle Leuchtturmbersucher*innen verpflegt werden.
Ich begleitete ihn erneut auf seinem Boot. Schweigend fuhren wir der Sonne entgegen und tranken Kaffee, den ich für uns vorbereitet hatte. Auch heute folgten uns die Möwen, doch fehlte auch heute von Fräulein Mö jede Spur.
Die Ruhe, die er ausstrahlte, seine sorgfältig geformten Sätze und die Leidenschaft, mit der er seine Arbeit erledigte, hatten eine grosse Wirkung auf mich. Es kam zu der ersten Berührung, die nicht per Zufall erfolgte.
In dieser Nacht hatte sich auch der Nordwind auf den Weg gemacht. Das Meer war unruhig geworden. Der Winter rührte an der Insel.